Wider den Hausmeister-Diskurs: Der Merve-Verlag wird 40!

Vor vierzig Jahren wurde in Berlin der Merve-Verlag gegründet und galt nach anfänglichen marxistischen Ausflügen als publizistische Zentrale von Postmoderne und Dekonstruktion. So bilanzierte der entkollektivierte Merve-Gründer Peter Gente Ende der 1970er Jahre, dass man an der Dialektik irre werde. Das Merve-Kollektiv zerbröselte irgendwann. „Unter dem Deckmantel ‚proletarischen Erfahrungsinteresses‘ flüchteten die Genossen ins partikulare Private: Bluesmusik, Nietzschelektüre, Malen. Peter Gente entdeckte das Nachtleben. Seine Unlust am Diskutieren soll in dem Maß gewachsen sein, wie er den Lockungen der West-Berliner Kneipenlandschaft erlag“, schreibt Philipp Felsch in einem Beitrag für die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ (Schwerpunkt: Die Insel West-Berlin).

Der hausmeisterliche universitäre Diskurs stand jedenfalls nicht mehr auf der Agenda des Verlages und bescherte uns doch wahnsinnig interessante Bücher. Aus der Internationalen Marxistischen Diskussion wurde ein Internationaler Merve Diskurs. Man entdeckte die Kunstszene und die Neuen Wilden, die sich im Schöneberger „Dschungel“ herumtrieben: Markus Oehlen, Rainer Fetting, Kippenberger. Entstanden sind eine Reihe von Künstlerbüchern: Godard, Heiner Müller, Minus Delta t, Blixa Bargeld und Werke über ästhetische Theorie: Roland Barthes‘ Cy Twombly, Böhringers Begriffsfelder, Hosokawas Walkman-Effekt. Dann natürlich die Merve-Champions Foucault, Virilio, Baudrillard oder Deleuze.

Später entdeckte der Berliner Verlag die Systemtheorie. Lesenswert der Luhmann-Band „Archmides und wir“ oder das Opus von Dirk Baecker „Postheroisches Management“. Äußerst unterhaltsam ist die Veröffentlichung über ein Gracian-Symposium „Klugheitslehre: militia contra malicia“.

Peter Gente hat seinem Nachfolger wohl ein schweres Erbe hinterlassen. Theoretische Diskurse stehen nicht mehr so hoch im Kurs. Vielleicht sollte sich der Verlag stärker auf die Netz-Debatten um Schirrmacher und Co. stürzen, um eine neue Generation für Merve zu begeistern. Don Alphonso könnte doch seinen Schelmenstreich gegen die Social Media-Berater ausweiten, Tim Cole sollte seine Aversionen gegen das FAZ-Feuilleton auspacken, Thomas Knüwer über die vodafonistischen Worthülsen-Manager herziehen und, und, und…..Frische Debatten braucht das Land!

Siehe auch: West-Berliner Inselleben wider die protestantischen Oberlehrer: Merve-Verleger Peter Gente

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5 Gedanken zu “Wider den Hausmeister-Diskurs: Der Merve-Verlag wird 40!

  1. Ja – wunderbar!!! Der Verlag und die Sichtweise seines Machers hat sich grundlegend geändert mit dem tragischen Suizid seiner Partnerin vor Jahren…

    Noch erwähnenswert vom genialischen Merve-Programm: Leon Bloys ‚Das Grab Huysmans‘.

  2. Bin schon seit vielen Jahren begeisterter Leser der kleinen und größeren Bändchen. Ich glaube allerdings, dass eine Verstärkung in Richtung Netz-Debatte oder Netz-Kultur nicht unbedingt sinnvoll ist. Dafür fehlt es den meisten Autoren zu diesen Themen einfach an stilistischer Brillanz. Außerdem ist das irgendwie schon zu sehr „IN“, sowas schrammt dann schnell an den Grenzen zur Bedeutungslosigkeit.

  3. Pingback: e-book-news.de » Blog Archive » „Mobile Theorie zum Unterwegsgebrauch“ – Der Berliner Merve-Verlag bringt Deleuze, Virilio &Co. als Java-App auf’s Handy

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