Raucher in NRW: Empört Euch!

Die Ruhrbarone haben die geplante Verbots-Suada der NRW-Landesregierung sehr treffend auf den Punkt gebracht: Radikales Rauchverbot: Rot-Grüne Volkserzieher in NRW beschließen Aus der Kneipenkultur

Der Bonner General Anzeiger titel heute natürlich wieder verharmlosend mit: NRW verbessert den Schutz der Nichtraucher (was heißt denn hier verbessern?).

NRW mutiert zum paternalistischen Bayern-Land. Die wichtigsten Punkte:

Verbesserter Schutz für Kinder und Jugendliche beispielsweise durch ein Rauchverbot an Schulen auch bei nicht-schulischen Veranstaltungen sowie ein Rauchverbot für ausgewiesene Spielplätze

Uneingeschränktes Rauchverbot in Gaststätten

Aufhebung der Ausnahmen für Brauchtumsveranstaltungen, Festzelte und Raucherclubs

Ausschluss der Errichtung von Raucherräumen in Sport-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen

Habt Ihr in Düsseldorf eigentlich keine anderen Sorgen? Es wird Zeit, dass die Raucher etwas politischer werden. Fiskalisch werden wir immer weiter belastet und über Verbote zunehmend schikaniert. Zum 1. Mai ist die Tabaksteuer ja schon erhöht worden. Bis 2015 folgen noch weitere vier Schritte, um die Raucher weiter zu schröpfen. Schon jetzt müssen pro Schachtel 60 Prozent an den Fiskus abgedrückt werden. Pro Jahr sind das satte 14 Milliarden Euro, die der Bundesfinanzminister über die Glimmstengel in den Bundeshaushalt spült und für Dinge ausgeben kann, die mit dem Akt des Rauchens gar nichts zu tun haben. Geringfügige Gegenleistungen über Raucherkabinen oder nette Räumlichkeiten in öffentlichen Gebäuden für den steuerlich so wichtigen Nikotingenuss würden in der Nichtraucherfraktion des politischen Personals sofort einen Sturm der Entrüstung auslösen. Denn „nur“ 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind Raucher. Warum sollte man deshalb auf die Bedürfnisse von 21 Millionen Menschen Rücksicht nehmen? Die Mehrheit der Nichtraucher ist jederzeit gegen die Minorität der Raucher mobilisierbar.

Nach der Mehrheit-ist-Mehrheit-Logik müssen schädliche Raucher gemaßregelt werden: fiskalisch und moralisch. Mit dieser bequemen Dialektik kann man ein Viertel der Gesellschaft nach allen Regeln der Kunst schurigeln, kujonieren und schikanieren. Das Hochgefühl, das diesem Tun entspringt, ist umso köstlicher, je mehr es mit dem Bewusstsein des Rechthabens verbunden ist. Das ist der Grund, weshalb die selbst erklärten Moralapostel ständig nach der guten Sache Ausschau halten, in deren Dienst sie treten können – und in deren Dienst sie die anderen treten können. Neben der Verfehlung des Rauchens gibt es eine Vielzahl von weiteren Empörungsspielplätzen: Glücksspiele, Flatrate-Partys, Mülltrennung, Hunde oder Killerspiele. Hier bietet sich eine gigantische Palette von Zurechtweisungs- und Erniedrigungsmöglichkeiten unter dem Horizont polizeilicher Verfolgungsphantasien: „Wenn Argumente fehlen, kommt meist ein Verbot heraus“, so ein Aphorismus des Schriftstellers Oliver Hassencamp („555 kandierte Sätze: Aphorismen“, 1987) der mit den „Burg Schreckenstein“-Geschichten bekannt wurde. Wenn man im öffentlichen Diskurs Menschen zur Unperson erklärt, erübrigen sich weitere Diskussionen. Raucher haben gefälligst die Schnauze zu halten.

Vergessen scheint der Satz des ehemaligen italienischen Staatspräsidenten Alessandro Pertini, wonach man Toleranz von den Rauchern lerne könne – denn noch nie habe sich ein Raucher über einen Nichtraucher beschwert. Mit grenzenloser Aggression äußern selbstberufene Gesundheitsapostel immer neue Schreckensmeldungen über die Schädlichkeit des Tabakgenusses und insbesondere des Passivrauchens; keine pragmatische Regelung welcher Art auch immer erschein ihnen gangbar. “

Sie wollen ein Kulturphänomen total aus der Öffentlichkeit vertilgen und liquidieren“, kritisiert der Philosoph Robert Pfaller in seinem Buch „Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft“.

Der Tabakrausch werde als etwas Exkrementelles herabgewürdigt. Die Anwesenheit von Nichtrauchern mit einem Raucher im selben Wohnzimmer gleiche dem Schwimmen in einem Pool, in den jemand pinkelt. Dabei sei die Politik der Rauchverbote ein typisches Beispiel einer Pseudopolitik. „Eine Politik, die ihre entscheidenden Aufgaben verabsäumt, wird, um davon abzulenken, gerne auf einem Nebenschauplatz hyperaktiv“, meint Pfaller.

Mit den inflationären Präventionsmaßnahmen erteilt sich der Staat eine Blankovollmacht für Eingriffe ins Privatleben. Egal, ob es um Datenschutz, Rauchverbote, Ernährung, Energieverbrauch oder Bildung geht. Vielleicht bin ich schon ein Opfer der Social-Media-Sucht und muss daher vor mir selbst beschützt werden. Dann kommt „die Ilse“ und sagt, wie ich das Internet gefälligst zu nutzen habe. Und die Probleme gehen niemals aus, um neue Regeln zu schaffen.

„Die Tendenz, Deutschland (und die EU) in einen Kindergarten zu verwandeln, greift die Fähigkeit des Einzelnen an, Situationen richtig einzuschätzen und sich dementsprechend zu verhalten“, moniert die Schriftstellerin Thea Dorn.

Das fängt bei der Beleuchtung meiner vier Wände an und hört bei Sondersteuern auf, um den Konsum von Schokolade, Eis und süßer Limonade fiskalisch zu bestrafen. Das ganze Spektakel wird wehrlos zur Kenntnis genommen, weil es so bequem ist, „unmündig zu sein“ (Immanuel Kant). Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger oder Datenschützer, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Typisch deutsch, ach nee, in Brüssel ist es ja ähnlich. Ich möchte den 21 Millionen Rauchern keine Empfehlung geben, die mir die Steuerfahndung auf den Hals hetzt. Aber die von der EU verbotenen Glühbirnen kaufe ich im XXL-Paket ganz legal in Bosnien.

12 Gedanken zu “Raucher in NRW: Empört Euch!

  1. bravo56

    Nur um es gleich zu Beginn zu sagen: ich bin Raucher.
    Es ist natürlich ungeschickt von den Nichtraucherschützern, den Rauchern scheibchenweise ihr „Rechte“ zu nehmen. Das hätte man von Anfang an vernünftig machen sollen und das Rauchen in öffentlichen Räumen ganz verbieten sollen. Wenn man die Gaststätten hätte schützen wollen, hätte man es den Wirten freistellen können, ob sie Raucher tolerieren oder nicht. Das wäre einfach und effektiv gewesen.
    Dein Artikel ist zwar lang, aber er kann nirgendwo das „Recht“ der Raucher begründen. Weil es einfach nicht zu begründen ist! Sinnbildlich für den verfehlten Artikel ist schon das Foto. Die zu dem Artikel passende Aussage des Bildes, die Zigarette auf dem Zaunpfahl, ist unscharf.
    Den Nichtraucherschutz als Beispiel für die Bevormundung durch die Politik zu nehmen ist auch nicht gerade geschickt, weil Du niemals Zustimmung von den Nichtrauchern bekommen wirst.

  2. Karl

    Sehr empfehlenswert für alle Tüftler, Hinsichtler und Vorsichtler:

    „Eine Demokratie, die sich darauf beschränkt, Rauchverbote
    in Gaststätten zu erlassen oder die Helmpflicht von Radfahrern
    zu diskutieren, also dem gegenseitigen Gängelungsverhalten
    der Bürger nachzugeben, aber die eine große Macht, die alle
    gängelt [nämlich die Wirtschaft], nicht beherrschen kann,
    ist das Papier nicht wert, auf dem ihre Verfassung gedruckt wird.“
    Jens Jennsen in Die Zeit 1. 9. 2011

  3. Als Staatsbürger, Wähler und Steuerzahler habe ich natürlich das Recht, mich gegen unsinnige, diskriminierende und kontraproduktive Gesetze zu wehren. Und so wehrlos ist wohl das Potenzial von 21 Millionen Rauchern nicht, die in der Regel über 18 Jahre und damit wahlberechtigt sind. Nach Deiner Geisteshaltung kann man für alles mögliche Mehrheiten mobilisieren, um Menschen zu kujonieren. Ich bin doch kein Sklave der rot-grünen Landesregierung. Wo kommen wir denn da hin, wenn der Fiskus jährlich 14 Milliarden Euro Tabaksteuer fest als Steuereinnahme einplant und gleichzeitig Raucher zum Volksfeind erklärt. Wenn das Ziel ist, alle zum Nichtrauchertum zu zwingen, müsste der Staat ja irgendwann die Steuereinnahmen auf null senken. Wir könnten ja mal ein Jahr unsere Zigaretten im Ausland beziehen, dann würde man die fiskalische Folgewirkung unter Beweis stellen. Der Finanzminister wäre wohl nicht sehr begeistert.

    Das Foto ist ein Symbol für die Jägerzaun-Mentalität in Deutschland. So unscharf ist das doch gar nicht.

  4. bravo56

    Ich würde mich nicht auf die 21 Millionen verlassen. Bayern ist ein „warnendes“ Beispiel.
    Du wirst Dich wundern, man kann für alles mögliche Mehrheiten mobilisieren. Mach Dir keine Sorgen über meine Geisteshaltung.
    Ich finde es nicht prickelnd, in Kneipen in „Raucherghettos“ zu sitzen oder meine Kippe bei Wind und Wetter draußen zu rauchen. Aber sei doch mal ehrlich, es ist eine Zumutung für die Nichtraucher in einer verrauchten Kneipe zu sitzen.
    Man kann Nichtraucherschutz übertrieben oder einfach nur scheiße finden. Aber wenn man kein einziges vernünftiges Argument für das Rauchen hat, wird man nicht dagegen ankommen. Was da so vorgebracht wird von wegen Kultur und Selbstbestimmung ist doch ausgemachter Humbug.

  5. Miliana

    Es geht doch darum, dass nun selbst die Raucherghettos von den Hausmeistern geschlossen werden. In keiner Kneipe werden Nichtraucher von den Ghettoinsassen behelligt, das regelt das Nichtraucherschutzgesetz schon seit längerem. Dass nun selbst die Ghettos geschlossen werden sollen ist kein Nichtraucherschutz, dass ist Willkür und kommt mir gar militant vor. @bravo: du führst eine Diskussion wie vor Einführung des Nichtraucherschutzgesetes, wir sind aber mittlerweile bei einem anderen Thema. Die Nichtraucher sind bereits geschützt, und zwar absolut ausreichend.

  6. Genau das ist der Punkt. Der Schutz ist in den meisten Gaststätten bereits heute gewährleistet. Die kleine Eckkneipe sollte man in Ruhe lassen. Ich halte das nicht vereinbar mit der Berufs- und Gewerbefreiheit. Und bei der knappen Mehrheit im Düsseldorfer Landtag werden wir ja sehen, ob sich wirklich eine Mehrheit findet, wenn die nicht schon vorher in die Knie gehen bei ihrer desaströsen Haushaltspolitik.

  7. bravo56

    Es ist eben nicht so, dass die Nichtraucher in den meisten Kneipen geschützt wären. Gerade hier in NRW gibt es doch die vielen „Raucherclubs“. Die waren ja wohl auch der Auslöser der neuen Initiative.
    Schreibe ich in einer nur mir bekannten Sprache? Oder gehört jeder, der nicht vehement gegen die neue Gesetzesinitiative losbrüllt, zu eurem Feindbild?
    Ich habe oben eine Regelung skizziert, wie sie mir gefallen würde. Die hat jedoch auch nicht den Hauch einer Chance.
    Ich sags nochmal, Ihr könnt dagegen wettern wie ihr wollt, solange man nur mit pseudo-Argumenten aufwarten kann, wird man nicht viel ausrichten können.

  8. Wie viele Raucherclubs sind das denn? Das ist doch lächerlich. Hier in Bonn gibt es kaum welche. Und wenn wir schon bei konstruktiven Vorschlägen sind. Es gibt mittlerweile so gute und nach einer Seite offene Raucher-Bars mit Abzugstechnologie, die zu keinen Belastungen in Innenräumen führt. Wurde bei einer Fachmesse im Hotel Estrel in Berlin-Neukölln eingesetzt.
    Zudem ist meine Polemik eher ein Aufruf, politischer zu denken und sich als Raucher nicht alles gefallen zu lassen – not more. Frohe Weihnachten.

  9. bravo56

    Hier in Wuppertal gibt es recht viele Raucherclubs. Das ist dann wohl regional sehr unterschiedlich. Der Vorschlag mit der Abzugstechnologie ist doch nicht Dein Ernst. Wäre zwar ein schöner Service der Wirte, aber wer von ihnen wird sich eine solche Investition leisten können oder wollen? Oder sollten die Wirte dazu verpflichtet werden? (kleiner Scherz am Rande)
    Man sollte sich nicht nur in seiner Eigenschaft als Raucher nicht alles gefallen lassen. Mein Hinweis sollte nur zeigen, dass es gerade am Beispiel des Nichtraucherschutzgesetzes meines Erachtens ein Kampf auf verlorenem Posten ist.
    In diesem Sinne:
    Frohe Weihnachten

  10. die Technologie könnte in öffentlichen Gebäuden, Hotels, Flughäfen etc. zum Einsatz kommen. Eckkneipen sollten weiterhin auf ihre Raucher-Stammkundschaft setzen können. Es gibt für Nichtraucher, die das nicht ertragen, genügend Alternativen. So jetzt werde ich so langsam in den Weihnachtsmodus wechseln und die Lebensmitteleinkäufe erledigen.

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