Wie man im FAZ-Feuilleton die Echtzeit-Kommunikation bekämpft: Der tägliche Ausnahmezustand des digitalen Lebens und die Jammerlappen-Psychose


Es war einmal ein kleiner Angsthase. Der hatte Angst vor Hunden, Gespenstern und großen Jungen. Deshalb spielte er lieber mit dem ganz kleinen Ulli.

Mein Gott (als Atheist darf ich so eine Formulierung eigentlich nicht wählen), jetzt wird das Web-Zeitalter sogar schon in psychopathologischen Dimensionen gesehen – zumindest im FAZ-Feuilleton. In der Fortsetzungsgeschichte der Internet-Weltuntergangsthesen kommt heute Geert Lovink zu Wort (Informationsüberflutung: Was uns wirklich krank macht). Er ist Gründungsdirektor des Institute of Network Cultures in Amsterdam.

Lovink kommt zu dem Befund, dass nicht die Technologie das Problem sei, sondern die Kombination von Informationsstress und Konkurrenzdruck. Neben den üblichen Thesen zur Informationsüberflutung präsentiert Lovink ein wüstes Theorien-Kaleidoskop von der Psychoanalyse bis zur Medientheorie von Marshall McLuhan. Auch das Schreckgespenst „Neoliberalismus“ darf nicht fehlen. So sprach Lovink in Bologna mit dem italienischen Medientheoretiker Franco „Bifo“ Berardi.

„Der Sechzigjährige, der an einer Mailänder Kunstakademie unterrichtet, hat einen scharfen Blick für die ‚prekären‘ Arbeitsverhältnisse von heute. Überlastung, Kurzarbeit, Antidepressiva, Blackberrys und Kreditkartenschulden werden zunehmend Thema theoretischer Debatten. Berardis Arbeiten liegen seit kurzem auf Englisch, aber noch nicht auf Deutsch vor. In ‚The Soul of Work‘ (2009) beschreibt er die Entwicklung der letzten dreißig, vierzig Jahre – von Entfremdung zu Autonomie, von Repression zu hyperaktiver Selbstdarstellung, von den Hoffnungen und Wünschen eines schizophrenen Aktivismus zur diffusen, wenn nicht depressiven Subjektivität der Generation Web 2.0.“

Wer überleben wolle, muss konkurrenzfähig sein, und wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein, eine riesige und ständig wachsende Datenflut aufnehmen und verarbeiten. Das führe zu permanentem Aufmerksamkeitsstress, für Affektivität bleibt immer weniger Zeit.
„Um fit zu bleiben, greifen die Leute zu Prozac, Viagra, Kokain, Ritalin und anderen Drogen. Wenn wir diese Analyse auf das Internet übertragen, sehen wir die beiden Bewegungen – die Erweiterung der Speicherkapazität und die Verdichtung von Zeit -, die Computerarbeit so stressig machen. Daraus resultiert das Chaos unserer Zeit. Chaos ist, wenn sich die Welt so schnell dreht, dass wir nicht mehr hinterherkommen“, so das Glaubensbekenntnis von Lovink.

Wir lebten, sagt Berardi, nicht einfach in einer „Aufmerksamkeitsökonomie“, die auf freier Wahl beruht. Als wären das Mitmachen bei Facebook und Twitter und das permanente digitale Erreichbarsein eine Sache der freien Wahl. Was wirklich krank mache, ist nicht die Informationsüberflutung, sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen Arbeitsbedingungen.

„Eine ‚Lösung‘ für Besserverdienende und ethisch Gleichgültige könnte so aussehen, dass man sein Informationsmanagement an einen persönlichen Assistenten in China delegiert“, meint Lovink, der von digitalen Assistenten, die mein Büroleben vereinfachen, wohl noch nie etwas gehört hat. Wenn wir Souveränität erlangen wollen, müssten wir nach Auffassung von Lovink unbedingt Herren unserer Zeit werden. Nach „Fair Trade“ könnte sich eine Bewegung „Fair Time“ herausbilden. „Vor allem müssten wir die ‚Echtzeit‘-Strategien von Google und Twitter bekämpfen und längere Arbeitssequenzen entwickeln“, fordert Lovink und plädiert für Slow Communication. Allerdings nicht nur als reformistische Lifestyle-Bewegung. Es reiche nicht, das „Filterproblem“ (Clay Shirky) zu reparieren. Zeit verweise auf den Kern der kapitalistischen Ausbeutung. „Zeitmanagement“ zu sabotieren sei alles andere als harmlos.

Irgendwie erinnert mich diese digitale Jammerlappen-Psychose an die Kulturpessimisten Oswald Sprengler und Carl Schmitt, die ihr Buddelkasten-Leben als täglichen Ausnahmezustand werteten. Die Schriften der zu kurz gekommenen und kleinwüchsigen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für Sandkastenspieler. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen. „O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.“ Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.“

In den Monaten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gehen ihm Selbstmordgedanken durch den Kopf. Schmitt will in den „Mutterschoß zurück“ und seinen „Eintritt ins Leben rückgängig machen“, winselt er. Der spätere Dezisionismus-Plauderer drückt sich allerdings vor der endgültigen Entscheidung.

Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein „großes Machtbedürfnis“. „Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier“, sinniert der spätere Staatsrat, der sich den Nazis andiente, von einer dicken Beamtenpension träumte und nach 1945 in permanente Weinkrämpfe ob seiner verpfuschten staatlichen Laufbahn verfiel.

Vor dem Beginn seiner staatlich alimentierten Juristenkarriere fühlt er sich „müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam“. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind „wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze“. Klein Schmitti macht seine ersten Gehversuche fern von Muttis Rockzipfel und sieht nur noch Schwarze Männchen. Wie viel „Neid, Wut, Hass und Eifersucht, ja Ekel die Leute voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.“ Und wenn Mutti und Vati den lieben Kleinen nicht mit den materiellen Mitteln ausstatten, die einem zartbesaiteten Streber und Einser-Juristen gebühren und das kleine Dickerchen mit eigenen Händen nichts aufbauen kann, geißelt man am besten die böse Ellbogengesellschaft.

Eine ähnliche Hosenscheißer-Persönlichkeit ist Oswald Sprengler, Autor des kulturpessimistischen Bestsellers „Untergang des Abendlandes“. Der martialische Lehrer des heroischen Realismus und des zynischen Imperialismus erscheint in seinen Nachlassaufzeichnungen „als eine weichliche, ängstliche, in sich selbst abgekapselte Persönlichkeit voller Hemmungen aller Art, die sich selbst als verkrachte Existenz wahrnimmt. Das Motiv der Angst wird hundertfach heruntergeleiert. Spengler hat weit über die Kinderjahre hinaus vor allem Angst: vor den anderen, vor jedem Erwachsenen, vor Mitschülern, vor allem ‚Weiblichen‘ (maßlose lächerliche Schüchternheit‘!), vor der Öffentlichkeit, vor Beziehungen, vor dem Eintritt in einen Laden, vor der Zukunft, vor Versetzung, vor Verspätungen, vor Begegnungen, vor Verwandten, vor dem Schlaf, vor Behörden, vor Gewittern, vor dem Krieg, sogar vor der Musik (die ihn ‚zermalmt‘), vor der Welt, vor dem Leben, vor dem Tod, Angst, Angst, Angst und schließlich Angst, seine Angst zu zeigen“, schreibt Gilbert Merlio im Nachwort des Buches „Oswald Spengler, Ich beneide jeden, der lebt – Die Aufzeichnungen ‚Eis heauton‘ aus dem Nachlass“.

Seine Selbstanklage wandelt sich dann im „Untergang des Abendlandes“ in eine Anklage gegen die Zeitumstände. Zeitgenössische Malerei, Architektur und Literatur verabscheut er. Er sehnt sich nach der guten alten Zeit. „Mein München von 1900 schildern. Längst tot. Kunststadt, letzter Hauch von Ludwig I. Ewige Sehnsucht danach. Café Colonnette“. Spengler sieht sich als letzten Kulturmenschen in einer Zeit, die sich ihres eigenen Verfalls nicht bewusst ist. Dabei kompensiert er nur sein klägliches Versagen, mit den Umständen der Zeit fertig zu werden. Er ist neidisch auf Tatmenschen und hat einen Widerwillen gegen politisch praktisches Tun. Immerhin gelangt er zur Erkenntnis: „Ohne praktische Arbeit großen Stils kann ich nicht leben.“

Schuld sind auch bei Carl Schmitt immer die anderen: „Der Kapitalismus als die Herrschaft des Mittels geht hilflos an sich selbst zugrunde, weil uns alle Zwecke fehlen“ und niemand die richtigen Warum-Fragen stellt. Im sündigen Kapitalismus vertauschen die Menschen die Vorzeichen des Lebens. Sie „beten die Mittel an“ und haben die „letzten Zwecke vergessen“, faselt unser Marx für Arme. Die „tiefere Wahrheit“ umschreibt Schmittchen wie folgt: Menschliches Leben besteht nur in „Kampf und Niederlage, in Schmach und Demütigung“. „Heftig geweint über die Sorgen und den Kampf des Erdendaseins“. Alles „ist ein Kämpfen“, und zwar mehr, als die Menschen „glauben“. Es wimmelt in Schmitts Albträumen von Feinden, und das Leben „ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen“. Das Leben, „die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit sind wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt“. Seine spätere antikapitalistische Etatismus-Suada findet hier wohl ihren Ursprung. Die gnostischen Autoren haben es Carl Schmitt angetan. Ihre Rede von der heillosen Zeit und dem Fluch des Daseins.

Wenn sich im täglichen Überlebenskampf die „Wahrheit“ des Daseins entbirgt, dann ist Gottes Schöpfung vom Teufel verhext. Genau diese „tiefere Wahrheit“ werde vom Kapitalismus verdrängt. Das Zeitalter der Reklame entlässt nach Meinung von Calle Schmitt einen dämonischen Schein, der die Menschen vom tödlichen Ernst ihrer Existenz ablenkt. Daraus bestimmt sich für den Ernstfalltheoretiker auch das „Böse“. Der Metaphysiker des Armageddon erlernt hier das Handwerk für seine staatsautoritären Dogmen. In seinen politischen Schriften geißelt er nach seinen Tagebuch-Heulereien (nachzulesen in: Carl Schmitt, Tagebücher, Oktober 1912 bis Februar 1915, Akademie Verlag, Berlin 2003) die fortschreitende Säkularisierung und die zunehmende Gottlosigkeit.

Den Begriff des Politischen definiert er als Erkenntnis, Freund und Feind richtig zu unterscheiden. Souverän ist Schmitt nur, wenn er über den Ausnahmezustand entscheiden kann – zumindest am Schreibtisch. Je größer er sein Gedankengebäude zur Politischen Theologie und Philosophie aufbläst, desto heißer die Luft. Hätte man dem Gehirnstoffwechsel von Schmitt und Spengler frühzeitig Antidepressiva hinzugefügt, wären aus den ängstlichen Hosenscheißern vielleicht noch gute Werbetexter geworden: Statt apokalyptische Visionen, geistvolle Sprüche über Goldbärchen, Brandt-Zwieback oder Pamperswindeln.

Als Rezeptur gegen die manischen Web-Ängste des FAZ-Feuilletons empfehle ich die Lektüre von „Der kleine Angsthase“ (meine Oma las mir das vor). Denn die Geschichte nimmt ein gutes Ende. Als nämlich der zu Beginn erwähnte Ulli vom Fuchs geholt wird, zeigt der Angsthase, wie viel Mut in ihm steckt. Also Kopf hoch, Geert Lovink und Frank Schirrmacher.

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2 Gedanken zu “Wie man im FAZ-Feuilleton die Echtzeit-Kommunikation bekämpft: Der tägliche Ausnahmezustand des digitalen Lebens und die Jammerlappen-Psychose

  1. Hallo, Gunnar,
    man muss natürlich auch ein bisschen einräumen, dass der gnostische Heroismus und das entsprechende Bramarbasieren in wuchtigen Bildern damals in der Luft lagen. Die Oswalds und Calles hätten dieses schauerdramatische Wortgeklingel von Entscheidung, Ausnahmezustand und Untergang auch noch nach der Einnahme von Antidepressiva einfach nur männlich und schön gefunden (sie hatten ja kein anderes Männerbild in petto). Man findet das alles ja auch bei Max Weber, wenn er über den „Beruf des Politikers“ spricht: die Welt als „Gehäuse der Hörigkeit“ und vor uns liege die eiskalte Polarnacht. Der Politiker, der kein bloßer Gesinnungspolitiker sein will, habe einen Pakt mit Dämonen zu unterzeichnen usw. „Lasciate ogni speranza“ (Du kennst das ja alles und kennst auch den Thomas Mann von damals). Das war der intellektuelle Zeitgeist wie in späteren Zeiten unter französischem Psychoeinfluss der „Graph des Begehrens“ und ähnliche intellektuelle Schwafeleien.

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  2. Stimmt, das war damals der Zeitgeist von links bis rechts. Calle Schmitt hat das allerdings bis zu seinem Tode 1985 zelebriert und entsprechende Wirkung auch auf Intellektuelle der Bundesrepublik entfaltet. Abstriche von seinen Ernstfall-Schwafeleien hat er nie gemacht.

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