Berater und die Schweißspur wundergläubiger Manager

Wer sich als Unternehmen auf die Social Media-Welt einlässt, sollte sich in allen Geschäftseinheiten vom Mythos der absoluten Kontrolle, Rationalität und Planbarkeit verabschieden, empfiehlt der Kölner Softwareexperte Andreas Klug. Siehe meine Kolumne zum so genannten Adhocracy-Management. „Es reicht nicht aus, für die Kulisse ein kleines Twitter-Team im Kundenservice zu bilden und alles andere beim Alten zu belassen. Damit wird man kläglich scheitern. Der amerikanische Organisationspsychologe James C. March plädiert für eine ‚Technologie der Torheit‘. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden“, so Klug, Mitglied der Geschäftsführung von Ityx.

Ich habe das Phänomen des Kontrollverlustes in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an dieser Stelle schon mehrfach beschrieben. Nur wenige Menschen wollen oder können sich damit abfinden. Der Publizist Frank Böckelmann hat sich in der Machart eines Ratgebers mit der Frage auseinandergesetzt, wie man sich mit den Paradoxien des Alltags auseinandersetzt und der Kontroll-Schimäre hinterherläuft. Vor allen Dingen die liebwertesten Gichtlinge im Top-Management von Unternehmen halten Diktum der Planbarkeit fest.

In seinem Buch „Risiko, also bin ich“ beschreibt Böckelmann die Kehrseiten dieser permanenten Selbstüberforderung: „Überall werden lebensfüllende Erfolgs-, Gesundheits- und Sicherheitsprogramme gehandelt. Sie werden zum Lebensersatz, wenn sie uns nicht sagen, wann das Streben nach Erfolg, Gesundheit und Sicherheit anderen Unternehmungen zu weichen hat. Wann die Grenzen meiner Ichlings-Wirtschaft erreicht sind. Die Vorsichtigen, die jährlich Durchgescheckten und die umsichtig Beratenen erleben es heute, dass ihre Sicherheiten heimtückische Sorten von Unsicherheiten sind.“
Warum boomt die Coaching-Industrie seit Jahren? Und warum sind die oberschlauen Coaching-Meister nicht selten abgehalfterte Laberköppe, die es in ihrem erlernten Beruf nur selten zur Meisterschaft gebracht haben?

„Warum will ein Meister der Wahrscheinlichkeitsrechnung den Lottospielern gegen geringes Entgelt verraten, wie die Gewinnchancen mittels raffinierter Systemwetten optimiert werden können? Warum optimiert er nicht seine eigenen Chancen und setzt sich mit den gewonnenen Millionen zur Ruhe? Warum begleitet ein berufsmäßiger Karriereberater überforderte Führungskräfte beim Bewältigen und Kräftesammeln, anstatt die Erfolgsleiter in der Wirtschaft selbst zu besteigen“, fragt sich Böckelmann.

Die Scharlatane der Beratungsindustrie treffen dabei auf die Schweißspur wundergläubiger Manager, die sich unter wachsendem Leidensdruck nach geheimnisvollen Formeln sehnen: Die sieben goldenen Regeln für Reichtum, das Vademekum für Macht oder das Arkanum chinesischer Strategeme für den Sieg über Konkurrenten. Das Ganze wird selbstredend ganzheitlich praktiziert und wird mit netten Phrasen wichtigtuerisch garniert. Weiter geht es in meiner heutigen Kolumne für das Debattenmagazin The European.

2 Gedanken zu “Berater und die Schweißspur wundergläubiger Manager

  1. Ist es nicht eher bei Coaches wie bei Managern, dass beide ab „Guru-Status“ nicht mehr ernst zu nehmen sind („Hochzeit-im-Himmel“-Schrempp et al)? Bei Trainern aller Art wäre es mal mehr als einen Blick wert, ob wirklich die Top-Könner eines Faches die besten Vermittler sind (abgesehen davon, dass IMHO die Top-Könner eines Faches viel zu sehr an Inhalten interessiert sind, als dass sie sich dauerhaft und erfolgreich in die Hierarchie-Mühle begeben möchten).

    Laienhafter Fußball-Vergleich: Matthäus und auch Klinsmann konnten als Trainer langfristig nicht einen Bruchteil ihres einstigen spielerischen Könnens umsetzen. Löw/Klopp waren spielerisch nicht in der Liga wie die anderen beiden, als Trainer aber…

    Und wer schafft nun den manischen Kontrollfreaks den Raum für Entscheidungen außerhalb des 08/15-Rasters, in das BWLer scheinbar genauso gebügelt werden wie in ihre Anzüge? Wer außer dem Patriarchen im Familienunternehmen kann sich auch mal was mit mehr Risiko oder Spinnertes erlauben, ohne dass ihn seine Shareholder im Unternehmensberater-Slang smart&schnell abgefunden vor die Tür setzen?

  2. na ja, die Analogie zum Job des Fußballtrainers hinkt ein wenig. Schließlich ist er ein Festangestellter und kein Externer. Und es gibt auch Gegenbeispiele: Franzl Beckenbauer. Und Klinsmann schwächelte ja nur als Bayern-Trainer – da ist er nicht der Einzige.
    Felix Magath war ein guter Spieler und ist nach meinem Dafürhalten einer der besten Trainer in Deutschland – auch wenn er in Bayern und Schalke scheiterte.

    Natürlich brauchen Unternehmer auch Spinner – intern und extern. Aber die ganzheitlichen Esoterik-Schwurbler sind noch nicht einmal unterhaltsame Hofnarren.

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