Radikal, brutal, ich-bezogen, abenteuerlustig, unverschämt und verliebt: Sam und Haley in Only Revolutions

„Wir haben in gewisser Weise einen historischen Moment, weil eine Ikone der amerikanischen Literatur bei uns zu Gast ist. Only Revolutions von Mark Danielewski ist ein beeindruckendes Werk“, so die Begrüßungsworte von Barbara Weidle, Vorsitzende vom Literaturhaus Bonn.

Ein konzeptuelles Buch in Gestaltung, Aufbau und in der Dramaturgie. „Gleichzeitig ist es auch eine leidenschaftliche Liebesgeschichte zweier 16jähriger. Sam und Haley. Es ist ein radikaler Text, in dem man sich verlieren und eintauchen kann“, so Weidle. Die beiden Hauptakteure seien so, wie man mit 16 sein muss: radikal, brutal, ich-bezogen, abenteuerlustig, unverschämt und verliebt. Das Ganze sei wie ein Rausch oder Film. „Vor sechs Jahren ist Only Revolutions in Amerika erschienen. Jetzt in einer deutschen Übersetzung herausgekommen, die eine Heldentat ist, wie die taz schrieb“, erklärt der Moderator Thomas Böhm, Programmleiter des Literaturfestivals Berlin, der den Autor während seiner Lesereise durch Deutschland begleitet.

Danielewski wollte ein Buch veröffentlichen, das nur er schreiben kann. Den Stoff dazu lieferte ein Paar, das er an verschiedenen Orten in Amerika gesehen hatte. Das Geld brauchte, um weiterzukommen. Phantastisch ineinander verliebt. Es gibt viele Road Movies, es gibt viele Romane, die on the Road spielen wie das Werk von Jack Kerouac. Dann hat er sich gefragt, wie er das Buch schreiben und gestalten würde. Herausgekommen ist ein Road Movie in Romanform. Matthias P. Lubinsky vom Dandy-Club nennt es ein dreidimensionales Meisterwerk. Und Robert Matthias Erdbeer schreibt in der taz: „Pro Doppelseite finden sich vier ‚Cantos‘ zu je 90 Worten. Die zwei unteren sind umgekehrt gedruckt, sodass man – Achtung, Revolutions! – den Roman um seine Achse drehen und von beiden Seiten lesen muss. Im Turnus von jeweils acht Seiten. Warum? Weil Danielewski einen ‚demokratischen‘ Beziehungsplot entwickelt, den die beiden Teenielover Sam und Hailey aus zwei Perspektiven selbst erzählen. Falls ‚erzählen‘ hier die richtige Bezeichnung ist. Die achtseitigen ‚Cantos‘ sprengen nämlich jede Prosaform und zielen auf die Mutter aller Dichtungen, das Versepos ab. Entsprechend spreizen sich die Zeilen rhythmisch in gebundener Rede: ‚Doppelrechtslinksrechts rechtslings Sprünge mit Wings‘ oder ‚Krassgeiler Bass, Snare & Blech, machen / dem Ständigen Kater kein Theater.‘ ‚Al ter Schwe de‘, möchte man da mit den Übersetzern sagen (‚fi ki pi ti‘, sagt der Dichter selbst).“

Über die Glossen, die in Chronikform den Rand des Fließtextes zieren, werde die Lovestory zum Weltgedicht eines Welttheaters, das volle 200 Jahre (1863–2063) umfasst. Wo Sam und Hailey munter vögeln (‚ich stoße diesen Fickschmaus schneller‘), findet sich zum 18. Oktober 1976 etwa folgender Eintrag: ‚Panzer von Chrysler. Erdbeben am Ararat, 4000 tot. – Saft! Saft! Libyen & Fiat. Tip O’Neill. Kurt Waldheim für die UNO“, führt Erdbeer aus.
Es sei schwierig am Anfang, den Sound von Sam und Hailey zu erfassen, sagte Danielewski in Bonn.

Irgendwann gelinge es, die Jugendsprache, die sich in den Zeitläuften ständig ändert, zu verstehen. Es werde die Vielstimmigkeit der Welt eingefangen, das Vergehen der Zeit. Beides verschränkt sich, da Danielewski das Vokabular verschiedener Zeiten untersucht und eingebaut hat. Eine Sprache, die von der Musik vorangetrieben wird. Es sind Wortspiele, um Bedeutung zu erzeugen.

Die Sprache wächst aus dem Klang heraus. Die Zeit dreht sich und die Jugendlichen versuchen, aus diesem Korsett auszubrechen. Der Autor macht keine Vorgaben, wie man die Welt zu sehen hat. Der Leser müsse das Buch selber entdecken und zum Leben erwecken. Keine mechanistische Lektüre. Wenn man den Geist von Sam und Hailey, den Geist der Geschichte erfasst, findet man sich selbst in diesem Buch.

Siehe auch:

Feuilleton-Beherrscher Martin Amis auf der lit.COLOGNE: “Eros als Lebensantrieb”.

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden.

Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast.

Nächste Veranstaltung:

Am Freitag, den 23.03.2012, um 20:00 Uhr: Lesung von Thomas Franke: Gustav Meyrink – Erzählungen des österreichischen Satirikers, Phantasten und Mystikers. Buchhandlung Böttger.

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