Literarische Facebookparty in Bonn: Juckeldiduckel, Jakobsmuscheln in der Südstadt und die Burnout-Tournee von Miriam Meckel

Claus Recktenwald und Heidemarie Schumacher scheuten sich nicht, über Facebook zu einer Lesung ihrer Bücher ins Café des Bonner Kunstmuseums einzuladen. Die Bude war rappel voll. Literarische Interessierte zog es am Freitagabend in die Museumsmeile: Alles Menschen, die sich schon seit geraumer Zeit über Facebook kennen, aber im realen Leben noch nicht gesehen haben – mit wenigen Ausnahmen. Jazzmusiker, Journalisten, Juristen, Kulturschaffende, literarische Interessierte und, und, und. Der virtuelle Salon, den Claus Recktenwald pflegt, reicht ins Analoge.

Aber in einer ganz anderen Weise, als ihn die Zeit-Redakteurin Nina Pauer in einem kritischen Rundumschlag gegen die Neuausrichtung von Facebook beschrieben hat. Hier trafen sich nette Menschen, die auch im Netz nett miteinander umgehen.

„Für mich ist es die erste Facebook-Party“, sagte der WDR-Hörfunk-Redakteur und Moderator David Eisermann zur Eröffnung der Veranstaltung. Und er sei glücklich, dass es nicht zu einem Verbot gekommen ist. „Bonn ist ein Roman. Heidi Schumacher und Claus Recktenwald stellen das unter Beweis. Ihre Bücher sind ganz verschieden und haben doch viel gemeinsam. Menschen in Bonn tun unerhörte Dinge. Es wird geliebt und sich entliebt. Es gibt Verkehr. Leute fahren weg und kommen sogar wieder. Der Rhein fließt mitten durch die Handlung – in beiden Büchern übrigens“, so Eisermann. Im Erstlingswerk von Schumacher, „Ein helles und ein dunkles Haus“, gehe es um ein Viertel, in dem die Stadt Bonn besonders bei sich selbst ist und es geht um Kurfürst Clemens August, wie man ihn noch nicht erlebt hat. „Claus Recktenwald ist im wirklichen Leben Jurist, Anwalt und geborener Bonner. Einer, der andere Bonner noch überraschen kann. Beispielsweise mit seinem Buch ‚MY Juckeldiduckel – Ein Handheld-Roman‘. Wobei das MY für eine Motoryacht steht.

Das Interessante an dem Debüt-Roman von Schumacher sei sein sozialer Hintergrund, schrieb die FAZ in einer Rezension, „die sich in vielen Vierteln der Großstädte vollziehende „Gentrifizierung“, also der Zuzug Gutverdienender in bis dahin ärmlichere Stadtteile. Die Szene, in der Katharina Rautenberg in Pluderhosen und ihr Zepter – in Wahrheit ein Schraubenzieher – vor sich her tragend die Straße überquert, um der Fotografin Kristin, die sie für eine ‚Prinzessin‘ hält, die Ehre zu erweisen, bleibt einem ebenso lange im Gedächtnis wie ihr huldvoller Auftritt bei der Studentenfete nebenan.“

Hier ein erster Ausschnitt ihrer Lesung.

Dann die ersten Episoden aus dem Juckeldiduckel-Abenteuer von Claus Recktenwald:

Exkurs über Kurfürst Clemens August.

„Die professionelle Lebensgefährtin der Nachrichtenmoderatorin hatte in ihrem Buch ja geschrieben, sie habe nur endlich ‚mal ausschlafen müssen, sechs Wochen im Krankenhaus. Seine Frau hatte das gelesen und es dem Arztgatten erzählt. Alles, was der dazu beisteuern konnte und ihn immer noch begeisterte, war allerdings die Fernsehschlagzeile von Harald Schmidt: ‚Miriam Meckels Burnout, mein Rückzug aus der Öffentlichkeit, hier die Tourneedaten!‚“. Ein kleiner Auszug aus MY Juckeldiduckel, der mich an eine Passage in meiner gestrigen Kolumne erinnert:

Merkwürdig an der Algorithmen-Furcht ist die ambivalente Haltung der Bedenkenträger. Sie klagen über Datenfluten, Kontrollverlust, Burnout und mentaler Überforderung. Gleichzeitig betrachten sie das Internet wie eine Maschine, die nach einem Plan zusammen gesetzt sei und fordern die Rückkehr des Zufalls. Der Kern des Sozialen bestehe gerade nicht im totalen Erfasssenkönnen, meint Nina Pauer in ihrer Facebook-Abhandlung. „Also in dem, was jede Situation an Überraschendem, Unplanbarem, Ungesagtem, Angedeutetem birgt.“

Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel fordert sogar einen planerischen Eingriff ins Internet, um wieder mehr Zufallselemente in die Algorithmen einzubauen. Zufall nach Plan? Algorithmen können doch nur Verhaltenswahrscheinlichkeiten ausrechnen und sind nie in der Lage, die Komplexität des Lebens und der Natur vollständig zu erfassen. Das wird auch Mark Zuckerberg nicht ändern.

Und hier die Passage aus der Lesung:

Was die komische Plattform Facebook so alles bewirkt.

Bis zur nächsten Facebook-Party!

5 Gedanken zu “Literarische Facebookparty in Bonn: Juckeldiduckel, Jakobsmuscheln in der Südstadt und die Burnout-Tournee von Miriam Meckel

  1. Das freut den Autor natürlich. Tatsächlich gab’s so ein Projekt wohl noch nicht, auch keine „ist ja ein Roman …“-Stadt, die im Unikum Handheldroman erfasst und mit dem einzigen Gentrifizierungsroman belohnt wird. Glückliches Bonn, gleich vier Weltpremieren?

  2. Pingback: Der Juckeldiduckel-Datenschutz des Staates: Ablenkungsmanöver statt Gesetzestreue #Staatstrojaner | Ich sag mal

  3. Anonymous

    Also das klingt doch alles sehr fröhlich und gerne wäre ich da näher dran gewesen. Beste Grüße des alten Bönnsche Jong aus der Mitte Anatoliens

  4. Pingback: Professor Bunsen und die Gedankenkotze einer WDR-Radiojournalistin | Ich sag mal

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