Mein Vortrag auf der Informare im Mai: Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen

Die Informare beschäftigt sich im Wissenschaftsjahr 2011 in Berlin vom 3. bis 5. Mai mit der Informationskompetenz. Hier soll die wissenschaftliche Konferenz mit einer Unkonferenz nach Art eines BarCamps verbunden werden. Dazu gibt es Poster-Sessions, Workshops, die Ausstellung „Die Kunst der Information“ und eine „lange Nacht der Suchmaschinen“. „Mit diesen sechs Elementen thematisiert die Informare die drängenden technischen, organisatorischen, politischen und gesellschaftlichen Fragen beim Umgang mit digitaler Information und zeigt auf, was es zur Lösung schon alles gibt. Veranstaltungsort ist das legendäre Café ‚Moskau‘ an der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Die Frankfurter Buchmesse hat die Schirmherrschaft für die Informare! übernommen“, so die Ankündigung der Veranstalter. „Alle Welt redet über Medienkompetenz. Was wir aber noch mehr brauchen, ist Informationskompetenz“, so der wissenschaftliche Verleger Arnoud de Kemp, Initiator der Informare.

Es geht um Kompetenz zur Bereitstellung, Beschaffung und Bewertung von Information mit elektronischen Medien. Die Informare! wird zeigen, was es in der Wissenschaft, in der Praxis und in der Arbeitswelt an professionellen Angeboten, Lösungen, Ansätzen und Ideen gibt. Viele Vortragsthemen und Ausstellungsprodukte werden in Hands-on und Hands-off Work-shops vertieft.

Ich selbst halte auch einen kleinen Vortrag. Hier das Thema und die ersten Überlegungen:

Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen

Ist Steve Jobs mit seinen Innovationen ein kreativer Zerstörer und begnadeter Erfinder? In Wahrheit ist er ein Imitator und Meister der Kombinatorik. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Der Steve Jobs-Konzern folgt nur konsequent dem Less-and-More-Diktum des genialen Industriedesigners Dieter Rams, der in den 1960er und 1970er Jahre bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Wir sollten in Deutschland endlich lernen, die besseren Nachahmer zu werden. Die schnellen Zweiten machen das Rennen, nicht die Ersten – zumindest in der Wirtschaft. Steve Jobs ist allerdings nicht nur ein kluger Unternehmer im Sinne von Joseph Schumpeter. Nun will ich hier nicht wieder die inflationäre verwendete Phrase vom „kreativen Zerstörer“ verwenden. In dem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ von 1912 steht schon einiges, was zu meinem Thema passt: „Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt“, schreibt Schumpeter.

Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich deutlich vom Routineunternehmer: „Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenen Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten.“ Kopieren alleine reicht also nicht.

Und generell gilt wohl die Entwicklungslogik, der sich auch Apple oder Google nicht entziehen können: Der Zwerg von gestern ist der Riese von heute und der Greis von morgen.

Über Anregungen für meinen Vortrag würde ich mich sehr freuen. Bis zum Mai werde ich das Thema weiterentwickeln und noch ein paar Beiträge schreiben. Gerne auch Interviews.

Siehe auch:
Warum ist es besser, Zweiter zu sein? Innovationsführerschaft gilt als Überlebensfrage für Unternehmen. Zu Unrecht.

6 Gedanken zu “Mein Vortrag auf der Informare im Mai: Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen

  1. DerMaaarkus

    Die klingt sehr schön.

    Schumpeter schreibt doch auch (wenn ich mich recht erinnere, Textbeleg hab ich leider keinen zur Hand), dass man neue Innovationen braucht um „Pioniergewinne“ zu erzielen. Andere Unternehmen ahmen diese dann nach und sobald die Gewinne unter zu vielen Firmen, die in etwa alle das selbe anbieten, aufgeteilt werden, muss der Unternehmer wieder einen neuen Vorstoß wagen. Mit Vorstoß sind eben nicht Verbesserungen und Updates gemeint.
    Dies nennt Schumpeter die „Langen Wellen“.

    Von daher ist Jemand, der schnell nachahmen kann gut, doch die sogenannten Pioniergewinne macht der, der etwas neues einzigartiges Anbietet.

    Auf Apple bezogen: Apple benutzt verschiedene Möglichkeiten, die bereits bestehen, denn Apple betreibt keine Forschungseinrichtung für neue Technologien (soweit ich weiß), doch Apple produziert aus dem, was es bereits gibt, innovative Produkte.

    Wer hat vorher ein Smartphone mit Multi-Touch entwickelt auf dem nicht nur vorgefertigte Programme und eventuell ein paar Java-Anwendungen (und das ausschließlich mit der richtigen Version usw.) laufen, sondern für das man beliebig viele Apps einfach programmieren und kaufen kann, die einem (mehr oder weniger) im Alltag helfen und auf allen von Apple verkauften Smartphones funktionieren?

    Die Benutzterfreundlichkeit (siehe App-Store) begleitet diese Innovation und macht das ganze zum ultimativen Erfolgskonzept.

    So kann ich nur zustimmen, dass neben Kopisten auch Kombinierer gefordert sind, die „einen Würfel drehen und eine völlig neue Seite betrachten“. Nur so kann man aus den technischen Entwicklungen gute Produkte erzeugen.

  2. Hagen

    Aus meiner Sicht ist Steve Jobs dennoch ein Unternehmer im Sinne Schumpeters: Bei Schumpeter geht es um Neukombination bestehender Produktionsfaktoren – innovative Unternehmer sind Neukombinierer und nichts anderes hat Steve Jobs getan: Bestehende technologien in nutzerfreundliches Design neu kombiniert.
    Darüber hinaus geht es um schöpferische Zerstörung – auch hier ist Apple ein Vorzeigeunternehmen. Beits in der Vergangenheit: Die Macintosh Devision hat die Apple II Devision schöpferisch zerstört. Das Einstige Computer-Unternehmen hat sich zu einem Medienunternehmen gewandelt und zudem seine Produktpalette erweitert und damit das ursprüngliche Geschäftsmodell schöpferisch zerstört. Aber vielleicht ist Steve Jobs doch kein Unternehmer im Schumpeterischen Sinne, sondern ein evolutorischer Unternehmer, der lernt und sich bzw. sein Geschäftsmodell ständig verändert und evolutorisch weiterentwickelt. Der klassische innovative Unternehmer ist hingegen nur einmal innovativ – verfällt dann meist in Routine oder Arbitrage…

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  4. Esther

    Für das Neukombinieren als Kern der Innovation gibt es schöne Beispiele bei Bob Sutton (in seinem Buch Weird ideas that work), von dem der einprägsame Satz stammt: „Creativity is doing new things with old things“. Wirklich interessant wird es ja erst dann, wenn man es nicht beim Kopieren + Kombinieren belässt, sondern die Dinge in einen neuen Kontext setzt. Auf andere Branchen/Fachbereiche überträgt.

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