Das Schlafen der Verlage: Warum die E-Commerce-Modelle der Massenmedien Schrott sind

Richard Gutjahr hat ein eindrucksvolles Experiment gemacht, um auf den Online-Portalen der einschlägigen Massenblättern wie Focus, SZ oder Spiegel E-Paper-Ausgaben zu kaufen. Das Ergebnis ist desaströs. Was soll also das Gejammer über die Kostenlosmentalität im Internet und die angebliche Parasiten-Strategie von Google, wenn die Verlage noch nicht einmal in der Lage sind, ein smarte E-Commerce-Modell für ihre Produkte aufzuziehen. Diesen Sachverhalt diskutierte ich mit Branchenexperten in Kooperation mit dem Behörden Spiegel übrigens schon vor fünf Jahren auf der Cebit. Meldung siehe unten:

Mangelhaftes Bezahlsystem Hemmschuh für neue Dienste im E-Commerce

Hannover – Immer mehr Internet-Nutzer sind nach einem Bericht des Handelsblattes bereit, für Inhalte und Dienste im Internet zu zahlen. Der Bericht bezieht sich auf die Studie „Deutschland Online 2“. Danach könnte das Marktvolumen für Internet-Bezahldienste von derzeit 45 Millionen Euro bis 2010 auf 185 Millionen Euro wachsen. Schwachstelle für die Entwicklung des E-Commerce, so die Erfahrung von Omar Khorshed, Vorstandsvorsitzender der Düsseldorfer acoreus AG, seien dabei immer noch die unzureichenden Abrechnungsmöglichkeiten im Internet. „Neue Technologien sollten den Billing-Businessmodellen folgen und nicht umgekehrt. Man kann nicht neue Dienste erst entwickeln und danach über Bezahlmöglichkeiten nachdenken. Hier werden im E-Commerce die meisten Fehler gemacht“, sagte Khorshed bei einem CeBIT-Expertengespräch in Hannover. Die Erfolgsstory von Apple bei Musik-Downloads sollte für neue Dienste im Internet oder Mobilfunk als Richtschnur gelten.

„Viele Technologiefirmen sind nicht in der Lage, massenfähige Produkte mit attraktiven, einfachen und kostengünstigen Billingangeboten zu etablieren. Mobilfunkunternehmen sollten sich mit Spezialisten verbinden, um neue Produkte an den Start zu bringen“, so Khorshed. Auch im öffentlichen Dienst, so die Meinung von Behörden Spiegel-Chefredakteur Achim Deckert, sei die Abrechnung häufig der größte Bremspunkt, um fertig entwickelte Module im E-Government einzusetzen. „Hier liegt besonders für Kommunen ein enormes Geschäfts- und Einnahmepotential“, betonte Deckert. Alleine könnten Behörden diese Aufgabe nicht stemmen.

„Ob in der Telekommunikation, im Internet oder im Mediengeschäft, beim Billing mangelt es an Erfahrungen, Kenntnissen und dem nötigen Bewusstsein“, sagte Bernd Meidel, Geschäftsführer der Vogel Online GmbH. Es müsse deshalb bei Bezahlsystemen eine starke Vernetzung geben mit dem Ziel, das Produkt an den Kunden zu bringen – mit einfachen und verständlichen Rechnungen, ohne Unannehmlichkeiten. Khorshed äußerte sich dennoch optimistisch über die Entwicklungschancen des E-Commerce. „Hier entsteht eine der stärksten Handelsformen der Zukunft. Man sollte sich dabei auf seine Kernkompetenzen konzentrieren und nicht seine Zeit mit Technologie- und Systemfragen verschwenden. Das können Billing-Dienstleister besser. Der Mehrwert für Kunden ist entscheidend“, so das Resümee von Khorshed. Ende der Meldung, die ich damals schrieb. Sie hat an Aktualität nichts eingebüßt, wie der Youtube-Film von Gutjahr belegt.

10 Gedanken zu “Das Schlafen der Verlage: Warum die E-Commerce-Modelle der Massenmedien Schrott sind

  1. Noch vor wenigen Monaten hat Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer das Bezahl-Internet für mehr oder weniger verloren erklärt. Er sah mehr Zukunft in bezahlten mobilen Diensten, die über ein einfaches Abrechnungsverfahren – die Telefonrechnung – beglichen werden. Gerade bei seiner Zielgruppe, mobilen Business-Nutzern, sah er eine hohe Bereitschaft für Paid Concent. Und das ist sicher richtig. Ähnliches könnte auch bei speziellen regionalen Diensten oder sonstigen „Nischeninformationen“ funktionieren. Bisher werden die Handelsblatt-Apps allerdings noch kostenlos angeboten.

    Anders ist es aber sicher im world wide web. So lange aber die Nachricht hier als Massenware kostenlos zu haben ist, glaube ich nicht an die Zukunft des Bezahljournalismus im Web – egal, ob es ein E-Commerce System gibt oder nicht. Denn viele Nutzer werden abwandern – und damit die Werbeeinnahmen einbrechen

    Es ist ja auch ein Irrtum, dass Leser von Printmedien für die Nachrichten im Blatt bezahlen. Die journalistische Tätigkeit wird doch in erster Linie über Werbung finanziert. Bleibt die aus, fallen die Blätter entsprechend dünn aus. Der Copypreis dürfte gerade einmal für Druck, Produktion, Distribution und Quersubvention der günstig- und gratis-Abos zur Auflagensteigerung reichen. Da stimmt übrigens das Geschäftsmodell der Verlage, die ja auch über eigene Druckereien und Zustelldienste verfügen…

  2. Pingback: Kanzlerblog

  3. @Kanzlerblog Da bin ich mir nicht so sicher. Es kommt auf die Medienpakete an, die die Verlage anbieten. Archivdienste, Mischformen aus Zeitschrift, Fernsehen, Internet, Spiele etc. Dann müssen sich die Printgiganten von überflüssigen Kosten befreien, um mit ihren Internetangeboten überleben zu können. Ihre Logik aus Zeiten des Industriekapitalismus funktionieren nicht mehr, wie es ja der dummy-Chefredakteur Oliver Gehrs eindrucksvoll geschildert hat. Die Economy auf Scales hat ausgedient. Siehe:
    http://gunnarsohn.wordpress.com/2009/08/19/der-verzweifelte-kampf-der-gestern-medien-murdoch-dopfner-hombach-und-das-versagen-der-verlagsmanager/

    Dass die großen Medienkonzerne, wie auch die Musikkonzerne nicht in der Lage sind, schlagkräftige Portalstrategien aufzusetzen, ist ja der Grund für den Erfolg von iTunes. Deshalb werden die Verlage vom iPad abhängig, ob sie es wollen oder nicht. Der Spiegel hat das heute sehr schön in seinem Artikel „13 Millimeter Zukunft“ zusammengefasst.

  4. Der Vergleich ist tatsächlich sehr treffend. Bei den Verlagen drückt der Schuh an ganz ähnlicher Stelle wie bei der Musikindustrie. Und sicher braucht es sehr integrierte, vernetzte Angebote – auch hier hat das Handelsblatt meines Erachtens eine Menge richtig gemacht. Ein neues Gadget kann aber das fehlende Konzept sicher nicht ersetzen. Und ein Unternehmen wie Apple darf meiner Meinung nach nicht zur Medienmacht aufsteigen, die auf allem Content den Daumen hat.

    Bei einer Diskussion zum Thema Medienkrise im letzten Jahr hat einmal ein Chefredakteur einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag zum Ausweg aus der Krise abgegeben: „Internet abschalten!“ Das hätte tatsächlich auch ein Manager aus der Musikindustrie sagen können…

  5. @kanzlerblog wenn die Verlage von den Bezahlmodellen von Apple abhängig werden, haben sie es sich selber zuzuschreiben. Ich bin skeptisch, um Insellösungen funktionierenl, wenn ich alles sehr bequem über iTunes bzw. den App-Store abrufen kann. Ich werde jedenfalls eher zu der letzteren Variante tendieren.

  6. Dennis

    Ich bin begeistert von mobilen Diensten. Ich bin begeistert von eBook-Readern wie dem Kindle (setze den internationalen Kindle selbst ein). Warum schaffen es gerade einmal drei deutsche Magazine/Tageszeitungen, im größten digitalen Buchhandel präsent zu sein? (Das jedoch sehr gut!)

    Ist es so schwierig, den gleichen bereits geschriebenen Inhalt in ein anderes Format zu überführen und anzubieten? Selbst das Billing übernimmt doch Amazon…

  7. @Dennis Berechtigte Fragen. Unverständlich vor allem auch die Zeit, die schon verplempert wurde. So ganz gefallen mir die Apps von Welt, SZ und Focus noch nicht. Da muss auch noch kräftig nachgebessert werden, um auf das Niveau der NYT oder All Things Digital zu kommen.
    Für das iPad müssen sich die deutschen Verlage zudem mehr einfallen lassen….Der Abstieg der Printmedien wird unabhängig von neuen Online-Strategie jedoch unvermittelt weiter gehen.

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