Vergebe wieder den Preis „Chirac des Tages“: Diesmal an das Projekt „Social Swarm“

„Netzaktivisten und Programmierer wollen sicheres soziales Netzwerken ermöglichen. Das Projekt Social Swarm versteht sich als Meta-Infrastruktur zur Nutzung verschiedener Plattformen mit verschlüsselter Kommunikation“, berichtet Christiane Schulzki-Haddouti in einem Hyperland-Beitrag unter dem Titel „Social Swarm: Sicher im sozialen Netzwerk“.

Rena Tangens vom Verein foebud, der jährlich den Antipreis Big Brother Awards verleiht, hält sich deshalb bis heute von Facebook fern: Zu viele Punkte würden ihrer Meinung nach dagegen sprechen.

„Facebook, so Tangens, sei eine ‚Gated Community‘, die von einem zentralen Betreiber überwacht und gesteuert werde. Der Knackpunkt: Alle Daten, die Nutzer dem Dienst anvertrauen, seien es Bilder oder Nachrichten, werden zentral gespeichert. Bei Facebook werden diese Daten bislang nicht gelöscht, wenn Nutzer des Netzwerkes diese löschen möchten. Ihre Anzeige wird lediglich unterdrückt“, so Schulzki-Haddouti.

Mit dem Projekt „Social Swarm“ wird deshalb eine Gegenbewegung ins Leben gerufen. Auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs Ende Dezember wurde das Projekt mehrfach präsentiert und stieß auf großes internationales Interesse.

„Social Swarm soll kein weiteres soziales Netzwerk werden. Es ist ein loser Zusammenschluss von Entwicklern, Programmierern und Aktivisten, die das Problem diskutieren, eine Lösung herausarbeiten und in der Bevölkerung etablieren wollen. Eine zurzeit diskutierte Idee: Internetnutzer sollen sich über verschiedene soziale Netzwerke einloggen und dann untereinander vertraulich kommunizieren können. Möglich wäre das dann, wenn die Betreiber von sozialen Netzwerken offene Schnittstellen anbieten“, erläutert Schulzki-Haddouti.

„Programmierer aus Bangladesch, Schweden und den USA haben erste Arbeitsaufträge übernommen, unter anderem auch Entwickler der Facebook-Alternative Diaspora. Die Aktivisten koordinieren ihre Arbeit über ein Wiki und eine Mailingliste.“

Im März solle bereits ein erster Prototyp zur Verfügung stehen. Alles weitere kann man in dem Hyperland-Beitrag nachlesen.

Müssen nun Mark Zuckerberg, Sergey Brin und Larry Page schlaflose Nächte bekommen? Ich fürchte nicht. Ich stelle mir prinzipiell die Frage, warum man fernab des amerikanischen Kontinents nicht in der Lage ist, massenfähige Internet-Projekte auf die Beine zu stellen. Das Unbehagen an den Netz-Monopolisten ist nachvollziehbar:

„Von der kalifornischen Idee der elektronischen Agora und der Befreiung von staatlichen Hierarchien und privaten Monopolen verabschieden wir uns gerade“, kritisiert Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.

Dabei hatte 1994 Keven Kelly in seinem Buch „Out of Control“ postuliert, dass wir eine Ära der dezentralen Organisationen erleben werden. Auch der Futurologe Toffler irrte. Im Cyberspace werde ein Markt nach dem anderen von einem natürlichen Monopol in einen verwandelt, in dem Wettbewerb die Regel ist.

„Das Internet hat bis jetzt aber nur einen dominanten Einzelhändler: Amazon. Einen dominanten Markt für Musik und Filme: iTunes. Ein dominantes Auktionshaus: Ebay. Ein dominantes Social Network: Facebook. Und eine dominante Suchmaschine: Google. Und nicht zu vergessen die Tochter Youtube als dominante Plattform für Videos. Ein freies und offenes Netz sieht anders aus“, schreibt Stöcker in seinem Buch „Nerd Attack“.

Völlig kontraproduktiv sei nach Auffassung von Bernd Stahl der Gedanke von Jon Callas, die natürlichen Monopole wie Google und Facebook zu verstaatlichen, da sie sich zu Grundversorgungsunternehmen entwickeln:

„Ein privates Monopol durch ein staatliches zu ersetzen, ändert nichts an der Tendenz zu Machtmissbrauch, Anmaßung und Kundenmissachtung. Das dürfte jedem noch bekannt sein aus den Zeiten des Telefonmonopols der Deutschen Post mit dem legendären Werbespruch ‚Fasse Dich kurz‘. Auch ist der Staat als Hüter des Datenschutzes nicht gerade ein verlässlicher Partner. In der Telekommunikation hat man die Monopole mit so genannten Peering-Technologien gebrochen. Ähnliches muss jetzt auch im Internet geschehen – beispielsweise über semantische Portale. Wir müssen wieder für eine multipolare Welt des Wettbewerbs und der Ideen im Netz sorgen.“

Allerdings benötigt man dafür auch Finanzkraft und Geistkapital. Zur Erinnerung:

Die europäische Antwort auf Google sollte Quaero sein – doch das vollmundig rausposaunte deutsch-französische Prestigeprojekt ist kläglich in die Hose gegangen. Wie soll also etwas in Europa gelingen, was vor fünf Jahren schon nicht klappte? Übrig geblieben ist das deutsche Forschungsprogramm Theseus – auch da ist bislang der Durchbruch nicht gelungen.

Der frühere französische Staatspräsident Chirac startete 2006 das Projekt Quaero mit großem Getöse, um die erste „wahre multimediale Suchmaschine“ in Europa auf die Beine zu stellen. Es sollte nicht nur Texte, sondern auch Musik oder Bilder finden. Die Suchergebnisse sollten auf Computern, Mobiltelefonen und Fernsehen in mehreren Sprachen angezeigt werden können. In den Internetforen und Branchenkreisen wurde das Projekt von Anfang an skeptisch gesehen, denn bei Google arbeiten mehrere tausend Softwareentwickler an der stetigen Verbesserung der Suchmaschine. Schon damals war klar, dass man den Vorsprung von Google mit einem staatlich geförderten Projekt nicht einholen könne.

Wenn Staaten und nicht-amerikanische Firmen keine konkurrenzfähigen Dienste auf den Markt bringen, wie soll das mit einer kleinen Initiative vollbracht werden, die mit Wikis und Mailinglisten arbeitet? Den Preis „Chirac des Tages“ vergebe ich an das Projekt „Social Swarm“ – schweren Herzens. Sollte die Geschichte im März durch die Decke gehen, setze ich mir als Frondienst dann gerne die Narrenkappe auf und schäme mich.

Siehe dazu auch:

Social Swarm vs. Datenschutz

7 Gedanken zu “Vergebe wieder den Preis „Chirac des Tages“: Diesmal an das Projekt „Social Swarm“

  1. Keine Frage. Solche Projekte sind wichtig. Aber wer hat die Kraft, das Wissen, die Forschungskapazitäten und auch die Kohle, das durchzusetzen? Wie realistisch ist das Ganze? Ich übe mich in der Kunst des skeptischen Denkens – da hütet man sich vor Enttäuschungen.

  2. Das sind natürlich die Fragen, die sich stellen. Und es gibt weitere. Warum sollte man von einem zentralen und globalen Facebook weggehen zu etwas anderem, was zunächst weniger Funktionen hat und weniger Spass macht? Eine ähnliche Frage stellt sich für Search. Etc.
    Als Linus Thorwalds anfing, gab’s die gleichen Fragen. Linux hat sich durchgesetzt, weil man mitmachen konnte, es nichts kostete, es am Ende besser war, und man sinnvolle Geschäftsmodelle entwickeln konnte.
    Immerhin reden heute viel mehr Leute über diese Themen wie noch vor einem Jahr. Und vor allem: eine nicht ganz kleine Zahl fängt bereits an, was zu tun…

  3. Eins reicht doch als Präzedenzfall, oder?
    Trotzdem, der ACM hat mal ne ganze Liste von erfolgreichen „Crowd-sources“ Products / Projects veröffentlicht. Das sind duzende.

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