„Beunruhigende“ Thesen zur Netzwerkgesellschaft: Ein systemischer Schirrmacher-Lanier-Carr-Phrasenbrei

„Navigieren in Unsicherheit“ – unter diesem Motto behandelte die „x-mess-Konferenz zur [nächsten] Gesellschaft“ ein wichtiges Thema und stellte in einem Konferenzbericht für die Zeitschrift „Führung und Organisation“ den „aufrüttelnden“ Vortrag des niederländischen Soziologen Jan van Dijk von der Universität Twente.

Seine Thesen zur Netzwerkgesellschaft laufen angeblich dem optimistischen Mainstream diametral entgegen:

Das Internet führt nicht zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit. Vielmehr verstärkt die global vernetzte Gesellschaft die Ungleichheit auf allen Ebenen – zwischen Staaten ebenso wie zwischen Organisationen und Individuen. Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger (die ‚Knoten‘ im Netzwerk), während gleichzeitig immer mehr Firmen/Menschen immer unbedeutender werden (der ‚Long Tail‘). Die Mitte verschwindet – und damit der Kitt
zwischen den beiden Polen.

Das Internet wird nicht von den Nutzern gestaltet, sondern von den mächtigen Intermediären wie Facebook, Google, Microsoft und Apple. Doch wer kontrolliert diese Giganten? Die enorm hohe Zahl an Akteuren führt in der globalen Netzwerkgesellschaft zu großer Instabilität. Trends werden verstärkt und breiten sich schneller aus als bisher. Gegensätze prallen in ungekannter Heftigkeit aufeinander – und schwappen in die reale Welt über. Anschauungsbeispiele dafür bieten die Schuldenkrise, Straßenschlachten in Athen oder der sogenannte arabische Frühling. Die ‚Risikogesellschaft‘ ist bereits Realität geworden.

Die Aufmerksamkeit ist der Engpassfaktor in der Netzwerkgesellschaft: Es wird immer leichter, sich im Internet öffentlich zu äußern, aber immer schwieriger, gehört zu werden. Die meisten Einträge im Internet haben KEINE (sic!) Leser. Produzieren wir damit eine Gesellschaft von Autisten?

Informations-Überflutung führt zu neuen Mechanismen der Rezeption: Selektive Wahrnehmung und oberflächliches Scannen prägen die Informationsaufnahme. Was bedeutet das für die realen Beziehungen zwischen den Menschen?

Entscheidend für einen konstruktiven Umgang mit der Netzwerkgesellschaft und den damit verbundenen Risiken wird eine umsichtige Erziehung und Ausbildung sein. Kritisches Hinterfragen von Informationen wird zur Schlüsselkompetenz. Ist unser Erziehungssystem darauf richtig vorbereitet“, fragt sich Jan van Dijk und ich frage mich, wie man zu solch platten Thesen kommt und auch noch als Anti-Mainstream-Haltung ausweist. Das ist ein Phrasenbrei aus Schirrmacher-Lanier-Carr-Geschreibsel.

Knoten und Zentralisierung: Die Gedankenwolken des Nicholas Carr – Internetskeptiker will Google bändigen und warnt vor der Zentralisierung des Datennetzes.

Oder: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Als Entgegnung, werte Systemiker, kann man die Long-Tail-Effekte ins Spiel bringen, die Jan van Dijk wohl nicht richtig verstanden hat.

Es gibt in sozialen Netzwerken viele Nischen, wo es entsprechend viele 80/20-Verteilungen gibt. In der einen ist man der „Star“ und in der anderen mehr oder weniger der stumme Konsument und Beobachter.

Entscheidend ist die Frage: 20 Prozent von was? Das kommentierte ein Leser meines Blogs:
Im Unterschied zur „alten“ Welt kann sich jede Spezialgruppe mit wenig Technik und Geld ihr Forum aufbauen. “Wenn dann 20 Prozent der 10 weltweit verteilten Liebhaber von blau-rosa Weinbergschnecken die Aufmerksamkeit in dieser Gemeinschaft auf sich konzentrieren, ist doch alles in Ordnung. In einer anderen Gruppe gehören die beiden wieder ‘nur’ zu den 80 Prozent Konsumenten. Neu ist eigentlich nur der ständige Rollenwechsel. Es gibt im Web 2.0 keine festgefügte 80/20-Aufteilung.

Zur Frage der Informationsüberflutung und Selektion (vorher selektierten übrigens die journalistischen Gatekeeper und ich durfte dann als Medienkonsument das selektieren, was mir die Massenmedien bei ihrer Informationsauswahl übrig gelassen haben). Digitaler Zettelkasten: Tote Unterhosen, Informationsfluten, Büchernarren und Netznavigatoren.

Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger? Warum haben dann die großen Organisationen so eine Angst, die Kontrolle im Netz zu verlieren und holen die ACTA-Keule raus? Siehe: Zwei Welten prallen im Netz aufeinander: Bürokratie und hierarchisches Management gegen verspieltes Experimentieren. Unternehmen, für die ein Twitteraccount schon die Zeitenwende bedeutet, werden daran verzweifeln.

Die Aufmerksamkeit ist der Engpassfaktor in der Netzwerkgesellschaft: Es wird immer leichter, sich im Internet öffentlich zu äußern, aber immer schwieriger, gehört zu werden. Wie war das eigentlich in analogen Zeiten, als die Massenmedien den Ton angaben? Was es da leichter, gehört zu werden? Ich konnte gerade mal einen Leserbrief schreiben oder in der Redaktion anrufen, um mir dann eine Abfuhr mehr oder weniger höflich abzuholen. Es wird nicht immer schwieriger, gehört zu werden. Wer wichtiges und interessantes kommuniziert, kann sich im Social Web viel leichter artikulieren. Mal läuft es gut und trifft den Nerv, mal verhallt die eigene Botschaft. Wie viele dpa-Meldungen werden eigentlich nur für den Papierkorb geschrieben? Ein Korrespondent sagte mir, dass die Quote wohl ziemlich hoch ist. Also auch Nachrichtenprofis haben es schwer, gehört zu werden. Oder die Unternehmenskommunikation:

„Jeder Tag in der Markenkommunikation ist mittlerweile experimentell. Ob ich mit Kunden ins Gespräch komme, ob meine Angebote gut ankommen, ob die Unternehmenspolitik richtig oder falsch ist, wird heute in Echtzeit beurteilt. Das Versuch-und-Irrtum-Verfahren in sozialen Medien hört nie auf“, erläutert der Bitronic-Chairman Peter B. Záboji.

So ist es.

Eure Meinung zu den Thesen des Soziologen Jan van Dijk interessieren mich. Würde ich gerne in meiner Freitagskolumne aufgreifen. Statements bitte bis Freitag (spätestens 10 Uhr) mailen an: gunnareriksohn@googlemail.com oder hier als Kommentar posten.

9 Gedanken zu “„Beunruhigende“ Thesen zur Netzwerkgesellschaft: Ein systemischer Schirrmacher-Lanier-Carr-Phrasenbrei

  1. Jan Dark

    Ich glaube, die These von der Aufmerksamkeit als Engpassfaktor ist richtig. Aber die Conclusion ist dummes Zeug. Das Probleme haben Google, Facebook und die anderen auch. Auch wenn es einfach ist, sich dort zu verbreiten, lesen dort doch relativ wenige, gerade auch bei G+. Man sieht als normaler nicht die Aufrufzahlen, aber man kann als Indikator die Kommentare zählen.

    Einfacher ist es bei YouTube. Wenn dort die großen Wettbewerber von Facebook ihr Wettbewerbsbashing einstellen, dann sind die Zugriffszahlen katastrophal. Wie z.B. hier bei der ARD mit dem Facebook-Bashing mit dem Mullah aus Kiel, der bei brandeins „Datenkrakeeler“ genannt wird: http://www.youtube.com/user/ARD#g/u
    21.509 Aufrufe für einen aufwändigst erstellten Film inkl. individueller Musikkomposition ist für diese Hasspropaganda eines erbarmunglosen Wettbewerbers um die Werbemilliarden pillepalle.

    Dieser Wettbewerb um die Werbemilliarden ist wahrscheinlich das Hauptmotiv für die Störer aus den Uraltmedien mit den Uralteinstellungen aus dem Mittelalter und der Publikumsbeschimpfung als „Idiotae“. Sie wollen sich nicht ändern, sie hassen das Internet und kipepen ihre unsachlich Gülle immer wieder darüber. Mit schwindender Aufmerksamkeut.

    Dabei sind sie extrem unsachlich. Gerade ACTA hat letztes Wochenende gezeigt, dass die klassischen Demokratiemechanismen versagen. Wenn die korrupten Schmiergeld-Politiker glauben, unbeobachtet zu sein, machen sie hinterfotzige, geheime Politik gegen die Bürger für die, dei am meisten Schmiergeld zahlen. Ob es die 7% Umsatzsteuer sind, für die die FDP Strafe zahlen mussten,. als das Schmiergeld auffiel, oder die CDU mit ihrem Spendenskandal, der manch einen Betrüger zum Krimionellen machten (wie Kanther, den Saubermann, der das Internet überwachen lassen wollte auf dem Kinderpornotrip wie die UvdL aus der Schmiergeldpartei 10 Jahre danach noch mal versuchte.

    Sowohl das Zugangserschwerungsgesetz als auch ACTA haben gezeigt, dass es keine politische Verdrossenheit der Bürger gibt, sondern sie sich über das Internet gegen korrupte Schmiergeldempfänger zusammenrotten, wenn es Not tut. Elementare Demokratie, dort wo die klassischen Demokratiekontrolleure („vierte Gewalt“: öffentlich rechtlicher Rundfunk mit 7,5 Mrd € Steueraufkommen plus Werbung, Presse) jämmerlich versagt haben und von „Idiotae“ gefaselt haben.

    Das Internet hat nun die „fünfte Kolonne“ geschaffen, die wirkungsmächtig die Politik aufmischt. Da sind die hochbezhalten Schmiergeldempäfnger irrelevant und sehen panisch ihre Felle wegschmimmen.

  2. Ich kommentiere nur einen Teilbereich der Äußerungen von Jan van Dijk.
    Es mag sein, dass auf den Plattformen nicht viel gelesen und nicht viel kommentiert wird, subjektiv stimme ich zu, objektiv fehlt mir der Einblick in die Daten. Und trotzdem widerspreche ich Jan van Dijk in Teilbereichen. Das Internet wird nicht allein von den großen Vier, Fünf (oder mehr) gemacht, es wird von jedem gemacht, der sich einbringt und beteiligt. Für mich als Journalist heisst das aber, ich muss mich einbringen, ich muss publizieren. Denn nur, wenn ich etwas sage und mitteile, werde ich gehört, gelesen, kommentiert.
    Klar, die Großen wollen Teile des Netzes für sich, die Bestrebungen gegen die Netzneutralität und die Vorgänge im Zusammenhang mit ACTA und die nicht endenwollenden Datenschutz-Diskussionen sprechen eine deutliche Sprache.
    Ich selber habe mir anfangs gedacht: Naja, Blog. Soll ich das 13.000 Blog des Tages schreiben, das dann eh nicht gelesen wird? Da langt es doch, das Geschriebene und Fotografierte, Komponierte bei G+ zu veröffentlichen. Abgesehen von den Rechten, die ich an meinem Werk damit (teilsweise) abgebe, halte ich es mittlerweile für den falschen Weg, weil es im Stream untergeht.
    Deswegen: Auch, wenn man nur für 20 Prozent schreibt, dann in ein eigenes Blog auf einer eigenen Website. Und dann: Auf, auf, Multiplikatoren suchen! Beispielsweise via Twitter. Das ist nichts anderes, als dem Nichtbeachtet-Werden entgegenzutreten, sich seine Öffentlichkeit zu schaffen und darüber Gehör zu erlangen. Und wenn ich echte Inhalte zu bieten habe, dann finden die ihren Weg auch außerhalb des Mainstreams. Lieber wenige, aber engagierte Leser, die sicher mehr werden, wenn die Zahl der Multiplikatoren steigt. Lieber Klasse, als im digitalen Blätterrauschen unterzugehen. Und was man auch mit wenigen Lesern erreichen kann, zeigt meine kleine Story vom Wochenende, wo sich ein Pakettransporteur einen Schnitzer erlaubte.

    Je mehr Kleine sich zusammentun, desto eher werden die Begehrlichkeiten der Großen ausgebremst oder gar unmöglich gemacht. Und: Dass viele Kleine viel erreichen, hat der Arabische Frühling gezeigt, der in der virtuellen Welt seinen Anfang nahm und seinen Rückhalt fand. Und der, lieber Jan van Dijk, (zumindest in Teilbereichen) zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führte.
    Insofern hat der gute Mann nicht ganz Recht.
    Meine bescheidene Meinung.

  3. Selektive Wahrnehmung ist eine Interaktion zwischen Interesse und Selbstreflexion. Was immer Soziologen, Skeptiker und Publizisten über die Evolution des Virtuellen Raums sagen, es bezieht sich in erster Linie auf sie selbst, auf ihr Weltbild und den wissenschaftlich trainierten Drang, eine prophetische Spur zu hinterlassen.
    Die Frage: wer mein User-Verhalten bestimmt, beantworte ich ganz klar mit: Ich. Aber, ist das wirklich so? Gäbe es keine Sozialen Netzwerke, würde ich als privater Web2.0-User Texte für die word.doc-Schublade schreiben und als Copywriter, für Kunden. Als Privatier aber nutze ich sämtliche Kanäle, darf mich austoben – wo, wann und mit wem ich will, hole mir Anregungen, Interaktion und schnelles Kurzzeitwissen – alles dreht sich um mich und m/eine mich positionierende, selbstdarstellende Ikonononie. Ich kreiere mir ein Universum im Universum – das ist es, wohin uns die Schöne neue Welt führt.

  4. Jan Dark

    „Ich kreiere mir ein Universum im Universum – das ist es, wohin uns die Schöne neue Welt führt.“

    Mit Verlaub: ich glaube, das ist großer Unsinn. Schon immer musste das Ich die verschiedenen Rollen in seinem eigenen Selbst integrieren. Wenns gut geht, gehts gut. Wenn nicht verdienen Leute wie Siegmund Freud daran (siehe Umberto Eco: Der Friedhof von Prag.) Systemisch gesehen war es schon immer so, dass das System Person was anderes ist als das System Gesellschaft. Schön dargelegt von Niklas Luhman.

    Schon vor hundert Jahren konnten Sie sich in Bibliotheken tagelang verkriechen und sich virtuelle Welten schaffen. Gute Leute haben dann ihre virtuellen Welten Science Fiction aufgeschrieben.

    Aber schon Marx hing der Idee nach „… und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ (Aus: Karl Marx (1818-1883): Die Deutsche Ideologie (1845).) http://sterneck.net/utopia/marx-kommunismus/index.php

    Somit ist es eher der Wohlstand in der kapitalistischen Gesellschaft es, der uns die Rollenvielfalt erlaubt. Wer 16 Stunden am Tage unter Tage Kohle macht geht danach weder in die Bibliothek noch ins Internet.

    Ein bisschen mehr Mühe kann man sich bei der Analyse schon geben.

  5. Mühe bei der Analyse? Erkenntnisse großer Namen und Studien zusammentragen und interpretieren? Sich hervortun und schmücken, einbringen? Tja. Meinetwegen.

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  7. ich denke auch: nur Qualität kann überzeugen, und besser weniger Echo, aber von guten Leuten, dann hat sich jede Selbstkonzentration gelohnt, kein Schielen auf Masse, kein Blinzeln auf Money, ruhig vor sich hin argumentieren, wer wo und womit anschliesst, ist ohnehin nicht zu steuern und nicht im voraus zu beeinflussen. „Erfolg“, was immer das ist, zeigt sich immer post festum. Also: Weitermachen!

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