Technik im Embryonenzustand und Agora 2.0: Das Kappes-Papier

Christoph Kappes hat für die Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” des Deutschen Bundestages als Sachverständiger Fragen zum Thema “Strukturwandel der politischen Kommunikation und Partizipation” beantwortet. Einiges davon ist nicht nur für den netzpolitischen Diskurs relevant, sondern generell für die Umwälzungen, die durch die Digitalisierung ausgelöst werden. Etwa die Kommunikation unter Abwesenden, die jede Organisation ändern wird:

„Durch das Internet können mittlere Organisationsebenen schwächer werden oder entfallen, es kommt zugleich (!) zu einer Konzentration auf kleine und große geographische Einheiten. An einem Ende steht vermutlich eine Stärkung der örtlichen Gemeinschaft, wie sie dem Idealbild des Kommunalrechtes entspricht (und dem Subsidiaritätsprinzip), während am anderen Ende ein übernationaler Sprach- und Kulturraum wie ein (Kern-) Europa steht.“

„Klassische Massenmedien werden zwar auch im digitalen Zeitalter weiter existieren, weil sie soziale Zwecke erfüllen: Sie erfüllen ein Bedürfnis nach sozialer Realitätskonstruktion, stellen ein Minimum an kultureller Gemeinsamkeit her und versorgen alle anderen Teilsysteme der Gesellschaft mit Information. Klassische Massenmedien verlieren aber ihre starke Torwächter-Funktion aus mehreren Gründen:
1. wird ihre Wertschöpfungskette entbündelt,
2. sind neue Torwächter (insbesondere Suchmaschinen und Aggregatoren) auf den Plan getreten,
3. entstehen im Publikum neue „Mega-Hubs“ (frühe Beispiele sind z.B. Sascha Lobo oder Youtube-Blogger)
4. entstehen neue, losere Strukturen von Inhalte-Erstellern, weil im digitalen Zeitalter die Kommunikation unter räumlich Anwesenden an Bedeutung verliert, die Bepreisung und Abrechnung dynamisch von Maschinen erledigt wird und dies zur Entbündelung von Inhalte-Produkten führt,
5. können einzelne Journalisten „Stars“ werden, die bisher hinter einer Medienmarke kaum sichtbar waren.“

„Dem vielzitierten Satz eines Studenten ‚Ist die Nachricht wichtig, wird sie mich finden‘ nachempfunden, lautet das politische Motto in Zeiten von Social Media: ‚Ist die Empörung wichtig, wird sie mich finden‘.“

„Die ‚Agora 2.0‘ ist ein großer, aber dezentraler Kommunikationsraum, der durch neue Sichten auf Kommunikationsakte zugänglich gemacht wird. Die ‚Agora 2.0‘ ist gewissermaßen eine Über-Stadt, die aus Städten mit ihren Gängen, Straßen, Kreuzungen, Plätzen und Stadien besteht, nur mit dem Unterschied, dass jedermann sich per Klick in die dortige Kommunikation einschalten kann.“

„Social Media ist also nicht ‚Twitter‘, das Social Internet ändert die Ordnung der Information, ihre Verfügbarkeit, ihre Dauer, unseren Zugang. Das ist so fundamental, dass es sogar von vielen Experten noch nicht verstanden ist.“

Vergleicht man die Netz-Öffentlichkeit in einem Satz mit der klassischen Öffentlichkeit,

„so ist sie diverser, regelfreier, pulsierender, unübersichtlicher, überraschender, lebhafter. Der Grund dafür ist, dass die meisten Beteiligten ohne Geschäftsmodell operieren, rein ‚immateriell‘-gesteuert sind (im positiven Sinne, zweckfrei ihre Meinung zu sagen, sich zu erproben, ein soziales Umfeld zu beeinflussen etc.), nie in festen Strukturen arbeiten, kaum auf inhaltliche Rahmen Rücksicht nehmen müssen.“

Einen wichtigen Aspekt hat Kappes am Anfang seines Papiers auf Seite 3 geschrieben:

„…was wir beobachten, ist aus verschiedenen Gründen als noch sehr frisch anzusehen. Es sind mindestens die folgenden fünf Dimensionen, in denen die Technik und ihre Nutzung sich noch weiter entwickeln werden:
1. Dimension ‚Leistung‘: Computer und Internet sind zwar nicht mehr neu und die öffentliche many-to-many-Kommunikation existiert seit 30 Jahren (Usenet, Newsgroups), doch ist das Social Web in der Endkunden-Form nicht älter als fünf
Jahre: die flüssige Kommunikation in losen und netzartigen Inhalts-Strukturen, das unadressierte Senden, Folger-Strukturen und Mikrokommunikation (wie bei Twitter), vorgefertigte Instant-Kommunikationsakte (wie das „Gefällt mir“ bei Facebook). Wir sehen am eher inhaltezentrierten Konzept von Google Plus im letzten Jahr, an Fehlschlägen wie Ping, an den wöchentlichen Änderungen bei Facebook und Neueinsteigern wie Tumblr, Path und Pinterest, daß die Konzepte der Technik noch volatil sind.“

Und der zweite Punkt (die anderen bitte im Kappes-Papier nachlesen):

„Vergleicht man den Lebenszyklus mit anderen Techniken, befinden wir uns in einem vermutlich noch sehr unausgereiften Stadium. Zehn Jahre nach Erfindung der Radiowellen gab es noch sogenannte ‚Knallfunkensender‘, die ohrenbetäubenden Lärm machten und nur wenige Kilometer Reichweite hatten. Der elektrische Strom kam erst in den 1930er Jahren in deutsche Haushalte, 60 Jahre nach der Erfindung des Dynamos durch Siemens und 250 Jahre nach der Entdeckung elektrischer Ladung. Die Automobilindustrie macht auch seit 1970 noch gewaltige Fortschritte bei der Sicherheit, sogar die Schifffahrt wird in den letzten 40 Jahren durch Containerschifffahrt enorm verbessert. Kurz: Wenn das Internet eine neue Technik ist, so betrachten wir gerade eine Technik im Embryonenzustand.“

Soweit ein paar Auszüge aus dem 25seitigen Kappes-Opus, die mich interessieren und die ich bestimmt in der einen oder anderen Form weiter thematisieren werde.

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