Volkswirtschaft in der Formelfalle – Wirtschaftspolitik sollte wieder als Staatskunst begriffen werden

Wer heute als Ökonom reüssieren will, der muss vor allem ein begnadeter Formelkünstler sein: „Er muss sich in der höheren Mathematik bewegen wie ein Fisch im Wasser und die Wirtschaftswelt in Formeln und abstrakte Modelle einpassen. Damit hat sich die Wirtschaftswissenschaft in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer stärker zu einer mathematischen Disziplin entwickelt. An den Rand gedrängt wurde die ältere ordnungsökonomische Schule, die in Deutschland einst bedeutend war und die nach den Zusammenhängen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft fragte, dabei aber auf Formeln verzichtete und verbal argumentierte“, schreibt der Redakteur Philipp Plickert in der neuen FAZ-Rubrik „Der Volkswirt“, die im wöchentlichen Wechsel mit „Der Betriebswirt“ erscheint.

Es wachse allerdings das Unbehagen an der Mathematisierung der Volkswirtschaftslehre. So erinnert der Soziologe und Ökonom Viktor Vanberg von der Universität Freiburg an den Massenprotest französischer Studenten vor einigen Jahren, die sich gegen eine „autistische Ökonomik“ wandten. Die mathematische Formalisierung sei Selbstzweck geworden, beklagten sie. Es würden imaginäre Welten modelliert, die mit ihrer Erfahrungswirklichkeit wenig oder nichts gemein hätten.
Noch härter drücke es der Theoriegeschichtler Mark Blaug aus: „Die moderne Ökonomik ist krank.“ Sie sei zu einem intellektuellen Spiel geworden, das um seiner selbst willen gespielt werde, aber nur wenig praktische Bedeutung für das Verständnis der Welt liefere. Nach Ansicht des Nobelpreisträgers Ronald Coase sei die Ökonomik nur noch ein theoretisches Spiel, das in der Luft schwebt und kaum Bezug zu dem hat, was in der realen Welt geschieht. „Die Volkswirtschaftslehre ist mittlerweile mathematischer als naturwissenschaftliche Disziplinen. Teilweise wird das Fach von Konvertiten aus der Mathematik bevölkert, die uns mit naiven Ceteris-paribus-Klauseln die Welt erklären wollen“, kritisiert Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Harvey Nash.

Die Mathematisierung der Ökonomik erinnert den ehemaligen Allensbach-Meinungsforscher Manfred Wirl an die Mathematisierung und Topographisierung des Kriegswesens vor der französischen Revolution. „Damals glaubte man allen Ernstes mit Hilfe von strikt ausgerichteten mathematischen Modellen, den Verlauf und den Ausgang einer Schlacht vorhersagen zu können. Die Revolutionsarmeen und später Napoleon haben diese schönen Rechenmodelle über den Haufen geworfen und auf diese Weise nachgewiesen, dass immaterielle und moralische Faktoren in der Realität des Krieges von entscheidender Bedeutung sein können“, so Wirl, der sich wissenschaftlich mit der öffentlichen Meinung unter dem NS-Regime beschäftigt hat.

An der Börse könne man nachvollziehen, wie sehr die Ökonomie von sozialpsychologischen Faktoren bestimmt wird. „Zwar käme keiner auf den Gedanken, sie als exaktes Abbild der Wirtschaftslage wahrzunehmen, doch ebenso wenig lässt sich ihre Bedeutung als Indikator für die Wirtschaft leugnen. Mit mathematisch-formalistischen Modellen kommt man an der Börse nicht sehr weit. Man würde damit nur Geld verlieren. Ich kenne zumindest keinen Wirtschaftswissenschaftler, der aufgrund seines theoretischen Wissens dort reich geworden wäre“, sagt Wirl.

„Die formale Eleganz und scheinbare Genauigkeit der mathematischen Ökonomik übten aber auf viele Wissenschaftler eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren schaffte sie in Amerika einen Durchbruch, für den berühmte Namen wie Kenneth Arrow, Gérard Debreu und auch Paul Samuelson stehen. Diese bauten die ökonomische Wohlfahrtstheorie aus, die behauptete, ein soziales Optimum der wirtschaftlichen Allokation sei mit mathematischer Logik voraussagbar und sogar planbar. Auch in der Makroökonomik, welche die Schüler von Keynes vorantrieben, herrschte der Glaube an die Steuerbarkeit von Konjunktur und Wachstum vor. Folglich erlebte die ökonomische Politikberatung einen Aufschwung, der die Wirtschaftsfachleute in eine gesellschaftliche Schlüsselrolle brachte und ihr Selbstbewusstsein steigerte“, so der Wirtschaftshistoriker Philip Plickert, der darauf hinweist, dass diese Denkschule in Deutschland zunächst keine Relevanz hatte.

Die Soziale Marktwirtschaft entstand vor allen Dingen durch die Freiburger Schule um Walter Eucken und Franz Böhm. Ihr Credo war das ‚Denken in Ordnungen’. Wirtschaft, Recht und Gesellschaft müssten in ihrer Interdependenz betrachtet werden. Ordoliberale Ökonomen wie Wilhelm Röpke hatten ein reges Interesse an Soziologie und dachten intensiv über die außerökonomischen Voraussetzungen einer funktionierenden Marktwirtschaft nach.

„Die mathematisch-formale Ökonomik lehnten sie ab, da sie ihnen zu mechanisch erschien“, weiß Plickert. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard sah das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft nicht als wissenschaftlich-empirisches Modell. „Erhard und seine ordoliberalen Berater begriffen Wirtschaftspolitik als Staatskunst. Sie war der dynamische Kern der deutschen Innenpolitik und begründete auch das außenpolitische Gewicht der Bundesrepublik. Die Soziale Marktwirtschaft entstand nicht als theoretische Formel, sondern als politische Konfession. Von dieser Raison der politischen Ökonomie zehren wir noch heute, obwohl die Praxis der marktwirtschaftlichen Politik mittlerweile von ideenlosen Zahlendrehern und Technokraten dominiert wird“, erklärt der Personalexperte Nadolski.

Bezeichnend sei, so Plickert, dass die erste Generation der mathematisch ausgerichteten Ökonomen in Deutschland oft ausgebildete Physiker oder Ingenieure waren: „An den Wirtschaftsforschungsinstituten experimentierte man mit immer größeren Makromodellen mit unzähligen Gleichungen, welche die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge im Detail darstellen und auch steuerbar machen sollten. Ein konjunkturelles ‚fine-tuning’ galt in den sechziger und frühen siebziger Jahren als möglich. Dies stellte sich aber wenig später als Illusion heraus“.

Der Ökonom Friedrich August von Hayek wandte sich 1974 in seiner Rede zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises gegen die Benutzung der Instrumente der harten Wissenschaften in den sozialen Wissenschaften. Er forderte seine Zunft zu mehr Demut auf und kritisierte die „Anmaßung von Wissen“. Den Boom dieser Methoden in den Wirtschaftswissenschaften konnte Hayek nicht aufhalten. „Die in Deutschland einst stark repräsentierte Ordnungsökonomik ist mittlerweile weitgehend verschwunden, seit an den Universitäten mehr und mehr Lehrstühle für Wirtschaftspolitik geschlossen oder der mathematisch orientierten Richtung umgewidmet wurden“, erläutert Plickert.

Die mathematisch-formalistische Ökonomik sei längst zu einem auf sich selbstbezogenen System geworden, moniert der Publizistikwissenschaftler Manfred Wirl: „Sie erstarrt im Dogmatismus. Es fällt der menschlichen Natur leichter, sich an Modellen der Wirklichkeit zu orientieren als an der Wirklichkeit selbst. Man nennt das auch die Reduzierung von Komplexität. Dummerweise kommt es damit auch immer zu einem Realitätsverlust. In der derzeitigen Situation sind die negative Auswirkungen besonders schwerwiegend, da die Verfechter solcher Modelle mit ihrem begrenzten Wissen die Deutungshoheit über die Gesetze der Ökonomie nach wie vor für sich beanspruchen.“

6 Gedanken zu “Volkswirtschaft in der Formelfalle – Wirtschaftspolitik sollte wieder als Staatskunst begriffen werden

  1. ulfhamster

    Ich empfehle Kahneman/Tversky zu lesen (Verhaltensökonomie, Wirtschaftspsychologie, wie auch immer), wo eine Reihe (nicht alle) ‚menschlicher‘ Problemchen behandelt wird. Es ist geradezu erschreckend, wie oft man sich dann selbst dabei ertappt garnicht ’sooo super rational‘ zu sein. Aber zum Glück sind es alle anderen auch nicht. Puhhh… wir sind doch keine homogenen rationalen Roboter…

    Ein paar simple Beispiele: Wenn wir alle gleich-rationale Robotor wären, dann würde es diesen Produktlebenszyklus nicht geben, Sommerschlussverkaufsanstürme auch nicht, Wahlen wären unnötig, usw usw usw … die Welt wäre wie ein langweiliger Minus-Bambi Sci-Fi Film…

    Und selbst Kahneman/Tversky und alle die vor und nach denen kommen… tun eines … sie gießen es in Axiome, Formel, usw. Das ist auch garnicht so schlimm, weil sich die empirische Wirtschaftsforschung über solcche Steilvorlagen freuen kann! Was helfen tolle Theorien, wenn man sie nicht bestätigen oder falsifizieren kann? Zum Beispiel mit Daten oder auch Experimenten!

    Aktuell wird doch v.a. auf der frühen Kapitalmarkttheorie draufgehauen. Aber selbst die machen keinen Hehl daraus, dass sie den Homo Economicus annehmen – der Einfachheit halber – um mit ihren nachfolgenden Problemen fortzufahren (Das steht in allen Publikationen a la Markowitz, Sharpe, Merton, etc etc etc noch und nöcher, immer ganz oben im Aufsatz). Tut mir Leid, wenn man allgemein eine Theorie sich ’nützlich‘ macht, dann sollte man sich auch überlegen wie übel die Annahmeverstöße ausfallen. Nur weil man Isaak Newton gerafft hat, heißt das nicht, dass man Autos konstruieren kann.

    Ganz ehrlich ich verstehe die ganze Aufregung nicht wirklich. Wirtschaftspolitik ist normativ, nicht wahr? Warum sollte man das jetzt gegen deskriptiven Theorie ausspielen, oder gegen die Empirie? Aus dem Blickwinkel der wissenschaftlichen Erkenntnisprozess macht das keinen Sinn.

  2. Ich habe mich veranlasst gefühlt zu dem Formel-Problemchen ein paar weitere Formeln hinzuzufügen 😉

    „Die Extrinsische Motivation von ökonomischen Entscheidungen unter Unsicherheit in Abhängigkeit der Staatsformen“ (Wirtschaftspolitik im engeren Sinne)

    http://oekonomie.wordpress.com/2009/02/18/die-extrinsische-motivation-von-okonomischen-entscheidungen-unter-unsicherheit-in-abhangigkeit-der-staatsformen/

    „Einfluss der Nutzenfunktionen von Anspruchsgruppen auf die Variablenselektion in der multikriteriellen Leistungsmessung“ (Im weiteren Sinne)

    http://oekonomie.wordpress.com/2009/02/17/einfluss-der-nutzenfunktionen-von-anspruchsgruppen-auf-die-variablenselektion-in-der-multikriteriellen-leistungsmessung/

  3. Generell bleibt es bei meiner Position, die Formelkönige sollten etwas bescheidener mit ihren Theorien auftreten und auf die Fehlervarianz mehr eingehen. Ich bin ja selber Volkswirt und habe mich mit dem Formelkram beschäftigt und Hypothesen durchgerechent wie „Gibt es die optimale Staatsverschuldung?“. Erkenntnisse kann man mit Sicherheit gewinnen. Aber die Wirtschaftsforschungsinstitute weisen eben nicht hin auf ihre „Laborrechnungen“…..Vielleicht sollte Wirtschaftspsychologie Pflichtfach in der VWL werden und nicht nur Finanzwissenschaften, VWL-Theorie und VWL-Politik….

  4. Bezüglich der „Formelkönige“ ist mir glatt mein Lieblingsbeispiel „Kaufkraftparität“ eingefallen, was ich so toll fand, dass ich es mir irgendwann mal aufgeschrieben hatte:

    http://oekonomie.files.wordpress.com/2009/02/ppp2.pdf

    Das mit der Staatsverschuldung, weiß ich auch nicht. Das Blöde ist, dass Staatsschulden meistens nicht getilgt werden – auch wenn immer gesagt wird es rentiere sich lala lala. Wenn es sich rentieren würde, dann könnten Staaten ja auch Annuitätendarlehen aufnehmen, weil sie sich sicher seien, dass es sich durch höhere Steuereinnahmen rentiere. Aber das sieht widerum im Haushalt blöd aus, weil die Zinsen auf einer Standardfestverzinslichten kleiner aussehen als Schuld+Zinstilgungen. Somit ist es per se ein moralisches Problem in Staatshaushalten, dass zusätzliche Steuereinnahmen (unter der Annahme es rentiere sich) einfach nur für mehr mehr mittelfristige Staatsausgaben verwendet werden. Das ist quasi so ähnlich, wenn eine Firma (analog „Staat“) Kredite aufnimmt, um diese Summe an die Gesellschafter (analog „Volk“) sofort auszuzahlen. Diese kleine Analogie hat aber den Haken, dass Leute automatisch per Geburt in der „Gesellschaftervertrag“ eintreten oder per Tod austreten. Blöd gesagt, ein privatwirtschaftliches Erbe kann man ausschlagen; Aber ein Staatserbe muss man es nehmen wie es kommt. Eigentlich haben Staatsschulden eher den Charakter eines „aufgezwungenen Schneeballsystems“ (d.h. „aufgezwungen“ wg. der Pflicht das Erbe zu nehmen, und „Schneeballsystem“ wg. den Zu- und Abfluss der Einzahler/Leistungsempfänger).

    Aber was soll man machen?

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