Scheiße im Blogger-Vorgarten, Lecks in Leakingsystemen, fleißige Social Media-Aktivisten und die Chancen des Datenjournalismus #djv_bo

Hier meine kompakte Rückschau auf den Besser Online-Kongress des DJV in Bonn. Es war in der Tat so, dass man einige Twitter-Follower sofort erkannt hat. Die politisch brisanteste Diskussionsrunde lief nach der Mittagspause mit Daniel Domscheit-Berg, David Schraven von „Der Westen“ und Albrecht Ude. Thema „Wikileaks“. Behandelt wurden die spannenden Fragen, wie sicher die Leaktingsysteme sind, wie man die Anonymität der Informanten sicherstellt, welche technischen Systeme sich durchsetzen werden und warum es bei Wikileaks zum Daten-Leck kam. Hier ein paar Videoausschnitte:

Die Blogger-Runde zum Thema „Selbstvermarktung und Social Media“: Don Dahlmann (dondahlmann.de), Richard Gutjahr (gutjahr.biz), Heike Scholz (mobile-zeitgeist.com), Peter Jebsen (Moderator), Kixka Nebraska (profilagentin.com) und Christian Jakubetz (jokblog.de) sprachen über ihre Erfahrungen zur Gewinnung von Popularität im Netz. Wichtige Faktoren für Aufmerksamkeit: Content, technische Fertigkeiten, Ballhöhe in Fragen der Social Media-Tools, Bereitschaft zur „Rampensau-Inszenierung“, Timing, Schnelligkeit, Frequenz der Blogpostings (Heike Scholz hält mindestens drei Postings pro Woche für erforderlich), Netzwerkeffekte auslösen, in Vorlage treten ohne direkte Gegenrechnungen aufzumachen und ein paar andere Dinge.

Das beste Panel hätte ich beinahe überhaupt nicht mitbekommen. Parallel lief ein Workshop über Online-Publishing, der sich leider dann nicht als Workshop erwies. Da wurde eher über Verlagsstrategien für Apps etc. gesprochen.

Nach einer halben Stunde bin ich dann zum Panel „Datenjournalismus“ übergelaufen: Mit Christina Elmer (dpa.com), Johannes Gernert (taz), Lorenz Matzat (datenjournalist.de), Matthias Spielkamp (iRights.info) und dem Moderator Peter Welchering Oliver Havlat.

Die Experten vermittelten eine Menge Tipps, beleuchteten die Schwächen der Journalistenausbildung im Umgang mit Daten und stellten dar, welche Chancen im Datenjournalismus stecken für Primär-Recherchen und Storys, mit denen man sich von der Konkurrenz abheben kann. Audio-Mitschnitt leider unvollständig, da ich die ersten 30 Minuten nicht da war.

Im Abschlussplenum traf wohl Stefan Plöchinger von sueddeutsche.de den Nerv der Netzgemeinde.

Das musste ich direkt in meiner The European-Montagskolumne aufgreifen:

Warum man auf Blogger nicht scheißen sollte: Wenn Twitter im Alltag der Journalisten unbekannt ist, dann nehmen sie die Wirklichkeit nicht mehr wahr. Zeit für die Medien, sich selbst weniger wichtig zu nehmen und das Internet zu verstehen….

„Junge Leute, die zur Journalistenschule kommen, sind nicht per se bei Twitter oder Facebook. Ich wundere mich, wie wenig die sozialen Netzwerke in den Arbeitsalltag integriert werden. Das gilt vor allem für Twitter. Als journalistisches Medium ist es unbekannt. Facebook ist für alle selbstverständlich – aber eher für die private Nutzung“, erklärte Matthias Spielkamp von iRights.info im Abschlussplenum von „Besser Online“. Der deutsche Journalismus im Umgang mit den neuen Medien sei noch sehr unterentwickelt, kritisierte Stefan Plöchinger von sueddeutsche.de. Das Selbstbildnis vom allwissenden Journalisten habe sich durch die Social-Media-Ausdrucksformen in angelsächsischen Ländern schon sehr gut reduziert. Hier gebe es sehr interessante und kluge Ansätze für einen kuratierenden und moderierenden Charakter des Journalismus. „Es ist erstaunlich, dass wir das im Jahr 2011 in Deutschland noch nicht entdeckt haben. Wir reden über neue Kulturtechniken, die Journalisten erlernen müssen. Wir befinden uns in einem Ökosystem, das sich permanent ändert. Ich bekomme einen kalten Schauer, wenn ich in der Klasse einer Journalistenschule stehe und nach den Berufswünschen frage“, so Plöchinger. Die Hälfte wolle nicht digital arbeiten, sondern eher das berühmte Stück auf Seite drei schreiben. „Die haben aber noch 40 Jahre vor sich. Das wird nicht mehr passieren. Man wird digital arbeiten. Man wird sich damit auseinandersetzen müssen.“

Als Einstieg in das Abschlussplenum gab es eine kleine Liveschaltung zu Jeff Jarvis:

Fotos vom Besser Online-Kongress auf Facebook.

Hoffe, ich war fleißig genug in meiner Doku über den DJV-Kongress.

10 Gedanken zu “Scheiße im Blogger-Vorgarten, Lecks in Leakingsystemen, fleißige Social Media-Aktivisten und die Chancen des Datenjournalismus #djv_bo

  1. Danke für den ausführlichen Bericht und die Videos!

    Moderator des Podiums zum Datenjournalismus war übrigens nicht Peter Welchering (musste kurzfristig absagen), sondern Oliver Havlat.

  2. An der Stelle „Das Selbstbildnis vom allwissenden Journalisten…“ musste ich schon sehr schmunzeln. Ich kenne keinen guten und souveränen Journalisten, der dieses Selbstbildnis hat, sondern eher versucht, seinen zwangsläufigen Wissensabstand zu den Wissenden immer weiter zu verringern.

    Manchmal glaube ich, dass viele, ich sag´ mal zugespitzt Online-Fixierte das als Bild eines (in Wirklichkeit nicht existenten) Gegners aufbauen, um sich daran abzuarbeiten und als die wahren und modernen Journalisten zu stilisieren. Die Masse der Journalisten, wie ich sie wahrnehme, integriert die diversen Online-Tools so gut und so rationell wie es geht in die Alltagsarbeit. Aber sorry: Bei einem ernsten Live-Ereignis (und das ist für die meisten meistens eher die Explosion in Knüstenkirchen als die Revolution auf Tahir) ist ein Twitter-Strom normalerweise eben genau ein Strom mit leider sehr wenig Goldkörnchen.

    Aus der Erfahrung grob geschätzt: 40 Prozent Retweets, 40 Prozent Links zu den immer gleichen Medien-Meldungen, 15 Prozent Wiedergabe Dritter und maxmimal fünf Prozent eigene Beobachtung. Um diese Goldkörnchen zu finden und einzuordnen von Stellen, wo eben gerade kein Agenturjournalist steht, braucht man richtig Auswerter-Manpower. Einzelne Jornalisten oder auch nur kleine Teams haben bei einer hektischen Großlage nur minimale freie Kapazitäten. Twitter passt da parallel zu Warteschleifen und Besetzzeichen rein. Eventuelle Funde sind dann natürlich den Aufwand wert. Viel Spaß aber allen, die beim Papst-Besuch Exklusiv-Beobachtungen bei Twitter suchen…

    Der eng gestrickte Alltag ist halt so und beißt sich ein wenig mit den hehren Wünschen auf Medientreffs. Aber natürlich kommt man viel hipper rüber, wenn man den Rest der Zunft verallgemeinernd in die Internet-Ausdrucker-Schulblade steckt.
    Weiterbildungsbedarf ist natürlich immer da – gute Journalisten wissen, dass sie nie genug wissen – gute Onliner sicher auch 😉
    Manchmal bin ich mir aber nicht sicher, ob die Beteiligten auch nur einem vollen Agentur- und Email-Input einer normalen Redaktion gewachsen wären. Aber das ist jetzt genauso ein Vorurteil wie die Internet-Ausdrucker 😉
    Ansonsten danke natürlich für das Material!

  3. @pjebsen Vielen Dank für den Hinweis auf den Moderatoren-Wechsel. Da hatte ich bei der Betrachtung meiner Fotos auch leichte Zweifel. Korrigiere ich.

  4. @zeilenknecht „Das Selbstbildnis vom allwissenden Journalisten…“ Diese Formulierung stammt zwar nicht von mir, aber es gibt sicherlich einige Zeitgenossen, die dieses Selbstbildnis gepflegt haben oder noch immer pflegen. Ob etwas hipp ist oder nicht, interessiert mich nicht. Das digitale Werkzeug muss man einfach in den Arbeitsalltag integrieren und klug nutzen. Nichts anderes hat wohl das Abschlussplenum zum Ausdruck bringen wollen. Und in der Tat ist es wohl so, dass der journalistische Nachwuchs nicht daran vorbei kommt, digitale Kompetenz zu entwickeln in den nächsten vierzig Jahren.

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