Konversationskunst statt Basta-Entscheidungen: Der Verlust des Sprecher-Monopols von Parlamenten und Massenmedien

Eine weitere höchst interessante Ausstellung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) beschäftigt sich mit der Konversationskunst von Kurd Alsleben und Antje Eske (die Ausstellung zu Leben und Werk von Professor Herbert W. Franke habe ich ja schon vorgestellt). Die weltweite Vernetzung der Computer habe zu einem Austausch von Botschaften aller Art geführt, der in seiner Quantität alle Vorstellungen überschreitet. Social Software-Dienste wie Facebook oder Twitter würden neue Formen des zwischenmenschlichen Umgangs erzeugen.

Alsleben, Eske und befreundete Künstler, Philosophen und Wissenschaftler – erkunden, welche künstlerischen Möglichkeiten mit diesen neuen Kommunikationsformen auftreten und entwickeln eine Kunst der Konversation, die auf eine lange Tradition verweisen kann: von der antiken „ars sermonis“, den Musenhöfen der italienischen Renaissance, der französische Salonkultur des 17. und 18. Jahrhunderts, bis zum Surrealismus und Dadaismus des 20. Jahrhunderts.

„Konversationskunst“ sei eine Kunst des Austauschs, die sich von der alltäglichen Kommunikation abhebt. Sie produziere kein Werk, sondern erlaubt das gemeinsame, spielerische Sammeln von Erfahrungen und das Entstehen von Ideen, die den aktuellen gesellschaftlichen Common Sense überschreiten. „Ich weiss allein nicht weiter“ ist das Leitmotiv dieses Konversierens.

In einem Pressegespräch erläuterte die ZKM-Kuratorin Margit Rosen, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Gesprächs sei. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Manifeste. Was wir jetzt erleben, sei eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Kurd Alsleben und Antje Eske vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten die Plattformen und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren. „Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen und um die Frage ‚Wie wäre es denn schön'“, sagte Rosen.

Es gehe um die Überwindung von verfestigten und verkrusteten Strukturen. Wie wäre es denn schön? Diese Frage hätte am Anfang des Stuttgart 21-Projektes stehen müssen, um im Dialog mit den Bürgern zu einer vernünftigen Entscheidung „Oben“ oder „Unten“ zu gelangen. Die Polit-Apparatschicks hätten sich eine Menge Ärger erspart und vielleicht sogar eine Zustimmung erlangt, wie es bei dem weitaus größeren Vorhaben des Gotthard-Tunnels der Fall ist. Die Schweizer haben der weltweit einzigartigen technischen Meisterleistung in mehreren Volksabstimmungen zugestimmt – allerdings vor dem Baubeginn. Bei Stuttgart 21 hat man es genau anders herum gemacht. Erst im Nachhinein wird publik, „auf welch fragwürdiger, der Öffentlichkeit vorenthaltener ‚Faktenbasis‘ Entscheidungen getroffen und schöngerechnet wurden“, schreibt Zeit Online in dem Beitrag „Wir haben die Nase voll“. Die Massenproteste in der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind kein Menetekel für eine blockierte Republik bei technische anspruchsvollen Großprojekten, wie es Westerwelle und Co. mit Drohgebärde an die Wand malen.

Für den ZKM-Vorstand Professor Peter Weibel gibt es einen Bogen von der Salon-Konversation, über die Aufklärung bis zum Chat-Room: „Das Internet führt fort, was im Umkreis der Aufklärung begonnen wurde und man kann hoffen, dass es sich als eine erweiterte politische Macht etabliert. Wir erleben gerade in Stuttgart den von Habermas beschriebenen Strukturwandel der Öffentlichkeit.“

Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht“, so Weibel bei der Vorstellung der Ausstellung „Konversationskunst“. Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Hier die Audio-Aufzeichnung des Pressegespräches:

Während der gesamten Ausstellungszeit ist eine Konversation mit den Künstlern Kurd Alsleben und Antje Eske über Facebook, Twitter und Skype möglich.

Facebook-Präsenz.

Twitter.

flickr.

YouTube.

Termine:
Freitag, 29. Oktober 2010 — 15 Uhr
Spielen/Spielverderben. Konversieren. Deliberieren

Samstag, 30. Oktober 2010 — 11 Uhr
Erfahrungen im Social Web

Freitag, 12. November 2010 — 15 Uhr
„Felix aestheticus“. Interesselos. Ökonomische Abhängigkeiten

Samstag, 13. November 2010 — 11 Uhr
Hypertext und frühe Austausche

Freitag, 26. November 2010 — 15 Uhr
Formen. Auseinandersetzen. Zusammensetzen

Samstag, 27. November 2010 — 11 Uhr
Ansinnen. Bonusanerkennung. Taktgefühl. Ästhetischer „sensus communis“

Freitag, 10. Dezember 2010 — 15 Uhr
Kunst ohne Publikum. Common Sense. Emanzipation

Samstag, 11. Dezember 2010 — 11 Uhr
Social Web vor dem Social Web. Kunstgeschichte

Mittwoch, 29. Dezember 2010 — 15 Uhr
»Globophagia«, konversationelle Netzwerkmusik

Donnerstag, 30. Dezember 2010 — 11 Uhr
Erfahrungen im Social Web: Algorithmische Klangprogrammierung. „Terpsichore“ et al.

Donnerstag, 06. Januar 2011 — 15 Uhr
Erfahrungen im Social Web: SoundVision et al.

Freitag, 07. Januar 2011 — 15 Uhr
Gibt es einen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen?
(Human Computer Interaction | Mensch/Mensch-Kommunikation)

Samstag, 08. Januar 2011 — 11 Uhr
Kybernetik. Soziale Bewegungen. Social Web

Konversationen – Skype
Ort: ZKM | Medienmuseum, Projektraum

22. Oktober 2010 — 15 Uhr

05. November 2010 — 15 Uhr

19. November 2010 — 15 Uhr

03. Dezember 2010 — 15 Uhr

17. Dezember 2010 — 15 Uhr

Anmerkung: Das erste Foto zeigt den Ausschnitt einer Landkarte aus dem 17. Jahrhundert in deutscher Übersetzung. Die Carte de Tendre´ wurde als Konversationsspiel eingesetzt. Stolz, Niedertracht, Indiskretion oder üble Nachrede bringen den Spieler ins „Meer der Feindschaft“.

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