Euro-Krise: Juhu, Meedia hat einen prophetischen Blogger gefunden

Wahnsinn. Der Fachdienst Meedia wartet mit einer sensationellen Meldung auf. Es gibt doch tatsächlich einen Blogger, der die Euro-Krise voraussah. Da entwickelt sich ein vermeintlicher Spinner schnell zu einem Prognose-Guru: „Es ist eine Geschichte, wie sie nur im Internet geschehen kann. Der 61-jährige englische Teilzeit-Lehrer Edward Hugh lebt in Barcelona und pflegt seit Jahren diverse Blogs zum Thema Wirtschaft. In denen schreibt er lange makroökonomische Analysen und sagte schon lange eine fundamentale Krise des Euro voraus. Keiner hat ihm Beachtung geschenkt. Bis jetzt. Nun ist er ein gefragter Gesprächspartner beim Internationalen Währungsfond und hat eine treue Anhängerschaft unter Finanzexperten“, so Meedia. Ja und wie ist es ihm gelungen, seinen Kassandra-Rufen auch das nötige argumentative Fundament zu geben?

Hugh schreibe für eine ganze Reihe von Wirtschaftsblogs. Dazu zählen „A Fistful of Euros“, „Demography Matters“ oder „Euro Watch“. „Sein eigenes Blog hat er „Bonobo Land“ genannt, nach den Bonobo-Affen, den nächsten Verwandten des Menschen aus dem Tierreich. Hughs Haupt-These ist, dass die Demografie der Grund ist, warum der Euro nicht funktionieren kann. Kurz gesagt: Länder mit einer alternden Gesellschaft, die aufs Sparen fixiert sind (Deutschland) und Länder mit einer jungen Gesellschaft, die eher konsumiert und auf Kredit lebt (Irland, Griechenland), passen nicht unter einen Währungs-Hut“, so Meedia. Zwar nenne die New York Times auch einige Schwachpunkte seiner These – so hat er vorhergesagt, dass Deutschland die Euro-Zone verlassen wird, was zu einem drastischen Verfall des Euro führen würde. Kein realistisches Szenario – da stimme ich der Meedia-Redaktion zu. Die generelle Vorhersage der Krise sei in Hughs Artikeln aber offenbar sehr stichhaltig hergeleitet. Das Problem mit Vorhersagen: Leute wie Edward Hugh gelten als Spinner. So lange bis ihre unwahrscheinlich klingenden Voraussagen zutreffen. Danach werden die Spinner zu Propheten. Das meint zumindest Meedia. Wie wäre es aber mit einem Faktencheck der monokausalen Begründung der Euro-Krise.

Ja mei, also alte Leute in Deutschland sparen mehr und deren Anteil steigt sukzessive noch oben. Haben sich Meedia und Mister Hugh mal die Sparquote in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten angeschaut? Die Überalterung der Gesellschaft setzt ja erst jetzt so richtig ein durch die geringe Geburtenquote und dem hohen Anteil älterer Menschen, die zu den geburtenstarken Jahrgängen gerechnet werden. Also müsste früher die Sparquote in Deutschland niedriger gewesen sein.

Zwei Grafiken belegen, dass der Euro-Krisen-Prophet falsch liegt.

Die Sparquote in Deutschland ist seit Gründung der Bundesrepublik gestiegen und erreichte Mitte der siebziger Jahre ihren Höhepunkt. Seit zehn Jahren steigt sie langsam wieder an. Traditionell lag sie in Deutschland über den Werten anderer westlicher Länder. Vergessen Sie den demografischen Faktor, Mister Hugh. Aktuell sparen die Bundesbürger wieder mehr, weil sie durch die Finanz- und Eurokrise verunsichert sind.

Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes lag die Sparquote im ersten Quartal 2010 bei 15,2 Prozent, was einer Steigerung von 0,2 Prozent zum Vorjahresquartal gleichkommt. Damit sparen die Deutschen so viel wie seit dem ersten Quartal 1993 nicht mehr, was auch die saisonbereinigten Zahlen mit einer Quote von 11,3 Prozent und einer Steigerung von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bestätigen. Eine Saisonbereinigung ist deshalb notwendig, weil in Deutschland offenbar gerade im ersten Quartal eines Jahres besonders viel gespart wird. Den Wert Mitte der siebziger Jahre werden wir wohl nicht erreichen.

Richtig liegt Hugh mit seiner Einschätzung, dass es schwierig ist, im Euro-Raum die unterschiedlichen wirtschafts- und finanzpolitischen Konzepte unter einen Hut zu bringen. Das war allerdings schon seit Ende der 1980er Jahre ein gewichtiges Argument gegen die Währungsunion – vor allem auf Seiten Bundesbank und seinem damaligen Präsidenten Karl Otto Pöhl. Die deutsche Geldpolitik war aus den Erfahrungen der Historie eher an Preisstabilität orientiert im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich oder Italien, die zu einer Politik des leichten Geldes tendierten und auch Inflation eher in Kauf nahmen. „Der 1983 von dem französischen Finanzminister Delors gehärtete Franc gab ihm nach seiner Wahl zum Kommissionspräsidenten die Gelegenheit, die Wirtschafts- und Währungsunion als logische Fortführung des Binnenmarktes wieder auf die Tagesordnung zu setzen“, schreibt Gehard Brunn in seinem höchst lesenswerten Opus „Die Europäische Einigung“ (Reclam Sachbuch). Der Europäische Rat erteilte den Regierungschefs 1990 einen klare Aufträge: Einen für die politische Union – das war Sache der Außenminister – und einen für die Wirtschafts- und Währungsunion – das oblag den Finanzministern. Was aus diesem Dualismus wurde, wissen wir heute. Dem Vertrag von Maastricht zur Schaffung einer gemeinsamen Währung folgte nicht die konsequente Umsetzung einer politischen Union. So stellte Bundeskanzler Helmut Kohl im April 1992 noch die Vereinigten Staaten von Europa in Aussicht. Nach den Ratifizierungskrimis in Großbritannien, Dänemark und Frankreich war von dieser Vision nichts mehr zu hören. Und Jahrhundertwerk war die Wirtschafts- und Währungsunion deshalb nicht. Jetzt müssen die Regierungschefs halt nachsitzen und endlich ihre Hausaufgaben machen, dass es nicht zu einem weiteren Auseinanderklaffen beim Erreichen der Stabilitätsziele kommt. Einige vernünftige Vorschläge, wie das frühzeitige Überprüfen nationaler Haushaltspläne, liegen ja auf den Tisch.

Kann der Crash-Prophet Hugh schon jetzt sagen, dass das alles nichts bringt? Die Zeugen Jehovas verkünden bekanntlich seit Jahrzehnten eine noch härtere Prognose – den Weltuntergang. Ich bin mir sicher, dass er kommen wird. Irgendwann.

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