Hype um die App-Economy schon vorbei? Experten sind geteilter Meinung

Applikationen – Apps – sind in aller Munde. Eine Applikation ist ja nichts anderes als die Anwendung von standardisierter Technik für einen genau definierten Zweck. Der klar fokussierte Nutzen für eine klar definierte Kundengruppe steht im Vordergrund. Durch den vernetzten Einsatz der im Gerät und in der Umgebung vorhandenen Technologien bieten die Programme überraschend viele, perfekt auf die Aufgaben der Nutzer zugeschnittene Anwendungen bieten.

„Was man daraus lernen kann: Bekannte Technologien, klug kombiniert, bieten ungeahnte Chancen für sehr einfache Lösungen von definierten Aufgabenstellungen. Nicht mehr das Produkt mit seinen spezifischen Features steht im Mittelpunkt, sondern die Anwendung vernetzt eingesetzter Technologiebausteine. Wie ich es in meinem vor knapp vier Jahren geschriebenen Buch ’systemInnovation – die Welt neu entwerfen‘ formuliert habe: Infrastrukturen des Wissens und Handelns fokussiert auf die Aufgaben der Kunden eingesetzt, führt zu den Systeminnovationen, welche die Trends für die Zukunft setzen werden. Die dabei entstehenden neuen Businessmodelle gestalten die Wertschöpfungsketten fundamental neu und verändern die Rollen aller Unternehmen im Markt grundsätzlich“, erläutert Bruno Weisshaupt, Geschäftsführer des Beratungsbüros Origo.

Björn Behrendt, Geschäftsführer der Service-Community sieht allerdings auch Grenzen der Entwicklung, wenn es um mobile Anwendungsszenarien geht: „Android, Phone 7, Symbian, iPhone OS, RIM und MeeGo werden den Markt der Betriebssysteme unter sich aufteilen, und der App-Hype ist bald vorbei. Das Blatt wird sich in Richtung browserbasierter Anwendungen wenden. Android unterstützt Flash 10.1, ein mobiles Adobe Air kommt und Opera oder Firefox ermöglichen mobile Anwendungen mit HTML 5/CSS. Zudem warten Datenengpässe auf uns, denn Smartphone-Verkäufe wachsen 30 Prozent je Quartal mit einem 16-prozentigen Weltmarktanteil. Gartner sagt voraus, dass es 2013 mit 1,82 Milliarden mehr Smartphones geben wird als PCs. Die Internetnutzung auf diesen Geräten ist fünfmal höher als bei anderen. So ergibt sich ein Datenvolumen, das nur über Netztechnologien wie 4G und große Infrastrukturinvestitionen abgefedert werden kann. Es wird sich zeigen, ob Netzbetreiber oder die Softwaregiganten diese Investitionen vornehmen und neue Geschäftsmodelle finden. Erste Experimente von Google mit einem 1-Gigabit-Breitbandinternet laufen.“

Bernhard Steimel, Sprecher der Voice Days plus und der Smart Service Initiative, glaubt nicht an dieses Szenario. „Browserbasierte Anwendungen werden Apps nicht verdrängen. Aus Entwicklersicht ist es sicherlich eine Horrorvorstellung, Programme direkt für mehrere mobile Plattformen und Endgerätekonfigurationen entwickeln zu müssen. Darum ist es nicht verwunderlich, dass browserbasierte Anwendungen erwünscht sind. Die rein technische Sicht blendet jedoch das Gesetz der kritischen Masse und die Nutzersicht aus.“

Für die Werbewirtschaft sei der App-Store von Apple mehr als nur ein dynamisch wachsendes Warenhaus für kleine Softwareprogramme. In Kombination mit iTunes stellt es ein eigenes Ecosystem mit hohem Entertainment-Wert dar, dass in perfekter Weise M-Commerce-Anwendungen integriert. Die Appstores von Apple und Google haben längst die kritische Masse überschritten, um für jeden weiteren Nutzer ihren Wert ständig zu steigern. Das erzeugt Markentreue, hohes Involvement und hohe Nutzungsstabilität der Benutzer. Hohes Involvement ist für Unternehmen ideal, um mit Nutzern in Interaktion zu treten. Nutzungsstabilität ermöglicht erstmals permanente Optimierung im Mobile Marketing“, so Unternehmensberater Steimel.

Für die Nutzer seien das Smartphones zu einem Schweizermesser geworden. Das Produkt-Erlebnis werde durch den Mehrwert und die Attraktivität der Apps maßgeblich mitgeprägt. Der WOW-Effekt entstehe meinst dadurch, dass smarte Apps auf Endgerätefunktionen zugreifen, wie zum Beispiel Lokation oder Adressbuch. Das werde in naher Zukunft durch keine browserbasierten Lösungen möglich sein.

Auch Software-Größen wie Nuance rechnen nicht mit einem Ende der App-Economy: „Unsere Spracherkennungs-Anwendung Dragon Dictation für das iPhone ist ein Hit in den USA, Warum dieser App so erfolgreich ist? Mit dieser Spracherkennung für das Handy kann der Anwender einfach und schnell SMS und E-Mails diktieren, und auch Texte für Facebook und Twitter per Sprache erstellen. Bald wird es auch möglich sein, per Sprache durch sein Handy zu navigieren und bestimmte Features aufrufen und bedienen kann. Das ist nicht nur interessant für den Anwender, sondern auch für die Telefongesellschaften, da durch diese Spracherkennungs-Lösung mehr SMS und E-Mails erstellt und verschickt werden. Erste Tests zeigen, dass die Nutzung von SMS mit Dragon Dictation signifikant gestiegen ist“, so die Erfahrung von Michael-Maria Bommer, General Manager DACH bei Nuance.

Wie wichtig Apps für den Verkauf von Endgeräten geworden sind, sieht man an den Schwierigkeiten von Nokia. „Der durchschnittliche Verklaufspreis eines Smartphones von Nokia betrug in den ersten drei Monaten des Jahres inklusive der damit verbundenen Dienste und Apps 155 Euro und damit 18 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Innovationskünstler Apple dagegen kommt auf 460 Euro pro Gerät samt Diensten“, schreibt Handelsblatt-Redakteurin Sandra Louven.

Eine Erklärung für den gravierenden Unterschied liefert Greger Johansson vom Marktforschungsunternehmen Redeye: Nokio-Smartphones seien einfach nicht gut genug, deshalb können sie keine höheren Preise nehmen. Welch eine Überraschung. Aber weit wichtiger als die Benutzerfreundlichkeit und der Design-Kultstatus des iPhone sind eben die Apps für jede Lebenslage, die der Steve Jobs-Konzern mittlerweile bietet. Hier sieht nicht nur Sandra Louven einen grundlegenden Wandel im Markt für Gerätehersteller. Gegen die 130.000 Apps, die Apple bietet, kann Nokia über den Online-Shop Ovi gerade einmal rund 9.500 Dienste dagegensetzen. Nokia habe erkannt, so das Handelsblatt, dass Apple oder auch Google bei Apps weit voraus sind und versucht deshalb, den Fokus weg von den Geräten hin zu Software und Diensten zu verlagern. Wirkliche Erfolge seien bislang aber noch nicht zu sehen.

Wer sich mit den Thesen von Weisshaupt etwas mehr beschäftigen will, sollte auch diesen Beitrag lesen: „Nur vom Nutzen wird die Welt regiert“: Mit disruptiven Innovationen die Krise überwinden – Neustart für Wirtschaftssystem statt Reparaturbetrieb.

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Weisshaupt organisiert am 9. September die nächste Origo-Innovationskonferenz zu seinen Thesen. Das detaillierte Programm der Veranstaltung kommt Anfang Juli. Werde das natürlich aufgreifen.

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