General Stumm, Schirrmacher und der Mann ohne Eigenschaften: Über das Problem der Kultur und Unendlichkeit

Debattendompteur Frank Schirrmacher fürchtet sich vor den geheimnisvollen Algorithmen des Netzes: „Wir werden das selbstständige Denken verlernen und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen.“ Der Grund ist die schiere Menge der im Netz verfügbaren Daten, die unsere Aufmerksamkeitsressourcen heillos überfordern – weswegen wir uns auf die Softwareagenten und digitalen Roboter der Ordnungsprogramme des Internets verlassen müssen. Damit aber erleben wir eine Externalisierung des Denkens, dass sich fortan außerhalb unseres Gehirns als algorithmengesteuerter Prozess in der Cloud abspielt. Diese Thesen leiert der FAZ-Herausgeber in seiner Reden-Tournee durch Deutschland als semantische Endlosschleife herunter. Al-Khwarizmi hätte wohl nie gedacht, dass seine algebraischen Denkanstöße zu so weitreichenden Folgen führen könnten. Meint Schirrmacher eigentlich Algorithmen mit polynomialer oder mit exponentieller Laufzeit? Kann der Feuilletonist eine Lösung für das Boole’sche Erfüllbarkeitsproblem präsentieren?

Höre ich mit dem Denken auf, wenn meine schlauen kleinen elektronischen Assistenten mir jeden Tag Informationen über Themen abliefern, die ich über smarte Softwareprogramme abrufe? Schrumpft mein Hirn, wenn mir Amazon automatisch Buchempfehlungen zuschickt, die sich an meinen bisherigen Suchanfragen und Online-Einkäufen orientieren? Auch meine sehr freundliche Kioskverkäuferin kennt meine bevorzugte Zigarettenmarke und weiß, welche Zeitungen und Zeitschriften ich ab und zu kaufe, damit die Printindustrie nicht völlig zusammenbricht. Die Personalisierung im guten, alten Tante Emma-Laden empfinden die meisten Menschen als sympathisch. In meinem Lieblingskiosk bin ich namentlich bekannt, werde freundlich begrüßt und vieles läuft automatisch ab.

Sind es Empfehlungen, hinter denen Algorithmen stecken, wird das Ganze zur monströsen Datenkrake. Das mag in Ansätzen stimmen und es gibt wohl jeden Tag üble Verstöße gegen den Datenschutz. Von staatlichen und privaten Institutionen. Unser Gehirn verändert sich dadurch nicht. Mein freigeistiges Köpfchen erreichen die Algorithmen auch nicht. Denken, reflektieren, lesen, schreiben und disputieren muss ich immer noch selber. Das können meine elektronischen Assistenten nicht – dafür sind die viel zu blöd. Sie können die Komplexität der Datenflut, die es nicht erst seit der Erfindung des Internets gibt, reduzieren und für mich etwas erträglicher machen. Bewältigen kann man die weltweit kursierenden Informationen nie.

Ein wenig erinnert mich Schirrmacher mit seinen Komplexitätsklagen an die Hampelmänner in dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Und hier besonders an General Stumm, der auf der Suche nach dem erlösenden Gedanken ist: „‚Du erinnerst Dich‘, sagte er, ‚dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, den erlösenden Gedanken, den Diotima sucht, ihr zu Füßen zu legen. Es gibt, wie sich zeigt, sehr viele bedeutende Gedanken, aber einer muss schließlich der bedeutendste sein; das ist doch nur logisch? Es handelt sich also bloß darum, Ordnung in sie zu bringen.'“

Wenig vertraut mit Gedanken und ihrer Handhabung, noch weniger mit der Technik, neue zu entwickeln, beschließt General Stumm, sich in die Hofbibliothek zu begeben, ein grundsätzlich idealer Ort, um sich mit ungewöhnlichen Gedanken auszustatten, wo er sich „über die Stärke des Gegners Klarheit zu verschaffen“ und auf eine möglichst organisierte Weise zu der originellen Idee zu gelangen hofft, nach der er sucht. Der Besuch in der Bibliothek versetzt den General allerdings in große Angst (lieber Herr Schirrmacher), da er mit einem Wissen konfrontiert wird, das ihm keinerlei Orientierung bietet und über das er nicht die vollständige Befehlsgewalt hat, die er als Militär oder Zeitungsherausgeber gewohnt ist:

„Wir sind den kolossalen Bücherschatz abgeschritten, und ich kann sagen, es hat mich weiter nicht erschüttert, diese Bücherreihen sind nicht schlimmer als eine Garnisonsparade. Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müsste das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müsste ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich das ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortet mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich diese verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortet er! Wir sind da, wie er das sagte, ungefähr beim siebenhunderttausendsten Buch gewesen, aber ich habe von dem Augenblick an ununterbrochen gerechnet (Google oder Wolfram Alpha könnten das in einer Nanosekunde ausspucken); ich will es dir ersparen, ich habe es im Ministerium noch einmal mit Bleistift und Papier nachgerechnet: Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen!“

Die Unendlichkeit der Lektüremöglichkeit ist also kein Problem der Internetzeit. Jeder Leser ist eben auch ein Nicht-Leser. Es ist das alte Problem von Kultur und Unendlichkeit, die auch mit Boole’scher Mathematik nicht in den Griff zu kriegen ist. Das wäre auch anmaßend.

Gegen die mathematischen Angstzustände empfehle ich Schirrmacher den Zahlenteufel von Enzensberger. Siehe Buchcover.

Siehe auch:
Netznavigator: Herder statt Schirrmacher.

7 Gedanken zu “General Stumm, Schirrmacher und der Mann ohne Eigenschaften: Über das Problem der Kultur und Unendlichkeit

  1. Politik ist oft vom Ergebnis her zu verstehen. Anders gesagt. Was ist Schirrmachers Motiv? Der FAZ sterben die Leser weg. Und: Durchs Internet erreicht die Zeitung nicht nenneswert neue.

    Anstatt der Sache an die Wurzel zu gehen, lebt er seine eitelkeit aus, schreibt jedes Jahr nen neues Buch, das jeweils DAS Thema überhaupt setten soll… Natürlich klappt auch das nur bedingt.

    Selbst wenn man seine Thesen ernst nähme: Was war denn früher anders? Was nicht im Feuilleton der FAZ stand, war faktisch nicht vorhanden. Nun geht eine ganze – und vermutlich alle folgenden -Generation ins Internet, es gibt eine extrem lebendige und in weiten Teilen hoch kreative Bloggerszene, – die die alten Herren nicht mehr verstehen…

  2. Edgar Piel

    Wunderschön. Danke. Was hilft denn gegen die unendliche Komplexität. Luhmann meint: Komplexität reduzieren. Und dann? – Ulrich, der Hauptheld von Musils Roman, hat unterwegs die Erleuchtung: Durchwurschteln! Anders ist Geschichte nie entstanden. Österreich war zu Ulrichs Zeit, genau darin Avantgarde. Wenn man heue nach Berlin schaut, merkt man: Ulrich, alias Musil hatte auch schon die Zukunft genauestens im Blick.

  3. Peter

    Hubert Burda hat vor Kurzem etwas Wunderbares postuliert: „Vertrauen vermindert Komplexität“. Er hat das in Bezug in auf Unternehmensführung und „Aufsicht“ gesagt. Übertragen auf das Thema hier: wohl dem der weiß wen er lesen soll. Dann muss er nicht alle anderen auch noch lesen Es bleibt bewältigbar.

    Unabhängig davon, Musil sollte man in der Tat noch mal rauskramen und reinblättern. Ich habe es kürzlich versucht…

  4. Aber bei aller Entideologisierung und Versachlichung ist und bleibt „Vertrauen“ ein Kapital, auf das nicht nur unser Bankensystem, sondern auch die Politik, Parteien, Politiker und natürlich auch die Medien angewiesen sind. Vertrauen ist – wie Niklas Luhmann betont – immer auf besondere Weise störanfällig. Weil der Einzelne die Wirklichkeit in ihrer hochgradigen Komplexheit selbst nicht kontrollieren kann, wird Vertrauen von ihm mit Hilfe symbolischer Implikationen kontrolliert. „Eine Lüge kann das gesamte Vertrauen zerstören, und gerade die kleinen Missgriffe und Darstellungsfehler entlarven durch ihren Symbolwert oft mit unerbittlicher Schärfe den ‚wahren’ Charakter.“ Damit sind wir bei unserer politischen Riege, aber auch wieder bei Schirrmacher über den Gunnar geschrieben hat.

    Klar: Musil lesen! Da ist so viel analysiert und so viel Ironie, wie wir zur Zeit gerade nötig haben. Als ob gestern heute wäre.

  5. Das Opus von Musil ist ein richtiger Lebensratgeber oder wie Thomas Mann sagte, ein funkelndes Buch, das zwischen Essay und epischem Lustspiel sich in gewagter und reizender Schwebe hält…..Und Edgar hat recht, wir müssen das Ganz viel ironischer sehen, weil sich die Muster in den politischen und intellektuellen Debatten so häufig wiederholen. Das kann man nur mit Ironie ertragen.

  6. Pingback: Digitaler Zettelkasten: Tote Unterhosen, Informationsfluten, Büchernarren und Netznavigatoren « Ich sag mal

Kommentar verfassen