Juventas und das Ende der abendländischen Philosophie: Premiere einer Zeitschrift in der Buchhandlung Böttger

Zur Premiere der studentischen Philosophie-Zeitschrift Juventas, die halbjährlich im Bernstein-Verlag erscheint, gab es in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger einen Festvortrag von Professor Markus Gabriel. Mit 31 Jahren ist er der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands. Gabriel lehrt Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn. Seine Dissertation behandelte die Spätphilosophie Schellings und seine Habilitationsschrift verfasste Gabriel über den „Skeptizismus und Idealismus in der Antike“. In seinem Vortrag ging es „Grenzen der Erkenntnis und Erkenntnis der Grenzen“. Im Zentrum seiner Gedanken steht Kant. Nicht nur bei seinem gestrigen Auftritt. Gabriel schaut mit der Geistesgröße aus Königsberg auch aufs Netz:

„Was man bei Google macht, lässt sich mit Kant sehr gut begreifen. Hier werden nämlich Informationen gefiltert. Ganz wie unter Kantischen Bedingungen hat man einen unendlich großen Pool an Informationen, nennen wir den mal mit Kant das ‚Ding an sich‘. Dieser Informationspool ist aber nicht direkt zugänglich, es gibt eine logische Form dazwischen, das wäre in diesem Fall die Google-Suche. Anders als in Kants Erkenntnistheorie vorgesehen, fassen wir allerdings bei Google das, was unabhängig von diesen Filtern besteht, als eine ideologieanfällige Häufung zufälliger Entscheidungen auf. Zwar weist das Internet durchaus Ding-an-sich-Qualitäten auf – es ist anonym, unerkennbar, unüberschaubar -, aber wir wissen, dass im Hintergrund ideologische Kräfte walten. Das sieht man, wenn man sich Google in unterschiedlichen Ländern ansieht. In China und Iran sind die Filter anders und daher auch die verfügbare Menge an Informationen und deren Anordnung“, bemerkte Gabriel im Interview mit der FAZ.

Das Kriterium für Aufklärung sei bei Kant die gelingende Selbsttransparenz. Wer als Urteilender beim Urteilen als Begründung eine andere Instanz als sich selbst einsetzt, der sei unkritisch.

„Die Gründe seines Urteilens muss jeder auf kritische Nachfrage hin verteidigen können. Wer das nicht kann oder will, ist nicht aufgeklärt. Die Kantische Aufforderung richtet sich immer auf Autonomie und Autonomie heißt: Sich selber die Gesetze zu geben. Autonomie ist schwierig geworden, denn die Geschwindigkeit unserer Lebensformen ist uns so sehr über den Kopf gewachsen, dass wir oft nicht mehr imstande sind, selbst zu urteilen, weil das nämlich Zeit braucht. Man könnte sagen, dass die Geschwindigkeit in der Welt, in der wir leben und die wir akzeptieren, nicht aufklärungsförderlich ist, sondern im Gegenteil, die für Aufklärung nötige Zeit destruiert. Denn Aufklärung braucht Zeit.“

Unsere Autonomie werde durch unseren bisherigen Umgang mit dem Internet bedroht, ich glaube nicht, dass man sagen kann, das Internet sei von Beginn an verseucht. „Das Medium hat uns aber in eine Überforderungssituation gebracht, die ideologisch ausgebeutet wird. Diese Überforderungssituation ist selbstverschuldet, denn sie ist nicht notwendig. Schließlich war die Welt immer schon unübersichtlich“, erklärt der Philosophie-Professor.

Den Festvortrag von Gabriel zur Vorstellung der Zeitschrift Juventas gebe ich mal in eigenen Worten wieder. Wenn ich etwas falsch verstanden habe, bitte die Kritik nur bei mir abladen:

Kant stellt erkenntnistheoretisch eine wichtige Frage und das ist das eigentlich Revolutionäre seines Projekt, nicht die kopernikanische Wende,die Gabriel für einen großen Irrtum hält. Interessanter sei seine Überlegung zur Irrtumsanfälligkeit des Menschen. So liegt der Grund für das Begehen von Fehlern weder in den Gegenständen, noch in unserer Anstrengung, uns auf diese Gegenstände zu beziehen, sondern in einem merkwürdigen Zwischenbereich. Wir stehen alle auf einem Teppich der Tatsachen. Selbst wenn wir uns täuschen, ist es eine Tatsache, dass wir uns getäuscht haben. Den Tatsachen kann man nicht entrinnen. Nun könnte man wie Descartes glauben, dass es auf der einen Seite den Teppich der Tatsachen gibt und auf der anderen Seite die Anstrengungen der Menschen, die Tatsachen zu konstatieren.

Man hat Tatsachen und Aussagesätze. Wenn man so denkt, dann ist es nicht mehr weit bis zur Auffassung, dass der einzelne Mensch irgendwie nicht zur Welt gehört – ein sehr philosophisches Gefühl. Auch Solipsismus genannt. Der Mensch sei nur Zuschauer oder Beobachter, der die Welt wie in einem Kino betrachtet. Das ist ein Standardbild, mit dem die Philosophie schon lange operiert. Nun hat Kant gesagt, dieses theoretische Konstrukt sei Humbug. Das kann gar nicht so funktionieren. Warum? Nehmen wir einmal an, ich vertrete die Überzeugung, dass es in London gerade regnet. Wenn es in London gerade regnet, ist es eine Tatsache. Meine Überzeugung kann wahr oder falsch sein. Dass es in London regnet kann aber nicht wahr oder falsch sein. Es ist entweder der Fall oder eben nicht. Meine Überzeugung hingegen kann wahr oder falsch sein.

Wenn man dieses Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen von der Seite betrachtet, stellt sich die Frage, ob eine Überzeugung über das Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen wahr oder falsch sein kann. Wenn eine Überzeugung über das Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen wahr sein kann, dann kann sie auch falsch sein. Man merkt sehr schnell, dass die Theorie über die Trennung von Tatsachen und Überzeugungen selber gar keine Überzeugung ist.

Das ist gar keine Theorie, sondern nur ein leerer Satz. Das Überraschende dabei ist, dass die Philosophie seit ihren Anfängen diesem Fehler aufgesessen ist. Das führt bis in unsere heutige Neuro-Bio-Politik. Angeblich stecken wir fest in unserem eigenen Gehirn, die Welt ist nur eine Konstruktion oder Illusion unserer Gedanken, alles könnte auch ganz anders eins. Auf der einen Seite gibt es den Tatsachenteppich. Das ist eine Sache der Naturwissenschaft. Da können sie rechnen. Da sind die richtigen Tatsachen. Und auf der anderen Seite sind die komischen Überzeugungen und vielleicht auch die Geisteswissenschaften und die ganze bunte Malerei dort.

Eine Überzeugung, die weder wahr noch falsch sein kann, ist sinnlos. Diese Aussage über Wahrheit ist aber die am meisten verbreitete Theorie des Abendlandes. Die müssen wir aufgeben. Diese erkenntnistheoretische Verschwörung ist keine Theorie, sondern nur Lufthauch, ein Stimmhauch. Welche Theorie der Grenzen der Erkenntnis brauchen wir dann? Hier kommen wir nun in das Gewässer von Kant. Wenn wir eine Überzeugung haben, die wahr oder falsch sein kann, generieren wir mit dieser Überzeugung einen Gegenstandsbereich, in dem wir unterscheiden zwischen Tatsachen, die unsere Überzeugung wahrmachen können und Tatsachen, für die das nicht gilt. Wenn man sich fragt, wo es in Bonn die beste Pizza gibt, generieren wir damit den Gegenstandsbereich der Restaurants. Und zwar derjenigen, bei denen Pizza in Frage kommt.

Alles andere wäre sinnlos. In dieser Liste kommt dann beispielsweise McDonalds gar nicht vor. Wenn wir so vorgehen, dann sehen wir, dass die Wahrmacher und Falschmacher unserer Überzeugungen von uns selbst ausgelöst werden. Das diametrale Gegenteil des Solipsismus. Die Anerkennung des Teppichs der Tatsachen ist immer eine Gemeinschaftsarbeit. Menschliche Erkenntnis ist immer in einer Gemeinschaft, in einer Welt. Es kann gar nicht sein, dass der Mensch in einem Gedankenkäfig eingeschlossen ist und es außerhalb dieses Gedankenkäfigs etwas gibt. Es gehört zu den Betriebsbedingungen der Erkenntnis, dass wir Gegenstandsbereiche abgrenzen und außerhalb dieser Gegenstandsbereiche nur sehr wenig mit in Betracht ziehen. Menschliche Erkenntnis ist eine Tatsache.

Die gierige Tatsachentheorie schließt aus der Struktur der Begierde auf die Struktur der Gegenstände der Begierde. Es sei ein typischer anthropozentrischer Fehler. Streichen wir das alles raus. Zum Teppich der Tatsachen gehört auch die Erkenntnis über den Teppich der Tatsachen. Beispiel: Das Universum ist sinnvoller Weise ein Gegenstandsbereich der Physik. Es wäre sinnlos zu sagen, wir sitzen im Universum statt der Ortsangabe Buchhandlung Böttger. Wir sitzen in der Buchhandlung Böttger und nicht im Universum. Die Lokalisierung im Universum trifft nur den Gegenstandsbereich Physik. Man sollte sich also von der Tendenz verabschieden, das gesamte Weltgeschehen auf eine Ausgangsbasis zurückzuführen. Eine Tendenz, die man in der Naturwissenschaft antrifft, früher auch in der Soziologie, im Marxismus oder in der Psychoanalyse. Wir müssen die Grundtheorie aufgeben, die alles erklären kann. Dann gewinnen wir alle Gegenstände und alle Erscheinungen als Gegenstände unserer Erkenntnis und die Welt wird so bunt, wie sie ist.

Soweit der Versuch einer Zusammenfassung. Eine kleine Anregung, sich den knapp halbstündigen Vortrag selbst anzuschauen:

Hier noch die Präsentation der Zeitschrift Juventas durch die Herausgeber Anna-Christina Boell (Göttingen) und Bastian Reichardt (Bonn):

Und hier noch ein Gruppenfoto der Projektbeteiligten:

5 Gedanken zu “Juventas und das Ende der abendländischen Philosophie: Premiere einer Zeitschrift in der Buchhandlung Böttger

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