Lahmes Mobilfunknetz und zögerliche Netzbetreiber versus ultraschnelle Endgeräte

Eine berechtigte Frage von Michael Bechtel, der auf unseren NeueNachricht-Beitrag „Datenstau durch iPad und Google Play? Bedarf an Funkzellen steigt gewaltig“ reagiert.

Was bringt mir ein neues iPad mit ultraschneller Technologie, wenn das mobile Internet nicht hinterherkommt?

„Wir brauchen eine funktionierende LTE-Infrastruktur in Form von Funkzellen. Genau das wurde beim Mobile World Congress und der Cebit unter Beweis gestellt“, sagt beispielsweise Bernd Stahl vom Netzwerkdienstleister Nash Technologies in Stuttgart.

Und wir stehen erst am Anfang der Digitalisierung – privat und beruflich. Sie hat drei Säulen: Endgeräte, Dienste in der Cloud und als Klebstoff ein schnelles Internet. Nicht nur Smartphones und Tablets, sondern auch Fahrzeuge, die Energieversorgung unserer Wohnungen und Haushaltsgegenstände werden intelligent gemacht und vernetzt. Diese Menge an Daten muss das Internet verkraften können, auch über Funk. Dies betrifft sowohl die Abdeckung als auch die Bandbreite der Mobilfunknetze. Die Funktionen der Endgeräte und den Diensten in der Cloud wachsen täglich.

Wir stehen also erst an der Schwelle der Digitalisierung aller Wirtschaftszweige. Es ist kaum zu glauben, von der Hotelbranche über den Handel bis zum Energiesektor gibt es noch eine dramatische Unterversorgung. Der Grad der Digitalisierung liegt teilweise nur bei 30 bis 45 Prozent. Selbst Finanz- und Versicherungsunternehmen kommen nach Analysen von Booz nur auf knapp über 50 Prozent. Mit Digitalisierung sind Kommunikation, Anbindung an Zulieferer, Prozessketten und die Lieferung an Endkunden gemeint – also nicht nur der profane DSL-Anschluss.

Die Herausforderungen für den Netzausbau seien größer denn je, bestätigt Roman Friedrich vom Beratungshaus Booz & Company in Düsseldorf:

„Es ist ja noch nicht einmal beim 3G-Mobilfunknetz eine Flächendeckung in Deutschland erreicht. Viele Netzbetreiber können sich die hohen Investitionssummen nicht erlauben. Das gilt vor allem für die Einführung von LTE. Die Investitionsbereitschaft der Carrier wird geringer. Normalerweise werden rund 16 Prozent des Umsatzes in den Netzausbau gesteckt. Diese Zahlen gehen zurück“, weiß Friedrich.

Die Shareholder würden Dividenden erwarten, so dass der eine oder andere Netzbetreiber überlegt, etwas langsamer mit LTE in den Markt zu gehen.

„Sie stecken in einem Dilemma. Es müssen Vorleistungen erbracht werden ohne zu wissen, wie sich die Nachfrage nach dem schnellen Netz entwickelt.“

Zudem seien noch gewaltige Investitionen in das bestehende Netz vonnöten, um die Datenexplosion zu bewältigen. Jeder Mobilfunk-Carrier müsse die Hotspots seiner Basisstationen an das Glasfasernetz anschließen.

„Das kostet richtig viel Geld“, so Friedrich.

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? Habt Ihr Ideen? Oder stellen sich die Netzbetreiber genauso blöd an wie nach der Versteigerung der UMTS-Lizenzen? Dazu würde ich gerne Experteninterviews per Telefon führen oder ein Bibliotheksgespräch auf die Beine stellen (bitte bei mir melden unter: 0177 620 44 74 oder hier einfach die Kontaktdaten als Kommentar posten).

Die komplette Audio-Aufzeichnung der Booz-Präsentation von Roman Friedrich kann über meine Dropbox heruntergeladen werden. Einfach eine Mail an gunnareriksohn@googlemail.com schicken. Die Aussagen zu LTE kommen etwa nach einer Stunde und 17 Minuten.

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Man überlegt sogar, Obdachlose als wandelnde Hotspots einzusetzen – mit sehr kritischen Reaktionen.

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4 Gedanken zu “Lahmes Mobilfunknetz und zögerliche Netzbetreiber versus ultraschnelle Endgeräte

  1. Das scheint mir ein klassisches Henne-Ei-Problem zu sein: Investieren die Carrier zu früh, amortisieren sich die Investitionen nicht und die Kapitalkosten treiben die Preise für die (neuen) Dienste unnötig in die Höhe. Warten die Carrier bis entsprechende Endgeräte verfügbar sind und die Kunden diese auch in großen Mengen kaufen, laufen sie natürlich der Entwicklung hinterher und müssen sich als träge oder innovationsscheu beschimpfen lassen. Am Ende bleibt es halt immer schwierig, bei neuen Technologien das Adaptions-Verhalten des Publikums richtig einzuschätzen.

  2. @Matthias Hättest Du Lust auf ein Telefoninterview in den nächsten Tagen? Also Mittwoch oder Donnerstag?

  3. Apple hat beim neuen iPad LTE-Unterstützung, aber eben nicht für europäische Frequenzen. Das mag einerseits bedauerlich sein, zeigt mir jedoch zwei Punkte:
    1. Apple sieht LTE („4G“) als Wettbewerbsmerkmal zumindest bereits in US.
    2. Apple schätzt LTE in Europa noch nicht als relevant an.
    Davon und der Tendenz, das Europa den US-ITK-Entwicklungen nachfolgt, abgeleitet sehe ich es so, dass die Geräte mit LTE-Unterstützung im Laufe der nächsten 12 Monate in Deutschland nennenswert verfügbar sein werden (z.B. iPhone 5).

    Meine Einschätzung: Um dem Bedarf nachzukommen und um eine Finanzierung einigermaßen zu gewährleisten, müssten die Anbieter ihre bislang statischen Mobiltarife anpassen. Kunden zögern, einen teuren LTE- oder UMTS-Tarif zu wählen, der von Telefonie und von einem fixen / gedrosselten Datenvolumen geprägt ist, wenn sie gleichzeitig kaum die Übertragungsgeschwindigkeit nutzen können Mit der Möglichkeit, stuffenfixe Volumen bei konkretem Bedarf zuzubuchen, würden Kunde nach meiner Einschätzung gerne beispielsweise für 200 MB LTE-Geschwindigkeit ad-hoc zahlen (z.B. bei kurzer Städtereise/Urlaub oder Konferenz). Das Ganze müsste bequem und sofort über das Smartphone zu buchen sein, entweder über eine App oder über SMS (wie z.B. die EU-Roamingtarife der Telekom).

    Mein Tarif beinhaltet beispielsweise eine Drosselung ab 300 MB. Nur bis dahin gibt es UMTS (wenn es verfügbar ist). Ich wäre jetzt schon bereit, bei Bedarf eine weiteres ungedrosseltes UMTS-Volumenkontingent zuzubuchen (beispielsweise im Urlaub, Veranstaltung, Kurzreise). Mit einem LTE-Kontingent wäre das genauso. Viele Kunden sind nicht bereit, einen teuren Tarif zu buchen, den sie dann zu 80 Prozent doch nicht nutzen können.

    Mit flexiblen ad-hoc Tarifen könnte Bedarf geweckt und gleichzeitig eine Finanzierung angestoßen werden. Üblicherweise sind jedoch die Tarifmodelle auf Flatrates mit Drosselung oder Verbrauchsabrechnung je MB ausgerichtet.

    Wäre das eine Möglichkeit zum weiteren Einstieg in LTE und die Finanzierung der Infrastruktur?
    Sind die Netze und vor allem die Abrechnungssysteme auf solche stufenfixe Modelle vorbereitet?

  4. @Frank Hamm Klasse Kommentar. Werde Deine Punkte weiter recherchieren und in weiteren Berichten aufgreifen. Gruß Gunnar

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