Walter Kempowski zum Achtzigsten: Das Ganze ist eine Wahnvorstellung

Walter Kempowski Am 29. April 2009 wäre der Schriftsteller Walter Kempowski 80 Jahre alt geworden. Bin gespannt, wie das Mammutwerk des großartigen Zeitzeugen, des Chronisten, des Sammlers und unbequemen Denkers gewürdigt wird. Eine Neuerscheinungen kündigen sich schon an:

Bücher und Begegnungen
Bücher und Begegnungen
Bücher und Begegnungen von Volker Hage und die Gedichtsammlung Langmut von WK.
Langmut
Langmut

Hempel muss man lesen
Hempel muss man lesen
Unverzichtbar ist das Buch von Dirk Hempel, Eine bürgerliche Biographie.

Erst mit dem Erfolg des Projektes „Echolots“, mit dem Kempowski in der Tradition Walter Benjamins seine Technik in reiner Collage radikalisierte, gelangte er zu nationaler und internationaler Wertschätzung. Das war für ihn ein Triumph über ein deutsches literarisches Milieu, das ihn als schreibenden Dorfschullehrer abtun wollte, „der die deutsche Geschichte deutungsabstinent und vergnüglich aufarbeite, also verharmlose“. Erst jetzt wurde Kempowskis radikaler Antiidealismus umfassend sinnfällig: Das Ganze ist nicht nur nicht das Wahre, es ist eine Wahnvorstellung.

„Nun erreichten Kempowski die Ehrungen, die er sich mehr oder minder ironisch gewünscht hatte. Deren Höhepunkt war die Verleihung der Ehrendoktorwürde und der Honorarprofessur durch die Universität Rostock 2002 beziehungsweise 2003. Kempowski hatte damit jene Höhe der Bürgerlichkeit eingeholt, auf der sich die Familie einst befunden hatte. Ob er nun seinem Vater unter die Augen treten könnte, seine eigene Schuld abgetragen sieht und ob er sich nun versöhnt hat, läßt sein Biograph dahingestellt. Jedenfalls reflektiert sich Sowtschick noch in ‚Letzte Grüße‘ als einer, dem die Erfüllung versagt geblieben ist“, schreibt die FAZ.

Im Gegensatz zu jenen Repräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur, zu „Böll und anderen Graumännern“, spielte Kempowski für die junge deutsche Literatur längst eine Rolle als „Vorbild, Ratgeber, Muntermacher und hochverehrter Vorkämpfer“ (so Benjamin von Stuckrad-Barre). Für viele Jüngere sei er der einzige große deutsche Schriftsteller der „Flakhelfer-Generation“, der Humor hatte und von dem man etwas lernen konnte. Seine scheinbar einfache Art der Mündlichkeit des Erzählens, der Faktenreichtum und die Technik des kommentarlosen Collagierens hatte ihnen eine Perspektive auf die Koexistenzen der deutschen Geschichte eröffnet, die der ideologische Diskurs der Achtundsechziger verstellte.

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