„Als Prognose wirkt die Voraussage eines Niedergangs nur, weil sie die Eitelkeit der Lebenden verletzt“

Am Freitag, den 8. April 2011, um 20 Uhr, stellt der Publizist Henning Ritter sein Buch „Notizhefte“ in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger vor (gegenüber vom Bonner Hauptbahnhof).

Das Werk des langjährigen Leiters des FAZ-Ressorts Geisteswissenschaften ist in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren entstanden. Es steht in einer langen Tradition, von der französischen Moralistik bis zu Paul Valérys Cahiers. Die Lieblingsepoche des Autors ist fraglos das Jahrhundert Rousseaus und Montesquieus. Vor allem aber interessiert ihn die geistige Konkurrenz zwischen den Epochen und Traditionen, das Unerledigte der Vergangenheit, ihre Lektionen. So entsteht ein Gespräch zwischen den unabhängigsten Köpfen von der Aufklärung bis heute, von Montaigne bis Nietzsche und Darwin, von Büchner bis Canetti, Jünger und vielen anderen – ein Füllhorn voller immer wieder überraschender Lesefrüchte, Entwürfe, Maximen und Reflexionen. Die Notizen bewegen sich zwischen der lakonischen Knappheit des Aphorismus und dem Kurzessay.

So schreibt er: „Die Dinge auf sich zukommen lassen, das bedeutete für Benn: nicht mit der Zeit mitlaufen, denn da werde man von ihr überrannt, sondern stillstehen – dann kommen die Dinge auf einen zu.“

Oder folgende Notiz, die meinem Denken sehr nahe kommt: „Niedergangsprognosen sind schwache Prognosen, mit geringem Risiko, denn sie beschreiben nur die Abschwächung dessen, was ist. Sie sind nicht mehr als Umzeichnungen des Vorhandenen. Niedergang gehört zum Erwartbaren. Als Prognose wirkt die Voraussage eines Niedergangs nur, weil sie die Eitelkeit der Lebenden verletzt.“

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik erhielt Ritter in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse. In der Begründung heißt es: Henning Ritters „Notizhefte“ sind ein ungewöhnliches Buch, nicht nur weil es Gelehrsamkeit auf eine leichte Art präsentiert, anmutig, freundlich, nie grimmig, sondern in der Form des Aphorismus, der Reflexion, des Kurzessays, der kritischen Bemerkung. Sprache und Bildung werden hier virtuos gehandhabt. Die „Notizhefte“ erlauben es dem Leser, den Autor beim Gespräch mit dessen Vertrauten aus der Geistesgeschichte zu belauschen. Er erwischt sie in dem Augenblick, da sie sich unbeobachtet glauben und ihre Leidenschaften unverstellt äußern. Es sind dies – und das erhöht das Vergnügen in diesem Fall – Leidenschaften des Denkens und des Formulierens.

Dem Leser erschließen Ritters Notizen Ideengeschichte seit der Französischen Revolution; sie führen ihn auf Trampelpfade, Schleichwege und rasch stellt er, stellt sie fest, dass er mit Ritter rascher vorankommt als mit mancher Monographie, die ihn auf Avenuen locken will. Hier geht es nicht ums Gepränge, sondern ums Unerledigte. Ritter nutzt die Motive alteuropäischen Denkens für die Selbstverständigung über die „Berliner Republik“.

Das Buch beginnt mit einer Frage: „Was wiegt schwerer, moralisches oder intellektuelles Versagen?“ Nach der Lektüre dieses Buches weiß man, dass es unmoralisch ist, sich intellektuell keine Mühe zu geben, sich mit Vorgestanztem zu bescheiden. Gut, dass es dieses Buch gibt – es lädt dazu ein, durch schöne Anstrengung und intensive Plaudereien mit sich selbst bekannt zu werden.

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