Die Facebook-Schweigespirale – Spannende Zeiten für die empirische Sozialforschung

„Es ist eine schleichende, unheimliche Veränderung: Bei Facebook, Google oder Amazon entscheidet Software, was der Nutzer zu sehen bekommt und was nicht. Nur wenigen ist bewusst, wie stark Algorithmen inzwischen unser Bild von der Wirklichkeit bestimmen – was nicht passt, schluckt der Filter“, schreibt Spiegel Online-Redakteur Konrad Lischka.

So fragwürdig die Interventionen der staatlichen Datenschützer gegen Google & Co. sind, so bedenklich ist die Ausfilterung von Nachrichtenströmen in sozialen Netzwerken. „Bei Facebook diskutierten die Entwickler schon 2005, dass ein Software-Filter unabdingbar sei, um den Nutzern lediglich eine relevante Auswahl der Nachrichten aus dem stetig wachsenden Facebook-Freundeskreis jedes Mitglieds zu liefern. Nachlesen kann man das in dem Buch ‚The Facebook effect‘, in dem dieses Zitat von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu Filter-Algorithmen überliefert ist: ‚Ein Eichhörnchen, das vor deinem Haus stirbt, könnte für dich in diesen Augenblick wichtiger sein als Menschen, die in Afrika sterben'“, schreibt Lischka.

Aber verdammt, dass hat Zuckerberg und sein Software-Filter nicht zu entscheiden. Auch da bin ich groß genug, um wichtige Nachrichten von unwichtigen zu unterscheiden.

„Ob man nun das Eichhörnchen von nebenan oder die Nachrichten über Haiti beim Aufruf der Facebookseite sieht, hängt von dem sogenannten Edge-Rank ab. Diesen Wert berechnen die Facebook-Algorithmen für jede für ihn womöglich relevante Nachricht. Je höher der Edge-Rank ausfällt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den Kommentar, die Artikel-Empfehlung oder die Meinungsäußerung eines Facebook-Kontakts oder einer anderen Quelle in dem Netzwerk zu sehen bekommt. Der Edge-Rank basiert auf einer Reihe von Kriterien, dazu gehört auf jeden Fall, wessen Einträge ein Nutzer zuletzt kommentiert, wem er viele Nachrichten geschrieben und wie oft er bestimmte Artikel einer Quelle aufgerufen hat“, so Lischka. Letztlich verstärke der Facebook-Filter die Weltsicht des jeweiligen Nutzers. Diesen Aspekt habe ich in einer Story für Service Insiders-Story aufgegriffen – unabhängig von den Recherchen des Spiegel-Autors: Kompetenzen für die Informationsgesellschaft und eine Warnung vor der Filterblase.

Der Spiegel Online-Redakteur vergleicht das mit der Theorie der Schweigespirale, die von der Demoskopie Professor Noelle-Neumann entwickelt wurde. Wenn Menschen bei moralisch aufgeladenen Fragen den Eindruck gewinnen, dass sie mit ihrer Meinung zur Minderheit gehörten, äußern sie diese nicht. Kommunikationswissenschaftler sollten dieses Phänomen mal in sozialen Netzwerken untersuchen, so der Vorschlag von Lischka. Dann sollten sie auch noch das Theorem vom doppelten Meinungsklima mit ins Auge fassen, denn das bekommt nun durch Social Media eine andere Ausprägung.

Siehe meine The European-Montagskolumne: An der Uni Leipzig ist zu diesem Themenkomplex eine interessante Arbeit angefertigt worden. Grundthese: Die zunehmende Fragmentierung der Medienwelt und damit auch der Verlust der gemeinsamen Informationsbasis führen auch zu einem Verlust einer gemeinsamen öffentlichen Meinung. Eine spannende Zeit für die liebwertesten Gichtlinge der empirischen Sozialforschung.

Siehe auch:
Wie facebook eure Freunde vor euch versteckt.

2 Gedanken zu “Die Facebook-Schweigespirale – Spannende Zeiten für die empirische Sozialforschung

  1. Es ist ja nicht so, als ob „jetzt plötzlich“ Nachrichten „gefiltert“, „ausgewählt“, „eingeordnet“ oder schlicht zensiert werden!!!
    Wenn man die Geschichte von Nachrichtenagenturen, Rundfunksendern (ja: ich hatte das „Vergnügen“ zu erleben, dass sich der BAYERISCHE RUNDFUNK aus einer Sendung ausschaltete („Scheibenwischer“)! Und auch DER SPIEGEL berichtet nicht über alles 😉
    Was also ist neu?
    Es ist die „Dimension“, die FB, Google & Co darstellen …
    aber man sollte nicht glauben, daß dies FB Nutzern nicht auffällt, bekannt ist usw. – das kann man dort nachlesen… die Leute sind in steigendem Maß „genervt“ … dies führte in der Regel immer zur Entwicklung alternativer Plattformen …

Kommentar verfassen