Neuberliner Idylle zwischen Betablockern und Bikram-Yoga

Als alter Neuköllner hat mich im vergangenen Jahr die Titelgeschichte der Ösi-Zeitschrift „Datum“ köstlich amüsiert. Der Autor Patrick Wagner hat mit spitzer Feder das Leben der Neuberliner in und um den Prenzlauer Berg durch den Kakao gezogen (oder wie olle Arno an meiner Curry Wurst-Lieblingsbude in Britz sagte: Kauke). Neuberlin is richtig dufte, hip und cool wa, wenn man eine Eigentumswohnung in Berlins „Greenwich Village“ besitzt, ein Jahresgehalt von 100.000 Euro netto bezieht, seine Kinder auf die aktienfinanzierte Phorms-Schule und die gelangweilte Ehefrau zum Psychotherapeuten oder zumindest zum Bikram-Yoga schickt. Dort sitzt man mit rund 30 Leuten in einem überhitzten Raum, lauscht der Anleitung eines ehemaligen Angestellten aus der Medienbranche, verbiegt sich synchron und tankt fernöstliche Weisheiten. Irgendwie muss man ja auch die nervigen Plagen verarbeiten, die man fast täglich zu irgendwelchen Kursen vorbeikutschiert. Schließlich müssen die lieben Kleinen gefordert und gefördert werden. „Vater und Mutter, eher spät zu Kindesfreuden gekommen und demnach bei der Einschulung um die 40, kämpfen mit Betablockern, Prozac und professioneller psychologischer Hilfe gegen die sich mit aller Macht ins Bewusstsein drängende Midlife-Crisis“, schreibt Wagner. Single oder Doppelverdiener ohne Kinder trifft man im exklusiven Mitte-Nachtclub „Bar Tausend“, wo man ein Achtzigerjahre-Schwabing-Klischee zelebriert, inklusive einem Muskelprotz-Türsteher, grauenvoller Musik und entsprechend teuren Drinks. Arm und sexy ist die Stadt hier mitnichten. Und mit Berlin hat det nüscht zu tun, ihr Neuberliner Deppen. Als Gegenmedizin empfehle ich das Buch von Bernd Cailloux, Der gelernte Berliner.

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