Die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation: Luhmann lesen

Der Soziologe Dirk Baecker hat die kulturkritischen Töne zum Internet in einem FAZ-Interview recht hübsch widerlegt, auch wenn der Fragesteller vielleicht anderes beabsichtigte. Als System-Theoretiker bewahrt sich Baecker den Blick für das Wesentliche. Seit Einführung der Schrift werde eine Überforderung durch neue mediale Möglichkeiten beschrieben. „Platon schaut nach Ägypten und befürchtet die Bürokratisierung der griechischen Polis und das Erkalten der menschlichen Kommunikation, wenn man beginnt, sich auf die Schrift und damit eine mechanische Gedächtnisstütze zu verlassen. Das Gegenteil war der Fall. Die Griechen erfanden in der Auseinandersetzung mit der Schrift die Philosophie, und die frühe Neuzeit erfand in der Auseinandersetzung mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle“.

Nach allem, was man bisher erkennen könne, wird diese Gesellschaft ihre sozialen Strukturen auf heterogene Netzwerke und ihre Kultur auf die Verarbeitung von Schnelligkeit einstellen. „Heterogene Netzwerke treten an die Stelle der eher homogenen Funktionssysteme, wie wir sie von der modernen Gesellschaft kennen. Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden und sich stattdessen mit einer Komplexität anfreunden, mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können“, so Baecker.

Soziale Netzwerke seien die Spielform der nächsten Gesellschaft. Hier könne jeder ausprobieren, was es heißt, im Medium der vernetzten Computer zu kommunizieren. Sie seien so wichtig wie die Computerspiele. Kommunikation, Interaktion und Wahrnehmung werden hier neu verschaltet, neue Befindlichkeiten und neue Begrifflichkeiten einstudiert.

Google oder das Internet machen uns nicht blöd, wie es Feuilletonisten herunterleiern. So war der große Systemtheoretiker Niklas Luhmann von der Computerkommunikation regelrecht begeistert, obwohl er gar keinen hatte, sondern mit seinem legendären Zettelkasten operierte.
Der Bildschirm des Computers sei das einzige Interface, das uns mit der Tiefe der Rechner und ihrer Netzwerke verknüpft. „Google is making us smart, wenn wir nur darauf achten, dass wir erst seit Google anfangen, uns über die Intelligenz von Netzwerkeffekten Gedanken zu machen, und auch erst seit Google darüber nachdenken, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilungen der Welt weniger der Normalverteilung von Gauß als vielmehr den Potenzgesetzen von Zipf folgen“, erklärt Baecker.

Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift auch die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige autoritäre Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in Web 2.0-Ideologie gießen. Man muss das Internet auch nicht heilig sprechen. Wo die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation enden werden, kann kaum jemand vorhersehen oder beeinflussen. Das macht das Ganze ja so reizvoll.

Siehe auch:
Interessantes Interview mit Dirk Baecker über die Krisen der Computer-Gesellschaft. Hier der Teil 1 von 6 Teilen.

9 Gedanken zu “Die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation: Luhmann lesen

  1. Guten Tag!

    Darum gehts:
    „Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige autoritäre Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke.“

    Die Transparenz schmeckt vielen nicht.
    Darüber hinaus hatten Informationen noch nie eine Identität – wie auch? Aber Identitäten oder der Glaube daran prägen Informationen.

    Einen schönen Tag wünscht
    Hardy Prothmann

  2. Nun ist Information aber nur ein kleiner Teil von Kommunikation. Dazu gehört ebenso Emotion, Konfrontation, Intuition. Zudem: Der größte Teil dessen ist non-verbal. Demnach kratzt Social Media nur an der Oberfläche. Was Menschen berührt, spielt sich woanders ab. Nämlich im realen Leben.

  3. Guten Tag!

    @constantin sander

    Dann geh ich doch gleich mal in die Konfrontation: Der größte Teil der Kommunikation ist erstmal individuell und hängt vom der Entwicklung und dem Zustand der Sinnesorgane, dem Alter, der Ausbildung, der Umgebung usw ab.
    Also erstmal nix mit social communication – it starts personally.
    Dann kommt das Soziale dazu und hier hakts im echten Leben genauso wie im virtuellen.
    Auch Telefon, Handy, Kino, Auto usw. sind soziale Kommunikationsträger – für uns alle ganz alltäglich oder finden wir eine Freundschaft, die über weite Zeiten per Telefon aufrecht erhalten wurde als „oberflächlich“ und „zerkratzt“?
    Im „realen“ Leben vor social media wusste ich nicht immer, was anderen gefällt. Das weiß ich heute auch noch nicht 100-prozentig, aber ich erfahre mehr, meine Auswahl ist größer und wenn ichs real brauche, treffe ich mich mit jemandem.
    Und wie sie das so schön festgestellt haben – der größte Teil im realen Leben ist nonverbal, also sprachlos. Diese realexistierende „Sprachlosigkeit“ existiert in social media nicht .

    Einen schönen Tag wünscht
    Hardy Prothmann

  4. bielefelder

    Hallo,
    als kurzer systemtheoretischer Einwurf: ich denke, die Debatte hier lässt sich mit dem Eintrag nicht ganz vereinbaren, da Baecker als Systemtheoretiker einen anderen Kommunikationsbegriff hat.

    Mit Luhmann: Nicht Menschen kommunizieren, Kommunikation kommuniziert.

    Ich möchte nicht anfangen über diesen zugegebenermaßen sehr kontraintuitiven Satz zu diskutieren; aber aus ihm folgt, dass Kommunikation nicht auf ein ‚reales Leben‘ oder ’nonverbale‘ Kommunikationsanteile angewiesen ist.
    Beides spielt eine wichtige Rolle, allerdings nur in Interaktionssystemen, die auf Anwesenheit angewiesen sind. (Und nebenbei: auch am Telefon werden nonverbale Kommunikationsanteile auf ein Minimum reduziert, ohne das man vermutlich bestreiten würde, dass dort kommuniziert wird.)

    Wichtig bei der Kommunikation ist in erster Linie, dass sie überrascht, also eine neue Information erzeugt.
    Das Internet bietet eine unüberschaubare Fülle an ‚Überraschungen‘, also an Informationen, die man vorher nicht hatte, kann aber weniger gut die Glaubwürdigkeit dieser Informationen vermitteln.
    Und wer noch an die Notwendigkeit, die Glaubwürdigkeit überprüfen zu müssen glaubt, wird damit Schwierigkeiten haben. (Woher weiss man eigentlich bei Büchern, dass sie glaubwürdig sind? Weil man dem Autor vertraut? Oder dem Verlag?)

    Nett übrigens in diesem Zusammenhang: Niklas Luhmanns Aufsatz ‚Kommunikation mit Zettelkästen‘, der anschaulich beschreibt, dass Kommunikation auch mit einem bewusstseinslosen Objekt möglich ist. (In: ders. (1992): Universität als Milieu, Bielefeld:Haux)

    Grüße aus der systemtheoretischen Quelle: Bielefeld

  5. der systemtheoretische Exkurs und die Ausführungen von Hardy haben ja schon einiges klargestellt. Wenn die These von Dir, Constantin, zutreffen würde, könnte man das nicht auf Social Media reduzieren, sondern müsste es auch auf Massenmedien ausweiten. In einem Punkt sollten wir doch einige sein, dass es noch nie so einfach war, als „Einzelkämpfer“ seine eigene Meinung einer Öffentlichkeit kundzutun und mit Menschen den Dialog zu suchen. Diese kleine Blog-Diskussion ist doch das beste Beispiel.

  6. Guten Tag!

    Wie schön, dass Herr Luhmann immer wieder auftaucht – hatte viel mit ihm, sorry, seinen Büchern, im Studium bei meinem geschätzten Professor Jochen Hörisch zu tun.

    Gruß nach Bielefeld 😉

    Hardy Prothmann

  7. Ich habe ihn leider nur ein einziges Mal live erlebt zu einem Noelle-Neumann-Symposium. Luhmann ist nach wie vor hoch aktuell. Bei Kadmos erscheint jetzt das Opus Luhmann-Lektüren. Werde das Buch natürlich besprechen. Hier schon mal die Mitteilung des Verlages: Wie kaum ein anderer Intellektueller des 20. Jahrhunderts hat Niklas Luhmann die Gemüter bewegt, hat begeistert, provoziert, verblüfft, irritiert, kurz: Er war stets eine außergewöhnliche Quelle intellektueller Ener gie und ist dies – 10 Jahre nach seinem Tod – auch noch heute. Denn viele Fragen harren noch einer Antwort und es scheint, als bewahrheite sich Luhmanns Empfehlung »in seiner Rede im März 1987 anlässlich der Einweihung des ersten geisteswissenschaftlichen Graduiertenkollegs in Deutschland: Als er vor verdutzten Ministern, einer der Minister war der spätere Schalke-Präsident Jürgen Möllemann, und einem noch verdutzteren Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, aber begeisterten Kollegiaten empfahl, nur ja nie Lösungen für ihre intellektuellen Probleme zu finden, sondern Probleme zu identifizieren, zu hegen, zu pflegen und zu hätscheln« (Gumbrecht).

    Vier ebenfalls herausragende Intellektuelle haben sich in den Freiburger Vorträgen dem Werk und der Person Niklas Luhmann genähert. Peter Sloterdijk betrachtet Luhmanns Innozentismus unter der Überschrift: »Der Advocat des Teufels«, Dirk Baecker betrachtet »Niklas Luhmann und die Manager«, Peter Fuchs untersucht die »Metapher des Systems« und Hans-Ulrich Gumbrecht zeigt Luhmann als den Meister des gegenintuitiven Aphorismus und sein Verhältnis zu ›Alteuropa‹.
    Diese Vorlesungen sind in diesem Band versammelt, und liegen teilweise zum ersten Mal (Gumbrecht, Fuchs) in schriftlicher Form vor.

    http://ssl.einsnull.com/paymate/search.php?vid=5&aid=2696

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