Tagebuch der Bibliophilie


Ein magischer Anziehungspunkt in Freiburg

„All books are equal, but some books are more equal than others.“ Allen entgegengerichteten Zeitläuften zum Trotz bin ich stolz darauf, einige der etwas weniger gleichen Bücher in meinem Antiquariat anbieten zu können. Wer aber E-Bücher und deren Lesegeräte hier sucht, der hat sich im weltweiten Aberwitz verlaufen.

Ich kann dieses emphatische Bekenntnis des Antiquars Rainer Friedrich Meyer nachvollziehen. In Zeiten von Amazon, ZVAB oder Wikipedia sollte man die Tempel für gute Bücher hegen und pflegen. Oder anders ausgedrückt mit den Worten des Philosophen Odo Marquard: „Je mehr Zukunft modern, für uns das Neue, das Fremde wird, desto mehr Vergangenheit müssen wir in die Zukunft mitnehmen und dafür immer mehr Altes auskundschaften und pflegen“. Eine Hermeneutik als Altbausanierung im Reiche des Geistes. Die Tempelritter unserer Zeit sind leidenschaftliche Buchhändler und Antiquare. Zu ihnen zählt der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom die Buchhandlung Tropismes in Brüssel, Laie in der Pau Claris in Barcelona, Knesebeck Elf in Berlin (bei meinen Berlin-Aufenhalten versuche ich immer, dort hinzugehen), Felix Jud in Hamburg, Klaus Bittner in Köln, die Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg, das winzigkleine Sandoe’s in London oder Müller & Böhm, die mittlerweile im Geburtshaus von Heinrich Heine in Düsseldorf residieren.

Das Resultat dieser literarischen Streifzüge ist immer gleich: „Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände, die an der schlimmsten Bücherkrankheit leiden, die es gibt: dem Ungelesensein – ein Schmerz, der in Wut umschlägt, wenn das Buch daneben zum zweiten- oder zum drittenmal gelesen wird“, so Nooteboom. Die Standardfrage beim Betrachten voller Bücherregale ist immer die gleiche. Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen??? Der Schriftsteller Umberto Eco antwortet darauf: „Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene“. 

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Eine Bibliothek sollte so viel von dem , was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Auch er macht sich ab und an Gewissensbisse, weil er einige Bücher noch nicht gelesen hat und stößt dabei auf ein überraschendes Phänomen: Wir nehmen eines dieser vernachlässigten Werke zur Hand, blättern es durch und entdecken, dass wir schon fast alles kennen, was darin steht.

Eco liefert dafür drei Erklärungen: „Erstens: Im Lauf der Jahre hat sich durch die verschiedenen Berührungen, wenn wir das Buch umgestellt, abgestaubt oder auch bloß ein Stück zur Seite geschoben haben, um ein anderes besser herausziehen zu können, etwas von seinem Inhalt über unsere Fingerkuppen in unser Hirn übertragen, wir haben es also gewissermaßen taktil gelesen, als ob es in Blindenschrift gedruckt wäre….Zweite Erklärung: Es stimmt gar nicht, dass wir das fragliche Buch nie gelesen haben. Jedes mal, wenn wir es abstauben oder verschoben, haben wir einen kurzen Blick darauf geworfen, es irgendwo aufgeschlagen, etwas in der Graphik, in der Konsistenz des Papiers, in der Farbe hat uns von einer Epoche, von einem bestimmten Ambiente gesprochen, und so haben wir nach und nach einen großen Teil davon absorbiert. Dritte Erklärung: Im Lauf der Jahre haben wir andere Bücher gelesen, in denen von diesem die Rede war, so dass wir, ohne es uns bewusst zu machen, gelernt haben, was es zu sagen hatte (sei’s dass es sich um ein berühmtes Buch handelte, von dem alle gesprochen haben, oder um ein banales, dessen Ideen so gewöhnlich sind, dass wir sie fortwährend anderswo gefunden haben)“, schreibt Eco in seinem neuen Opus „Die Kunst des Bücherliebens“, erschienen im Hanser Verlag.

Alle diese drei Erklärungen wirken zusammen, um uns jene Seiten vertraut zu machen, die wir, streng genommen, nie gelesen haben. Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont. So durchwandern Nooteboom und Eco die verborgenen Schatzkammern von Amsterdam, darunter Antiquariate, die sich auf Okkultismus, Alchimie und Gnosis spezialisiert haben. „Wir gingen zuerst in das Antiquariat, in dem ich früher am meisten gekauft hatte. Es gehört Nico Israel und ist auf Kartographie, Manuskripte und Naturwissenschaften spezialisiert; sein Bruder Max, den Eco bereits aus eigenem Forscherdrang entdeckt hatte, führt Wissenschaft, Medizin und Kunst. Dieser Nachmittag ist für mich eine kostbare Erinnerung geblieben, zum einen, weil ich nach so langer Zeit wieder diese heiligen Hallen besuchte, und dann, weil Eco, unermüdlich, ständig zum Lachen bereit, mit seiner Stentorstimme und seinem starken italienischen Akzent stets den Kern der Sache traf“, so die Abhandlung von Nooteboom „In Ecos Labyrinth“, erschienen in „Nootebooms Hotel“, Suhrkamp Taschenbuch.

Sie besuchten Schors‘ Antiquariat – Spezialgebiet Esoterik in all ihren Verzweigungen – das Herzstück von Ecos Sammlung und das Fundament für die Romane „Im Namen der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“. Der letzte Besuch galt der Bibliotheca Hermetica Rosicruciana in der Lauriersgracht. Es war ein Nachmittag der drei Kanäle, Amsterdam war wie verzaubert, berichtet Nooteboom: „Hier wurde nicht verkauft, jegliches Geschäftsdenken war verbannt. Die Bücher, Manuskripte, Inkunabeln, illuminierten Kodexe hatten von den Räumen Besitz ergriffen, die versammelte gnostische Weisheit, kabbalistische Berechnungen, chymische Hochzeiten und Geheimlehren verbreiteten ein ohrenbetäubendes Schweigen.“

Kircher, einer der größten Gelehrten des Barock.
Kircher, einer der größten Gelehrten des Barock.

Nooteboom sah Eco in offensichtlicher Erregung an den Regalen entlanggehen. Plötzlich drehte er sich um und fragte: „Haben Sie keinen Athanasius Kircher?“ Es folgte Schweigen und dann sagte Frau Ritman, die Frau des Besitzers: „Aber Mister Eco, Kircher war ein Jesuit und ein Feind der Rosenkreuzer.“ Das sei keine wissenschaftliche Einstellung, entgegnete Eco und fügte stolz hinzu: „Ich besitze zweiundzwanzig Kirchers!“ Eco ist ein bibliophiler Jäger und Forscher. Spuren davon kann man im Foucaultschen Pendel finden. Es beschreibt den Wahn von drei Lektoren, die zugleich Wissenschaftler sind und einen gigantischen Geheimplan ausbrüten. Ein Spiel von Wahrheit und Schein, gespickt mit Geheimlehren, kabbalistischen Permutationen, historischen Daten, gnostischen Initiationen und Zahlenkombinationen.

Aus den antiquarischen Streifzügen ist eine Bibliothek entstanden als Ort der Forschung, Andacht, Überraschungen, Ideen und Inspiration. Kein E-Book, kein Onlinebuchhändler, keine schnelle Information über Wikipedia kann diese Erlebniswelt ersetzen.

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4 Gedanken zu “Tagebuch der Bibliophilie

  1. Die häufig gehörte Frage von Besuchern in einer von Büchern vollen Wohnung: „Hast Du denn alle gelesen?“ ist doch nur Ausweis von deren Unsicherheit. Ist doch auch klar: Wer so viel geballte Bildung sieht, fast sich sogleich an die eigenen Nase und denkt: Sch…. und ich lande allabendlich vor der Glotze…

    Hinzu kommen viele andere Aspekte des Ästhetischen: Gibt es einen schöneren Wandschmuck als eine ansprechende Bücherwand, in der Taschenbücher die Ausnahme sind?

    So wird in solchen Räumen nicht zufällig das Gespräch zwischen intelligenten und gebildeten menschen beflügelt: Inmitten von Erstausgaben, bei einem guten glase Rotwein, in dem sich der Schimmer des Kamins spiegelt:

    SCANDALISER LES BOURGEOIS!

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  2. […] Druckerpresse: Erst mit der Erfindung des Buchdrucks ertönt das Lamento von der Bücherflut. Und erst durch die Explosion der Schriftmenge erhält die Bibliothek eine breite Aufmerksamkeit, die ihr im Mittelalter fehlte. Und erst unter diesen hochflutenden Bedingungen wird die Bibliothek selbst zum Problem. Es stellte sich die Frage, wie diese Massen zu verwalten seien und Übersicht hergestellt werden könne. Einen ersten Versuch, Ordnung ins Bücher-Dickicht zu bringen, wagte im 16. Jahrhundert Konrad Gessner. Er verfasste mit der „Bibliotheca universalis“ eine der ersten Bibliographien. Gessner listete über 10.000 (!) Werke auf und widmete sich einer inhaltlichen Erschließung der Bibliotheksbestände: „Das Material habe ich von überall her zusammengetragen: aus Katalogen von Druckern, deren ich nicht wenige aus verschiedenen Gegenden zusammengesucht habe; aus Verzeichnissen von Bibliotheken selbst, öffentlichen ebenso wie privaten, die ich in ganz Deutschland und Italien sorgfältig eingesehen habe, aus Briefen von Freunden, aus Berichten von Gelehrten und schließlich aus Schriftstellerkatalogen.“ Das von Gessner entwickelte Verfahren ist im Prinzip schon ein hybrider Zettelkasten in buchgebundener Form – eine analoge Suchmaschine. Verzettelungsverfahren waren damals eine echte Revolution und versprach eine Errettung aus dem Datenchaos. Als Hugo Blotius 1575 Leiter der Wiener Hofbibliothek wurde, schrieb er: „In welchem Zustand, du lieber Gott, haben wir sie im Juli des vergangenen Jahres angetroffen! Wie ungepflegt und wüst erschien alles – wie viel Schimmel und Fäulnis überall – wie viele Schäden von Motten und Bücherwürmern – wie war alles von Spinnennetzen überzogen!…Als dann endlich die Fenster geöffnet wurden, die monatelang geschlossen gewesen waren und nie auch nur einen Sonnenstrahl zur Beleuchtung der unglücklichen und langsam verkommenden Bücher durchgelassen hatten, was strömte da für ein Schwall von verpesteter Luft hinaus!“ Gottfried Wilhelm Leibniz bewies als Bibliothekar der berühmten Barockbibliothek Wolfenbüttel große Umsicht und Konsequenz bei der Durchführung der ihm anvertrauten Katalogisierungsprojekte – er war halt ein begnadetes Kombinatorik-Genie im Geiste des Computererfinders Raimundus Lullus, der 1275 die erste Denkmaschine entwickelte (kleine Aufgabe für Mallorca-Touristen. Es gibt eine klösterliche Ausstellung auf der Ferieninsel, die man sich nicht entgehen lassen sollte). 1716 stirbt Leibniz und die Wolfenbütteler Bibliothek verwahrlost. Die Kataloge werden nur nachlässig fortgeführt, es schwinden die Möglichkeiten, anhand der Bücherverzeichnisse einen Text aufzufinden. Generell ist es wohl ein schweres Los der Bibliothekare, über das Missmanagement ihrer Vorgänger zu klagen. Bisherige Anordnungen werden verworfen, um neue, oftmals vollständig abweichende zu etablieren. So äußert sich Erhart Kästner als neuer Direktor der Herzog August Bibliothek, der von 1950 bis 1968 die Geschicke in Wolfenbüttel leitete, über den Amtsvorgänger Wilhelm Herse: „Die Bibliothek sollte nichts kosten und Ruhe geben – was sie denn auch mit Eifer getan hat….Die Bibliothek vegetierte eben so hin. Sie machte keinerlei Anstrengung, sich auszuzeichnen, vermehrte sich kaum, hatte keinerlei Interesse, eine Rolle zu spielen; sie schonte sich eben.“ Die Bestandlücken waren beträchtlich. In Kästners erstes Dienstjahr fällt die Anschaffung des aktuellen Brockhaus-Lexikons und unentbehrlicher Hand- und Wörterbücher aus allen historischen Wissenschaften. Seinen Beschaffungsetat hätte Kästner nach heutigen Maßstäben wahrscheinlich auf andere kostbare Erstausgaben ausgerichtet. Interessant sind die ersten Gehversuche von Leibniz in Wolfenbüttel. Er erwandert die Werke ohne Katalog. Auf ausgedehnten Spaziergängen und zufälligen Bahnungen durch die Säle und Kabinette der Bibliothek findet er vergessene und unvermutete Bücher. Er entdeckt mit dem Zufallsverfahren im unüberschaubaren Fundus jene außergewöhnlichen Schriften, um deren Aushebung ihn die Fachwelt noch heute lobt. Ohne ein helfendes Register, ohne extra erstellte Übersichten zur Hand zu nehmen geraten seine Funde zum Produkt eines zufallsgesteuerten Zugriffs. Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont. So durchwandern die Schriftsteller Nooteboom und Eco die verborgenen Schatzkammern von Amsterdam, darunter Antiquariate, die sich auf Okkultismus, Alchimie und Gnosis spezialisiert haben. „Wir gingen zuerst in das Antiquariat, in dem ich früher am meisten gekauft hatte. Es gehört Nico Israel und ist auf Kartographie, Manuskripte und Naturwissenschaften spezialisiert; sein Bruder Max, den Eco bereits aus eigenem Forscherdrang entdeckt hatte, führt Wissenschaft, Medizin und Kunst. Dieser Nachmittag ist für mich eine kostbare Erinnerung geblieben, zum einen, weil ich nach so langer Zeit wieder diese heiligen Hallen besuchte, und dann, weil Eco, unermüdlich, ständig zum Lachen bereit, mit seiner Stentorstimme und seinem starken italienischen Akzent stets den Kern der Sache traf“, so die Abhandlung von Nooteboom „In Ecos Labyrinth“, erschienen in „Nootebooms Hotel“, Suhrkamp Taschenbuch. Ausführlich dargestellt in meinem Beitrag: Tagebuch der Bibliophilie. […]

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