Tatort „offener Brief“: Digitale Lebenslügen von Gestern-Autoren auf GEZ-Niveau

Jetzt drehen auch die Tatort-Autoren durch und stricken eine neue Krimigeschichte rund um das Urheberrecht:

Kostprobe:

„Wie überhaupt der ganze Diskurs über das Netz und seine User einen hohen Ton anschlägt und damit die Banalität von Rechtsverstößen kaschiert oder gar zum Freiheitsakt hochjazzt. Die Grundrechte der Urheber bzw. der von ihnen beauftragten Rechteinhaber aber werden dagegen marginalisiert: Zum Beispiel das Grundrecht auf geistiges Eigentum. Dieses Recht wird nicht nur frontal angegriffen und infrage gestellt, neuerdings schicken gerade die Grü-nen gerne von Google alimentierte Initiativen wie collaboratory, Alexander-von-Humboldt-Institut oder auch das (vormalige) Max-Plank-Institut für geistiges Eigentum vor, die angeblich völlig autonom und unabhängig eine neue Rechtsgrundlage suchen würden – im sogenannten Immaterialgüter-Recht.“

Und weiter heißt es:

„Fakt ist, dass die Urheberrechte in der Bundesrepublik nicht nur durch die Verfassung, sondern auch durch zahllose, völkerrechtlich verbindliche Verträge auch innerhalb der EU ultimativ verbrieft sind. Dass dieses Grundrecht aktuell zur politischen Disposition stünde, gehört zu den liebevoll gehegten Lebenslügen der Netzgemeinde.“

In diesem hohen Ton der Empörung geht es lustig weiter. „Die Piraten“, „Die Grünen“, „Die Netzpolitiker“, „von Google alimentierte Initiativen wie collaboratory, Alexander-von-Humboldt-Institut oder auch das (vormalige) Max-Plank-Institut“. Alles nur Spinner, die einer Kostenlos-Kultur das Wort reden. Freunde des sonntäglichen Kriminalfilms, schaut Euch das Leistungsschutzrecht und die Hintermänner mal richtig an. Über die Konsequenzen dieses bescheuerten „Abmahn-Beschleunigungsgesetzes“ ist doch nun ausführlich in Blogs berichtet worden. Siehe auch meine aktuelle Kolumne: Die Parasiten und das Monopol.

Im Netz ticken die Uhren anders. Die Vermarktung geht eben nicht mehr über zentralistisch organisierte Verwertungskonzerne. Die vernetzte Ökonomie funktioniert nicht mehr so, wie sich das öffentlich-rechtliche Auftragnehmer vorstellen. Diese Zeiten sind vorbei. Denkt Euch doch mal was smartes aus. Quatsch. Tatort-Autoren haben das gar nicht nötig. Die werden doch, wenn man es etwas weiter interpretiert, von den GEZ-Gebührenzahlern alimentiert.

Dabei sind Parasiten, Hacker, Daten-Piraten, Wissensdiebe, Kopisten und Collage-Künstler in diesem Spiel höchst nützliche Zeitgenossen. Sie stören die Monopolisten.

„Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt, dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Man müsse Stille schaffen, beispielsweise mit dem Leistungsschutzrecht und den Abmahnorgien der Musikindustrie. Man müsse die Parasiten vertreiben, um wieder die alten Monopolrenditen einsacken zu können. Das Verbrechen der Wissensmonopolisierung in allen seinen Varianten verlange nach Wiedergutmachung, so Serres; diese funktioniert jedoch nicht nach dem traditionellen paternalistischen Modell (Lehrer-Schüler-Verhältnis), sondern komme von der Peripherie; von jenen also, die bislang vom Wissen ausgeschlossen wurden. Die Zirkulation des Wissens könne man nicht durch Copyrights bändigen. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch die parasitäre Piraterie. Der Parasit als Störfaktor kann seinen Wirt veredeln, aber auch töten.

Wenn er nutzlos wird, sucht sich der Parasit einen neuen Wirt oder schmeißt beispielsweise die Musikstücke von Sven Regener aus seiner Playlist. Mit dem Tatort wird mir das nicht so ganz gelingen. Die GEZ wird das nicht zulassen.

Warum gelingt es eigentlich anderen Künstlern, mittlerweile sehr gut von ihrer Präsenz in sozialen Netzwerken zu leben, wie dem Komiker Ray William Johnson?

Auf YouTube kommt er auf 5,3 Millionen Abonnenten und eine atemberaubende Zahl von 1,7 Milliarden Aufrufen seiner Videos. Entsprechend hoch sind seine Werbeeinnahmen, die er über das Partnerprogramm von YouTube erzielt. Dazu kommen Erlöse über Merchandising. Ähnliches praktiziert der Schriftsteller Paul Coelho, der aktiv Raubkopien seiner Werke im Netz kostenlos anbietet. Die Leute laden sich das Buch herunter, beginnen zu lesen und stacheln die Nachfrage an, weitere Bücher des Autors zu lesen. Entsprechend konnte er auch die Auflagen der verkauften Bücher in die Höhe treiben. Die Interaktion mit den Lesern im Web hat zu einer wesentlich breiteren Fan-Basis geführt, die sich auch pekuniär bemerkbar macht.

Warum kamen wir im 19. Jahrhundert ohne ein strenges Urheberrecht so gut über die Runden – im Gegensatz zu England, die eine wesentlich strengere Gesetzeslage hatten? Kann man hier nachlesen: Leistungsschutzrecht als Innovationsbarriere – Von der Sehnsucht der Monopolisten.

Und, liebe Tatort-Schreiberlinge, die dort ausgeführten Erkenntnisse von Höffner haben empirischen Charakter und verzichten auf diesen moralischen Grundton Eures Papiers:

Auf politischer Ebene schafft man mit wirtschaftlich unsinnigen Leistungsschutzrechten vor allem neue Begehrlichkeiten, so das Resümee von Eckhard Höffner. “Zu schnell scheint sich das Recht zu verselbständigen und zu laut klagen die Unternehmer (die bislang auch ohne das Schutzrecht ausgekommen sind) über angebliche Schäden, Entlassung von Mitarbeitern etc. Es sind die Jahrhunderte alten Jammerklagen der Zunftmeister und Priviliegieninhaber und sie stoßen noch heute auf Gehör bei den Politikern”, führt Höffner aus. Es geht den Befürwortern der Schutzrechte in erster Linie um Abschottungsstrategien. Ein Patent verbietet beispielsweise allen Nicht-Patentinhabern, ihr Eigentum in der patentrechtlich geschützten Weise einzusetzen. So würde ein Patent zur Herstellung von Zwetschgenkuchen – vergeben an einen Bäcker –, das die abschließende Bestreuung des Kuchens mit Zimt und Zucker vorsähe, allen Hausfrauen und Hausmännern, so patent sie auch sein mögen, verbieten, ihren Zwetschgenkuchen in der selben Weise zu krönen.

Beim geistigen Eigentum scheine man nach Ansicht von Höffner in den Industriestaaten inzwischen eine neue Rechtfertigungsmethode gefunden zu haben. Sie sei wohl ganz im Sinne von Fritz Machlups Äußerungen aus der Zeit um 1960: Wenn wir im 19. Jahrhundert gewusst hätten, was wir heute wissen (1960), dann hätten wir das Patentrecht wohl nicht eingeführt. Jetzt, wo wir es haben, können wir es aber schwerlich wieder abschaffen, scheint die Devise zu sein. Das alles klingt nun nicht nach Innovation oder Dynamik in der Politik, sondern verheißt vor allem Stillstand. So führte die EU ein abstraktes Schutzrecht “auf Probe” ein — zur Evaluierung — und entschuldigt sich hinterher, dass man den neuen Besen nicht mehr kontrollieren kann.

“Da wird auch verständlich, wieso es bislang anstelle von drei oder vier Berichten über die Erfolge der Datenbankrichtlinie nur einen über den Misserfolg gab. Die Berichte über die Erfolge fallen offenbar sehr kurz aus, nämlich gar nicht: Wenn es keine Erfolge zu vermelden gibt, wird geschwiegen. Wo bleibt der Hexenmeister, der dem Spuk der Lehrlinge ein Ende bereitet”, fragt sich zu recht der Wirtschaftshistoriker.

Siehe auch: „Tatort“-Autoren wettern gegen Netzgemeinde

Wer folgt eigentlich als Nächstes mit öffentlichen Empörungsschreien? Wie wäre es mit Dieter Bohlen?

7 Gedanken zu “Tatort „offener Brief“: Digitale Lebenslügen von Gestern-Autoren auf GEZ-Niveau

  1. schöne Gegenbeispiele wie man durch Umdenken gewinnen kann. Aber wenn man im warmen Nest sitzt, möchte man den Komfort ohne Aufwand gerne behalten. Vielleicht ist das das grundlegende Problem, das durch die Digitalisierung entsteht: Besitzstandswahrung vs. Aufbrechen. Jede Veränderung wird daher von Widerständen begleitet. Oder auf gut Deutsch: Wir sind halt faul ;-))

    Beste Grüße
    Martin Reti

  2. Sehr richtig. Das ist genau der Kern des eigentlichen Problems. Ähnlich verhalten sich ja Politiker beim Kontrollverlust, der durch soziale Netzwerke ausgelöst wird.

  3. Insgesamt eine schöne Antwort.

    Aber ich glaube um diese Diskussion sinnvoll weiter zu führen sollten wir auf solche Beispiele wie der „Comedian der mit YouTube sein Geld verdient“ oder der „Podcaster der jeden Monat 1000 Euro von Flattr bekommt“ aufhören.

    Es gibt Leute die mit ihrem Content auf YouTube niemals eine Chance hätte mehr als 10 Euro pro Monat zu verdienen. Dazu zählt z.B. so gut wie jede Sendung die auf Arte oder 3Sat läuft.

    Nach diesem Prinzip werden nur „Superstars“ oder Leute die Sexy- Funny- Baby- und Katzencontent hochladen ein ausreichendes Auskommen haben.

    Wir sollten uns Gedanken machen wie eine breite Masse an Künstlern ausreichend entlohnt werden kann – eine breite die sich die Gesellschaft wünscht. Nicht nur die paar Tausend die durch das bedienen der Massen nach oben gespült werden.
    Wenn da mal ein ordentlicher Ansatz ausformuliert und auch präsentiert würde könnte es diese Diskussion sicherlich auf ein neues Niveau heben.

    Es gibt Ansätze dazu. Aber wirklich aufbereit und publik gemacht (so dass es auch bei der Oma und den TatortAutoren ankommt) hat das noch keiner. Weder der CCC mit der Kulturwertmark, noch die Piraten mit… ja ich weiß nicht womit…

  4. Hm. Ich finde den Ansatz einer Kulturflatrate interessant.

    Die Krux ist natürlich der Schlüssel wie es verteilt werden soll – und wie man das organisiert. Wollen wir noch eine zweite GEZ oder GEMA haben? Soll das Geld nach Download / Streamzahlen ausgezahlt werden? Wie verhindert man Betrug?

    Ich finde das System des öffentlich Rechtlichen Rundfunks interessant. Das Geld was man bekommt ist nicht an die Quote gebunden, sondern man bekommt je nach Aufgabe / Beruf ein festes Gehalt. Deswegen gibt es ja noch Sendungen gibt die gesellschaftlich wichtig sind, aber eben keine Quote machen. Und das ist gut so.

    Man bräuchte also für eine Kulturflatrate definitiv eine Organisation die sich um die gerechte Verteilung kümmert. Aber ich finde das ist die logische Konsequenz. Wenn sich unsere Gesellschaft endlich bewusst würde, dass wir kulturschaffende brauchen – uns Kultur leisten wollen – aber dass sie sich durch Restriktionen und künstliche Verknappung nicht mehr verwerten lässt. Weil der Geist aus der Flasche ist – Das Internet ist in der Welt und es lässt sich alles unendlich oft kopieren ohne dass man jemandem etwas dabei wegnimmt. Der logische Schritt ist, dass die Gesellschaft die Kulturschaffenden als „Festangestellte“ in ihren Dienst nimmt und gerecht bezahlt.

    Beim ÖR, bei Theatern, bei Opern ja sogar beim den öffentlichen Verkehrsmitteln haben sie es schon begriffen. Aber bei denen die Kultur herstellen die auch oder sogar hauptsächlich digital konsumiert wird ist es noch nicht angekommen.

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