Ist die IT-Innovationsparty zu Ende?

DSC_0005Die Branche für Informationstechnologie wirkt nach Ansicht von netzwertig-Blogger Andreas Göldi flügellahm. Die wilden Tage der IT-Innovationen seien vorbei. „Die Dinge haben sich schon seit Jahren spürbar verlangsamt, und das kann nicht einfach nur auf die Wirtschaftskrise zurückgeführt werden. Es ist ein typisches Muster für fundamentale Innovationen (wie die Eisenbahn, das Telefon und das Auto), dass sie eine Phase schnellen Fortschritts und dramatischer Veränderungen bringen. Aber wenn die Technologie einmal eine gewisse Reife erlangt hat und die Infrastruktur erstellt ist, verlangsamen sich Wachstum und weitere Innovation massiv“, schreibt Göldi. So lange eine Technologie keine zweite massive Welle von Innovationen auslöse, wie das beim Übergang zur digitalen und mobilen Telefonie der Fall war – seien große Veränderungen seltener zu erwarten.

Ähnlich sieht es auch Bernhard Steimel, Sprecher des Fachkongresses Voice Days Plus in Nürnberg: „Die Märkte für Telekommunikation, IT und Neue Medien haben in den vergangenen 20 Jahren epochale Innovationen erlebt. Das Internet, der Mobilfunk und Breitbandnetze haben die Impulse für ein stetiges Wachstum im Privatkundenmarkt gegeben. In immer mehr Märkten scheinen jedoch die Wachstumsgrenzen erreicht. Die ITK-Branche muss von der Konsumgüterindustrie lernen, wie man in gesättigten Märkten profitabel bleibt und nicht nur im Verdrängungswettbewerb über den Preis seine Marktanteile sichert. Ein tieferes Verständnis über Kunden und die Zielgruppe, deren Motive und Barrieren sind eine wichtige Voraussetzung dafür“, so der Rat von Steimel.

Das Management der Kundenerlebnisse dürfe nicht mehr vernachlässigt werden. „Dazu werden eine Reihe von eher inkrementellen Innovationen benötigt, die im Service-Design oder beim Nutzer-Interface liegen, um die Komplexität für Konsumenten zu reduzieren. Beispielsweise Internetzugänge ohne Codes wie ‚Fehler 768’ oder die wirklich intuitive Benutzerführung, um eine Dreierkonferenz einzuleiten“, sagt Steimel. Im Markt für Geschäftskunden sieht er einen Innovationsstau. Es sei daher an der Zeit, die Innovationen der vergangenen Jahre erst einmal zu „verdauen“. Statt ständig nach bahnbrechend neuen Technologien zu suchen, sollten sich Anwender ihre bestehenden Produktangebote verfeinern, die ohne aufwändige Integrationsleistungen und Expertenwissen zum Einsatz kommen können.

Eine Müdigkeit oder Sättigung bei Innovationen sieht der IT-Experte Udo Nadolski vom Düsseldorfer Beratungshaus Harvey Nash überhaupt nicht: „In Deutschland haben wir eher das Problem, nicht ein Land der Innovationen, sondern ein Land der Technikfolgenabschätzung zu sein. Statt Dinge einfach auszuprobieren, reden wir sie tot. Entdecker, Erfinder und Tüftler führen bei uns ein Schattendasein. Wenn es um Innovationen geht, dominieren nicht Naturwissenschaftler, Informatiker, Mathematiker oder Ingenieure die öffentliche Debatte, sondern Soziologen, Bischöfe, Schriftsteller oder kulturpessimistische Politiker“, kritisiert Nadolski.

Ablehnungsaffekte würden jede neue Technologie begleiten. Bevor Innovationen überhaupt zur Entfaltung kommen könnten, würde man sie in Anthologien zur Risikogesellschaft vergraben. „Bei uns boomen nicht die naturwissenschaftlichen, technischen oder computerwissenschaftlichen Disziplinen, sondern Anthroposophen-Schulen oder homöopathische Medizin. Wir vermitteln unseren Kindern keine technische Kompetenz. Statt Laptops schenken wir ihnen naturhölzerne Schaukelpferdchen und schwadronieren über die gute alte Zeit“, so Nadolski. Kritikwürdig sei auch die Doppelmoral der so genannten postmaterialistischen Öko-Schickeria, die mit dem Porsche beim Bio-Supermarkt vorfährt, um das nachhaltig erzeugte Dinkelbrot zu kaufen und sich bei Dalai Lama-Veranstaltungen auf buddhistische Sinnsuche begibt. Diese gesellschaftliche und mentale Lage der Nation sei ein Innovationshemmnis. Besonders Deutschland als rohstoffarmes Land benötige Technikoptimismus und sollte seine Erfinder, Ingenieure und Forscher mehr würdigen.

3 Gedanken zu “Ist die IT-Innovationsparty zu Ende?

  1. „… postmaterialistischen Öko-Schickeria, die mit dem Porsche beim Bio-Supermarkt vorfährt, um das nachhaltig erzeugte Dinkelbrot zu kaufen und sich bei Dalai Lama-Veranstaltungen auf buddhistische Sinnsuche begibt”

    K Ö S T L I C H, Herr Nadolski ! ! !

    Der Link ist schon gespeichert. Fehlt nur noch die passende Gelegenheit, Sie zu zitieren. Aber da freue ich mich schon drauf ;-))
    ______________________________

    Aber mal ernsthaft: Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da die SAP alle 2 Jahre eine neue „Initiative für was auch immer“ ausrief. Und da bei diesen „Initiativen“ zumeist der Wunsch Vater des Gedankens war, war ein gewisses Maß an deutscher Zögerlichkeit gar nicht so falsch. Denn das was aus IT-Entwickler-Sicht technisch machbar ist, muss noch lange nicht in der Betriebspraxis hilfreich sein.

    Wer zukünftig (IT-)Innovationen verkaufen will, muss in erster Linie für mehr EINFACHHEIT als DEM Schlüssel für Akzeptanz sorgen (das hat Herr Steimel aber mal so was von Recht!).

    • Einfachheit, um IT-Verantwortlichen die interne Durchsetzung neuer Technik zu vereinfachen.
    • Einfachheit, um die Produktivität der User wirklich zu erhöhen.
    • Und Einfachheit, um von vorne herein zu verhindern, dass Neues mit alten Maßstäben bemessen wird — gelegentlich auch, um auf diese Weise fundiert abzublocken.

    Insofern brauchen wir nicht unbedingt noch mehr „Naturwissenschaftler, Informatiker, Mathematiker oder Ingenieure“, sondern „Botschafter der User“, die bereits beim Lastenheft für neue Technologien auf Akzeptanz achten (siehe auch Blogeintrag zum Thema „Design-Thinking“ —> http://moeglichmacher.wordpress.com/2009/02/27/betriebs-romantik/)

  2. gunnarsohn

    Ein technikfreundliches Innovationsklima ist die Voraussetzung dafür, auch das Thema Design Thinking voranzubringen. Denn besonders das Einfache zu realisieren, zählt zur Königsdisziplin für Forschung und Entwicklung. Und da braucht man exzellentes Personal und das bekommen wir nur, wenn wir unsere Ideologie der Technikfolgenabschätzung abstreifen. Die Technik wird immer komplexer, nur dürfe der Anwender davon nichts merken. Das ist die wahre Ingenieurskunst.

  3. Mike

    Porsche und Dinkelbrot – kann man jeden Tag auf dem Parkplatz eines Biosupermarktes erleben. Gut beobachtet!

Kommentar verfassen