Die zauberhaften Hexereien der Gelben Tonnen-Herrscher: Mystik des Grünen Punktes und parareligiöse Erscheinungen


An dieser Stelle habe ich mich ausführlich mit der Mülltonnen-Verschwörung auseinandergesetzt: „Warum kleine grüne Männchen Gelbe Tonnen durchwühlen und Gelbe Säcke aufschlitzen“. Nun legt der Bonner FAZ-Korrespondent Helmut Bünder nach und erweitert die Müllschwund-Forschung mit den Möglichkeiten von Zaubertricks der Müllmagier. „Fast 400.000 Tonnen Plastikabfall waren monatelang spurlos verschwunden. Jetzt sind sie wieder da“.

Eine kleine Korrektur sei an dieser Stelle erlaubt. Plastikabfall genießt ja nun nicht gerade den besten Ruf. Aber in dieser Müllschwundmenge sollen auch Weißblech, Alu und so genannte Verbundverpackungen mit im Spiel sein. Also all das, was wir so täglich in Gelbe Tonnen und Säcke werfen (sollen). Wenn also Müllmagier mit ihren Zaubertricks verantwortlich sind für das circensische Tonnen-Spektakel, bleibt noch die Frage zu beantworten, mit welchen Methoden die Abfall-Illusionisten vorgehen. Handelt es sich um den Bechertrick, das Kümmelblättchen, die vertauschten Glocken oder gar um die Svengaki-Wunderkarten?

Es könnte natürlich auch um spirituelle, metaphysische Bedürfnisse und parareligiöse Erscheinungen drehen: Telepathie, Materialisationsphänomene, Telekinese und Psi-Anomalien sind ja heutzutage keine Seltenheit. Bedrohlicher wäre ein Mephisto-Pakt beim Gelbe Tonne-Eroberungsplan. Dem wollten ja sechs Duale Systeme Einhalt gebieten über den Einsatz von Exorzisten. Im Abfalljargon heißen die Wirtschaftsprüfer. Siehe dazu auch den Beitrag: Der Müllschwund-Spuk und die Zertifikatsbürokratie der Entsorgungswirtschaft: Neue Hindernisse für Recyclingwettbewerb.

Neben der nun aufgeklärten Müllschwund-Verschwörung sollten die Wirtschaftsprüfer über Zertifikate gegen den Teufelspakt von Müllbetrügern vorgehen. Von der Wirkung der Teufelsaustreibung war der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) fest überzeugt: „Mit diesem Zertifikat haben wir ein Instrument entwickelt, das die Fähigkeit besitzt, für Stabilität und Nachhaltigkeit im Verpackungsmarkt zu sorgen“, so BDE-Präsident Peter Kurth. Und nun scheint sich die Branche in einem Teufelskreis zu bewegen. Denn nach dem zauberhaften Bericht der FAZ haben sich zwar sechs Gelbe Tonnen-Sammelunternehmen dem Regime der Müll-Exorzisten unterworfen.

Geholfen hat es nicht. „Wir sehen die Qualitätssicherungsinitiative des BDE als gescheitert an“, sagt Herwart Wilms, der Geschäftsführer von Ekopunkt, nach dem FAZ-Bericht. Denn gemogelt werde offensichtlich ausgerechnet von einigen der Unternehmen, die im BDE die Selbstverpflichtung unterschrieben haben. Aus ihrem Kreis stamme die „weit überwiegende Menge“ der Eigenrücknahme, kritisiert Wilms, der sich dabei auf eine Auswertung durch die BDO-Prüfer beruft. Ein weiteres Engagement in der Verbandsinitiative hält er deshalb für zwecklos. Unter den sechs geläuterten Systemen sollen sich also Abtrünnige bewegen.

Zur Auswahl stehen jetzt also folgende sechs Verdächtige: Duales System Deutschland, Eko-Punkt, Interseroh Dienstleistung, BellandVision, Zentek und Veolia Umweltservice Dual. Bei der Zahl Sechs kommen wir dann sehr schnell zur Hexerei. „Die Bezeichnung für die Zauberei einer Hexe hat eine lange Geschichte, die mit den Bedeutungen der Zahl Sechs – griechisch Hex, meist hexa-, lateinisch sex, verwandt mit dem ägyptischen sexen, ‚umarmen, begatten‘, – zusammenhängt. Die Zahl Sechs symbolisiert die Vereinigung der Dreifachen Göttin mit ihrem den Dreizack tragenden Gemahl und galt deshalb überall als die Zahl der geschlechtlichen Vereinigung. Aus diesem Grund bezeichnet die christliche Kirche die Sechs als ‚die Zahl der Sünde‘.“ Nachzulesen unter Hexenverfolgung und Inquisition.

Der Abfallexperte Sascha Schuh von der Bonner Beratungsfirma Ascon präsentiert im Interview erweitert den Müllschwund-Exkurs mit der Theorie „Die Kritiker der Elche sind selber welche“. Auch er umkreist dabei die Zahl Sechs. Die Diskussion über so genannte Branchenlösungen und Eigen-Rücknahmen, die den Gelben Tonnen das Innenleben aussaugen, sei bigott: 80 Prozent der Branchenlösungen werden von den Dualen System selber betrieben (siehe Interview ab der Minute 16:50). Einer dieser sechs dualen Systeme habe einen großen Anteil an Verkaufsverpackungen aus dem Müllstrom rausgenommen. Hier soll es sich um 125.000 Tonnen handeln.

So eine gigantische Menge könne nur ein Unternehmen bewältigen mit einem entsprechenden Marktanteil in der Entsorgungswirtschaft. Und jetzt sind wir beim Ich sag mal-Blog-Sommerrätsel. Welcher Entsorgungsgigant könnte das sein? Unter den sechs Dualen Systemen gibt es Unternehmen mit mächtigen Müttern, die im Müllsektor unterwegs sind. Für die Auflösung dieses Rätsels spendiere ich die Präsentation eines Münzen-Zaubertricks via Youtube, den ich mir bei meinem Papa abgeschaut habe.

Tweed-Sakko statt Tweet-Kompetenz

Man spürt die Verkrampfung der liebwertesten Gichtlinge aus dem Industrieparadies des 20. Jahrhunderts, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. In Anlehnung an das Standardwerk von Marshall McLuhan formuliert es der Grafiker Quentin Fiore in seiner Schrift „Das Medium ist die Massage“ etwas deutlicher: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte. „Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns h-ä-n-g-e-n. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Der „Salesmanager 4.0“ hasst in Wahrheit die Welt der Blogs, Foren und Netzwerke. Alles eine Zeitgeisterscheinung. Er kann einen Tweet nicht von einem Tweed unterscheiden. Letzteres hängt ja als Sakko in seinem Kleiderschrank. Warum sollte es da noch etwas anderes geben. Neumodischer Kram. Das Netz richtet sich aber nicht mehr nach den Gesetzen der Tweed-Kanalarbeiter.
Es herrscht asymmetrisch, wie es die Zeit-Autorin Tina Hildebrandt formulierte in ihrem Exkurs über den Depp-der-Woche.de. Unkontrollierbare Schwärme gegen Individuum oder Organisation. Der Salesmanager 4.0 ist in Wahrheit ein Kaiser Wilhelm der Neuzeit, der fest an die Zukunft des Pferds glaubte und das Automobile für eine vorübergehende Erscheinung hielt. In zehn Jahren wird es diesen Manager nicht mehr geben. Am Montag mehr in meiner The European-Kolumne über den Abschied von den Tweed-Managern: Die asymmetrische Herrschaft der Netzkommunikation.

Vermeintliche Datenkraken und ein Hotline-Terror-Rettungsschirm für Printmedien


„Google verkauft Deine Daten an den Teufel“, betitelt Kristian Köhntopp ein nicht gerade rühmliches Kapitel der „Qualitätsmedien“.
Es geht um Berichte in der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der „Süddeutsche Zeitung“, die wohl etwas zu voreilig waren in ihrem Google-Datenkraken-Alarm. „In einer Datenbank mit dem mysteriösen Kürzel DDP sollten die Interessen der Werbekunden an den Meistbietenden verhökert werden. Der Datenschutz – die goldenen Bulle der letzten Jahre – war in Gefahr. Offenbar hatte Google vor, uns alle zu verwanzen. Man schrieb von der Website des amerikanischen Marketing-Fachblatts AdAge ab“, so Netzpiloten-Blogger Jörg Wittkewitz in seinem Beitrag „Warnintelligenz“.

Dort wurde eine neue Lösung für das so genannte Target-Markting von Bannerwerbung auf Websites vorgestellt. „Das Ziel bei dieser Form der Werbung liegt darin, den älteren Semestern im Internet Werbung für Kreuzfahrten auf den Leib zu schneidern und dem siebzehnjährigen Enkel die neueste CD seiner Lieblingsband zu präsentieren“, erklärt Wittkewitz. Für die Süddeutsche Zeitung jedenfalls war die Sache klar: „Künftig sollen Werber bei Google Daten von Verbrauchern kaufen können, mit Name, Adresse und, vor allem, nach Interessen sortiert.“ Egal, ob nun Google solche Adressen hat oder nicht, die Debatten zur Personalisierung von Online-Werbung laufen in Deutschland immer nach dem gleichen Muster ab: Alles, was so in der Internetwelt vor sich geht, sei irgendwie bedrohlich und schwer durchschaubar. Datenspione sind unterwegs, die ahnungslose Menschen überwachen und skrupellos Online-Einkäufe, Haustüren, Fassaden, Jägerzäune, Vorgärten, Aufenthaltsorte, Hobbys, Reisen, Suchanfragen, Empfehlungen, Verlinkungen, Kommentare, Profile und besuchte Websites registrieren.

Die Dunkelmänner des Cyberspace verfolgen nur ein einziges Ziel – sie wollen uns Werbung einblenden, die uns wirklich interessiert und die wir eventuell nicht wegklicken, wegzappen oder links liegen lassen. Pfui Teufel, das ist niederträchtig, gemein, verschwörerisch, anmaßend, perfide und verdient unsere tiefste Verachtung. Nein, noch mehr: Dieses Verhalten muss bestraft werden. Die jährliche Vergabe der Big Brother Awards an die Sektenbrüder einer milliardenschweren geheimen Loge ist nur die mildeste Form der Abstrafung, um uns von dem Joch der digitalen Entmündigung und Demütigung zu befreien. Da ist es doch besser, wenn wir auf Schritt und Tritt von der klassischen Massenreklame malträtiert werden, die uns zum Umschalten des Fernsehkanals animiert oder daran erinnert, schnell noch eine Pinkelpause einzulegen, das Bier kalt zu stellen und den Hamburger in die Mikrowelle zu schmeißen. Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden. Sie schützt uns vor dem Tanz um das Goldene Online-Kalb, sie bewahrt uns davor, dem schnöden Mammon der Internet-Konzerne zu verfallen. Es ist wie mit dem Anti-Raucher-Kaugummi, der nach Aschenbecher schmeckt: So wirken auch die stets lächelnden und aseptischen Hausfrauen, die uns für Waschmittel begeistern, die gütigen Opas, die ihre Enkelkinder mit widerlich süßen Bonbons beglücken, die schreiend lauten und „geilen“ Schweinebauch-Slogans für technischen Schnickschnack, der in jedem Onlineshop billiger angeboten wird, die Heucheleien mit Danke sagender Schokolade, die man sich freiwillig nie kaufen würde und die schmierigen Männer in weißen Kitteln, die uns Ratschläge für die Zahnpflege erteilen.

Hotline-Terror der Verlage als notwendige Umerziehungsmaßnahme

Die Konsumpropaganda in Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und auf Plakatwänden, die wir auf Schritt und Tritt an den Kopf geballert bekommen, ohne uns wehren zu können, ist die gerechte Strafe für eine zu bequeme Konsumhaltung und den um sich greifenden Web-Hedonismus. Selbst die nervigen Werbeanrufe von Call Center-Agenten, die uns im Kampf gegen den Auflagenschwund von Zeitungen und Zeitschriften täglich Uhren, iPods, Kaffeemaschinen, edle Füllfederhalter oder Radiowecker schenken und so nebenbei „günstige“ Abonnements aufschwatzen wollen, müssen wir als notwendige Rettungsschirm-Maßnahme der Qualitäts-Printmedien-Verlage hinnehmen. Der Hotline-Terror ist eine notwendige Umerziehungsmaßnahme, um uns auf den Tugendpfad der analogen Welt zurückzubringen. Selbst wenn es personalisierte Werbung nur gibt, wenn die Internet-Nutzer dem ausdrücklich zustimmen, wird wohl der Feldzug der kulturkritischen Geister in Deutschland nicht enden. Das hat doch ein staatlicher Datenschützer eines nördlichen Bundeslandes mit aller Deutlichkeit gesagt. Wer sich auf Google einlässt, ist doof und muss vor seiner geistigen Unzulänglichkeit geschützt werden – natürlich von den Volkspädagogen des staatlichen Datenschutzes. Insofern wird auch das Dementi von Google im Land der Technikskeptiker nicht auf fruchtbaren Boden stoßen. Warum personalisierte Web-Dienste dennoch sinnvoll sind, schildere ich in meiner Freitagskolumne für den Fachdienst Service Insiders.

Social Media nur ein neuer Kanal im Kundenservice? Es geht um den öffentlichen Netzdialog, liebe Silberlocken-Manager

In öffentlichen Verlautbarungen von Vertriebs- und Marketingmanagern gibt es eine merkwürdige Service-Philosophie. Soziale Netzwerke werden nur als weitere Spielwiese für Verkaufsplappereien gesehen. „Lassen Sie es mich ketzerisch formulieren: Social Media ist keine welterschütternde Revolution, sondern ein neuer Kanal – Punkt. Der Kunde hat ein Anliegen und ob er diese nun per SMS oder als ‚Kunde 2.0‘ über Social Media kommuniziert, ist nicht so entscheidend“, verkündet ein Silberlocken-Salesmanager in einer Werbeanzeige in der Fachzeitschrift TeleTalk. Man spürt die Verkrampfung dieser Herren, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. Der Unterschied liegt an der Anarchie des Netzes, die man mit solchen Kasernenhof-Sprüchen nicht mehr dirigieren kann. Service-Ärgernisse versanden eben nicht mehr in der Warteschleife einer Hotline, sondern erblicken das Licht einer unübersichtlichen virtuellen Öffentlichkeit. „Früher gab es im Kundenservice hauptsächlich eins zu eins Konversationen. Durch die Sozialen Netzwerke ist es heute möglich, eine große Anzahl an Personen zu erreichen“, erläutert Rainer Kolm, Mitherausgeber des Ratgebers „Social Media im Kundenservice“, im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Bislang laufen die Anfragen in der Regel über E-Mail, Brief und Telefon unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Textbausteine und Skript prägen den Alltag des klassischen Agenten im Kundendienst. Laufen Serviceanfragen, Kritik über schlechte Dienstleistungen oder technische Mängel über soziale Netzwerke, helfen Sprachregelungen, Beruhigungspillen, Kontrollschleifen, Autorisierungen und Mauertaktiken nicht mehr weiter.

Das hat beispielsweise Daniel Backhaus, Teamleiter Social Media Management der Deutschen Bahn, gut erkannt. Die Metamorphose vom Call Center- zum Social Media-Agenten sei kein einfaches Unterfangen. Das könne nicht jeder. Es werde zwar seit Jahren über Multichannel-Management gesprochen. In der Realität würde das noch anders aussehen. Der Schritt vom Korsett der Skriptorientierung des Call Center-Agenten zum öffentlichen Kundendialog sei enorm.

„Ich habe mir in letzter Zeit sehr viele Call Center angeschaut, um die Kultur dort kennenzulernen. In den nächsten drei bis vier Jahren können wir nicht von einem wirklichen Channel-Management sprechen. Es wird Social Media-Inseln geben, die sich generalistisch in den Kern eines Call Center hineinarbeiten werden. Sie werden eine neue Kultur lernen, um ohne Textbausteine mit Kunden zu kommunizieren. Es führt aber kein Weg daran vorbei. Selbst beim Dialog über E-Mail und Telefon wird man dann ähnlich operieren wie über Twitter oder Facebook. Kommt eine Anfrage aus dem Social Web auf die klassischen Kanäle, erscheint dann vielleicht ein grünes Däumchen, um frei antworten zu können. Irgendwann sollte jeder Call Center-Agent in der Lage sein, sich in sozialen Netzwerken professionell zu bewegen. Da sind wir noch weit von entfernt“, so die Erfahrung von Backhaus.

Nur die wirklich guten Agenten seien intellektuell für Social Media geeignet. Entsprechend höher müsse die Bezahlung dieser Mitarbeiter ausfallen. Social Media-Agenten müssten in der Öffentlichkeit im Namen der Marke kommunizieren. Eine Domäne, die bislang der PR- und Marketingabteilung vorbehalten war. „Die zwölf Mitarbeiter, die wir ausgebildet haben, sind sich klar darüber, welche Verantwortung sie übernommen haben. Warum das so ist, zeigt ein Beitrag des Bloggers Richard Gutjahr.

Auf die öffentliche Beschwerde über das Geschäftsgebaren von OTTO antwortet eben kein Call Center-Agent mehr, sondern der Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation der Otto Group.

Sozial Media also nur ein profaner neuer Kanal im Kundenservice? Dann würde wohl kaum ein Vorstandsmitglied von OTTO den Gang nach Canossa antreten.

Siehe auch:
Schlechte Zeiten für schlechten Service.

Vielleicht sollten Servicemanager in Ferienzeiten einfach keine Interviews geben: Weshalb zu lange Auszeiten doof machen.

Raten statt Rating: Der Währungskrieg der Dollar-Analysten


Bei den Schlagzeilen über den Zustand der amerikanischen Volkswirtschaft, die zur Zeit über den Atlantik schwappen, ist es doch recht merkwürdig, mit welcher Energie sich die drei Ratingagenturen der USA mit der Eurozone beschäftigen und in schöner Regelmäßigkeit einzelne EU-Mitgliedsstaaten runterstufen. Vergleicht man die Verschuldung der Eurozone mit dem Finanzgebaren der USA, müssten sich die Analysten der Rating-Bürokratien eigentlich schon die Frage stellen, ob sie noch Herr ihrer Sinne sind: Drohende Staatspleite der USA; Schuldenkrise in den USA: Millionen Amerikanern droht der Ausfall ihrer Sozialhilfe; US-Schuldenstreit:
Obama spielt die Angst-Karte;
Drohende US-Staatspleite Parteienstreit in den USA bedroht die Ärmsten: Das klingt nicht nach einer seriösen Finanzpolitik. Wenn man sich mit der Macht der Ratingagenturen beschäftigt, wie es die FAZ tut, sollte auch die Frage beantwortet werden, welche Interessen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch verfolgen. Das sind doch keine neutralen Instanzen.

Im WDR2-Interview gab der Finanzwissenschaftler Professor Max Otte die richtigen Hinweise: „Italien hat ein deutliche geringeres Staatsdefizit als die USA. Sie haben hohe Schulen, aber die sind bei der eigenen Bevölkerung. Sie hatten aber keine Immobilienblase. So schlecht steht Italien nicht da und dennoch wird das Land abgestuft“, so Otte. Es werde also mit zweierlei Maß gemessen. Es seien ja nicht „die“ Ratingagenturen, sondern private Bürokratien. Man müsse sich nur anschauen, wo diese Agenturen sitzen und dann kann man sich zusammenzählen, warum sich diese Häuser an die USA nicht herantrauen. Die drei amerikanischen Rating-Giganten seien Teil eines Euro-Dollar-Währungskrieges. „Sie spielen eine bestimmte Rolle. Und es ist vielen sicherlich nicht unrecht, dass sie Europa nach unten stufen und wir uns zerfleischen. Das Fundament, auf dem der Dollar steht, ist wackliger als das Fundament, auf dem der Euro steht“, erklärt Otte.

Es sei besonders ärgerlich, dass die Ratingagentur erst im nachhinein abwerten. „Warum haben die nicht vorher gewarnt, dann hätten sie ja eine wichtige Funktion“, so die Frage des WDR-Moderators. Wenn sie vorher warnen würden, könnten sich die Länder darauf einstellen und noch etwas machen, antwortete Otte. Wenn sie zu negativen Einschätzungen gelangen, wenn die Krise schon eingetreten sei, wie bei der Finanzkrise, dann verschärfen sie die Lage. „Aber letztlich sind auch die Ratingagenturen nur Bürokratien und keine Institutionen mit Voraussicht. Und wenn das so ist, dann kann man das Ganze auch direkt staatlich machen“, fordert Otte. Dann fallen die Interessenkonflikte weg.

Die Rating-Fritzen sind halt genauso blöd wie jeder stinknormale Börsenanalyst oder Konjunkturforscher. Letztere können auch erst ihre schlauen Reden führen, wenn ein Unheil eingetreten ist. Tun aber so, schon immer alles vorher gewusst zu haben. Siehe auch: VWL-Mechaniker und Ex-post-Prognostiker in der Sinnkrise.

Hans Magnus Enzensberger ein dazu entzückendes Alphabet der Krise veröffentlicht:

Da heißt es zu Berater, der; „Bankangestellter, der ebenso im Nebel stochert wie seine Kunden, aber wenigstens solange der Umsatz stimmt, Geld damit verdient, statt es einzubüßen.“

Oder Analyst, der; „einer, der es aus guten Gründen nicht wagt, sich einen Analytiker zu nennen. Wehe dem, der sich einem Therapeuten anvertraut, dem selber auf keiner Couch mehr zu helfen ist.“

Analysten der Rating-Bürokratien sind eben auch nur Klatschbasen der Statistik mit einem höchst eingeschränkten Horizont. Wenn das dann noch währungspolitisch aufgeladen wird, frage ich mich, warum die EU-Staaten sich das immer noch bieten lassen.

Salonkultur und herrschaftsfreier Diskurs im Netz: Über die Sümpfe der digitalen Kommunikation

„Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut, die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt. Man lese nur jene höhnischen Nutzerbeiträge, die sich als Wurmfortsatz unter einem typischen Feuilletonartikel finden“, mit diesem Zitat aus dem Zeit-Artikel „Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird“ von Adam Soboczynski untersucht Kathrin Passig in einem Merkur-Essay die Diskursqualität im Netz und kommt zu einem wenig schmeichelhaften Urteil: „Mir ist kein Ort im deutschsprachigen Internet bekannt, an dem eine konstruktive Kommentarkultur herrscht, und auch befragte Freunde zuckten nur die Schultern. Am ‚Netz als Feind‘ liegt es nicht, denn im englischsprachigen Bereich gibt es Orte, an denen die Kommentare lesenswerter sind als der kommentierte Beitrag“, so Passig. „Sümpfe und Salons“ heißt das Stück.

Man könne den Betreibern von Kommentarforen, Communities und anderen Kommunikationsangeboten höchstens mittelgroße Vorwürfe machen. „Die technischen Voraussetzungen für den Meinungsaustausch mit Menschengruppen, die nicht mehr an einen Kneipentisch passen, gibt es noch nicht lange. Außerhalb spezialisierter Nerdkreise hatte niemand länger als zehn bis fünfzehn Jahre Zeit, um Erfahrungen mit der Förderung und Erhaltung konstruktiver Kommunikation in großen Gruppen zu sammeln. Es ist keine Überraschung, dass zentrale technische wie soziale Probleme ungelöst sind“, führt Passig weiter aus. Wie bei Beziehungen gebe es auch bei neuen sozialen Kreisen eine Phase der Frischverliebtheit, in der sich die Teilnehmer von ihrer besten Seite zeigen. „In den ersten Monaten oder Jahren einer Onlinegemeinschaft befinden sich alle Teilnehmer gleichzeitig in diesem Zustand. Später bildet sich eine phasenverschobene Mischung aus Neuzugängen und Alteingesessenen. Wenn Letztere zu stark überwiegen, legen alle die Füße auf den Tisch, der Diskussionsstandard verfällt, und der Mangel an Nachwuchs führt zu geistiger Stagnation. Eine solche Zombiecommunity kann noch lange weiterexistieren, aber sie ist nur noch eine leere Hülle“, erläutert die Merkur-Autorin. Auch Software, Moderatoren-Systeme, soziale Kontrolle, Rankingverfahren oder sonstige Eingriffe und technischen Tricks gegen Kommentarnichtigkeiten helfen wohl nicht weiter.

Dabei seien doch gerade soziale Netzwerke ideale Orte für herrschaftsfreie Diskurse im Sinne von Jürgen Habermas. So sieht es jedenfalls Stefan Münker in seinem Elaborat „Emgergenz digitaler Öffentlichkeiten“ (edition unseld). „Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung.“ Mit den neuen Medien ändere sich die Kommunikation. Das Publikum stehe nicht mehr unter dem Diktat „Don’t talk back“, wie es bei den klassischen Medien der Fall sei. Denn die seien per se nicht auf eine Interaktion zwischen Sender und Empfänger ausgerichtet. Es sind eben One-to-many-Medien. Das jeder in sozialen Netzwerken nicht nur Empfänger sondern auch Ich-Sender ist, garantiert allerdings noch keine Konversationskunst wie in den Salons der Renaissance oder des Rokoko. Die Qualität oder Quantität der Kommentare in Foren, Blogs oder Portalen ist allerdings auch noch kein Maßstab für die Gesprächskultur (wie sich Social Web und Salonkultur verbinden können, untersuchen die Künstler Antje Eske Kurd Alsleben). Der Salon galt früher als ein Ort, an dem man ungezwungen miteinander umgehen konnte. Er stellte eine zweckfreie und zwanglose Form dar. Als Vorbild für den Netz-Diskurs könnte das dadaistische Cabaret Voltaire in Zürich dienen. Hier ging es vor allen Dingen um den spielerischen Umgang mit den Fragen des Lebens. Ein Dadaist war zugleich Anti-Dadaist. „Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten in Verwirrung zu stürzen, indem er zwingende Gründe für unvernünftige Theorien erfindet und diese Theorien dann zum Triumph führt“, erläutert mein Lieblingsphilosoph Paul Feyerabend in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“.

Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen. Insofern sollte man sich über den allmählichen Verfall von Netz-Gemeinschaften, vom Aufblühen und Verwelken von sozialen Netzwerken überhaupt keine Gedanken machen. Ob Google Plus nun Twitter und/oder Facebook das Leben auspusten wird oder doch alles ganz anders kommt, ist doch völlig egal. Gleiches gilt für saft- und kraftlose Communities.

„Manchmal lassen sich verkrustete Probleme nur durch Neugründung einer Alternative lösen, und nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet, wo die unbesiedelten Kontinente nie zu Ende gehen. Die Konvektionsbewegung zwischen agilen Neugründungen, erstarrten Imperien, Zerfall und Erneuerung gibt es online wie offline, im Internet sind ihre Zyklen nur kürzer als draußen“, stellt Passig fest.

Vielleicht stamme die Frage, wie sich konkret definierte Gemeinschaften dauerhaft erhalten lassen, noch aus Prä-Internetzeiten, und die von Alvin Toffler 1970 angekündigte Adhokratie hält nicht nur im Beruf, sondern auch in unserem Sozialleben Einzug. Es ginge dann nicht darum, herauszufinden, wie sich das Flüchtige besser zementieren lässt. „Wir müssten kompetenter im Umgang mit veränderlichen sozialen Konstellationen werden, anstatt napfschneckengleich an immer denselben Stellen im Netz klebenzubleiben. Der eingangs erwähnte Intellektuelle ist selbst dafür verantwortlich, nicht dort herumzulungern, wo ihm das Niveau der Auseinandersetzung missfällt“, rät Passig. Das „Wenn’s dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben“, das im staatsbürgerschaftlichen und geopolitischen Raum nur sehr begrenzt funktioniert, sei im Netz ein praktikabler Vorschlag. „Und wenn es das gesuchte Drüben nicht gibt, kann man es immer noch gründen“, resümiert Passig.

Welche Diskurskultur wäre nun anzustreben für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft (auch beim Dialog zwischen Kunden und Unternehmen)? Werde ich für meine Service Insiders-Kolumne am Freitag verwerten. Kommentare bitte bis Donnerstag so gegen 22 Uhr schicken.

Die Internet-Denkfabrik

„Wie sich neue Technik auf die Nutzer auswirkt, soll ab Herbst das Berliner Internet-Institut erforschen. Das Geld kommt von Google – ansonsten will sich das Unternehmen weitgehend heraushalten. Die vier Schwerpunkte stehen bereits fest“, schreibt Spiegel Online. Getragen von der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität der Künste in Berlin sowie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und in Zusammenarbeit mit dem Hans-Bredow-Institut in Hamburg will das sich in Gründung befindende Forschungsinstitut führende Wissenschaftler sowie Akteure aus allen Sparten der Gesellschaft zusammenbringen, um Fragen für Internet-Innovation, Internet-Regulierung, Informations- und Medienrecht sowie Fragen des Verfassungsrechts im Internet zu erörtern und zu erforschen.

Klingt ziemlich trocken. Vielleicht könnte sich das Institut ja auch mit dem Lustfaktor von Technologien im Internet auseinandersetzen. Eine kleine Steilvorlage habe ich in meiner heutigen The European-Kolumne geliefert.

Neues vom Müllschwund und von der Zertifikatsbürokratie der Entsorgungswirtschaft

In einem Beitrag für NeueNachricht haben wir jetzt nachgelegt und die Hintergründe des angeblichen Müllschwundes unter wettbewerbspolitischen Gesichtspunkten analysiert. Bstimmten Lobby-Kreisen geht es wohl um noch etwas ganz anderes. Die aufwändigen Zertifizierungsprozeduren und Sicherheitsleistungen, die der BDE für die Organisation der Mülltrennung verlangt, stellen eine hohe Hürde für den Eintritt neuer Wettbewerber in den Markt dar. Gleichzeitig ermöglichen sie es den etablierten Unternehmen, ihre Deutungshoheit über die Umsetzung der Verpackungsverordnung zu wahren. Stefan Schreiter, der Geschäftsführer des zertifizierten Marktführers, des Ex-Monopolisten DSD GmbH, hat erst kürzlich die wachsende Eigenrücknahme von Leichtverpackungen durch den Handel als „Betrugsmodell“ hingestellt. Alternativen kann der Marktführer offenbar nur als „Wettbewerbsverzerrung“ wahrnehmen.

Der Wettbewerbsrechtler Professor Hans-Peter Schwintowski von der Freien Universität Berlin weist darauf hin, dass nach europäischem Recht regulierende Eingriffe in Märkte grundsätzlich nur dann zulässig sind, „wenn der Wettbewerb auf dem Markt messbare Funktionsdefizite aufweist.“ Das gelte auch für die Einführung von Zertifizierungssystemen mit Strafandrohung, selbst wenn diese formal auf freiwilliger Basis erfolgen. „Reglementierungen dieser Art sprechen eigentlich immer dafür, dass irgendeiner der Marktteilnehmer seine besondere Finanzkraft nutzen will, um die anderen mittel- und langfristig vom Markt zu verdrängen“, meint Professor Schwintowski. Bleibt also die Frage, ob der vom BDE verfochtene Eingriff in den Markt allein wegen statistischer Ungereimtheiten gerechtfertigt ist.

Hier geht es zur kompletten NeueNachricht-Story.

Das Netz und die apokalyptischen Streiter

Jeden Tag wird eine neue Sau durchs virtuelle Dorf getrieben: Tratsch, Klatsch, Alarmismus, Affären, Warnungen, Prognosen, Sensationen, Innovationen, Werbung, Entdeckungen, Debatten, Bekenntnisse, Erkenntnisse, Schuld, Sühne, Sex und Kriminalität. Das alles kennen wir aus der analogen Welt. Im digitalen Kosmos steigert sich das Ganze noch in der Lust zum Diskurs über den Internet-Diskurs, so meine Einleitung für Service Insiders.

Netzexperten zelebrieren Hypothesen über das Netz und über andere Netzexperten, die sich wiederum über das Netz auslassen und damit eine Endlosschleife auslösen. Jüngstes Beispiel ist die Blasentheorie über Filter und Algorithmen. Sie stammt nicht vom großen Blasen-Philosophen Peter Sloterdijk, sondern vom Filter-Bubble-Autor Eli Pariser, der vor der Gefahr eines Algorithmen-Totalitarismus warnt. Er meint damit vor allen Dingen Personalisierungsmaschinen im Web, die unsere Spuren analysieren und uns mundgerechte Portionen zum Konsum servieren. Kürzlich noch zeichneten Berufsapokalyptiker wie Frank Schirrmacher, Jaron Lanier oder Nicholas Carr ein psycho-soziales Horrorbild der Reizüberflutung im Cyberspace an die Wand, die zu neuronalen Dauerschäden der Internet-Rezipienten führen.
Und nun steht auch der Antipode im Kampf gegen den Informationsdschungel in der Schusslinie: Das personalisierte Web macht uns zu Lemuren unserer eigenen Datensauce. Auf die Spitze getrieben werden die Eli Pariser-Behauptungen in einem Beitrag des „Elektrischen Reporters“. In Zukunft werde jeder Mensch in einer abgeschlossenen Meinungs- und Medienblase herumdümpeln. Der Meinungspluralismus wandelt sich in Autismus. Man spiegelt im Netz nur seine eigenen Vorurteile, Meinungen und Vorlieben. Konträres werde ausgeblendet. Am Ende entsteht so etwas wie ein Algorithmen-Volksempfänger. Was hier als kritischer Blick in die Zukunft gesehen wird, werteten die Kybernetik-Wissenschaftler der DDR völlig anders. Die Forscher der Mathematik, Informationstheorie und der algorithmischen Sprache hatten einen Parteiauftrag: Das Gedankengut der Kybernetik sollte mit der marxistisch-leninistischen Weltanschauung durchdrungen werden: Es handelt sich um einen zentralen Gegenstand des ideologischen Klassenkampfes, schreibt Heinz Liebscher im Vorwort des Wörterbuches der Kybernetik, in der vierten Auflage 1976 erschienen.

Welchen Parteiauftrag nun Google und Facebook haben, ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Aber auch sie wollen uns angeblich manipulieren. Etwa bei der Einblendung von „maßgeschneiderten Kaufinformationen“, wie es der „Elektrische Reporter“ ausdrückte. Und beim Medienkonsum filtern wir uns zu Opfern unserer eigenen Blödmaschinen. Nach dem Zeitalter der Massenmedien, kommt jetzt die Epoche der Selbsttäuschung. Wo doch schon die Massenmedien als Konformitätsschmiede galten. „Grundsätzlich gilt: Jede Form der Filterung scheint problematisch, vielleicht sogar manipulativ. Bei Licht betrachtet ist sie aber das Normalste der Welt. Denn genau so funktioniert der Mensch: Er ist nicht in der Lage, die tatsächlichen Dinge zu begreifen. Er ist verdammt dazu, ständig zu filtern. Und erst die Filterung erzeugt seine eigene Wirklichkeit“, erklärt Mirko Lange von der Agentur Talkabout in München. Es gebe nur einen Ausweg und der gilt für Menschen ebenso wie für Netzwerke: „Man muss sich des Filterns bewusst sein. Denn es ist egal, wessen Opfer man ist, der seiner eigenen Konditionierungen oder derer der Netzwerke. Man ist in beiden Fällen Opfer. Und man kann und muss sich immer die Alternativen offen halten: Im Freundeskreis sind das die Menschen mit anderer Meinung und in den Netzwerken die alternativen Methoden: Selbst zusammengestellte ‚Circles‘, die ‚Hauptmeldungen‘ bei Facebook und die frei verfügbaren Apps bei Apple“, meint der Web 2.0-Spezialist Lange.

Anstatt zu lamentieren, sollte jeder ein Stückchen selbstkritischer werden. Unter dem Strich mache es keinen Unterscheid, ob ein Mensch nun geistig verarmt, weil er aufgrund von Verbohrtheit nur sieht, was er will, oder weil Google ihm nur bestimmte Ergebnisse zeigt. Vielleicht sollte man sich völlig chaotische und anarchistische Filtersysteme zulegen. An der Frage der Auswahlkriterien führt kein Weg vorbei. „Das menschliche Gehirn hat nur eine begrenzte Kapazität zur Verarbeitung von Informationen. Es werden nur winzige Bruchteile aller Informationen wahrgenommen. In der virtuellen Welt übernehmen die Suchalgorithmen und Filterblasen diese Funktion. Im Ergebnis können sowohl positive als auch negative Effekte entstehen“, sagt die Marketingprofessorin Heike Simmet. Man müsse wie früher genau selektieren, welche Informationen durchkommen dürfen und welche nicht, erläutert Peter B. Záboji, Chairman des Afters Sales-Spezialisten Bitronic: „Beim traditionellen Briefverkehr waren es die Vorzimmer im Unternehmen, die eine Auswahl vorgenommen haben. Heute sind es elektronische Filter und virtuelle Assistenzsysteme. Man sollte die Technik nur geschickt einsetzen und darf sich nicht von ihr dominieren lassen“.

Subtile Begegnung bei der Beschäftigung mit Blödmaschinen

Heute Vormittag war ich so sehr mit dem Schreiben eines Beitrages über „das Netz und die apokalyptischen Streiter: Macht uns das Internet und die personalisierte Datensauce blöd?“ für den Fachdienst Service Insiders beschäftigt, dass ich überhaupt nicht bemerkte, in welcher netten Gesellschaft ich mich befinde.

Ich lese zwar gerade das schöne Buch „Erinnerungen eines Insektenforschers“ von Jean-Henri Fabre (erschienen im Matthes & Seitz Verlag), kann aber den rosa gefärbten Flattermann überhaupt nicht zuordnen.

Egal. Er lebte noch und ich schenkte ihm die Freiheit.