Meedia, abstürzende Payment-Strategien, Holzhammer-Sprüche und der „Fall“ Niggemeier

Der Branchendienst Meedia schlägt auf den FAZ-Journalisten und Blogger Stefan Niggemeier ein, wegen seiner Kritik an der Paid Content-Strategie des Springer-Konzerns. Martialisch schreibt Meedia gar vom Umschalten des Alpha-Journalisten auf Aggro und macht daraus einen „Fall Stefan N.“. „Dass der Springer-Verlag mit seinem Paid Content-Vorstoß polarisieren und Widerspruch hervorrufen würde, war klar. Aber mit diesem Echo hatte wohl niemand gerechnet. ‚Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt‘, hämt Medienjournalist Stefan Niggemeier und verreißt den Test auf ganzer Linie. Nicht die Kritik irritiert, sondern die Art, wie sie vorgetragen wird – besserwisserisch, unversöhnlich, beleidigend. Die Abrechnung gerät zur Hasspredigt. Vom Alpha- zum Aggro-Blogger: der Abstieg eines preisgekrönten Autors“, so die Einschaltquoten-Fans von Meedia, die uns jeden Tag mit den bescheuerten „Statistiken“ der „werberelevanten“ Zuschauer von 14 bis 49 Jahren beglücken (eine Erfindung des früheren RTL-Chefs Helmut Thoma).

Es ist ja noch höflich von Meedia, nicht zu verschweigen, dass Niggemeier das Medienportal der Bertelsmänner als „Um- und Abschreibedienst“ tituliert hat und zumindest eine Motivation für den Rundumschlag gegen den FAZ-Mann damit nicht verborgen bleibt. Niggemeiers Medienwelt scheine einfach strukturiert. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Gratis-Web und Paid Content. „Weswegen er vermutlich ein Experiment (und um nichts anderes handelt es sich bei dem Springer-Vorstoß) nicht als solches be- und abhandeln kann. Bei Stefan Niggemeier hat man den Eindruck, dass die Wut auf das Medienbusiness im Allgemeinen und deren unverschämten Versuch, mit Inhalten vielleicht sogar online Geld zu machen, in diesem Fall das einzige erkenntnisleitende Motiv gewesen ist“, führt Meedia weiter aus. Man müsse die Bezahlschranke bei Abendblatt.de und Morgenpost.de nicht gut oder sinnvoll finden. Und ganz sicher sei das Editorial von „Abendblatt“-Vize Matthias Iken in vielerlei Hinsicht als unglücklich zu werten.

Aber sei es verhältnismäßig, wenn Niggemeier Text und Autor mit Vokabeln wie „Frechheit“, „unredlich“ und „verlogen“ belegt, wenn er Iken nachsagt, dieser schimpfe rum „wie ein einarmiger Rentner 1968 über die langhaarigen Studenten“? „Hallo!? Das hat doch mit Konfliktstil nichts mehr zu tun. Niggemeier leistet sich eine Entgleisung, deren Ursachen weniger im Thema als beim Kritiker selbst zu suchen sind. Ist der so frustriert von der Medienrealität, dass er nur noch mit Aggression darauf reagieren kann“, fragt sich Meedia.

Niggemeier selbst habe nichts konstruktives zur Debatte beizutragen. Dass er glaube, das Micro-Payment sei für Verlage der Schlüssel zum Webgeschäft, ist ebenso umstritten und im Übrigen reine Spekulation. Nun, haben sich die Meedia-Macher mal die Preise bei der Bezahldatenbank Genios/GBI angeschaut? Wenn man drei, vier oder mehr Euro für einen Artikel zahlen muss, kann man wohl kaum von einer Payment-Strategie sprechen, die den Massenmarkt erreichen kann.

Und wer vergreift sich denn in der Tonlage, wenn nicht Springer-Chef Döpfner.
Der Fachzeitschrift Horizont hat das treffend kommentiert: „Freibiermentalität“, „Web-Kommunismus“? – warum man mit Holzhammer-Sprüchen keinen Paid Content etabliert.

Und was hat denn Niggemeier wirklich aufgeregt? Das verschweigen die Anbeter der RTL-Quoten. Es war vor allen Dingen das rüde Vorgehen des Springer-Verlages: „Ohne jede Ankündigung standen die Leser heute plötzlich vor geschlossenen Schranken mit Euro-Zeichen. Und nicht nur die Leser: Auch viele Mitarbeiter wussten nichts davon, dass die Angebote, für die sie arbeiten, nicht mehr frei zugänglich sind. Die Online-Inhalte der Lokalausgaben sind komplett kostenpflichtig; in den Haupt-Ressorts ist es eine größere Auswahl.
Wer alle Texte lesen will, muss entweder Abonnent der gedruckten Zeitung sein oder für 7,95 Euro im Monat Abonnent der Online-Ausgabe werden. Sich einen einzelnen Artikel, an dem man besonders interessiert ist oder über den man vielleicht bei Google gestoßen ist, für ein paar Cent freizuschalten, ist nicht möglich. Damit folgt das ‚Abendblatt‘ exakt der tödlichen Strategie der Musikindustrie, die sich jahrelang geweigert hatte, dem offenkundigen und technisch leicht zu erfüllenden Wunsch der Kundschaft nachzukommen, einzelne Musiktitel erwerben zu können. Die Musikindustrie aber wollte um jeden Preis am für sie lukrativen Geschäftsmodell der CD festhalten — mit dem Ergebnis, dass sie fast am Ende ist und branchenfremde Unternehmen wie iTunes jetzt groß im Geschäft sind“, so Niggemeier.

Meedia kritisiert den ewigen Vergleich mit der Musikindustrie, aber er trifft halt den Kern. Es fehlt an attraktiven Preismodellen, es fehlen Überlegungen für mobile Endgeräte (Verlage haben Leute wie Döpfner und keinen Steve Jobs), es fehlen attraktive und gut funktionierende Apps (vergleicht doch mal die iPhone-Applikation der New York Times mit dem ständig abstürzenden Angebot der Tageszeitung „Die Welt“ – übrigens schmiert die Meedia-App auf dem iPhone auch häufig ab!).

Döpfner und Co. haben den Sturz vom Medien-Thron immer noch nicht verkraftet. Man könnte pychologisch auch von einer narzisstischen Kränkung der Gestern-Medien sprechen. So schreibt Niggemeier zu recht: „Die Zeitungsbranche glaubt aber immer noch, dass ihr Geschäft so läuft, dass die Leser die Inhalte gefälligst so zu kaufen haben, wie die Verlage sie verkaufen wollen. Die Verleger glauben offenkundig, dass sich bei Journalismus nicht um eine Dienstleistung handelt, bei der die erfolgsversprechendste Strategie die ist, die den Wünschen der Kundschaft so weit wie möglich entgegenkommt. Sie halten sich für unverzichtbar und ihre Produkte für unersetzbar. Sie folgen der Musikbranche in den Abgrund“.
Aber das kann uns doch eigentlich egal sein. Genau so wie die Schummel-TV-Quoten von RTL, die Meedia jeden Tag rausflötet.

5 Gedanken zu “Meedia, abstürzende Payment-Strategien, Holzhammer-Sprüche und der „Fall“ Niggemeier

  1. Ich habe den Artikel so kommentiert:

    Medien und Medienjournalisten kommen mir oft vor, wie die kleinen Jungs, die sich in einem bestimmten Alter immer so gerne „in die Eier hauen”. Keiner hat eine Idee, warum er das tut, es schmerzt auch zuweilen und doch scheint es ein frühmännlicher Hochgenuss zu sein. Es ist ein „Job”, der einfach gemacht werden muss.

    Wenn man sich täglich und (fast) ausschließlich miteinander beschäftigt, wie die Medienjournalisten und die Medien, kommt irgendwann Langeweile auf. Dieser Langeweile begegnet man mit Erhöhung der zu verabreichenden Dosis. So wie bei den kleinen Jungs die Schläge fester werden, werden die Worte bei den großen härter. Manchmal gibt es Angebote für Frieden, die werden aber genutzt, um noch mal unerwartet zuschlagen zu können. Oder mit der weißen Fahne in der Hand schnell selbst einen Schlag setzen zu können.

    Beide Seiten sollten sich regelmäßig mal mit anderen Gesprächspartnern und Themen beschäftigen, um entspannter, unverkrampfter und konstruktiver werden zu können. Da sitzen erwachsene Männer im Kinderkarussell auf hoppelnden, bunten Pferden, reiten sich ständig nach und wundern sich, dass man den Abstand weder verringern noch vergrößern kann.

    In den Kommentaren finden sich, wie auch bei den Protagonisten, leider auch nicht viele, die sich dem „Eierhauen” und dem Husarenritt auf dem Kinderkarussell kreativ entziehen. Wollen oder können?

    Eventuell will man ja auch gar nicht wirklich Neues hören und sehen, weil man dann die argumentative und operative Komfortzone verlassen müsste. Sich auf neue Argumente und neues Handeln einlassen müsste.

    Es wird vermutlich noch so manches blaue Ei geben und etliche Euros im Kinderkarussell versenkt werden – oder…

  2. Prinzipiell hast Du recht. Im Prinzip gehen mir die Medienseiten auf die Nerven. Das Ganze ist ja in erster Linie Nabelschau-Journalismus. Nur in der Frage von Silo-Strategien der Verlage im Internet sieht die Sache ein wenig anders aus, wenn man die Ausfälle von Döpfner und Co. liest.

  3. Schöner Kommentar zum Niggemeir-Beitrag: Mich erinnert die Argumentationen und Pläne der aufgescheuchten Verlegerschaft ein wenig an Walter Benjamins Parabel vom rückwärtsgekehrten Engel: Nur aus dem Rückblick werden die Verlags-Granden zukünftig erkennen, was sie damals in ruinöser Weise alles falsch angefasst haben.

  4. In den Blogs, die über Bezahlsysteme, deren Sinn, Unsinn und Art, streiten, steckt eine Antwort auf all diese Fragen. Ich habe mich weniger auf schäumendes Testosteron konzentriert bei der Verfolgung des Blogs, sondern auf die Dynamik, die ein solcher Blog hat und die mögliche Nutzung dieser. Man muss mal den Standpunkt wechseln, die Blickrichtung ändern und ideologische Schranken einreissen, dann öffnen sich ganz neue Horizonte. Und in der Nacht ist eine Idee geboren, die ich ausgewählten Herren nun mal vortragen werde. Bin mal gespannt, ob ich Gehör bekomme.

  5. @Jörg viel Glück. Abwegige und verrückte Ideen von Außenseitern sollten eingeholt werden, wie es Ryan Mathews und Watts Wacker in ihrem Buch „Bunte Hunde“ beschrieben haben. Im Clubraum von Springer entstehen diese Ideen nicht.

Kommentar verfassen