My voice is my password: Weg mit den verfluchten PINs, TANs und Passwörtern

Hier bin ich Mensch, hier kann ich warten
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Mehr Sicherheit, geringere Kosten, schnellere Abfertigung: Von biometrischen Passkontrollen erhoffen sich Flughäfen und IT-Konzerne gute Geschäfte. Das berichtet die Financial Times Deuschland (FTD). Ein Scanner für den Reisepass, einer für Fingerabdrücke, eine Kameras, um Fotos zu machen, die ein Computer mit dem im Pass vergleicht. Glastüren, die sich öffnen, wenn alles seine Richtigkeit hat. So sieht das vom Beratungshaus Accenture entwickelte Zukunftsszenario für den Einsatz von biometrischen Systemen aus. „Jährlich passieren knapp 800 Millionen Reisende Kontrollstellen in der EU. Gegenüber der herkömmlichen Ausweiskontrolle, die mit etwas 3,68 Dollar pro Person zu Buche schlägt, kostet eine automatisierte nur noch 0,16 Dollar, rechnet der internationale Dachverband der Fluggesellschaften IATA vor“, so die FTD. Auch die Warteschlangen vor den Aberfertigungsschaltern könnten schrumpfen und zu einem sinkenden Raumbedarf beitragen. Freiwerdende Flächen ließen sich verpachten und neue Terminals benötigen weniger Platz.

HIS MASTER'S VOICE
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Vorteile sehen Experten auch bei sprachbiometrischen Verfahren. Das Wuchern von Karten und Identitäten wird zunehmen als lästig und widersinnig empfunden, wenn man mehrere Karten ziehen muss, um einen einzigen Prozess durchzuführen, etwa beim Bezahlen im Geschäft mit Kundenkarte und Kreditkarte. „Das Kartenhaus der tausend Egos stürzt spätestens zusammen, wenn das Plastikpaket gestohlen oder verloren wird. Ein besonders fruchtbares Biotop für den Wildwuchs täglich neuer Identitäten ist das Internet, angereichert durch ebenso viele Passwörter“, bemängelt der Systemarchitekt Bruno Weisshaupt, Geschäftsführer von origo.

Erhebungen des Statistischen Bundesamtes zufolge muss sich jeder Bundesbürger im Schnitt rund sechs so genannte Pins merken. Der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung sieht die Grenzen der Merkfähigkeit bereits erreicht. Im Extremfall werde die Geheimzahl sogar schon auf die EC-Karte geschrieben, damit man sie beim Abheben am Geldautomaten gleich zur Hand hat. „Mit der Einführung von weiteren Verfahren wie dem elektronischen Personalausweis, ELENA und der elektronischen Gesundheitskarte wird die Zahl der zu merkenden PINs und Passwörter noch steigen. Ich selbst halte eine PIN-Anzahl von zwölf pro Bundesbürger für nicht unrealistisch“, so Peter Schaar. Nach einer Studie des Spracherkennungs-Spezialisten Nuance vergisst in Deutschland mittlerweile mehr als jeder zweite Befragte wichtige Passwörter oder PINs.

Mit dem Einsatz von so genannten Voice Prints könnte man das schnell ändern. „Sprachbiometrische Verfahren basieren auf der individuellen Beschaffenheit der menschlichen Stimme: Der komplexe Aufbau der Sprechorgane sorgt dafür, dass jede Stimme einzigartig ist, und Menschen daher anhand ihrer Stimme eindeutig unterscheidbar sind. Die Sprechorgane, also Stimmbänder, Mundhöhle, Kehle, Nase, Kiefer und Gaumen mit der individuellen Anordnung und Beschaffenheit der Muskeln des Mund es und Rachenraumes sind bei jedem Menschen unterschiedlich. Sie ermöglichen es, in Verbindung mit der angelernten Sprechweise, einen Menschen anhand seiner Stimme eindeutig zu identifizieren“, weiß Michael-Maria Bommer, Nuance-General Manager für Deutschland, Österreich und Schweiz.

Entscheidend sei, dass bei der Sprachbiometrie nicht einfach ein Vergleich zwischen einem aufgezeichneten Wort oder Satz und dem „Iive“ ausgesprochenen Wort oder Satz hergestellt werde. Vielmehr gehe es um die einzigartigen Charakteristika der Stimme, wie sie sich aus dem individuellen Sprechapparat und der individuellen Sprechweise ergeben. „Bewertet das System die Übereinstimmung zwischen dem aktuellen Stimmmuster und dem gespeicherten Sprachabdruck als zureichend hoch, wird der Zugriff gestattet. Es handelt sich also um eine robuste Technologie, die die Charakteristika einer Stimme auch bei Erkältung oder anderen Veränderungen der Stimme erkennt, eben weil es sich nicht um einen 1 zu 1-Vergleich von gespeicherter und gesprochener Sprache handelt“, erläutert Bommer. Der Schutz persönlicher Daten und Maßnahmen gegen den Identitätsdiebstahl seien der Hauptgrund für alternative Authentifizierungsverfahren, sagt Unternehmensberater Thomas Wind von TellSell Consulting. Wenn ein namhafter Player mit einer Sprachbiometrie-Anwendung für Konsumenten auf den Markt gehe, dann werden andere sehr schnell folgen. „Ein Massenmarkt entsteht, wenn sich ein oder mehrere Anbieter für Zertifizierungsdienste im Sinne eines TrustCenterKonzeptes etablieren würden. Ein Kunde könnte dann mit einer einmaligen Registrierung diesen Dienst bei mehreren teilnehmenden Unternehmen oder Behörden nutzen. ‚My voice is my password’ könnte dann Common Sense werden”, prognostiziert Wind.

3 Gedanken zu “My voice is my password: Weg mit den verfluchten PINs, TANs und Passwörtern

  1. Trotz der hier vertretenen richtigen Einschätzungen und plausiblen Prognosen fehlt mir in dieser Diskussion EIN wesentlicher Aspekt: Die zunehmende Durchdringung des Alltags mit Sprachtechnologie, die Vertrauen schafft und Hemmschwellen abbaut. Diese wird momentan getrieben vor allem von den Entwicklungen in den Consumer Electronics und Automotive Märkten, als Beispiele mögen z.B. die Spracheingabe in automobilen Navigationsgeräten oder die Sprachausgabe der neuen iPod Shuffle-Generation von Apple dienen.

    Erst wenn der Verbraucher daran gewöhnt ist, mit seiner Stimme in vielen Lebenssituationen Maschinen zu steuern bzw. Trans- oder Interaktionen auszulösen, wird er das Vertrauen gewinnen, das nötig ist, um eine „massenhafte“ Akzeptanz auch von Sprachbiometrie zu schaffen.
    Dennoch bin ich persönlich skeptisch, was den „Generalschlüssel“ Voice Print angeht, und das hat technologiehistorische Gründe:

    Denken Sie nur an den trivialen Schlüssel (wie den für die Haustür): Obwohl diese Technologie sicher über Tausend Jahre alt ist, und es mindestens seit 50 Jahren Multi-User-Schlossysteme mit individuellen, „gleichschließenden“ Schlösser-ASchlüssel-Kombinationen gibt, kenne ich absolut niemanden, der alle Schlösser, die er täglich oder regelmäßig zu öffnen hat, gleichschließend gemacht hätte.

    Meine Frage wendet sich daher auch eher an Psychologen oder Behavioristen: Kann es sein, dass „mensch“ gar nicht einen Generalschlüssel für alles private, schützenswerte will???

  2. Mir persönlich wäre die Identifizierung über die Sprache sympathisch, da sie mindestens drei Vorteile hat: Sie ist unverwechselbar und praktisch für die Nutzer, beziehungsweise schnell im Prozess (hoffentlich).

    Zugegebenermaßen gehöre ich auch zu denjenigen, denen das dauernde Verwenden von PINs und Passwörtern zum Greuel, und mitunter und auch zur der Hürde einer Beteiligung geworden ist..

    Allerdings köntne ich mir ähnlich wie Herr Paulke auch vorstellen, das zunächst Widerstände zu erwarten sind…

    Naive Frage am Rande einer Nicht-Wissenden: Werden übrigens auch Stimmbrüche erkannt…?

  3. @ Liesel: Nach Angaben der Experten ist die Stimme unverwechselbar und erkennbar auch bei Heißerkeit, Stimmbruch etc.

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