Wider die Hausmeister des öffentlichen Diskurses – Zur Zeit-Debatte über das Internet

Stoppschild-Rhetoriker versus Internet-Freigeister
Stoppschild-Rhetoriker versus Internet-Freigeister
Zeit-Autor Heinrich Wefing plädiert in seinem Beitrag unter dem Titel „Wider die Ideologen des Internets“ für ein Ende der Rechtlosgkeit im Internet – fürsorglich pädagogisch fügt er noch an „schon im Interesse der Netzgemeinde“. Die Freiheit im Netz sei zwar wichtig, wie großzügig, und doch müsse das Internet endlich allen Regeln des Rechtsstaats unterworfen werden, fordert der Hohepriester Wefing. Die Aktionen gegen Internetsperren, gegen Zensur, gegen Onlinedurchsuchungen, gegen virtuelle Verbotsschilder – das alles ist nach Ansicht von Wefing wohl eher Ausfluss einer Web-Heilslehre, einer Ideologie vom wilden, freien, unabhängigen Internet, in dem keine Regeln gelten. „Und keine Regeln gelten sollen“, so der Internet-Skeptiker.

Libertäre Bombenleger des Internets?
Libertäre Bombenleger des Internets?
Als Beleg für die anmaßende und suggestive Cyberspace-Wurschtigkeit zieht Wefing den Grateful Dead-Songschreiber John Perry Barlow heran, der es wagte, sich von Regierungen und der industriellen Welt abzugrenzen mit den Worten: „Im Namen der Zukunft bitte ich euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr sei bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt ihr keine Macht mehr. Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen….Ihr habt hier kein moralische Recht zu regieren, noch besitzt ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu fürchten hätten.“ Ja wie schlimm, Herr Wefing, ist das jetzt ein Beleg für Regellosigkeit und grenzenlose Anarchie? Oder vielleicht eher ein Bekenntnis zur Förderung der Meinungsfreiheit im Internet, wie es Barlow eigentlich meinte (BlueRibbon, FSO)? Innnerhalb der Internet-Gemeinde „the Well“ gab es Tausende von Deadheads, die miteinander tratschten, sich beschwerten, einander Trost spendeten oder sich auf die Nerven gingen, Tauschgeschäfte tätigten, Religion betrieben, Liebesaffären anfingen oder beendeten und gegenseitig für ihre kranken Kinder beteten. Sie suchten Lebensglück in der Selbstorganisation – was für ein Verbrechen….Ist man deshalb schon der Apologet einer radikalen Internetsekte, die keine Schranken kennt? Sind die Gegner von Internetsperren automatisch unverbesserliche Pädophile? Man sollte vielleicht zur Kenntnis nehmen, dass man sich gegen staatliche Repression zur Wehr setzt, die Web-Nutzer unter Generalverdacht stellt. Gegen Kinderpornographie muss mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen die Verursacher vorgegangen werden. Täter müssen von einem ordentlichen Gericht verurteilt und ins Gefängnis gesteckt werden, dafür brauchen wir keine „Zensursula“ als moralische Instanz.

Ich habe selbst vier Kinder und weiß, wie wichtig es ist, solche Kriminellen hinter Gitter zu stecken. Hausmeister-Verbotsschilder im Internet sind dafür nicht nötig. Sind Freigeister auf eine Stufe zu stellen mit den Finanzjongleuren und Heuschrecken, die sich jede Einmischung ahnungsloser Politiker verbitten? Gab es denn keine Einmischung des Staates in Finanzgeschäfte, Herr Wefing? Fragen Sie doch mal die Vorstände der Landeszentralbanken, der KfW, der FED. Fragen Sie die Herren Clinton und Schröder, welche Maßnahmen zur Ausbreitung fauler Kredite und zu den Heuschrecken-Attacken in Deutschland führten.

Sie können ja schreiben und denken was Sie wollen. Das Internet bekommen Sie nicht mehr in den Griff mit Kontrollen, Hierarchie, Befehlsfluss, Plänen und Regeln. Was können Sie tun gegen einen Lebenssinn, der sich an Bartleby, einer Romanfigur von Hermann Melville anlehnt: „I would prefer not to.“ Oder wenn man die Lebensweisheit des Dadaisten Walter Serner im Kopf hat: „Tüchtig ist, wer nicht gegen die Gesetze sich vergeht. Tüchtiger, wer sich nicht auf sie verlässt. Am Tüchtigsten, wer immer wieder daran sich erinnert, dass nur staatliche Funktionäre sie ungestraft übertreten dürfen“.

Hinter dem Internet steht keine Ideologie und auch kein Masterplan. „Das Internet ist nicht mehr und nicht weniger als das Internet. Aber es hat den Menschen ein außergewöhnlich effizientes Kommunikationsinstrument in die Hand gegeben, Menschen, die so lange ignoriert wurden und unsichtbar waren, dass sie erst einmal ausprobieren, was sie damit anfangen können. Sehr amüsant: Ohne Gesetz, ohne Plan, ohne Management finden sie viel schneller als Regierungsbehörden, wissenschaftliche Institute, Medienkonglomerate und Erfolgsunternehmen heraus, welche Möglichkeiten das Internet bietet“, so die Autoren des Cluetrain Manifestes Rick Levine, Christopher Locke, Doc Searls und David Weinberger. Und genau das macht die Wefings und Co. so nervös. Entspannt Euch doch einfach, lehnt Euch zurück, ändern könnt Ihr sowieso nichts.

Philosoph ohne missionarischen Eifer
Philosoph ohne missionarischen Eifer

Blättert doch einfach mal die Schriften des Philosophen Odo Marquard durch. Er wählt einen sehr pragmatischen Pfad, den eines ironischen, entzauberten und durch und durch skeptischen Liberalismus, der die Moderne annahm und bekräftigte, ohne sonderlich viel von ihr zu erwarten.

6 Gedanken zu “Wider die Hausmeister des öffentlichen Diskurses – Zur Zeit-Debatte über das Internet

  1. Raffi

    In der selben Ausgabe der Zeit hat auch Gero von Randow eine herrliche Replik geschrieben über die verkalkte Geistesaristokratie: Hinter der Wut auf das Netz scheint die Angst vor Konkurrenz auf. Ergänzen könnte man auch: Die Angst vor Kontrollverlust und Macht.

  2. Pingback: Internetsperren 28.05.2009: Artikel und Kommentare « Wir sind das Volk

  3. @ Raffi hier noch ein Randow-Zitat: Hinter der Wut auf das „Netz scheint die Angst vor Konkurrenz auf: Über alles das ließe sich friedlich reden. Doch was sollen die Anspielungen auf Nazismus und Kommunismus, die der Autor sich nicht versagt? Es ist schon seit einiger Zeit auffällig, dass dieses Thema unter Journalisten starke Gefühle weckt. Man könnte meinen, dieser Netzwut läge Angst zugrunde. Vor der Umstellung auf einen Journalismus, der nicht nur für die Leser, sondern auch mit den Lesern arbeitet. Angst auch vor den jungen, unterbezahlten Internetkollegen, die so viele andere Sachen können als der eingesessene Printkollege und noch dazu glauben, die Arbeitsmittel der Zukunft auf ihrer Seite zu haben. Fragt sich nur, ob die Erregung wirklich bloß arbeitspsychologisch zu erklären ist. Dagegen spricht, dass sie auch solche befeuert, die nichts zu befürchten haben. Nein, da ist mehr….“

  4. Zudem beitet das Internet unzählige Möglichkeiten für die Nutzer, sprich Weltbürger, sich zur Wehr zu setzen und das System selbst zu reinigen. Ist man bei Handtaschendiebstählen auf der Straße ausnahmslos auf den Rechtsstaat und die Polizei als Freund und Helfer angewiesen, so lassen sich durch Gruppendynamiken und „Verstoß-melden-Funktionen“, wie wir sie auch in der Wissens-Community hiogi.de nutzen schnell unsittliche Inhalte bereinigen. Dies soll kein Plädoyer für Selbstjustiz oder einen rechtsfreien Internetraum sein aber das Internet ist eine so mächtige Ansammlung von mitdenkenden und agierenden Menschen, dass hier das Thema „Bürgerwehr“ und freie Meinungsäußerung ganz andere Bedeutung hat als in der „alten Welt“. Es ist unumstritten, dass Gesetze und der Rechtsstaat auch im Internet gelten und meiner Meinung nach müssen Interpol, BND und CIA noch viel mehr investieren in das Auffinden von kriminellen Machenschaften im Internet aber es zwecklos und sinnlos aus Angst vor der explodierenden Vernetzung diese strengen Regeln zu unterwerfen. Sicherlich birgt das Mitmach-Web auch große Gefahren, was Persönlichkeitsrechte oder den Schutz vor Kinder angeht. Die Dynamiken und Kräfte im WWW werden jedoch positiv wirken und Einzelfälle und schwarze Schafe gibt es überall. Zum Glück ist die Mehrheit der Menschen „basically good“. 🙂

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