Angela Merkel und die Leerformeln der Politik – Medien sollten das Funktionärsgeschwätz ignorieren

„Wir haben ganz klar gesagt, wir müssen jetzt zeigen, 2011, 2012, 2013, 2014, die gesamte mittelfristige Finanzplanung muss überschaubar sein, und damit kommt Stabilität und Verlässlichkeit auch in diese Dinge hinein. Trotz aller schwieriger Entscheidungen sage ich: Dieses ist notwendig. Notwendig für die Zukunft unseres Landes. Auch wenn, das will ich ganz deutlich sagen, es ernste Stunden waren und ich es auch für eine durchaus ernste Situation für unser Land halte, aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen können, wenn wir das jetzt auch so umsetzen, und das ist uns in harter Arbeit gelungen.“ So oder ähnlich klingen die Leerformeln von Kanzlerin Angela Merkel zur Rechtfertigung der schwarz-gelben Sparbeschlüsse. Warum kommen Politiker mit ihrer Worthülsen-Rhetorik in jede Hauptnachrichtensendung und dominieren einen Tag später die Schlagzeilen fast aller Tageszeitungen in Deutschland? So schreibt Stefan Niggemeier in der FAZ (Die Sprache der Kanzlerin): „Tragisch ist es allerdings, wenn der interessierte Bürger nicht einmal mehr in den Journalisten Verbündete hat im Kampf gegen die erschütternde Sprachlosigkeit der Mächtigen. Nach der traurigen Präsentation von Wulff als Präsidentenkandidaten, die weniger als vier Minuten dauerte, an deren Ende die routiniert vorgetragenen Leerformeln schon wieder vergessen waren, zeigte sich die Hauptstadtbüroleiterin des ZDF sehr angetan. ‚Dieses war, wie es sein sollte‘, kommentierte Bettina Schausten direkt im Anschluss, ’nämlich eine würdige Präsentation. Alle haben dies kurz und knapp, aber durchaus mit Freude im Gesicht absolviert.‘ Als ‚würdig‘ müsste man demnach ungefähr jeden öffentlichen Auftritt bewerten, der ohne Einsatz von Furzkissen auskommt.“

Wer zwingt eigentlich die klassischen Medien dazu, die täglichen Phrasendreschereien von Politikern aufzugreifen? Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist es sicherlich der Parteienproporz in den Aufsichtsgremien, der als Grund für Hofberichterstattung angeführt werden kann. Warum wird das Gleiche von Nachrichtenagenturen und Tageszeitungen praktiziert? Vielleicht wäre es ein probates Mittel für eine Printmedien-Frischzellenkur, die Reden von Politikern sowie die Verlautbarungen von Parteien und Verbänden zu ignorieren. „Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heißt ja: In redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen füllen; je weniger sie davon druckt, desto höher steigt also ihr Wahrheitsgehalt. Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile“, so die Empfehlung des Sprachkritikers und Publizisten Wolf Schneider. Wenn Redaktionen das verschnörkelte Geschwätz und die ritualisierten Statements von Funktionären drastisch reduzieren würden, wäre das Balsam für die politische Berichterstattung. Es steigt die Glaubwürdigkeit und das politische Interesse.

Wenn sich das nicht ändert, hilft nur eins: Abschalten und Abos kündigen.

3 Gedanken zu “Angela Merkel und die Leerformeln der Politik – Medien sollten das Funktionärsgeschwätz ignorieren

  1. Edgar Piel

    Hallo, Gunnar,
    dass Parteipolitiker immer mehr in Leerformeln reden, hat wohl auch damit zu tun, dass die großen Parteien mit ihrem ideologischen Kern von früher keine Wahl mehr gewinnen können. Sie dürfen ihn aber auch nicht verprellen, während sie gleichzeitig dem jeweiligen Zeitgeist ihren Tribut abzustatten versuchen. Was dabei herauskommt, konnte man schon vor der letzten Bundestagswahl auf Plakaten lesen: „Wir haben die Kraft“. Wer das „Wir“ sein sollte, konnten sich die Wähler selbst aussuchen. „Wir“ Angela Merkel? „Wir“ – CDU? Oder „Wir“ Deutschland“, dem man – halbohnmächtig in der Krise – Mut zusprechen wollte. Das war professionell gekonnte Inhaltsverdampfung. Dass die Formel zugleich in jeder dieser Auslegung ein vergeblicher Selbstsuggestionsversuch war, haben wir seitdem Tag für Tag vor Augen.

  2. Da hast Du sicherlich recht, Edgar. Hie und da könnte aber selbst Frau Merkel etwas konkreter werden, um beispielsweise die Steuerpolitik zu erklären oder zu berechnen, was eine Reichensteuer denn bringt oder eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes der Einkommenssteuer, die ja dann auch Personengesellschaften treffen, aber Kapitalgesellschaften verschonen würde. In der Sachpolitik könnte es wirklich etwas argumentativer zugehen.

Kommentar verfassen