Volkspädagogische Entscheidungsmaschinen und der Neo-Despotismus – Warum Strumpfhosen anrüchig sind und Zensursula es doch nur gut mit uns meint

Bevor Sie Strumpfhosen im Internet recherchieren wollen, fragen Sie Ihren Suchmaschinen-Anbieter oder das Familienministerium
Bevor Sie Strumpfhosen im Internet recherchieren wollen, fragen Sie Ihren Suchmaschinen-Anbieter oder das Familienministerium
Was als unanständig, unkorrekt, kulturell verwerflich, pädagogisch bedenklich oder anarchisch gilt, scheint im Internet mittlerweile unter Generalverdacht gestellt zu werden. Es wimmelt von Warnhinweisen und Verbotsschildern. Die politischen Volkspädagogen haben die Welt der Geräte, Maschinen und Informationstechnologien als Spielwiese für ihre Borderline-Kontrollsucht entdeckt. Gebt doch einfach mal in der neuen Microsoft-Suchmaschine „Bing“ Begriffe wie „Strumpfhose“ oder „Nackt“ ein. Es erscheint jetzt nicht Zensursula mit erhobenem Zeigefinger, keine Angst. Aber Ursel könnte der Mentor dieser Maßregelung der „Entscheidungsmaschine“ sein.

Da bekommt der ahnungslose Internet-Nutzer folgenden Text auf den Bildschirm geknallt: „DER SUCHBEGRIFF STRUMPFHOSE/NACKT FÜHRT MÖGLICHERWEISE ZU SEXUELL EINDEUTIGEN INHALTEN. Ändern Sie Ihre Suchbegriffe, um Ergebnisse zu erhalten.“

Bang. Jetzt erkenne ich den tieferen Sinn des technologischen Konzeptes der „Entscheidungsmaschine“: Mir werden von Bing die Entscheidungen und Konsequenzen meiner Suche schlichtweg abgenommen, da ich in Gefahr bin, moralisch verwerfliche Stumpfhosen zu kaufen oder Nacktbadestrände zu recherchieren. Bing meint es gut mit mir. Ursel meint es gut mit mir. Und die Entwickler von Maschinen, Geräten, Software und Systemen meinen es auch nur gut mit mir. Ursel und Bing sind wie Mutter und Vater. Da bekommt das lateinische Wort „Pater“ eine neue Geltung. Der Paternalismus entstammt einem hierarchischen Familienmodell, in dem der Vater für seine Kinder sorgt und ihnen vorschreibt, wie sie sich zu verhalten haben.

Ähnlich strukturiert läuft der Züchtigungsdrang beim Technologiepaternalismus ab. Harmlos fängt es noch mit der „Anschnallerinnerung“ an, die heutzutage in praktisch allen Fahrzeugen das Anlegen des Sicherheitsgurtes „vorschlägt“ – begleitet von nervigen Pieptönen, die unsere Gehörgänge malträtieren. Etwas penetranter ist da der „Alcokey“ von Saab, der das Fahrzeug nur dann startet, wenn der Fahrer nicht alkoholisiert ist. Auch ein großer deutscher Autohersteller meint es doch nur gut mit uns, wenn die mit „Connected Drive“ ausgestatteten Limousinen im Ernstfall automatisch Hilfe rufen. Öffnet sich der Airbag, informiert das Auto über das Mobilfunknetz den Notdienst. „Das tat es auch, als ein Hamburger seinen Wagen nächtens versehentlich in ein Hafenbecken lenkte. Als der Havarist sich ohne fremde Hilfe aus dem Fahrzeug befreite, hatte der BMW allerdings schon längst SOS gefunkt. Polizei und Rettungskräfte waren binnen Minuten an der Unfallstelle, fanden den Wagen – und kurz darauf dessen angesäuselten Fahrer. Das unrühmliche Ende der Tour: Fahrerlaubnis futsch, und den Schaden am Auto musste der Alkoholsünder auch tragen. Ohne Connected Drive hätte er sich eine plausible Geschichte für die Versicherung ausdenken können. Weil er sich um diese Chance gebracht sah, verklagte er den Automobilhersteller – allerdings erfolglos“, berichtet Technology Review.

Selbst Espressomaschinen ermahnen uns durch laute Signale, die Reinigung nicht zu vernachlässigen und Bohrmaschinen verweigern den Dienst, wenn Schutzhelm und Schutzbrille fehlen. Maschinen werden so zu Vollstreckern von Zwangsmaßnahmen gedrillt – anfänglich hilfreiche Technik mutiert zum repressiven Oberlehrer.

Warnung vor dem Technologiepaternalismus
Warnung vor dem Technologiepaternalismus
Wenn Systeme, Geräte, Suchmaschinen oder virtuelle Verbotsschilder entscheiden, was richtig und was falsch für uns ist und unser Verhalten einschränken oder sogar sanktionieren, dann bekommen wir eine Automaten-Diktatur. Und die könnte sich nachhaltiger auswirken als das paternalistische Verhalten unter Menschen, warnen die Wissenschaftler Sarah Spiekermann und Frank Pallas in einem Beitrag für das Fachbuch „Die Informatisierung des Alltags“ (Hrsg. Friedemann Mattern, Springer-Verlag): „Zum einen reagieren Maschinen automatisch und autonom und lassen den Betroffenen damit nur wenig Möglichkeit zur Antizipation oder Reaktion. Zum anderen ist Technik absolut. Hat beispielsweise ein Fahrer Alkohol in der Atemluft, so ist es ihm gänzlich unmöglich, das entsprechende Auto zu starten – auch in Notfällen, in denen das Fahren unter Alkoholeinfluss üblicherweise akzeptiert würde“.

Der Paternalismus der gutmeinenden Kontrolleure sei bei Technologien nicht nur mit Gehorsam oder Obrigkeitshörigkeit verbunden, sondern erzeuge einen Zwang zu absoluter Konformität. Autonom agierende Maschinen werden zu absoluten Kräften, deren Entscheidungen und Handlungen nicht umgangen oder missachtet werden können. Staatliche Maßregelungsinteressen könnten als Katalysator wirken und sogar zwingend vorschreiben, automatische Sanktionsinstrumente zu etablieren.

Die guten Absichten von Ursel und Co. können dabei massentauglich ins Spiel gebracht werden, um die fatale gesellschaftspolitische Wirkung klein zu reden. Aber schon Immanuel Kant meinte, eine Regierung, die ihr Volk so behandele wie ein Vater seine unmündigen Kinder, die nicht wüssten, was für sie nützlich oder schädlich sei, wäre „der größte denkbare Despotismus”.

Menschen sollten daher immer die Möglichkeit haben, die Technik zu überstimmen. Sie darf weder bestrafen noch sanktionieren. Erlauben könnte man höchstens einen Schleim- oder Motivationsmodus.

P.S. Dank an Projektlotse für die „Strumpfhosen-Recherche“ . Das Beispiel für „Nackt“ stammt vom FTD-Redakteur Martin Virtel

8 Gedanken zu “Volkspädagogische Entscheidungsmaschinen und der Neo-Despotismus – Warum Strumpfhosen anrüchig sind und Zensursula es doch nur gut mit uns meint

  1. Pingback: das-quaddy.de » Blog Archive » Microsofts Bing

  2. Miliana Romic

    Es stellt sich die Frage, warum Männer den Begriff „Strumpfhose“ in die Suchmaschine geben. Als Geschenk für die Mama zum 70.ten? Oder für den Eigengebrauch? Spannend!

  3. @ Miliana Es gibt ja auch Kinderstrumpfhosen, Strumpfhosen für Fussballer im Winter, Geschenk für die Mutti, Geschenk für die Omi, Bedarf für Bankräuber, Demonstranten, Steinewerfer – aber da ist ja wieder Gefahr in Verzug – also doch ein Fall für Zensursula

  4. Pingback: Internetsperren 03.06.2009: Artikel und Kommentare « Wir sind das Volk

  5. Strumpfhose ist mittlerweile freigegeben, aber mit Bondage klappt es noch. Die US-Variante und viele andere Sprachen filtern bei Bing nicht. Japan präsentiert gar gleich Bondage-Fotos. Neben der deutschen Variante sind es auf dem ersten Blick: China (inkl. Hongkong), Indien, Indonesien, Malaysia, Singapur, Arabische Länder, Taiwan, Thailand und Türkei.

  6. Puh, da wird die Welt aufatmen und die Strumpfhosenhersteller können jetzt wieder gelassener mit der Wirtschaftskrise umgehen. Schön, dass MS nach und nach den Hausmeister-Modus ändert.

  7. matthesF

    Aber zum Glück ist ja der Begriff Bombe erlaubt, ist auch viel harmloser als etwas was mit nackt zu tun hat.
    Ist das ein typisch amerikanischer Filter, oder wird es bei uns auch allmählich so bekloppt:
    Gewalt=vollkommen o.k. und normal
    Nacktheit/Sex=muß zensiert werden, da absolut nicht hinnehmbar

  8. @matthesF Wenn man sich die Gesetzesinitiativen in BaWü und anderswo anschaut, sind wir auf dem besten Weg zum Hausmeisterstaat.

Kommentar verfassen