Das Immaterialgut und die neuen Regeln der digitalen Vernetzung: Über machtvolle Software

In der verkrusteten Urheberrechtsdebatte hat Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne unter dem Titel „Streit über Urheberrecht – Gabeln aus dem Drucker“ auf einen Aspekt hingewiesen, der sehr viel bedeutender ist:

„So, wie jetzt um das Urheberrecht samt wirtschaftlicher Auswertung gestritten wird, wird überall dort gekämpft werden, wo die digitale Vernetzung disruptiv wirkt – wo Branchen, Geschäftsmodelle, Lebensentwürfe durcheinandergewirbelt werden, wie es jetzt mit Kunst und Kulturwirtschaft passiert. Und das dürfte in den kommenden Jahren sehr viele Bereiche der Wirtschaft betreffen.“

Die gesamte Ökonomie auch außerhalb des Internets hab ein starker Sog in Richtung der Immaterialgüter erfasst, wie man nichtdingliche Güter, letztlich aus Daten bestehend, juristisch korrekt nennt.

„Das Immaterialgut aber unterliegt im Raum der digitalen Vernetzung anderen Regeln, als man es aus dem 20. Jahrhundert gewohnt ist und wie sie heute Wirtschaft und Gesellschaft prägen“, so Lobo.

Man könne es an der Verschiebung von Hardware zur Software gut erkennen.

„Früher kaufte man ein Nokia-Handy, heute kauft man ein Android-Handy. Schon die Verschiebung der Bezeichnung zeigt die Richtung auf. Es kommt der Zeitpunkt, wo ein Unterschied nur noch durch die Software erkennbar ist, das Gerät selbst ist nur noch austauschbarer Randbestandteil des Produkts. So erklärt sich auch der Erfolg der iPhone-Serie, die oft nur mittelmäßige technische Spezifikationen mitbrachte – aber als einziges Produkt über den Zugang zur hochattraktiven i-Immaterialwelt in Form von Software, Daten und Image verfügt. Deshalb ist das jeweils nächste iPhone das einzige Gerät, das jeder Applenutzer kaufen würde, ohne zu wissen, wie es aussieht: Es bringt die richtigen Immaterialwerte mit, die Hardware ist schmückendes Beiwerk“, schreibt Lobo.

Der deutsche Ingenieur definiert sich aber weiter über das Produkt. Es muss anfassbar sein, sonst hat das keinen Wert. Produkte und gutes Design sind ja auch bei Apple wichtig – keine Frage. Aber heute gilt: Der Mächtige hat die bessere Software.

Die Fixierung wirtschaftlicher Wertvorstellungen auf physisch greifbare Dinge habe vor allen Dingen in Deutschland möglicherweise archaische Wurzeln, denen mit nüchterner Ökonomie kaum beizukommen sei, moniert brandeins-Redakteur Wolf Lotter:.

„Die deutsche Gesellschaft verschließt sich mit an Starrsinn grenzender Konsequenz jeglicher Veränderungsbereitschaft. Aber das muss nur den behindern, der bei seinem Aufbruch in die neue Welt unbedingt von den alten Strukturen ausgehen will.“

Der Schweizer Innovationsberater Bruno Weisshaupt fordert neue Systeme und Geschäftsmodelle, um das On-Demand-Verhalten der Menschen zu unterstützen und ihnen die Technik unauffällig zur Verfügung zu stellen.

„Urbanität, Identität, Mobilität, Interaktion, Integration, Individualität, Automatisierung sind die zukunftsfähigen Infrastrukturen und die Basis für jede Systeminnovation.“

Produkte, die man irgendwo auf der Welt als Module herstellt, würden zu Gunsten von Applikationen an Marktbedeutung verlieren. Worauf es ankomme, sei die Konfiguration.

„Zwar wird die bessere Technologie auch in Zukunft ein wesentlicher Grundstein für den Erfolg einer neuen Anwendung sein. Wer würde bezweifeln, dass man mit der Entwicklung einer funktionierenden Brennstoffzelle nicht gute Geschäfte machen kann. Der Erfolg am Markt wird aber nicht an der Technologie hängen, sondern an ihrer kundenorientierten Umsetzung“, sagt Weisshaupt.

Wer sich auf die Produktion der Basisprodukte konzentriere, werde das Ausscheidungsrennen gegen Länder wie China oder Indien verlieren. Dazu habe ich gestern einen passenden Beitrag geschrieben: Vernetzte Services ohne physikalische Limitierungen: Wenn aus der Kreditkarte eine App wird.

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