Wer hat Angst vor Google TV?

Gerade kommt mit der Post ein neues Büchlein mit dem Titel „Maschinen, die unsere Brüder werden“. Verfolgt man die Debatte über die „Datenkrake“ Google, dann wird wohl zur Zeit ein anderes Bühnenstück inszeniert. Alles, was der Suchmaschinen-Konzern zur Zeit anpackt, wird eher als mephistophelisches Komplott gewertet. Unklar erscheint mir derzeit, wer in diesem Drama Faust und wer Mephisto ist.

Wir können das heute näher beobachten, denn die Google-Konferenz „I/0“ startet. Gemeinsam mit Intel und Sony stellt der Mountain View-Konzern das Programm „Smart TV“, das mit einer Set-top-Box empfangen werden kann. In San Francisco sollen neue Fernseher mit Android-Betriebssystem vorgestellt werden.

Vor ein paar Tagen hatte ich darüber bereits berichtet. Branchenkenner äußerten sich positiv: „Die Verschmelzung von Web und TV hat sich bereits in den letzten Jahren angekündigt. Unser Untersuchungen haben gezeigt, dass drei Kundenbedürfnisse diesen Trend treiben: Zeitsouveränität, Video-Nutzung aus dem Web auch im Wohnzimmer und der Bedarf das komplexe und vielfältige Web-Angebot zu strukturieren und so das ‚Beste‘ für sich aus dem Web zu holen. Aktuelle Markt-Prognosen für diese sogenannten Hybrid-TV Angebote sind sehr positiv“, so Christian Halemba von der Düsseldorfer Unternehmensberatung Mind Business.

Berücksichtigen die Apps auch die Nutzungssituation am TV-Gerät, könnte der Suchmaschinenkonzern den TV-Markt wachküssen. Die Möglichkeit, TV-Apps per Fernbedienung von der Couch aus zu kaufen, wird nach Analysen von Mind Business vielleicht ein Weg sein, die Barrieren gegen Pay-TV in Deutschland aufzubrechen. Wenn Sony, Samsung und andere Hersteller im Kampf um die Pole Position auf Android setzen, werde die Antwort von Apple nicht lange auf sich warten lassen. Vielleicht ist sie ja auch schon da: Denn das iPad bietet die Möglichkeit, externe Displays also auch den Fernseher anzuschließen. „Egal, welcher Web-Gigant das Rennen macht, es kommt Bewegung in die Applikationswelt – am Ende des Tages werden vor allen Dingen die Hersteller von TV-Geräten davon profitieren“, prognostiziert der After Sales-Spezialist Peter Weilmuenster, Vorstandschef von Bitronic. Soweit die Stellungnahmen. Auf Twitter spricht man von „Revolution“ und von der „größten Veränderung seit der Erfindung des Farbfernsehens“. Der Skeptiker vom Dienst, Andrew Keen, sieht das nicht so euphorisch. „Ich will nicht, dass Google weiß, was ich im Fernsehen anschaue“. Oder: „Wenn Google das Fernsehen so kontrolliert wie das Internet, sind wir alle f***“. Ist Keen der Gustav Gründgens der Webwelt? „Ich bin der Geist, der stets verneint – und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht.“ Hier geht es zum Livestream der Google-Konferenz.

Wie seht Ihr das. Hier eine kleine Umfrage. Kommentare sind natürlich auch erwünscht.

5 Gedanken zu “Wer hat Angst vor Google TV?

  1. Norbert Diedrich (Nordbergh)

    So lange es das gebührenfinanzierte Öffentlich Rechtliche TV und Youtube gibt, soll mir vor GoogleTV nicht bange sein.
    Die Einen sichern mir die journalistische Qualität und die Anderen z. B. die Konzertmitschnitte, die die Musikindustrie nicht kontrollieren kann. Um das restliche Programmangebot sollen sich doch alle anderen Anbieter schlagen – und das wiederum als redaktionellen Content verwurschten. 🙂

  2. Wer hat schon Angst vor Google? Die tun doch nichts. OK, jetzt haben die mal einen Fehler gemacht. Finden selbst viele Journalisten nicht besonders schlimm und geben sich handzahm…

    Bald lassen wir den sympathischen Konzern, der das Wissen der Welt nicht nur sammelt, sondern auch ein Monopl darauf hat, auch noch in unsere Wohnzimmer rein. Dass es so kommen wird, hat Gerald Reischl schon in seinem Buch „Die Google-Falle: Die unkontrollierte Weltmacht im Internet“ prophezeit.

    Ich finde das erschreckend. Und was mich umso mehr erschreckt – es scheint kaum jemanden zu stören. Das zeigt ja auch das bisherige Ergebnis der Umfrage. Ersetzen wir doch Google mal durch Schäuble. Ach nee, der hat sicher Böses im Sinn. Der will uns ja keine harmlose Werbung verkaufen. Der will uns ausspähen!

  3. @medienkanzler Also das Street View-Debakel ist in jeder Hauptnachrichtensendung und in allen wichtigen Print- und Onlinemedien gelaufen. Siehe u.a. das Interview mit Reischl:
    http://www.gizmodo.de/2010/05/19/interview-%C2%BBdas-ist-der-anfang-von-googles-abstieg%C2%AB.html

    Und mittlerweile hat wohl auch jede Kommune Blut geleckt, um sich mit Google anzulegen. Siehe den Beschluss des Rates der Stadt Bonn: http://www.bonn.de/rat_verwaltung_buergerdienste/presseportal/pressemitteilungen/12035/index.html?lang=de
    Letzteres Beispiel ist aber reine Trittbrettfahrerei. Die Sprecherin der Stadt Bonn konnte mir bislang nämlich nicht erklären, ob Aufnahmen, die ich jetzt von den Straßen meiner Umgebung mache und heute noch veröffentlichen werde, auch unter die Satzung für Sondernutzungen fallen – pro Straßenkilometer satte 20 Euro.
    Daraus kann sich ganz schnell eine Gebührenabzocke und eine Beschränkung der freien Bildberichterstattung entwickeln. Siehe die djv-Diskussion: http://www.djv.de/Diskussion.2995+M5df3e80ec72.0.html

  4. Ändert sich durch Google TV irgendetwas an dem TV-Angebot?
    Auf jeden Fall erhöhen sich die Optionen für ein personalisiertes TV-Angebot, ich kann genauer zugreifen auf meine favorisierten Themen – ohne Beschränkungen des Sat- oder Kabelempfangs. Ist Google der Content-Anbieter? Nicht die Bohne.
    http://www.youtube.com/GoogleDevelopers

  5. @gunnarsohn Danke für den Interviewtipp! So was gefällt einem alten Google-Skeptiker natürlich. Und sicher ist die Berichterstattung nicht durchweg unkritisch. Aber man liest doch auch allerhand beschwichtigende Sachen in der Art wie „Bisher hat Alan Eustace noch nie einen Fehler gemacht. Es ist sein erster“. Oder „Ich habe immer vollstes Vertrauen zu Google gehabt. Zum ersten mal ist es ein ganz kleines bisschen erschüttert…“ Selbst BILD ist auf Schmusekurs: http://tinyurl.com/2c2pyff

    Ich weiß nicht, ich denke, mit anderen Unternehmen wären einige Journalisten an der Stelle härter zu Gericht gegangen, oder ist das eine rein subjektive Wahrnehmung?

    Übrigens: Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, dieser Blog ist einer meiner Liebsten 🙂

Kommentar verfassen