Alles bio?

Die Vorsilben „Öko“ und „Bio“ werden an alles Mögliche geklebt, ohne dass jemand nachfragt, ob die so geadelten Produkte oder Verfahren tatsächlich einen Umweltvorteil bieten. Häufig geht es wohl eher um Glaubensfragen, Placeboeffekte oder um die Beruhigung des schlechten Gewissens, wenn man mit dem Porsche Cayenne (Polemik, aber schon beobachtet;-)) auf den Parkplatz des Bio-Supermarktes rauscht, Ökoprodukte einkauft und meint, etwas Gutes für die Umwelt getan zu haben. Stiftung Warentest (veröffentlicht in der Juni-Ausgabe) hat sich Bio-Lebensmittel etwas genauer angeschaut. Bilanz aus 85 Tests: weniger Pestizide, aber qualitativ nicht immer besser. Biolebensmittel sind nicht automatisch gesünder oder schmackhafter als konventionelle Lebensmittel.

Nach den Qualtiätsurteilen gibt es im Durchschnitt auch sonst keine qualitativen Unterschiede. Allerdings bietet die Ökokost zwei Vorteile gegenüber der konventionellen: Pestizide kommen selten vor. Außerdem engagieren sich die Bioanbieter wesentlich stärker für Umwelt und Soziales als Hersteller herkömmlicher Produkte. Sowohl bei den herkömmlichen als auch bei den Biolebensmitteln gab es Produkte mit „sehr guten“, aber auch „mangelhaften“ test-Qualitätsurteilen – und das in recht ausgewogenem Maße. Bioprodukte haben die konventionelle Konkurrenz zum Beispiel bei Vollmilch oder bei Würzölen deutlich übertrumpft. Bei nativem Rapsöl hingegen schnitten viele konventionelle Produkte besser ab.

Frischem Bioobst, Biogemüse und Biotee können Verbraucher vertrauen: In 75 Prozent dieser Produkte waren gar keine Pestizide nachweisbar, hier ist Bio klar im Vorteil. Mit Keimen und der Sensorik also z. B. dem Geschmack und Geruch haben Bioprodukte heute seltener ein Problem.

Das ist die eine Seite der Medaille. Geht es um die Ökobilanz, dann sollte man die Imagepolitik der Öko-Lobby etwas kritischer analysieren. „Bio ist prima fürs Klima!“ werben Ökoagrarverbände. Ihr Argument: Wir sparen Mineraldünger, zu dessen Herstellung fossile Brennstoffe verbraucht werden. Konventionelle Bauern kontern: „Mehr Milch pro Kuh ist aktiver Klimaschutz!“ Ihr Argument: Konventionelle Höfe erzeugen mehr Milch, Fleisch und Eier pro Tier. Auch erreichen die Tiere ihr Schlachtgewicht viel früher, leben also kürzer und brauchen weniger Futter. Ergo: Sie stoßen weniger klimaschädliches Methan aus. Biosprit, Bionahrung oder Bioplastik – häufig sind das hochtrabende Floskeln mit wenig Substanz. „Die Kritik an ‚industrieller Landwirtschaft’ und ‚entfremdeten Lebensmitteln’ ist schön bequem, aber auch pharisäerhaft. Da hat sich ein ganzer Treck von Sehnsüchten, Nostalgien und Naturverklärungen in Gang gesetzt, der nicht mehr nach Logik oder Fakten fragt. Landwirtschaft war schon immer unnatürlich, auch wenn das manche Verkünder des Biobauerntums gern ausblenden. Von unserer ursprünglichen Lebensweise als Jäger und Sammler haben wir uns vor 10.000 Jahren verabschiedet – und zwar unumkehrbar. Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner entstanden durch künstliche Selektion. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik. Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe sogar drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen zurückgedrängt haben, beispielsweise Räuchern und Pökeln. Plastikversiegelung, Dose, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel ‚entfremden’, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit“, so die Publizisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch.

Manche Biomethoden könnten sogar schädlicher für die Natur sein als die üblichen Arbeitsweisen. So müssten Biobauern, weil sie auf chemische Unkrautmittel verzichten, unerwünschten Pflanzenwuchs mit mechanischen Geräten aus der Erde reißen. Der Druck schwerer Maschinen verdichte den Boden und verschlechtere den Lebensraum der unterirdischen Kleintierwelt. Viele Konsumenten wüssten zudem nicht, dass auch Biobauern Pestizide spritzen. Sie dürften lediglich keine synthetisch erzeugten Chemikalien benutzen. Erlaubt seien pflanzliche Gifte, Mineralöle, Bakterienstämme und auch einige Chemikalien. Naturdünger, also Mist, Kompost oder Gülle könnten riskante Keime transportieren. Beim Obst- und Weinbau werden von den Ökobauern Kupferpräparate eingesetzt, mit schweren Folgen für die Umwelt, monieren Maxeiner und Miersch. Denn das Schwermetall sei toxisch für Bodenlebewesen, Fische, Vögel, Säuger und auch Menschen. Dietmar Groß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft kritisiert, dass Kupferpräparate immer häufiger eingesetzt werden. Da der Biobauer nur wenige wirksame Mittel habe, aber von Schädlingen und Krankheiten nicht verschont bleibt, werden beispielsweise die Bioäpfel zwölf- bis achtzehnmal mit Kupfer und Schwefel gespritzt:

„Massiver Landverbrauch, Gifteinsatz, hoher Energie- und Wasserbedarf, erhöhtes Aufkommen von Fäkalien und Methan: Die Umweltbilanz des Biolandbaus sieht nicht sehr gut aus. Obendrein gibt es noch eine andere schleichende Gefahr, die von Biohöfen ihren Ausgang nimmt und über die nur selten geredet wird: die biologische Schädlingsbekämpfung. Dabei werden Scharen von räuberischen Insekten und Spinnentieren ausgesetzt, die Obst, Gemüse und Ackerpflanzen von Schädlingen befreien sollen. Zwar werden Nebenwirkungen dieser Kampf-Insekten vor dem Einsatz nach gesetzlichen Vorgaben geprüft. Denn liegt im vertrauensvollen Umgang mit ihnen ein seltsamer Widerspruch. In den Erklärungen der Bioverbände gegen die Pflanzen-Gentechnik wird in grellsten Farben davor gewarnt, neue Organismen freizusetzen, selbst wenn diese vorher gründlich getestet wurden. Im Biolandbau werden jedoch landauf, landab fremde Organismen freigesetzt, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber aufregt. Dabei sind bereits ökologische Schäden nachweisbar“, kritisieren Maxeiner und Miersch.

Der Glaube kann zwar manchmal Berge versetzen, aber keine ökologischen Wunder vollbringen.

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