Wuppertal und das Twitter-Diktat: Warum sich die Politik vor dem Internet fürchtet

Blogger Christian Spließ hat ein schönes Beispiel dokumentiert über die Schwierigkeiten der öffentlichen Hand mit der Web 2.0-Diskurskultur. Folgende Botschaft sendete das staatliche Von-der-Heydt-Museum:

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Museumsverantwortlichen aus eigenem Antrieb gehandelt haben. Ähnliches vermutet Spließ. Es entspricht der Geisteshaltung, die man auch in der Zensursula-Debatte vernommen hat und die vor Jahren bei einem Symposium der Konrad-Adenauer-Stiftung von Spitzenpolitikern geäußert wurde. Die Politik hat schlichtweg Angst vor dem Kontrollverlust, der durch die anarchischen Kommunikationsströme des Internets ausgelöst wird. Bei zentralistisch organisierten Konzernen sieht das übrigens nicht anders aus. Soziale Netzwerke lassen sich nicht mehr von Funktionären oder autoritären Unternehmensführern steuern. Die Spielfelder für neurotische Befehl-und-Gehorsam-Denker werden kleiner und immer kleiner. Mit der Selbstorganisation tun sich öffentliche Institutionen und Konzerne schwer – das könnte ja in Anarchie münden. Dabei geht es um Autarkie und Eigenverantwortung. So hat es sehr treffend der italienische Schriftsteller Alberto Savinio ausgedrückt. „Der Grad von Menschlichkeit eines Unternehmens, einer Tat, einer Lage, ist messbar an dem Mehr oder Weniger an Freiheit, die sie uns gewähren, über uns selbst zu verfügen“. Das haben die politischen Hausmeister in Wuppertal, Berlin oder Bonn immer noch nicht kapiert. Sie werden von der Bildfläche verschwinden und von einer neuen Generation ersetzt – da bin ich mir ganz sicher.

Siehe auch:

Wuppertaler Stadtbürokratie sagt Njet zu Museums-Twittern.

Und kannst Du Ängste schüren, verlange gleich Gebühren: Bonn, Google Street View und die Behinderung professioneller Bildberichterstattung.

Liebwerteste Gichtlinge: Rabelais und der Nutzen von Hofnarren für die Wirtschaft.

Nachtrag: Danke für den Hinweis von Andreas. Das Museum teilte heute mit, dass es sich bei der Mitteilung um ein Missverständnis handelte.

„WICHTIG: Bei der Meldung, Twitter nicht mehr nutzen zu dürfen, handelte es sich um ein MISSVERSTÄNDNIS unsererseits“, so das Zitat. Hm, da hat wohl jemand kalte Füße bekommen ob der schlechten Außenwirkung. Aber das ist doch ein gutes Zeichen für die Social Media-Wirkung auf die Kommunalpolitik.

4 Gedanken zu “Wuppertal und das Twitter-Diktat: Warum sich die Politik vor dem Internet fürchtet

  1. Jeeves

    Ist doch toll von dem Museum, einer Mode (der vor allem erst mal Teenager blind folgen) zu widerstehen.

  2. Jeeves

    …und das Hinz und Kunz das „spannend“ finden, himmelhilf! Ist das eine Folge dieser Sprachverkürzung? Für jeden Pups wird momentan das Adjektiv „spannend“ genutzt, als gäbe es nicht hundert andere „Wieworte“, die ein Thema (jenseits eines Agatha Christie-Krimis) besser weil trefflicher beschreiben.

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