Vom Weltuntergang zum neuen Wirtschaftswunder??

Spiegel Weltwirtschaftskrise Es gerade einmal vier Wochen her, da schockt uns der Spiegel mit einem Titelbild, das uns eindeutig den bevorstehenden Totalzusammenbruch der Wirtschaft suggerierte mit Analogien zur schweren Depression nach 1929. Einige Ausgaben vorher musste mal wieder die Titanic herhalten, um den schweren Seegang der Konjunktur zu untermauern. Was man davon zu halten hat, habe ich vor einigen Wochen beschrieben.

Diese Wiwo-Ausgabe sollten wir im Kalender anstreichen
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Den gestrigen Tag sollte man sich allerdings sehr genau merken. Die Titelstory der Wirtschaftswoche dokumentiert wohl den „überraschenden“ Wendepunkt der Talfahrt. „Die globale Depression ist abgesagt. Weltweit zeigen wichtige Konjunktursignale wieder noch oben, die Stimmung hellt sich auf. Das nährt die Hoffnung auf ein Ende der Rezession“, schreibt die Wiwo. Was wird jetzt wohl der Spiegel für einen Aufmacher finden? „Die Lügen der Konjunkturforscher – Warum wir monatelang an der Nase herum geführt wurden“. Oder: „Konjunkturlokomotive China“. Vielleicht auch: „Die gefühlte Krise der Printmedien“.

Jedenfalls kommen immer mehr Experten aus den Löchern gekrochen, die Entwarnung geben. „Noch gehen diese optimistischen Stimmen unter im Meer der schlechten Nachrichten. Doch sie bestätigen, was wichtige Frühindikatoren für die globale Konjunktur schon seit geraumer Zeit ankündigen. Der Tiefpunkt der Krise ist durchschritten. Ab Jahremitte könnte die Wirtschaft sogar wieder den Vorwärtsgang einschalten. Rund um den Globus hellt sich die Stimmung der Unternehmen auf“, so die Wiwo.

Man könnte auch hinzufügen. Danke, liebe Verbraucher in Deutschland, dass Ihr Euch diesmal so undeutsch verhalten habt und nicht in Panik verfallen seid. Gut, dass es ein doppeltes Meinungsklima gibt und jeder Einzelne seine eigene Lage besser beurteilen kann als viele staatlich alimentierte Konkunkturforscher, selbsternannte Wirtschaftsexperten und Crash-Propheten (die über Jahrzehnte den Weltuntergang predigen in der Hoffnung, irgendwann mal recht zu bekommen).

Jedenfalls verzeichnen selbst die exportabhängigen Industrieunternehmen wieder mehr Bestellungen aus dem Ausland – das erst Mal seit August 2008! „In den USA geht die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung wieder zurück – bisher war das immer ein sicheres für das baldig Ende der Rezession“, führt die Wiwo aus. Steigende Frühjahrsindikatoren würden die Doomsday-Prognosen in den Schatten stellen. „Erst hat uns die Schwere des konjunkturellen Einbruchs nach der Lehman-Pleite überrumpelt, jetzt könnte uns die Aufwärtsdynamik überraschen“, beschreibt Elga Bartsch, Euroland-Chefvolkswirtin der US-Bank Morgan Stanley, die Ratlosigkeit der Zunft. Selbst der Groß-Investor George Soros hält den Kollaps des Finanzsystems für gestoppt. Nach der medialen Pessimismuswelle dringen immer stärker die Konjunkturbullen nach vorne. Man rechnet sogar mit einem satten Wachstum von über vier Prozent (nicht auf das komplette Jahr gerechnet). Über die Ursachen für den positiven Umschwung habe ich schon einiges geschrieben.

Was passiert denn nun mit den hochbezahlten Konjunkturforschern??? Den Streichposten im Haushaltsplan finden Sie hier, lieber Finanzminister Steinbrück.

6 Gedanken zu “Vom Weltuntergang zum neuen Wirtschaftswunder??

  1. Eine Weltuntergangs-Stimmung habe ich persönlich nicht gespürt, wenngleich die Vorgänge der letzten Monate sehr Besorgnis erregegend waren und in mir keinesfalls Gedanken an ein nahendes Wirtschaftswunder hervorrufen:

    – Banken sind kollabiert.
    – Vorstandvorsitzende haben sich umgebracht.
    – Faule Kredite sind massenweise geplatz.
    – Konzerne und Banken werden verstaatlicht.
    – Auto-Konzerne stehen reihenweise vor dem Ruin.
    – Die Arbeitslosenquoten schnellen rasant in die Höhe.

    Es bleibt abzuwarten, ob der Kapitalismus, den die meisten von uns so rühmlich fanden, dafür Sorge tragen wird, dass das gesamte System aus der Krise gereinigt hervor geht. Ohne den Eingriff der staatichen Organe in die Zielvorgaben und Qualitätssicherungsprozesse von Banken und Großkonzernen wird es wohl leider nicht klappen. Die konsolidierten staatlichen Konjunkturpaketen der Industrienationen sind in jedem Fall zu loben und haben Schlimmeres verhindert – für den Moment…

  2. Holger Knauer

    Vielen Dank für den Kommentar, der mir aus der Seele spricht. Dazu passt folgendes: In der FAZ vom Sonntag (17.05.09) war ein Interview mit Herrn Bofinger. Nach Lektüre war ich mir nicht ganz klar, worüber ich fassungsloser war:
    a) Die offene Kapitulation des Herrn Bofinger, was die Validität der hoch gepriesenen ökonomischen Modelle angeht. Da gibt er offen zu, dass Konjunkturforscher eben nicht das Verhalten von großen Teilen der Wirtschaftsteilnehmer einkalkulieren können, da unsere Wirtschaftsweisen ja immer nur von rationalem Verhalten ausgehen. Alles andere ist dann eben nicht prognostizierbar, was soll’s.
    b) Die Unfähigkeit des Interviewers, bei einer solchen Äußerung energisch nachzuhaken und grundlegende Fragen über Sinn und Unsinn vom Blick in die Glaskugel zu stellen.

  3. @ Holger Das entspricht ja meinen Erfahrungen, die ich schon in meinem VWL-Studium gemacht habe, wo zur Wirtschaftswissenschaft konvertierte Mathematiker ihr Unwesen getrieben haben. Hier setzte ja auch Schumpeter mit seiner Kritik am Keynesianismus an: Im keynesianischen und auch in anderen makroökonomischen Modellen verschwinden einzelne Unternehmer, Erfinder, Innovatoren, Firmen, Verbraucher und Branchen völlig aus dem Blickfeld. Keynes und die modernen Formelpropheten beschäftigen sich in erster Linie mit Aggregaten, das heißt den Gesamtsummen der Mittel, die Volkswirtschaften zum einen für den Konsum zum anderen für Investitionen aufwenden. Keynes und Co. spielen auch die Rolle von Innovationen herunter. Damit vernachlässigen die Makroökonomen mit ihren Rechenkünsten aber ein herausragenden Veränderungsfaktor der Wirtschaft, die durch Technologien und Geschäftsmethoden „unaufhörlich revolutioniert wird“, wie es Schumpeter ausdrückte.

  4. @Holger Bofingers Irrtümer gehen aber noch weiter:

    So antwortete er der FAS: „Na ja, meine Idee war nicht so sehr, dass der Staat die Menschen zum konsumieren bringt. Meine Vorstellung war: Jedes Jahr ein Prozentpunkt mehr Lohnerhöhung. Dann wäre der Konsum gestiegen, anstatt zu stagnieren. Seit 2000 haben die Deutschen ihre Verbrauchsnachfrage nicht mehr erhöht. Das habe ich immer als Problem empfunden“. Toll, Herr Bofinger. Wie viel bleiben denn bei einer Lohnerhöhung übrig. Bei einer Lohnerhöhung von 120 Euro bleiben einem Durchschnittsverdiener gerade mal 28 Prozent übrig. Also 34 Euro. Das ist der eigentliche Skandal, Herr Bofinger. Entscheidend ist mehr Netto für die Bürger!!!

  5. Und zu Prognosen sagt Bofinger: „Ich rufe auch mal bei einem großen Autozulieferer an und frage: Wie sieht es aus bei euch? Dann bekommt man schneller mit, was sich tut. Das Problem ist ja, dass wir bei den Prognosen immer im Rückspiegel fahren“. Gut erkannt.

    Vorhersagen werden berechnet mit alten Daten. Dazu Bofinger im Interview mit der FAS: „Ja, es ist Mai, und wir haben als aktuellste Zahl den Auftragseingang von März. Die amtliche Statistik ist zu langsam. Ich habe 1978 angefangen, mich mit Prognosen zu befassen. Und der Zeitraum zwischen Datenerhebung und -verfügbarkeit ist seither gleich geblieben“.

  6. Und zum Konjunkturverlauf: Da rechnet Bofinger mit einem L-förmigen Verlauf. Nach einem rasanten Absturz, finden wir bald den Boden – und da unten bleiben wir erst mal.
    Tja, und wenn es dann doch eine V-förmigen Verlauf gibt, dann waren halt wieder die alten Daten schuld.

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