Steidl reist schneller als sein Jetlag – Der Film über den Buch-Künstler

Martin Parr gibt eine kurze Einführung – Gerhard Steidl packt die Koffer – Ed Ruscha gestaltet ein Künstlerbuch – Günter Grass schreibt noch einmal „Die Blechtrommel“ – Joel Sternfeld fotografiert mit dem iPhone – Karl Lagerfeld dirigiert im Grand Palais – Robert Adams sucht Schwarz und Weiß – Jeff Wall zeigt sein neues Studio – Robert Frank braucht noch ein Polaroid – Gerhard Steidl reist schneller als sein Jetlag – und Gereon Wetzel und Jörg Adolph sind mit der Kamera dabei! So könnte man im Stakkato-Arbeitstil von Steidl den grandiosen Film „How to Make a Book with Steidl“ zusammenfassen. Er lief gestern in 3sat und kommt im Dezember als DVD auf den Markt.

Über ein Jahr lang waren Wetzel und Adolph immer wieder in der Göttinger Düsteren Straße 4, um das organisierte Chaos im Steidl Verlag zu filmen, das sich Arbeitsalltag nennt. Von der ersten Konzeptidee bis zum Layout und vom Lektorat bis zum Druck dokumentieren sie, wie Steidl den Buchdruck zur Perfektion bringt – keine Massenware, sondern bibliophile Meisterwerke, die sich von der Haptik bis zum Geruch unterscheiden. Sie begleiten Steidl auf seinen Reisen zu Künstlern und Galerien nach New York und Mabou, Doha und Vancouver. Dabei porträtieren Wetzel und Adolph nicht allein den Verleger – vor allem sind sie mit ihrer Kamera ganz nah dabei, wenn Charaktere aufeinanderstoßen und kreative Prozesse stattfinden. Er trifft weltberühmte Künstler wie Robert Frank, Jeff Wall, Günter Grass, Ed Ruscha, Robert Adams und Karl Lagerfeld. „Er lässt sich in einer dunklen Limousine durch New York chauffieren, sitzt teetrinkend in der arabischen Wüste an einem Lagerfeuer und begutachtet zusammen mit Karl Lagerfeld die letzten Vorbereitungen zur großen Fashionshow von Chanel in Paris. Neben Lagerfeld wirkt praktisch jeder, als hätte er einen alten Kittel an, nur Gerhard Steidl nicht. Steidl sieht neben Lagerfeld aus wie jemand, der seinen alten Kittel gerade schrecklich vermisst“, schreibt Hubert Spiegel in der FAZ.

Was zeichnet Steidl aus, was unterscheidet ihn von den Verlagen, die auf auswechselbare Buchware setzen? Er vereinigt sämtliche Produktionsschritte unter einem Dach – von der Programmarbeit über die Bildbearbeitung, Grafik und Herstellung bis zum Marketing und Druck in der hauseigenen Druckerei. Einmalig im Produktionsablauf ist wohl die Möglichkeit zur engsten Einbindung der Fotografen und Künstler in sämtliche Arbeitsschritte. Das dokumentiert der Film sehr eindrücklich. „Vor allem Joel Sternfelds Buch „iDubai“, dessen Entstehungsprozess sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, ist hier aufschlussreich. Das Buch enthält Fotografien, die Sternfeld mit seinem iPhone in Dubai geschossen hat, und seine allmähliche Entstehung demonstriert, wie Steidl seine Überzeugung, dass Buchkunst individuell sein müsse, also nicht auf standardisierte Formate und Layouts zurückgreifen dürfe, in die Tat umsetzt“, so Hubert Spiegel. Der FAZ-Redakteur vermisst Fragen der Filmemacher zu Leben und Arbeit von Steidl. Das macht die Dokumentation erst recht interessant. Ich möchte nichts über die Schulzeit, über die Erlernung des Druckerhandwerks und über das Privatleben von Steidl wissen. Entscheidend ist die Buchkunst, die er kreiert. Und wer die Dialoge mit den Künstlern genau verfolgt, wird einiges zum Charakter des Verlegers erfahren.

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