Die Konsens-Diktatur

In einigen Berichten habe ich mich kritisch mit der Tendenz zur Abschottung der Wikipedianer auseinandergesetzt. Von den sympathischen libertären Wurzeln der Web-Enzyklopädie ist wohl nicht mehr viel übrig geblieben, beklagt sich beispielsweise der Internetexperte Bernhard Steimel von der Smart Service Initiative. Wer gegen Expertokratie und institutionelle Machtstrukturen ankämpfe, könne nicht selbst eine Politik des „closed shop“. Etiketten wie Schwarmintelligenz oder Graswurzeldemokratie würden die wahren Strukturen des Netzwerkes verfälschen.

Zu einem ähnlichen Befund kommt der Soziologe Christian Stegbauer in seiner Abhandlung „Wikipedia – Das Rätsel der Kooperation“. Von einem freien Zugang könne keine Rede mehr sein. Schon jetzt habe eine kleine Gruppe besonders motivierter und leistungsstarker Mitarbeiter die Führung übernommen. Sie trägt nicht nur die Hauptlast der Lexikoneinträge, sondern bestimmt auch den Kurs des Lexikons – mit der Tendenz, sich nach unten und gegenüber Neuankömmlingen abzuschließen. Wer in die Zirkel eindringen wolle, habe mit Widerstand zu rechnen. „Von der ‚Goldgrube für freies Wissen‘ bleiben die Probleme mit ‚schwierigen Personen‘, die dem Projekt nur schaden und daher auch nicht mehr willkommen sind. Dies widerspricht der deklarierten Freiheitsideologie von Wikipedia ‚jeder kann teilnehmen“, so Stegbauer. Statt „ermündende Diskussionen“ mit kritischen Geistern zu führen, entscheide wohl eine Oligarchie-Clique, was reinkommen dürfe oder nicht, bemängelt Steimel: „Mit dieser Geisteshaltung hätte ein politischer Querkopf wie Joschka Fischer im Bundestag nie Karriere machen können. Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind nun mal anstrengend und sollten nicht von einer höchst aktiven Minderheit wegrasiert werden.“

Aktuell hat sich der Blogger Dirk Franke Tolanor in seinem Beitrag „Die offene Wikipedia und ihre Feinde“ mit dem Abschottungsphänomen beschäftigt: „Die Wikipedianer begrüßen Neulinge meist mit Löschanträgen und Textbausteinen, die Außenwelt wird, sobald sie sich – ob in Form von wissenschaftlichen Konferenzen, von Blogbeiträgen oder gar von neuangemeldeten Benutzern, die in der Wikipedia ihre Meinung kundtun – zunächst misstrauisch beäugt und schließlich verhöhnt, angegriffen, rausgeworfen. Für die bereits anerkannten Wikipedianer gilt Walter Kempowskis Wort über die bundesrepublikanische Gesellschaft: ‚Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.‘ In den Worten des großen Iberty-Schreibrechterteilers: ‚Wikipedia ist ein paranoider arroganter Haufen geworden, der nicht mehr auf Leute zugeht, sondern Angst vor jeder Veränderung hat und mit Liebe im eigenen Saft schmort. Scheint wohl jeder Community irgendwann zu passieren, ist insofern nicht überraschend aber dennoch bedauerlich. Ich kann niemand verdenken sich das in der Freizeit nicht freiwillig anzutun. […] ich vergass: unglaublich intolerant.'“

Als Hauptursache für diesen Verfallsprozess sieht Franke das Konsens-Regime. Da die Zahl der Wikipedia-Autoren immer größer wird, kann das Konsensprinzip sehr schnell in Content-Diktatur abgleiten. „Wer widerspricht, ist nicht Teil der Gruppe“, so die einfache aber wohl zutreffende Analyse von Franke Tolanor. Es habe sich ein innerer Zirkel herauskristallisiert, der sich um „Homogenität“ bemüht.

Wer von neu dazukommt, werde misstrauisch beäugt: „Dass ‚Konsens‘ weitgehend gleichbedeutend mit ‚Meinung des inner circle‘ war, konnte einem neuen Benutzer zunächst nicht klar werden. Noch gravierender war die Tatsache, dass sich der inner circle, indem er dieses ominöse Wort für sich reklamierte, nicht als eine Gruppe unter vielen verstand, sondern als rechtmäßige Vertreterin der reinen Wikipedia-Lehre. Alles, worauf ein Neuling glaubte hoffen zu können – dass er an dem, was allgemein ‚Konsens‘ genannt wurde, mitbasteln dürfe, oder dass er vielleicht eine Mehrheit von Benutzern hinter sich versammeln könne oder schon versammelt habe, war in Wahrheit nichtig angesichts der Tatsache, dass er durch die pure Reklamation des Konsens durch den inneren Kreis bereits aus der ‚eigentlichen‘ Wikipedia ausgeschlossen war – was er spätestens merken konnte, wenn er bei einer Adminkandidatur obskure Gegenstimmen wie ‚Bauchgefühl‘, ’seltsame Ansichten‘ oder ‚hat zuviele Babels auf der Benutzerseite‘ kassierte. Jeder, der auf den Löschkandidaten für ‚verbessern statt löschen‘ votierte oder einfach nur ‚behalten!‘ schrieb, ohne seine Ansicht zu begründen, der bunte Babel-Bausteine auf seiner Benutzerseite sammelte oder Themenstubs einführen wollte, wich von den ungeschriebenen Gesetzen des sogenannten Konsens ab – eine Abweichung, die sofort registriert wurde und ihn zunächst einmal, ohne dass er es merkte, aus der Gemeinschaft der anerkannten, ‚verdienten‘ Wikipedianer ausschloss.“

Der Stalinisierungsprozess, der sich da abspielt, kann sehr schön in dem Roman „Farm der Tiere“ von George Orwell nachgelesen werden. Auch das Resümee von Dirk Franke Tolanor klingt niederschmetternd: Wer der Meinung der Corps Community nicht folgen wolle, werde als Troll, Depp Störer oder sogar Projektschädling abqualifiziert. Das zeige, „wie tief das Konsensprinzip – die Unfähigkeit, abweichende Meinungen zu ertragen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf – Einzug ins Denken der Wikipedianer gehalten hat. Der antidemokratische Ruf nach ‚Reinheit‘ und ‚Sauberkeit‘, das Verlangen, dass ‚endlich mal aufgeräumt‘ werden müsse, begegnet in vielen Diskussionsbeiträgen. Die Geburt des wikipedianischen Autoritarismus aus dem Geiste des Konsensprinzips wäre zu verhindern gewesen, wenn man sich von Anfang an auf einen demokratischen Meinungspluralismus verständigt hätte. Eine Abweichung von dem, was ein kleiner Kreis von Wikipedianern als ‚Konsens‘ definiert hat, hat nicht automatisch den Untergang der Wikipedia zur Folge.“ Oder wie es der Internet-Experte Bernhard Steimel ausgedrückt hat: „Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind nun mal anstrengend und sollten nicht von einer höchst aktiven Minderheit wegrasiert werden.“

Siehe auch:
Diderot statt Wikipedia – Internet-Enzyklopädie als Medium des Okkultismus.

Über die Admin-Willkür hat Elian ein bemerkenswertes Stück geschrieben: Warum ich nicht mehr mitspiele.

Update, damit die Debatte weiter geht!

39 Gedanken zu “Die Konsens-Diktatur

  1. Kleine Korrektur und Ehre wem Ehre gebührt. Das Blog stammt zwar grundsätzlich von mir, der spezielle Post aber ist vom derzeitigen Gastblogger Tolanor.

  2. Fritz Goergen

    Womit Wikipedia voll den Mainstream der politischen Klasse der Berliner Republik repräsentiert.
    Die Bonner Republik, vor allem die frühe, war viel konservativer bis reaktionärer, ertrug aber wesentlich mehr entgegengesetzte Meinungen.

  3. Pingback: hoenn.net/blog

  4. angel54

    Mir scheint es so, als könne die WP dies mit „Bordmitteln“ nicht lösen…ich hab dazu folgenden Beitrag auf Mbq geschrieben zum Thema „Don’t feed the trolls“:
    „Dreh das einfach mal um, dann kommt raus: Don’t troll the feeds. Soll heißen: das was in eine Enzyklopädie an Fachwissen hereingeschrieben wird (the feeds) wird hier von etlichen „vertrollt“, aus Geltungssucht, aus Ignoranz, aus Eifersucht, aus „Nichtfachwissen“, was man gern haben will, aber de facto nicht hat. Es ist nicht einfach die Zusammenhänge zu einem Thema zu überblicken – einfacher ist es diejenigen die das können „Trolle“ zu nennen. Somit hat man die Trollerei neu erfunden: Man füttert nicht die Trolls, sondern das eigene Unwissen.“
    Wurde natürlich sofort wieder gelöscht, wer will sich denn sowas unterstellen lassen?
    Dabei handelt es sich um ein Problem von wirklich unglaublichen Ausmaßen – solange die WP darauf beharrt, dass man nicht selbstkritisch mit sich und der vorherrschenden Arbeitsweise umgehen müsse, sondern wegsperrt, löscht und Aussagen verfälscht, ist dies derart „kontraproduktiv“… mir fehlen die Worte…

  5. Ich habe leider ganz ähnliche negative Erfahrungen mit Wikipedia gemacht. Zunächst wurde mir ein Mentor zugeteilt, der aber kaum bei der Sache war und auch bald seine Mitgliedschaft auflöste. Da ich darüber anfänglich viel Zeit verlor und nicht weiterkam, legte ich mir einen zweiten Accountnamen zu, um es parallel mit einem anderen Mentor zu versuchen, dem ich auch durchaus mitteilte, daß ich aus besagtem Grund noch einen anderen Account hatte. Dieser andere Mentor führte mich auch recht gut weiter, und so gelang es mir, bald meinen ersten Artikel einzustellen (‚Grüner Mann‘). Doch als er in die erste Runde ging (d.h. in eine Art Bestandsprobe, die jeder Artikel zunächst durchmachen muß, um sich der Kritik anderer Wikipedianer auszusetzen), schoß mein Mentor nun plötzlich quer und verschlimmbesserte meinen Artikel vorsätzlich mutwillig. Zwar fand er damit wenig Gegenliebe bei den anderen Wikis, doch wagte ihm niemand zu widersprechen, weil er sich inzwischen in den Vorstand hochgedient hatte und so offensichtlich Narrenfreiheit und eine damit verbundene Macht besaß. Jetzt ließ er plötzlich alle anderen wissen, daß ich ja zwei Accounts hatte, was im Wiki-Backend offensichtlich und mir bis dahin unbekannterweise eine Grundsünde ist. Daß er selbst mich parralel in anderen Beiträgen mobben ließ – und zwar ganz offensichtlich mit ihm willfährigen Strohmännern – spielte keine Rolle, denn merkwürdigerweise ist das dort nicht als Grundsünde in den Statuten vermerkt. So wurde ich aus dem Wiki-Backend herausgeworfen, während man meinen Artikel dennoch gerne annahm. Erst später wurde mir klar, was geschehen war: Ich hatte mich schon frühzeitig bei diesem Mentor namens Ulli Purwin als Autor einer Homepage ausgewiesen, auf der ich einen Artikel über die Farbenlehre verfaßt hatte, der sich eher Goethe als Newton verpflichtet sah – und Ulli Purwin outete sich plötzlich als Ex-Waldorf-Schüler, den seine Schulzeit zum Anti-Steiner gemacht hatte und der nun in mir grundsätzlich einen Esoteriker vermutete und mich entsprechend aus seinem Verein hinauswerfen wollte. Als ihm das gelungen war, hat er übrigens seine Zerstörung meines Artikels wieder rückgängig gemacht: sie hatte ihm nur dazu gedient, um meinen Protest herauszufordern und mich auflaufen zu lassen (Siehe dazu die Besprechung des Grüner-Mann-Artikels im Hintergrund).
    Das alles gelang ihm unter Mithilfe eines m:E. hirnlosen Wiki-Polizisten (ich habe zu dieser Beurteilung noch weitere Gründe) namens Nolispanmo, der mich sofort und ohne mir Gelegenheit zur Erklärung zu geben aus dem Wiki hinauswarf. Dieser unbezahlte Polizist erinnert mich an einen Rentner, der in unserer Stadt jahrelang Falschparker aufschrieb und der Polizeiwache allabendlich circa 80 Anzeigen auf den Tisch legte. Ich frage mich, was das für Menschen sind, die (ja eben unentgeltlich) auch im Wiki jahrelang irrsinnig viele Punkte offensichtlich nicht als Autoren, sondern völlig unkreativ nur als Polizisten erreichen und denen es offensichtlich nur um die Auskostung ihrer Macht geht.
    Ulli Purwin hat übrigens seinen Aufstieg in den Wiki-Vorstand auch nur mit einigen fragwürdigen Artikeln geschafft, war dabei aber eben mehrjährig auch sehr fleißig und hat dann dafür gesorgt, daß nichts in Wiki steht, das seiner Weltsicht entgegensteht. Hätte er bessere Schülererfahrungen gemacht, hätten demnach die Wiki-Artikel dagegen eine ganz andere Tendenz. Oft genug steht dort nämlich ganz unangreifbar ein ziemlicher Blödsinn, der nicht mehr geändert werden kann, weil er schon zu lange so dort steht – und sei es nur deshalb, weil er noch aus Wikis Anfangszeit stammt.

  6. Hi Günter, das klingt wie die George Orwell-Fabel „Farm der Tiere“. Vielleicht sollten wir das Thema noch einmal aufgreifen.

  7. Man kann diese Probleme bei Wikipedia nicht lösen. Der Grund ist, dass die elementaren Prämissen nicht stimmen. Neutralität, Relevanz und Qualität haben keine differenzlose Realität. Die Theorie der Wikipedianer aber sperrt sich gegen jede entsprechende Erfahrung. Und das ist Ideologie, gegen die man nichts, gar nichts machen kann. Der Weg ist der Weg der Differenzierung: jedem seine eigene Wikiipedia. Das ist ernst gemeint. Als Wiki-Autoren können wir uns darüber verständigen, dass jeder die Texte eines anderen Wiki-Autors nach eigenem belieben kopieren und bearbeiten darf, aber jeder unter seiner eigenen Adresse, seiner eigenen Domain. Die Links könnten einfach per Twitter verbreitet werden und man überlässt es der Selbstorganisation des Schwarms, der darüber entscheidet, welche Artikel lesenswert sind oder nicht.
    Sehr ernst gemeint: jedem seine eigene Wikipedia.
    Bei Interesse:
    „Die Wikipediaschaft zeigt sich außerstande eine Lösung auf der Basis ihrer eigenen Unterscheidungen zu finden, was kein Wunder ist, wenn man etwa darauf bestehen wollte, dass sich die Bedingungen für eine Lösung auf Konsens, Widerspruchsfreiheit und allgemeine menschliche Verständigkeit beziehen sollten. Die Wikipediaschaft vermag zwar Relevanzkritierien für alle möglichen Stichworte zu liefern, die Relevanz der eigenen Erwartungen kann sie nach Maßgabe ihrer eigenen Kriterien nicht erfassen; und die Frage lautet: warum nicht?“
    http://differentia.wordpress.com/2011/03/31/vergiftungssymptome-bei-wikipedia/

  8. Dann wären die Beiträge auch klar einzelnen Autoren zuzuordnen und man könnte sich nicht hinter einer Großorganisation verstecken. Dein Vorschlag ist sehr gut. Dann würde man auch wieder den Prinzipien offener sozialer Netzwerke folgen.

  9. „Dann wären die Beiträge auch klar einzelnen Autoren zuzuordnen“ – nein, nicht wirklich, weil es ja sein könnte, dass ich auch deine Beiträge kopieren und verbreiten würde ohne sie zu ändern, aber meine Seite trotzdem häufiger aufgerufen wird als deine. Zuzuordnen wären nicht Autoren, sondern nur Adressen und die könnten im Prinzip auch von Gruppen vertreten werden. Übrigens würde damit nicht der Autor verschwinden. Sondern nur: das Beziehungsnetzwerk von Texten, von Artikeln, von Theorien, Meinungen, Interpretationen usw. wird relevant. Analog: Wer hat Zugang zur besten Clique? Im Prinzip kann niemand ausgeschlossen werden, aber niemand kann sich einfach selbst inkludieren. Je attraktiver das Netzwerk um so emsiger die Bemühungen einzelner, inkludiert zu werden. Das Beziehungsnetzwerk wäre das Epos, nicht einzelne Artikel oder Beiträge. Was man ja bei Wikipedia schon sehen kann. Es ist ein Epos, dass eigentlich nur ein Beziehungsnetzwerk ist. Allerdings unter enormen Kostenaufwand erstellt und mit ideologischen Blockierungen versehen, wobei ersteres zweiteres nach sich zieht und andersherum.
    Wir bräuchten Wikipedia ohne Ideologie, also unter Berücksichtigung von Differenz, ohne Hierarchie und dann auch dezentrale Kostenverteilung: jeder übernimmt die eigenen.
    Und je nach Attraktivität eines Netzwerk entstehen auch wieder prominente Adressen. Das kann man gar nicht verhindern. Muss man auch nicht. Die Prominenz entsteht dann nicht, weil auf eine Adresse gute Texte zurückgeführt werden, denn gute Texte entstehen kollaborativ, sondern weil eine Adresse im Netzwerk eine gute Organisations- und Vernetzungstätigkeit entfaltet, durch die gute Texte zustande kommen. Darauf käme es an und nicht auf die Frage: was meint der Autor eines Textes? Viel intelligenter wäre die Frage: _wie_ macht er das?

  10. Claude

    „Darauf käme es an und nicht auf die Frage: was meint der Autor eines Textes? Viel intelligenter wäre die Frage: _wie_ macht er das?“

    Wie macht er das, immer besser als alle anderen zu wissen, worauf es jeweils ankommt und worauf nicht?

  11. Danke Klaus, für Deine Erläuterung. Auf jeden Fall wäre es anti-hierarchisch und das wäre schon ein großer Schritt nach vorne. Was zur Zeit bei Wikipedia abläuft, kann man in vielen Gruppen beobachten, die sich nach außen abschotten. Ist in der Soziologie sehr gut erforscht.

  12. Hallo Gsohn!
    Ich sehe mit Genugtuung, daß das Thema Wikipedia nach meinem Kommentar hier wieder aufgelebt zu sein scheint, nachdem es zuvor wohl eingeschlafen war. Ich denke wirklich, daß es einer weiteren Diskussion wert wäre, weil es sich hier um ein wichtiges und allgemeinbewußtseingestaltendes Kulturinstrument handelt. Was ich nämlich nach mehrmonatigen letztlich frustrierenden Beteiligungsversuchen dort erlebt habe, hätte ich als Außenstehender nicht für möglich gehalten. Ich bin dort gleich mehreren Sorten von Widersachern begegnet, die ich niveaumäßig für mich klassifiziert habe. An oberster Stelle immerhin noch stehen dort die von mir so bezeichneten Enzyklopädisten, deren Standpunkt ich im Prinzip zwar verstehen kann, aber doch für sehr trocken halte: sie wollen grundsätzlich alle gedanklichen Ansätze verhindern, die nicht irgendwie sachlich oder prominent belegt sind. Hätten Diderot und d’Alembert sich allerdings so verhalten, hätte es die sog. ‚Aufklärung‘ nicht gegeben: dieser Standpunkt ist also zumindest historisch nicht zu begründen, hat sich aber inzwischen auch allgemein im ‚Enzyklopädismus‘ etabliert: Bibliothekare sind an die Stelle der ‚Philiosophes‘ getreten und blockieren alle neuen Ansätze. Ich beklage das etwa hinsichtlich meiner Beitragsversuche zu den Themen ‚Melancholiker‘ und ‚Bamberger Reiter‘ (zu sehen auf der Homepage ‚Hintergrundstrukturen.de‘ und zu vergleichen mit dem, was weiterhin im Wiki zu diesen Themen steht).
    An zweiter Stelle stehen die Polizisten wie der erwähnte Nolispanmo, die m.E. nichts anderes als menschliche Roboter sind, mit denen man nicht diskutieren kann. An dritter Stelle stehen aber die wirklich Negativsten der Art Ulli Purwin: Das sind solche, die sich jahrelang bei Wiki hochgedient haben – und zwar idR. ohne eigene Kommentare und nur mit Fleiß – und die ohne irgendwelche Hintergründe ihre sehr einseitige und üblicherweise – ihrem Temperament entsprechenede – ‚bildungsferne‘ Weltsicht mit Hilfe ihrer dort so gewonnenen Machtstellung durchdrücken – und das auch noch mit hinterfotzigen Methoden wie etwa dem Einsatz von ihnen willfährigen (weil ursprünglich unter ihrer Mentorenschaft eingeübten) Strohmännern oder mit sonstigen intriganten – seilschaftnutzenden – Mitteln.
    Nachdem ich etwa zehn Artikel eingestellt hatte, sind mir so bis auf drei alle anderen wieder mit m.E. unsachlichen Argumenten und durchaus auch gegen den Protest anderer, aber weniger etablierter, Wikipedianer rausgeworfen worden. Das hat mich aber nur zunächst geärgert, denn ich habe danach plötzlich ernüchtert eingesehen, daß es gar nicht wirklich in meinem eigenen Interesse war, diese Artikel Wiki zu schenken. Stattdessen habe ich sie auf unserer eigenen Homepage untergebracht, wo auch meine Autorenschaft zu belegen ist.

  13. Das Projekt Wikipedia muss wohl mit konkurrierenden Projekten konfrontiert werden. Ich bin begeistert, was jetzt so alles ans Tageslicht befördert wird.

  14. Ja Kusanowski! Kathpedia und Wikimania sind aber bereits von vornherein sehr festgelegt. Aber das weiß man da zumindest von vornherein, während Wikipedia vorgibt, insofern neutral und offen zu sein, es aber eben nicht wirklich ist. Das Stichwort Wikimania hat mich aber sogleich angeregt, über den Unterschied zwischen Feminismus und Maskulinismus nachzudenken – und wieder einmal über den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Soetwas hätte z.B. – und damit sind wir wieder beim Ausgangsthema – bei Wikipedia keine Chance, obwohl es uns alle fast täglich betrifft. Schon gar nicht, wenn du den spaßigen Aspekt davon ins Spiel bringst und etwa darauf verweist, daß sich auch Frauen für Pornos interessieren, aber nur, weil sie miterleben wollen, wie „die beiden“ am Ende doch noch heiraten. Soetwas ist zwar archetypisch interessant, aber von Archetypen wollen die schon gar nichts wissen. (Fiel mir nur alles eben so ein.)

  15. „Kathpedia und Wikimania sind aber bereits von vornherein sehr festgelegt.“ – das macht nichts. Ich sagte: jedem seine eigene Wikipedia. Die Differenzierung muss auf vollständige Individualisierung von Adressen gehen. Erst dann werden solche Festlegungen unerkennbar, weil sie nicht weiterführen. Der Sinn ist, Texte nicht als fertige Produkte zu betrachten, die aus der Fabrik irgendeines genialen Urhebers kommen, sondern als Elemente in einem Epos, das sich ständig ent- und verwickelt.

  16. Vielleicht sollten wir zu diesem Thema in nächster Zeit mal ein Experten-Roundtable veranstalten und uns irgendwo zentral in Deutschland treffen. Beispielsweise in Frankfurt. Dann könnte man daraus eine größere Story.

  17. Ich verstehe nicht wirklich warum Kathpedia und Wikimania als Differenzierungen der Wikipedia dargestellt werden. Zumindest ist es keine Differenzierung die vernünftig verarbeitbare Adressen zur Verfügung stellt. Das Problem ist meines erachtens eines, dass technisch noch nicht ausreichend gelöst wurde. Das Wikipedia konnte nur explodieren, weil jemand das kollaborative Textverfassen erfunden hatte, das Prinzip Wiki eben.

    Das Wikipedia für jedermann wird erst dann funktionieren, wenn es auf Knopfdruck verfügbar wird. Bei Softwareprojekten ist das mittlererweile heute schon möglich. Man melde sich mal bei github.com an und kann dann bei jedem Projekt auf den fork-button klicken.

    Beim Wikipedia muss so etwas auch möglich werden. Das Zauberwort heisst „Distributed Version Control“ (siehe Wikipedia) und das muss mit der Wikipedia verheiratet werden. Das ist vor zwei Jahren auch schon mal angefangen worden, leider ist es allerdings früh genug wieder eingeschlafen:

    http://scytale.name/blog/2009/11/announcing-levitation/

    Der Autor @Scytale ist auch auf Twitter recht aktiv.

  18. „Ich verstehe nicht wirklich warum Kathpedia und Wikimania als Differenzierungen der Wikipedia dargestellt werden“ – Differenzierung entstehen nicht durch Knopfdruck, sondern durch vorhergehende Differenzierung. Differenzierung ist ein Prozess, keine Entscheidung. Differenzierung ist kein Einzelprojekt, sondern ein hoch komplexes Selektionsgeschehen ohne Ursprung.

    „Zumindest ist es keine Differenzierung die vernünftig verarbeitbare Adressen zur Verfügung stellt.“ – Vernunft ist keine differenzlose Einheit. Vernunft lässt sich auf sehr verschiedene Weise ermitteln, nicht erst und allein dadurch, dass jemand irgendeine Software schreibt. Denn der Erfolg wird nicht durch Software-Tüftler hergestellt. Erfolg ist das Ergebnis von Differenzierung. Der Software-Entwickler ist erst dann erfolgreich, wenn genügend andere auch erfolgreich werden.

    http://differentia.wordpress.com/2010/09/01/wikipedia-wird-abgeschafft-2/

  19. „Der Sinn ist, Texte nicht als fertige Produkte zu betrachten, die aus der Fabrik irgendeines genialen Urhebers kommen, sondern als Elemente in einem Epos, das sich ständig ent- und verwickelt.“ Das geschieht ja im Prinzip in Wiki – bzw. wird dort vorgegeben, daß es so geschieht, und auch viele Wikipedianer glauben immer noch daran, daß es so ist, und werden dabei oft nur noch als Statisten mißbraucht. Das ist der eigentliche Skandal dieser Institution, die ja wegen ihrer Verbreitung zugleich gesamtbewußtseinbildend wirkt. Übrigens gibt es ja allerdings die Alternative der interaktiven Redaktionssysteme nach dem obigen Vorschlag im Internet wie etwa ‚Hintergrundstrukturen.de‘, die aber nicht annähernd diese Verbreitung haben. (‚Ich sag mal‘ dagegen ist ja eher ein Chat-System, das man damit nicht vergleichen kann,) Offenbar ist es also illusorisch, an Wikipedia vorbei irgendeine Alternative zu veranstalten, ähnlich wie es illusorisch wäre, eine Google-Alternative zu machen. Der mir am naheliegendsten erscheinende Weg wäre demnach eine Wiki-interne Revolution. Es gibt, wie ich weiß, viele Wikipedianer, die dort ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht haben und die man vielleicht dafür gewinnen könnte – wie aber kann man die erreichen und zusammenbringen?

  20. „Es gibt, wie ich weiß, viele Wikipedianer, die dort ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht haben und die man vielleicht dafür gewinnen könnte – wie aber kann man die erreichen und zusammenbringen?“ Das geht wohl nur über Öffentlichkeit. Sollten das also mehr in die aktuellen Berichte reinbringen.

  21. Die Frage ist nur, wie das geschehen kann. Zunächst einmal möchte ich noch auf den eigentlichen Wikipedia-Skandal hinweisen, damit der klar erkannt wird: Wikipedia wirkt inzwischen sehr entschieden gesamtbewußtseinsbildend. Dabei ist es aber nicht etwa nur so (was schon bedenklich genug wäre), daß dort lediglich trockene Bibiothekare an die Stelle selbst- und mitdenkender Autoren getreten sind – die natürlich durchaus ihre Artikel einer allgemeinen Diskussion stellen müßten, nicht aber schon bei dem geringsten Verdacht einer nicht objektivierbaren Interpretation von vornherein abgewürgt werden sollten. Sondern es ist darüber hinaus sogar so, daß (nicht nur, aber auch!) wirklich dumme und intrigante Menschen wie der von mir benannten UlliPurwin lediglich mithilfe des einzigen ihnen gegebenen Mittels, nämlich u.U. jahrelangen unbezahlten und stoischen Fleißes, ihre persönliche Wut gegen alles, was irgendwie ihre Weltsicht übersteigt, abreagieren können und mithilfe ihrer so gewonnenen dort internen Machtstellung abblocken bzw. unterlaufen und die entsprechenden Autoren hinauswerfen. Außerdem gibt es dort den Grundsatz, daß alle Artikel, die mehrere Monate oder gar Jahre lang unangefochten geblieben sind, nicht mehr geändert werden können – und sei es nur deshalb, weil sie noch aus der Wiki-Anfangszeit vor ca. 10 Jahren stammen und man damals noch dankbar für alles war. Gegen diesen ofr haarsträubenden Unsinn gibt es dann keine nachträgliche Korrekturmöglichkeit mehr. Dafür kann ich einige Beispiele nennen. Allgemein möchte ich sagen, daß dort das Prinzip der Etablierung über das einer kritischen Intelligenz dominant ist – Etablierung in den verschiedensten Formen: jeder und jedes, der oder das sich erst einmal irgendwie festgesetzt hat, gewinnt dadurch eine relative Machtstellung und gebraucht oder auch mißbraucht die nach seiner jeweiligen Veranlagung – was m.E. einem zwangsläufigen Gesetz zufolge zu einer immer größeren Verdummung des Systems führen muß, weil Intelligenz durch Differenzierung gekennzeichnet ist, Fehlen von Intelligenz aber durch Intriganz und Rechthaberei ersetzt wird.

  22. Wie gesagt, ich biete mich gerne als Moderator für eine Expertenrunde an. Wie müssten nur schauen, wo und wann wir das auf die Reihe bekommen. Das Ganze wird dann mit via Video und Audio aufgezeichnet, bei Youtube, Soundcloud etc. hochgejagt und es Erscheinen noch ein paar Artikel.

  23. Hallo Gsohn! Ja, das Thema ist wichtig, und selbst wenn einiges von meiner Kritik subjektiv gefärbt sein sollte, so habe ich doch wohl hoffentlich gezeigt, daß hier eine subversive Kraft am Werk ist. Wenn man aber dagen anwirken will, so erhebt sich sofort die Frage der Wirksamkeit. Denn Wikipedia steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, und dagegen anzukommen wäre wohl sehr schwer. Immerhin haben wir schon von der Macht und Effizienz des übrigen Internets und der sozialen Netzwerke gehört, die bisweilen tausende von Menschen plötzlich auf die.Straße bringen können. Ich selbst habe bisher allerdings noch keinen Zugang und keine Erfahrung mit Facebook o.ä. Vielleicht kennst du hier einige, die damit besser umgehen können. Ich erlebe z.B., daß plötzlich mehrere tausend Besucher auf unsere Homepage kommen, während sonst teilweise Flaute herrscht, und ich kann mir das nur durch Facebook o.ä. vermittelt vorstellen. Wie wäre es, wenn man einen solchen Facebook-Angriff (eine Art Überrschwemmung) ganz gezielt gegen ganz bestimmte – ihre Macht mißbrauchende – Wiki-Bonzen einsetzen würde?

  24. Ich möchte noch eine dazugehörige Idee anregen: Praktisch jeder kann sich bei Wikipedia als Autor anmelden und bekommt einen besonderen Nickname und Account zugeteilt. Wenn mehrere Neuanmelder sich zuvor absolut einig wären, ein bestimmtes Ziel der Art, die ich vorschlug, zu verfolgen (und sich dazu zuvor bindend verpflichteten), könnten sie eine Macht in der Macht aufbauen (einen Staat im Staat), die irgendwann geschlossen handeln könnte. Allerdings setzt das voraus, daß alle sich dort zu einer entsprechenden Vorarbeit bereit fänden. – Oder: man müßte Wege finden, Wiki-intern bestimmte Codes auch unter bereits dort Etablierten zu verbreiten usw…. ???

  25. Noch etwas. Um ein Beispiel eines von mir verfaßten Artikels zu benennen, der mir dort wieder gelöscht wurde – der ist hier zu finden:
    http://ouroboros-forum.de/index.php?option=com_content&view=article&id=269:das-problem-der-masse&catid=45:thema-kosmologie&Itemid=70
    Ich hielt diesen Artikel durchaus für wichtig und hatte ihn auch m.E. gut belegt, aber man wollte das aus offensichtlich ideologischen (philosophiefeindlichen) Gründen nicht haben, weil es die physikalische Variante des Themas relativierte.

  26. Das Thema interssiert mich sehr, aber ich bin kein Facebooker und kenne mich da nicht gut aus. Was soll das denn bringen und wie kann man das beobachten oder sonstwie teilnehmen?

  27. Hi Günter, es gibt auch einen Rundshow-Blog: http://blog.br.de/rundshow/. Also kannst Du auf die Facebook-Site verzichten. Dort findest Du auch alle nötigen Informationen zur Sendung, die täglich im Netz und im Fernsehen ausgestrahlt wird. Beteiligungswunsch frühzeitig anmelden, denn es ist möglich, über Google Hangout zugeschaltet zu werden. Am besten dann nach der Redaktionskonferenz, die mittags stattfindet, schon mal einen Kommentar zum Thema abgeben und auf Deine persönlichen Erfahrungen hinweisen. Wer als Experte im Studio sein wird, kann ich Dir nicht sagen. Das erfährt man dann morgen im Laufe des Tages. Also eine gute Gelegenheit, für Öffentlichkeit zu sorgen!

  28. Pingback: plus-me.at GOOGLE | +rundshow +Daniel Fiene Das wäre doch ein Thema! Interessant finde ich, das das…

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  30. Pingback: Literatur-Spam auf Wikipedia? – schleeh.de

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