Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast

Der phantastische Thomas Franke
Der phantastische Thomas Franke

Gestern wurde in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger eine Ausstellung mit Werken des Collage-Künstlers, Grafikers, Schauspielers und Illustrators Thomas Franke eröffnet: Holzstichcollagen als Ergebnisse parallelweltlicher Beobachtungen unter dem Titel: „mundus parallelus: Die Akademie der Wissenschaftler nach der Planetesimalen Phaetonischen (VW hätte Franke fragen können, warum man eine Luxus-Karosse nicht Phaeton nennen sollte, gs) Katastrophe“.

Wie man unschwer erkennt, bewegt sich Franke in den Gefilden phantastischer Literatur. Als Leser, Entdecker und auch als Buchillustrator – etwa für die legendäre phantastische Bibliothek des Suhrkamp-Verlages.

Die Arbeiten, Collagen und Zeichnungen verweisen methodisch auf Max Ernst und den „cadavre exquis“ – ein Spiel der Surrealisten. Sie entstammen der Welt der Science Fiction, wo die Verschmelzung von Mensch und Maschine stattfindet.

Thomas Franke setzt diese Welt aus Fragmenten und Versatzstücken des 19. Jahrhunderts zusammen:

„Das liegt auch daran, dass er die alten Graphiken liebt und sein ganzes Geld in den Erwerb alter Drucke steckt, um sie zu zerschneiden und neu zu collagieren (ob das mit dem verwertungsrechtlichen Knebel des Handelsbakommens ACTA noch möglich ist? gs). Er dekonstruiert sie und zeigt so, was bereits in ihnen steckt: Die Vermessung des Menschen, der Körper als Maschine, von Maschinen beherrschte Menschen, überwachte Menschen, Entfremdung, Zauberlehrlinge, Macher“, schreiben die Malerin Jutta Reucher und die Verlegerin Jutta Baden im Ausstellungskatalog, den man bei Böttger für 12 Euro erwerben kann.

Franke treibt der Reiz, aus etwas Vorgegebenem neue Welten entstehen zu lassen, zu beobachten, was plötzlich geschieht, wenn er die Details zusammensetzt, die just in diesem Moment philosophische Dialoge miteinander eingehen. Dem konnte er sich nie entziehen:

„Jedes Motiv ist für mich ein Anlass zu assoziieren, andere Geschichten zu erzählen, die Fäden zu fassen, die in eine Fata Morgana hineinführen“, erläutert Franke im Interview mit René Moreau (abgedruckt im Ausstellungskatalog). Er beschäftigt sich mit Zuständen, die schon der Dichter Friedrich Schiller beklagte. Also grapscht er sich nach Jahren reiflicher Überlegung den alten Scheiß, „der zu Schillers Zeiten als Illustrationen gedruckt wurde – als arschkneifenden Hinweis auf die gegenwärtig so antagonistischen Zustände -, kleistert ihn neu zusammen und kommentiert damit die Gegenwart“, so Franke.

Es ist nachvollziehbar, dass Franke auch von dem Werk des phantastischen Literaten Paul Scheerbart magnetisch angezogen wird. Etwa von der Erzählung „Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen – Kosmische Existenzkomödie“. Hier erfährt der Leser, wie man die höhere Lebenslust kennenlernt. Es sind Fähigkeiten, genau dort aufzutauchen, wo was los ist und zwar an mehreren Orten gleichzeitig. Etwa durch das Studium des „Anzeigers für pikante Verwirrungen“. Einzige und wirklich nur winzige Voraussetzung: Interessierte müssen sich im Retortenpalast einstampfen lassen, um als neue Kreaturen ein vielfaches Leben führen zu können, das viel lustiger ist als das einfache Leben, das ziemlich langweilig ist.

Eine Kostprobe seiner Rezitationskunst gab Franke im Anschluss an die Ausstellungseröffnung mit Lesefrüchten aus dem Werk von Scheerbart. In den Dialogen erkennt man das Schauspielerische seines Vortrags!

Hier die Aufzeichnung.

Weitere Lesungen von Franke in der Literaturbuchhandlung Böttger folgen: Etwa am 23. März, 20:00 Uhr. Hier rezitiert er aus Erzählungen des des österreichischen Satirikers, Phantasten und Mystikers Gustav Meyrink.

3 Gedanken zu “Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast

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