IT-Gipfel in der Warteschlange

Das Bild von einem IT-Gipfel vor drei oder vier Jahren hat doch Symbolcharakter. Genauso wie die Mail des Pressesprechers des Bundeswirtschaftsministeriums auf meine verspätete Anmeldung vier Tage vor dem morgigen Aufgalopp der Honoratioren beim Stell-Dich-ein der Kanzlerin in München.

So richtete ich am Freitagvormittag an die Pressestelle des Bundeswirtschaftsministerium im höflichen Ton folgende Anfrage:

Ich möchte mich noch für den IT-Gipfel in München akkreditieren. Das Onlineformular war schon geschlossen. Ist das noch möglich?

Und bekomme diese Antwort:

Die Akkreditierung ist abgeschlossen. Wir haben nach dem bayerischen Veranstaltungsgesetz die zugelassene Personenzahl streng einzuhalten.

Bite verfolgen Sie den IT-Gipfel auf unserer Webseite oder auf www.it-gipfel.de

Mit freundlichem Gruß
Rainer Wendt

Echtzeit-Polit-Management sieht anders aus. Genauso wie die völlig überflüssige und von Behörden gehasste Merkel-Hotline 115. Das ist sozusagen das IT-Vorzeigeprojekt der Kanzlerin. IT-Gipfel-Politik auf Hotline-Niveau. Eine Steilvorlage für meine heutige Kolumne. Auszug.

Dabei wäre es möglich gewesen, zumindest in Ansätzen eine Applikation in das Merkel-Projekt einzubauen, die in Richtung des Sprachcomputers SIRI geht, der derzeit auf dem iPhone 4S für Furore sorgt. „Bei der Auslegung des Bürgertelefons 115 wurde Sprachtechnologie völlig ausgeblendet. Das kann nicht funktionieren. Es gibt nicht den allwissenden und jederzeit verfügbaren Mitarbeiter im Call Center“, sagte vor Jahren schon vor Jahren Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.
Zudem kommt das Call Center-Angebot des Staates um einige Jahre zu spät. Noch vor drei Jahren entfielen nach einer Studie der Düsseldorfer Unternehmensberatung Mind Business rund 80 Prozent der Kundeninteraktionen auf das Telefon. Heute sind neue Formen der Servicekommunikation auf dem Vormarsch. Facebook, Twitter, Apps, Chats und Foren werden von 56 Prozent der Befragten häufiger genutzt als Telefon oder Post.

Das Zusammenwachsen von Internet, Fernsehen und Telefon biete den Menschen die Möglichkeit, unabhängig von Zeit und Ort zu kommunizieren. Er entscheide situativ, wie und wann er Unternehmen erreichen möchte. Der vernetzte Verbraucher und Bürger erwartet von den Organisationen der Wirtschaft und des Staates, dass sie das Social Web als Dialogplattform begreifen, den Dialog transparent und offen gestalten und dort auch schnell auf Anliegen reagieren und Service-Applikationen bereitstellen, die rund um die Uhr Hilfe und Orientierung bieten. Genau das bietet eben die 115-Hotline nicht. Wer soziale Netzwerke im Bürgerdialog einsetzt, macht die Kommunikation direkter, persönlicher und weniger hierarisch. Daran ist die Bundesregierung doch überhaupt nicht interessiert. Man will alles schön unter Kontrolle halten.

Deutschland bleibt IT-Wüste

Da ist es kein Wunder, dass beim sechsten Honoratioren-Stelldichein von Wirtschaft und Politik in der bayerischen Landeshauptstadt am Dienstag kein Lichtchen am Ende des Horizontes der IT-Wüste in Deutschland entfacht wird: „Die hochrangige Zusammenkunft sollte der IT-Branche hierzulande einen Schub geben, sollte die öffentliche Verwaltung auf diesem Gebiet voranbringen, kurz, Deutschland zum Musterland in Sachen Informationstechnik machen. Doch das Ergebnis ist mager. Viele Firmenleiter empfinden die Veranstaltung inzwischen eher als lästige Pflicht denn als Chance für die Industrie“, moniert Joachim Hofer vom Handelsblatt. Seit der Gründung von SAP vor fast 40 Jahren, konnte sich kein IT-Schwergewicht mehr in Szene setzen. „Im Gegenteil, Firmen wie Siemens haben sich aus dem IT-Geschäft wegen andauernder Erfolglosigkeit sogar zurückgezogen. Doch das ist noch nicht alles. Deutschland hinkt auch in der IT-Nutzung anderen Ländern zum Teil meilenweit hinterher. Das hat viel damit zu tun, dass die Menschen viele neue Techniken zunächst einmal eher skeptisch sehen“, schreibt Hofer.

Auch bei der Rekrutierung von qualifiziertem IT-Personal aus dem Ausland tun sich deutsche Unternehmen schwer. Der Düsseldorfer Personaldienstleister Harvey Nash sucht beispielsweise weltweit nach IT-Fachkräften. Vor allem im osteuropäischen Raum gebe es gut ausgebildete Experten. Doch deutsche Gepflogenheiten machen den potenziellen Kandidaten schwer zu schaffen.

Viele große Konzerne und auch Mittelständler sind noch längst nicht vollständig internationalisiert. Die Folge: Es wird häufig deutsch gesprochen. Und von neuen Mitarbeitern wird erwartet, dass auch sie die deutsche Sprache perfekt beherrschen. „Dadurch reduziert sich die Möglichkeit deutlich, eine exzellente ausländische Fachkraft zu gewinnen“, sagt Mark Hayes von Harvey Nash. Selbst wenn sich ein Unternehmen für eine Fachkraft aus Europa entscheidet – durch die Sprachbarriere fällt die Integration schwer, sowohl auf fachlicher als auf zwischenmenschlicher Ebene, wie dem klassischen Smalltalk in der Kaffeeküche. Die Situation führe dazu, dass auch IT-Dienstleister, die deutsche Kunden betreuen, eigentlich gerne ausländische Experten einstellen möchten – sich aber ebenfalls zurückhalten, weil sie nicht wissen, ob sie die Fachkräfte einsetzen können. „So ist es für ausländische IT-Experten einfach viel attraktiver, sich in den USA niederzulassen als in einem Land, das Fremde bis heute abschätzig als Gastarbeiter bezeichnet“, so Hofer in seinem Handelsblatt-Kommentar.
Auffällig sei auch, dass sich die IT-Gipfel-Promis nicht nachhaltig für Informationstechnik ins Zeug legen. Da antichambriert man doch lieber mit den Lobbyisten der Industrie und hätschelt die liebwertesten Gichtlinge des Maschinenbaus oder der Autokonzerne, obwohl Deutschland schon längst eine Dienstleistungsökonomie ist, die ohne Informationstechnologie nicht zukunftsfähig sein kann.

Da fällt mir nur noch der olle Goethe ein: Über allen IT-Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest Du, kaum einen Hauch.
Kommentare, Retweets, Liken, Plussen unter: http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/9092-innovationspotenzial-in-deutschland

Ob wir mit der Gründung von Vereinen an die Spitze der digitalen Avantgarde kommen, halte ich für fragwürdig. Ist auch so eine deutsche Marotte: Vereine, mit Schatzmeister, Kassenprüfer, Beirat, Hauptversammlung, Anträgen zur Geschäftsordnung und allem Pipapo.

10 Gedanken zu “IT-Gipfel in der Warteschlange

  1. Schnulli

    Das stetige Einerlei der hiesigen und anderswo veröffentlichten Beiträge vom Alles-ganz-schlecht-mit-der-IT-in-Deutschland erscheint mir auf Dauer doch etwas unkonkret, unfundiert und phrasenhaft. Das wirkt dann auf Dauer selbst alles-ganz-schlecht. Ein bißchen konkreter und strukturierter wäre nicht schlecht. So wirkt es, als ob der Herr Autor nur täglich den selben Brei von Alles-ganz-schlecht-Bröckchen und Versatzstückchen ausstößt. Und das ist ja auch nicht im Sinne der Erfinder des IT-Internets

  2. Ich kann ja nichts dafür, wenn ständig auf jedem IT-Gipfel diese unsägliche 115 wieder aus der Kiste gekramt wird. Über die digitale Kompetenz der Bundesregierung habe ich mich auch auf anderen Feldern ausgelassen – man muss nur mal genauer nachschauen.

    Beispiele:

    http://ichsagmal.com/2010/06/24/nachtrag-zu-den-de-maiziere-thesen-von-lutschpastillen-bundes-cios-und-der-internet-inkompetenz-der-bundesregierung/

    http://ichsagmal.com/2011/09/02/die-staatlichen-internet-ausdrucker-scheitern-beim-burgerdialog-2-0-burokratie-im-netz/

    http://ichsagmal.com/2011/08/31/im-land-der-digitalen-inkompetenz-warum-eine-lekture-von-nerd-attack-lohnt/

    @Schnulli: Könntest Du mir überprüfbare IT-Projekte der Bundesregierung posten, die nicht nur angekündigt, sondern auch erfolgreich realisiert wurden? Wäre wichtig, damit ich hier nicht nur denselben Brei kredenze.

  3. Schnulli

    Sorry, falls es etwas mißgelaunt wirkt. Aber das könnte an der Vorlage liegen. Die wirken alle irgendwie so schlechtgelaunt und m.M. auch „etwas“ besserwisserisch. Es gibt sicher etliche IT-Baustellen in Deutschland ebenso wie global. Aber das nun alles schlecht wäre, wie es sich als Tenor durch fast sämtliche der Sohn-Beiträge zieht, kann man ja nun bestimmt auch nicht sagen. Die normale Wirtschaft entwickelt sich von Grund auf schon immer nicht so schnell in IT- und Netzwerk-Dingen. Weil das in einem großen Teil der Fälle nicht ihr Hauptgeschäft, sondern nur Medium für eben dieses Hauptgeschäft ist. Deshalb hinken sie in diesen Bereichen der IT- und Network-Avantgarde ZWANGSLÄUFIG immer ein bißchen hinterher. Dafür ist es nunmal keine IT-Avantgarde, sondern Brot- und Butter-Unternehmen, die IHRE Felder in der jeweiligen Branche bestellen – und IT-Entwicklungen und Networkkanäle nur in dem Maße annehmen und umsetzen, wie sie für ihre Brot-und-Butter-Geschäfte Bedarf dafür sehen. Aus diesem fast gesetzmäßigen Abstand der normalen Wirtschaft hinter dem IT-Fortschritt ständig zu schließen, dass ALLES schlecht wäre, ist ja nun bißchen billig. Auch als Broterwerb für einen Journalisten, finde ich. Das könnte in m.M. in einen etwas objektiveren, realistischeren und ausgeglicheren Horizont gestellt werden, der nämlich beileibe nicht nur pechsschwarz ist (um auch mal etwas ähnlich ungerecht zu übertreiben).

  4. @Schnulli Also da nimmst Du nicht alles war. Ich berichte sehr viel über Innovationen, die auch in Deutschland realisiert werden. Ob nun Unternehmen oder Organisationen wie Fraunhofer oder DFKI, die machen gute Arbeit. Aber wie sieht es mit der öffentlichen Hand aus? Bund Online-Projekte als Beispiel. Oder die IT-Kompetenz der politischen Elite. Was wird wirklich an technologischen Innovationen Made in Germany von der Verwaltung mit Leben gefüllt. Nicht nur über Innovationen reden, sondern auch selber einsetzen. Frei nach dem Motto: Eat your own dogfood.

  5. schnulli@gmx.de

    Die Frage ist im Grunde selbst ein neuerlicher Beleg für den viel zu negativen Grundtenor der hiesigen Beiträge. Das Internet ist mittlerweile ein weitverbreitetes Basismedium neben dem Fernsehen mit unzähligen Anwendungen im Alltag, die alle in IT-Projekten realisiert werden. Wirtschaft, Institutionen und Medien sind mittlerweile fast flächendeckend „durchdigitalisiert“, auch zunehmend Privathaushalte. Wie kann man da noch nach konkreten Beispielen für gelungene IT-Projekte fragen, wenn sie längst die technologische Basis von Wirtschaft, Gesellschaft und Internet bilden. Zumal IT-Projekte abgesehen von staatlichen Infrastrukturen ohnehin überwiegend privatwirtschaftlich organisiert und betrieben werden und der Staat mit ihnen direkt relativ wenig beschäftigt ist. Weiteres IT-Entwicklungspotenzial gibt es sicher immer, z.B. in Sachen E-Gouvernment oder Breitbandversorgung – aber Deutschland als eine IT-Wüste zu schmähen halte ich schon für ziemlich verblendet, quasi für eine negative Fata Morgana. Dass Deutschland fast gar keine großen IT-Unternehmen wie USA oder Japan hat, ist international keine Ausnahme, sondern die Regel, und trotzdem hängen wir wie alle entwickelten Nationen voll am und im Internet und in den neuen Informationstechnologien.

  6. Dann nenne doch jetzt mal konkret die Erfolge der Bundesregierung in puncto digitaler Kompetenz. Als Beispiel vielleicht die Bund Online-Projekte.

  7. Schnulli

    Der Staat agiert natürlich, zumal immer noch relativ am Beginn dieses neuen Mediums, relativ linkisch im Internet – z.B. auch im Arbeitsamt, finde ich. Aber war es jemals anders, wenn alte Funktionseliten auf hypermoderne neue Technologien treffen? Trotzdem muß man ja auch anerkennen, dass neben einer florierenden und funktionierenden IT-Privatwirtschaft auch der Staat Deutschland über eine hochentwickelte IT-Infrastruktur in seinen Verwaltungen verfügt. Im Internet schwächelt er halt an manchen Orten ein bißchen. Internetseiten wie die des Bundestages mit Mediathek, der Bundesregierung oder den twitternden Regierungssprecher finde ich andererseits schon ganz ansehnlich. Es tut sich schon was im Staate Deutschland, nur halt nicht alles sofort.

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