Telekom im Kreuzfeuer: Aufgabe der Netzneutralität erschwert Innovationen

Die Deutsche Telekom hat sich Ansicht Peter Piksa keinen Gefallen getan. „Im Manager Magazin gab der Telekom-Chef René Obermann nun ein Interview, in dem er sich ganz offen gegen das Prinzip der Netzneutralität aussprach und damit mal eben eine spontane Protestwelle auslöste, die so wohl niemand erwartete. Anschließend versuchte man die Wogen zu glätten, was die Sache jedoch nur noch schlimmer machte“, schreibt Piksa in seinem Blog.

Google und Apple seien laut Telekom zwei Aushängeschilder für Unternehmen, welche mit ihrem Terrabyte-großem Content die Leitungen der Telekom verstopfen. Google betreibe schließlich YouTube und Apple beliefet seine Kunden mit Musikdownloads und das alles geht halt so sehr auf die Kapazitäten, dass es jetzt halt an der Zeit ist, die Netzneutralität einzureißen und das Internet in seiner vollen Bandbreite nur noch jenen zur Verfügung zu stellen, die es sich leisten können. „Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass die Telekom bereits von dem Konsumenten Geld für den Internetzugang bezieht, nein. Jetzt will man sich auch noch von Contentanbieter dafür bezahlen lassen, dass man sie mit den Usern verbindet“, so Piksa. Mark Nierwetberg von der Telekom sieht nicht die Freiheit des Internets im Zentrum der Diskussion, sondern die Frage, wie man in Zukunft Investitionen ins Netz refinanzieren könne: „Das ist die Frage, die wir uns stellen. Und wir diskutieren die. Sie bevölkern, wie sie schreiben, das Internet. Gut, das soll auch so bleiben. Andere machen im Internet Geschäfte, dabei wird Geld verdient. Wie wird in Zukunft dieses Geld verteilt, wenn immer mehr Dienste mit immer größerem Hunger auf Bandbreite ins Netz wandern? Entstehen vielleicht Geschäftsmodelle, die gesicherte Qualität – so war Sicherheit gement – verlangen? Als TV Sender zahle ich eine Einspeisegebühr für das Kabel, Netzbetreiber könnten in Zukunft eine gesicherte Qualität für TV Dienste im Netz anbieten – dürfen die dann diesen eindeutig kommerziellen Dienst bepreisen? Darf man als Netzbetreiber die Frage stellen? Wer trägt die Investitionen für den Ausbau der Netze“, fragt sich der Telekom-Mann.

Schon vor einigen Jahren startete der frühere Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke einen ähnlichen Angriff auf Google und Co.: „Diese Unternehmen sind künftig darauf angewiesen, dass wir ihnen für ihre neuen Anwendungen die erforderliche Netzqualität garantieren. Es kann nicht sein, dass nur der Kunde über das monatliche Grundentgelt für diese schöne neue Welt bezahlt. Auch alle Web-Unternehmen, die Infrastrukturen für ihr Geschäft nutzen, sollten dann ihren Beitrag leisten.“

Traditionell war das Geschäftsmodell der Telcos vertikal integriert: Von der untersten Schicht – dem Kupfer- oder Glasfaserkabel – bis hinauf zu den oberen Schichten oder Protokollebenen – der eigentlichen Übertragung von Sprach- und Datensignalen – hatten die Netzbetreiber die Kontrolle über alle technischen Ebenen der Netze und Anwendungen. Mit dem Siegeszug des Internet-Protokolls hat sich das gewandelt, da Internet-Applikationen nicht im Zentrum der Netze entstehen, sondern an deren Rändern, und auf einer höheren Schicht transportiert werden.

Experten warnen zurecht vor einer Fragmentierung des Internets durch die Eigeninteressen der Telcos. In einem offenen Netz könne jeder ein Innovator sein und die Kontrolle über die Entwicklung seiner Innovationen sein. In einem Netz, das nicht dem Ende-zu-Ende-Prinzip folge, obliegen Innovation und Kontrolle dem Netzbetreiber; damit verschlechtern sich die ökonomischen Bedingungen für Innovationen.

Wer die Netzneutralität aufgibt, opfert die Prinzipien, die das Internet erfolgreich gemacht haben. Wer sich an die Unvereinbarkeit proprietärer Netze wie dem BTX-Dienst der Deutschen Telekom erinnert, wird eine Ahnung davon haben, was uns bevorsteht, wenn sich kurzfristige Shareholder-Interessen durchsetzen sollten. Dem übergeordneten Ziel, in Deutschland mit der Förderung des breitbandigen Internets Impulse für mehr Innovation zu setzen, wäre mit einem diskriminierenden Netz jedenfalls nicht gedient.

Michael Seemann hat zu diesem Thema einen sehr interessanten Vortrag gehalten.

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