MP3-Erfinder prognostiziert Fernsehen zum Riechen, Tasten und Schmecken

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Medien werden in Zukunft alle Sinne ansprechen. Das prognostiziert MP3-Erfinder Professor Karlheinz Brandenburg im Interview mit dem Web-TV-Sender von forward2business in Halle. „Es wird in Zukunft eine Umgebung geben, die einen fesselt und einfängt indem sie alle Sinne anspricht.“  Mit ihr könne der Nutzer aber auch interagieren, so es gewünscht sei.  Brandenburg ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie http://www.idmt.fraunhofer.de in Ilmenau (Thüringen) und beschäftigt sich mit Audio- und Videotechnologien der Zukunft. „Im Audiobereich gibt es erste Produkte, die diese Vision verwirklichen“, sagt Brandenburg..  Die natürlichen und isothetischen Welten werden seiner Meinung nach immer mehr verschwimmen. Darum werden Informationen schon bald an jedem beliebigen Ort in passender Qualität zu bekommen sein.

Zukunftschancen hat nach seinen Prognosen auch die Sprachtechnologie. „An vielen Stellen ist sie schon da und die Leute haben es bloß noch nicht so bewusst wahrgenommen. Also ich gehöre zu den Leuten, die das ganz simpel arbeitende Wordspotting zur Sprachwahl im Handy ganz regelmäßig nutzt. Ich finde es sehr nützlich, wenn ich dem Handy sage, wen ich sprechen will“, so Brandenburg, der seine Thesen als Hauptredner des Branchenkongresses Voice Days http://www.voicedays.de zum Thema „Wie Innovationen Märkte machen“ im Oktober darlegen wird.

Alle diese Technologien würden nach seiner Erfahrung einen mühsamen und langsamen Verbesserungsprozess zurücklegen. „Ich habe schon vor langer Zeit, als ich bei Bell Labs damals gearbeitet habe und sozusagen direkt neben den Leuten saß, die Spracherkennung gebaut haben, von Hidden Markow-Modells gehört und diesen Dingen. Damals wurde schon gelästert, die Spracherkennung ist der Bereich, der jedes Jahr die Erkennungsgenauigkeit von 94 auf 97 Prozent steigert. Das ist nicht wirklich anders geworden. Wenn das Wordspotting langsam unabhängiger wird von den Sprechern und damit das Training wegfällt, oder das Training so passiert, dass die Leute überhaupt nicht merken, dass sie die Geräte trainieren, und ähnliche Fortschritte, dann wird es einen Triggerpunkt geben, ab dem die große Verbreitung einsetzt, obwohl es vorher den Eindruck gab, als würde das nur ganz mühsam vorankommen“, so Brandenburg gegenüber dem Fachdienst Voice Community http://www.voice-community.de

Parallelen erkennt er beim hochauflösenden Fernsehen. „Da habe ich die erste Demo im Jahre 1990 gesehen und war begeistert. Wenn das zu günstigen Kosten geht, dann wollen das alle, da war ich sicher. Heute sind wir den Durchbruch noch nicht geschafft. Es fehlen die Programme, nachdem es viele Geräte schon gibt, die das haben. Aber es wird kommen. Das ist auch so eine Stelle mit einem Triggerpunkt“, erklärt Brandenburg.

Ein anderes Beispiel sei die Frage der Bildkommunikation. Früher habe man nur Geräte eingesetzt, die teuer waren und nicht viel an Qualität geliefert haben. „Heute habe ich einfach immer mehr Bildschirme und Laptops, die automatisch die Kamera mit drin haben, und Handys, die die Kamera mit drin haben. Und bei Skype ist es mittlerweile eine ganz simple Funktion, zu sagen, ich will den anderen auch sehen. Ich denke, wir werden in den nächsten zwei, drei Jahren feststellen, dass das Stückchen um Stückchen mehr verwendet wird. Ob das, wie mal die Science Fiction-Vorhersagen waren, der Normalfall wird beim Telefonieren, kann man noch nicht beantworten“, resümiert Brandenburg. Kritisch beurteilt er das Innovationsklima in Deutschland. Es sei zwar leichter geworden, Innovationen zur Marktreife zu bringen. „Aber nach wie vor ist es bei uns schwierig, dass nötige Wagniskapital aufzubringen. In den USA gibt es zehnmal so viel“, resümiert Brandenburg.

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NeueNachricht/medienbüro.sohn/Spracherkennung/Intelligenter Kundendialog statt Call Center-Attacken

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Kundentreue, so eine alte Marketingbinsenwahrheit, ist die Basis für Rentabilität: „In zahlreichen Branchen führt eine höhere Kundenbindungsrate von nur fünf Prozent zu Gewinnsteigerungen von 25 bis 100 Prozent“, weiß der amerikanische Managementexperte Frederick Reichheld http://netpromoter.typepad.com/fred_reichheld. Der entscheidende Punkt dabei sei nicht die Tatsache, dass Kunden zu gewinnen teurer ist, als bestehende Kunden zu halten, sondern dass loyale Kunden vor allem häufiger und mehr kaufen.

 

„Da die Kundengewinnung immer größere Anstrengungen erfordert, ist es überlebenswichtig, eine starke und treue Kundenbasis aufzubauen“, so Nuance-Geschäftsführer Michael-Maria Bommer bei der Vorstellung des Buches „Die Zukunft des Customer Service – Analysen, Strategien, Konzeptionen“ (Gabler Verlag). So würden nach einer Umfrage des Softwareunternehmens Genesys 71 Prozent der Kunden bei einer positiven Call Center-Erfahrung wieder auf das Unternehmen zurückkommen, auch wenn das erworbene Produkt die Erwartungen nicht ganz erfüllt hat. „Erfolgreiches Kundenmanagement bedeutet daher, zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme des Kunden oder vice versa die richtigen Dinge tun zu können und die Interaktionen intelligent zu steuern“, so Bommer. Doch die Realität sieht nach seiner Erfahrung anders aus. „Brav der ‚Beziehungsthese folgend, haben Unternehmen mächtige Datenbanken aufgebaut und speichern darin Informationen über den Kunden: was er wann und wo gekauft hat, ob und wie oft er sich beklagt hat und was mit der Beschwerde passiert ist. Um einen Durchblick in diesem Datendickicht zu bekommen, stellen diese Firmen ausufernde Analysen an: Wer sind die guten Kunden, wer die schlechten Käufer. Was darauf folgt, sind teure Massen-Mailings, umfangreiche nervtötende abendliche ‚Call Center-Attacken’ sowie streuverlustbehaftete Werbemaßnahmen“, kritisiert der Nuance-Manager. Das Problem dabei sei, dass die gesammelten Daten lediglich einen statischen Zustand wiedergeben, der sich in der Vergangenheit abspielte.

 

„Was nützt das rückwärtsgewandte Beziehungsmanagement, wenn zum Zeitpunkt des Kundenkontaktes alle vor Schreck den Füller fallen lassen, weil sie nicht wissen, was sie ihm verkaufen sollen, und nicht verstehen, wie Cross- und Up-Selling funktionieren“, erklärt Bommer. Deshalb müsse sich das gesamte Unternehmen als Servicecenter verstehen und organisatorische Brüche beseitigen. Das gelte für das Front- und Backoffice sowie für alle Zugangs- und Ausgangskanäle, ganz gleich ob Telefon, Brief, E-Mail oder Website. „Kundendaten werden von den Firmen in Zukunft nicht nur über alle Kanäle gesammelt, sondern sie werden auch intelligent aufbereitet, um dem Kunden einen individuellen, pro-aktiven Kundenservice zu bieten und seine Kaufbereitschaft maximal auszuschöpfen. Dazu werden Kundenprofile entworfen, anhand derer die Kunden aus den bestehenden Daten automatisch ‚geclustert’ werden“, so die Vision von SemanticEdge-Geschäftsführer Lupo Pape http://www.semanticedge.de, die er auf dem Zukunftskongress des ThinkTanks forward2business http://www.forward2business.com in Halle (Saale) vorstellte. Rund 200 Trend- und Innovationschefs der deutschen Wirtschaft diskutierten auf der Burg Giebichenstein über den Kundendialog der Zukunft.    

 

Crosschannel Service ist nach Ansicht des Sprachdialogexperten Pape ein wichtiger Baustein für den Kundendialog: „Daraus ergeben sich dann vorentworfene Dialogszenarien, die entweder beim Kontakt des Kunden vorgeschlagen werden oder die auch in Outbound-Dialogen über alle Medien abgewickelt werden. Der Berater im Call Center, der Mitarbeiter in der Filiale oder das Sprachdialogsystem werden mit einer Hypothese über das vermeintliche Anliegen des Kunden in den Dialog gehen und sie werden versuchen, dieses Anliegen persönlich und schnell zu lösen oder geschickte Vorschläge für Produkte und Services oder für die stärkere Kundenbindung einfließen zu lassen“, sagt Pape. Mittels einer Gedächtnisfunktion könnte dabei der letzte Kundenkontakt aufgenommen und weitergeführt werden.

Geschockte Mobilfunkmärkte, elektronische Helfer und die Omnipräsenz des Internets

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Die Apple-Gemeinde hatte schon vor Jahren damit spekuliert, dass Steve Jobs ein eigenes Handy auf den Markt bringen wollte. Mittlerweile hat sich das kleine Multimediagerät iPhone als eines der innovativsten Produkte mit einer explosiven Wirkung entfaltet: „Mobilfunkhersteller und Netzbetreiber haben ihre Produkt- und Markenstrategie als Konsequenz aus dem iPhone-Schock im Grundsatz neu sortiert“, sagt Georg Stanossek, Herausgeber des TK-Dschungelführers 2008 http://www.portel.de. So hält es E-Plus-Chef Thorsten Dirks für möglich, dass der Mobilfunk künftig sein Geld mit Werbeeinnahmen und nicht mehr über Gesprächsgebühren verdient. Dirks ist davon überzeugt, dass die Netzbetreiber in spätestens fünf Jahren nur noch Datentransporteure seien. Spätestens dann müssten sich ihre Geschäftsmodelle komplett wandeln: „Der Kunde wird dann nur noch bereit sein, für eine Breitband-Anbindung zu zahlen – wie heute für den DSL-Anschluss zu Hause“, erklärte Dirks auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Telekommarkt Europa“ http://www.tk-europa.de in Düsseldorf.

 

Eine Option wäre, auf Einnahmen über geführte Gespräche gänzlich zu verzichten und stattdessen mit hoch personalisierter Werbung Geld zu verdienen. Auf de britischen Markt ging im Herbst des vergangenen Jahres mit Blyk bereits ein vollständig werbefinanzierter Anbieter an den Start. „Das Geschäftsmodell: kostenlose SMS-Nachrichten und Sprachtelefonie als Entgelt für das Ansehen von Werbung und die Preisgabe persönlicher Informationen, um gezielte Werbemaßnahmen zu ermöglichen“, weiß Portel-Chefredakteur Stanossek. Allerdings seien die Netzbetreiber nicht die einzigen, die über wertvolle Kundeninformationen verfügen. So habe Nokia mit der Übernahme von Enpocket mittlerweile einen Spezialisten für das so genannte „Targeted Advertising“ an Bord. „Enpocket soll den Nukleus für Nokia Ad Business bilden“, so Stanossek. Werbung sei somit integraler Bestandteil von Ovi, der Plattform für alle Webdienste des finnischen Handyherstellers.

 

Um in der Telekommunikation weiter zu kommen, brauche man nach Ansicht von Trendforscher Lars Thomsen von der Agentur Future Matters http://www.future-matters.com eine neues Verständnis von Künstlicher Intelligenz. „Erst wenn Geräte eine höhere Intelligenz bekommen, sind wirklich Systemsprünge möglich. Wir stehen jetzt noch am Anfang eines solchen Prozesses“, erläuterte Thomsen beim Handelsblatt-Kongress. Zur Zeit würde die Computerintelligenz noch auf dem Niveau einer Stubenfliege liegen. In fünf Jahren erreiche man die Intelligenz eines Hundes und in zehn Jahren ungefähr die Intelligenz eines Menschen. „Speicher und Bandbreite werden dann in einem für heute unvorstellbaren Bereich liegen – rund 200.000 mal höher als der heutige Standard. Der Zugang zum Internet wird so omnipräsent sein wie elektrischer Strom. Vor allem aber können wir die meisten organisatorischen Aufgaben an persönliche Assistenten delegieren und uns so auf die wichtigen Dinge konzentrieren“, bemerkte Thomsen.

 

Für das Fernsehprogramm ist diese Vision schon Realität. Zu wurde auf dem Zukunftskongress forward2Business http://www.forward2business.com in Halle die Software „TV Digital Personal“ vorgestellt. Nach den Interessen des Zuschauers stellt das System personalisierte TV-Kanäle auf Basis des konventionellen TV-Programms und aller verfügbaren Internet-Angebote zusammen. Das Programm wird automatisch generiert und spiegelt die Vorlieben und das Aufnahme-Verhalten des Zuschauers wider. „Meine Prognose ist, dass alle Branchen, deren Unternehmensprozesse sich im Internet darstellen lassen, alle Alltagssituationen, in denen internetbasierte Geräte zum Einsatz kommen, von elektronischen Assistenten bestimmt werden. Spätestens wenn alle Geräte um uns herum ständige Internetverbindungen haben, vom ICE-Sitz über das Auto, Handy, Wohnzimmerfernseher, Kinderbett bis zur Aktentasche, spätestens dann wird jeder von uns einen kleinen intelligenten Helfer haben“, bestätigt Sven Gábor Jánszky vom forward2Business-Trendbüro.

 

In zehn Jahren werden dann die meisten Servicewünsche über Spracheingabe mit einem Satz erledigt, meint Sprachdialogexperte Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge http://www.semanticedge.de in Berlin: „‚SMS an Anne: Der Flug ist verspätet, ich komme erst um 21:00 Uhr an’ und die SMS wird sofort verschickt. ‚Reservier mir einen Platz für den nächsten Zug nach Berlin“ und die Backendsysteme des persönlichen Assistenten übernehmen die Online-Buchung und schicken eine SMS mit den Verbindungsdaten, dem reservierten Platz und einem Reservierungscode. ‚Ich brauche noch drei Liter Milch, drei Stück Butter und ein Kürbiskernbrot’ und der Einzelhändler an der Ecke stellt etwas zum Abholen zusammen oder liefert die Ware ins Haus. Beim persönlichen Assistenten stellt jeder selbst die Services zusammen, die er nutzen möchte. Für die Unternehmen wird es wichtig sein, sich auf diesen Trend einzustellen und eine Präsenz in der personalisierten Zusammenstellung der Dienste zu haben“, so der Ausblick von Pape.

Herr der Technik oder Sklave: Benutzeroberflächen sollten intelligenter gestaltet werden

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Das heikelste Stück Technik ist nach Erfahrung von Experten immer noch das User-Interface, die Benutzerschnittstelle. Dort, wo der Anwender das Gerät berührt, wo er Informationen abliest und eingibt, entscheidet sich, ob die Maschine das tut, was sie soll. Nicht, ob die Technik es kann, ist die Frage – sondern ob der Benutzer herausfindet, wie es geht: „Ich bin regelmäßig genervt, wenn ein Produkt mir suggeriert, dass ich zu dumm bin, es anzuwenden“, kritisiert die Ingenieurin Anett Dylla von der Beratungsfirma Mensch-Maschine-Technik http://www.mensch-marketing-technik.de. Es gibt Produkte, deren User-Interface durch vorbildliche Einfachheit überzeugt: Bügeleisen, Kaffeemaschinen, Haartrockner. Es gibt aber auch Geräte, die ihre Benutzer regelmäßig zu Schreikrämpfen, Verzweiflungsanfällen und ohnmächtiger Ergebenheit treiben. Berüchtigt sind Mobiltelefone bestimmter Hersteller, natürlich Computer und weltbekannte Betriebssysteme. Dylla scheiterte erst kürzlich an der Programmierung eines DVD-Rekorders. „Das Gerät funktionierte nicht selbstredend. Ich habe dann die Bedienungsanleitung zu Hilfe genommen, musste mich dort erst durch verschiedene Sprachen kämpfen und habe dann auch in der deutschen Sprache keine korrekte Anleitung bekommen. Am Ende habe ich aufgegeben und meinem Mann überlassen, weil der sich dafür mehr Zeit nimmt als ich. Bei mir ist das so, wenn das nicht innerhalb von zehn Minuten funktioniert, dann war es das“, erklärt Dylla.

 

Viele Hersteller haben es nach ihrer Meinung bis heute nicht begriffen, wie wichtig die Bedienerfreundlichkeit ihrer Produkte für das Markenimage und die Kundenzufriedenheit ist. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, Professor an der Technischen Universität Berlin http://www.medienberatung.tu-berlin.de, wirbt allerdings auch um Verständnis angesichts mancher Auswüchse an Zusatzfunktionen und Untermenüs. Denn gerade das Einfache ist inzwischen so schwer geworden: „Die Verführung durch die unendlich vielen technischen Möglichkeiten ist heute natürlich so groß wie nie zuvor. Deshalb gehört schon geradezu Askese dazu, auf irgend etwas verzichten zu können, sowohl als User zu verzichten auf das, was technisch möglich wäre mit einem bestimmten Gerät, aber vor allen Dingen natürlich auch als Ingenieur darauf zu verzichten, alles, was technisch möglich wäre, auch in ein bestimmtes Gerät hineinzubauen“.

 

Es sei ein Dilemma: Apparate, die weniger könnten als Konkurrenzprodukte, gelten bisweilen als technisch rückständig; Geräte, die zu viel können, sind im schlimmsten Fall unbrauchbar. Hinzu komme, dass es zwar ein User-Interface gibt – aber eine unüberschaubare Bandbreite an Kunden. Eine Lösung sind Menüs, so Bolz, die eine normale Ansicht und eine Expertenansicht haben, auf die man bei Bedarf umschalten kann. „So sind nur die Funktionen aufgelistet, die man auch wirklich sehen will. Generell gilt: Die Benutzeroberfläche muss klar gestaltet sein – und sie soll schön sein, damit sie Appetit auf die Anwendung macht. Ein intelligentes Nutzer-Interface gibt auf jeden Fall das Gefühl, man sei Herr der Technik, auch wenn man vielleicht in Wahrheit letztlich doch der Sklave der Maschine bleibt. Aber dieses Gefühl, ich bin der Souverän im Umgang mit meinen Technologien, ist, glaube ich, unverzichtbar dafür, dass man Lust bekommt, sich auf die Möglichkeiten der Technik überhaupt einzulassen. Und meines Erachtens ist Lust der Königsweg zur Nutzung der modernen Technologien, was man übrigens an unseren eigenen Kindern am besten studieren kann.”

 

Bolz plädiert daher für Emotional Design, für ein Schnittstellendesign, das nicht allein ordentlich und übersichtlich ist, sondern beim Benutzer obendrein positive Gefühle weckt. Lange Zeit war dieser Trend auf die Konsumgüterindustrie beschränkt. Doch inzwischen habe die Entwicklung auch Investitionsgüter erfasst, sagt Dieter Conzelmann, verantwortlich für den Geschäftsbereich Industrie und Kennzeichnungssysteme bei Bizerba http://www.bizerba.de. „Lösungen für Privatkunden wie beispielsweise das iPhone oder der iPod von Apple haben Auswirkungen auf die Investitionsgüterindustrie“. Vor etwa zwei Jahren hat Bizerba eine äußerst effektive Regel aufgestellt: Ingenieure gehen bei der Erstinstallation mit zum Kunden, damit sie dort lernen, wie der Bediener mit dem Gerät umgeht und welche Schwierigkeiten dabei auftreten. Das sei sehr heilsam gewesen, erläutert Conzelmann, der selbst jahrelang in der Entwicklung tätig war. Auf diese Weise kam man auch darauf, wie wichtig gerade in der Lebensmittelindustrie der Einsatz von Symbolen ist. „Ein gutes Beispiel ist der Grundpreis, den der Bediener beim Betreiben der Anlage öfters wechseln muss. Da kann man eben anstelle des Textes ‚Grundpreisänderung‘ einfach ein Symbol wie einen Geldschein oder eine Münze abbilden, die dann darstellt, dass es hier um einen Geldbetrag geht, ohne das Wort ‚Grundpreis‘ zu verwenden“, so Conzelmann. Dylla hält das für einen guten Ansatz: „Durch Symbole komme ich schnell und stringent ans Ziel, ohne noch einmal 25 Schleifen zu drehen“. Die berüchtigten 25 Schleifen kennen geplagte Anrufer vor allem von automatischen Sprachsystemen. Darüber ärgert sich ein Profi nicht weniger als der normale Kunde in der Warteschleife. Schuld sei häufig veraltete Technik, sagt Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge http://www.semanticedge.de.

 

Er arbeitet mit seinem Unternehmen daran, Sprachdialoge zwischen Mensch und Maschine zu optimieren. Der Schlüssel dafür sei nicht nur eine bessere Spracherkennung, an der es oftmals noch hapert. Es könnte auch helfen, wichtige Informationen über den Anrufer und dessen Situation, die an unterschiedlichen Stellen bereits vorliegen, zu bündeln und zusammenzuführen, damit der Kunde schneller ans Ziel gelangt. „Wenn das System, wo ich anrufe, mein Bedürfnis vorausahnt, dann habe ich ein ganz anderes Erlebnis bei der Mensch-Maschine-Kommunikation“, so Pape. Ob Sprachsteuerung oder Tastatureingabe am Bildschirm – die elementaren Prinzipien für gutes Interface-Design seien immer dieselben. Auf einen Nenner gebracht: Anstatt darum zu kämpfen, die Maschine zu verstehen, wollen wir uns von der Maschine verstanden fühlen.

medienbüro.sohn/NeueNachricht/Diderot statt Wikipedia – Internet-Enzyklopädie als Medium des Okkultismus

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„Kritik meint heute ganz allgemein eine prüfende Beurteilung nach begründetem Maßstab, die mit der Abwägung von Wert und Unwert einer Sache einhergeht“, belehrt uns ein Artikel der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Er schneidet dem Lexikon mit dieser Definition ins eigene Fleisch. Denn einer prüfenden, wissenschaftlichen Beurteilung entzieht sich der Inhalt eines Wikipedia-Artikels von Grund auf. Das ist bereits durch das Wesen des Formats vorherbestimmt. So gilt die Formel: Jeder Benutzer darf Artikel einstellen und verändern. Bestand hat, was von der Gemeinschaft akzeptiert wird. Die Quelle der Information hingegen ist nebensächlich. 

Deshalb glauben die Befürworter des Gemeinschaftslexikons fest daran, dass ihr System der gegenseitigen Kontrolle und Korrektur zu einem Produkt führt, das den von Profis geschriebenen Lexika weit überlegen ist. Eine vom Stern in Auftrag gegebene Studie des Wissenschaftlichen Informationsdienstes Köln http://www.wind-gmbh.com scheint dies auf den ersten Blick zu bestätigen. 50 zufällig ausgewählte Einträge aus unterschiedlichen Kategorien wurden überprüft. Kriterien wie Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Verständlichkeit wurden mit Schulnoten bewertet. Wikipedia erzielte eine Durchschnittsnote von 1,7. Die Einträge zu den gleichen Stichworten im Online-Brockhaus erreichten lediglich eine Durchschnittsnote von 2,7. 

Dabei relativiert Gründer Jimmy Wales selbst vergleichbare Einschätzungen: „Wikipedia ist ein Produkt, das sich konstant erneuert. Jede Seite kann zu jedem Zeitpunkt schon wieder obsolet sein. Wir weisen deshalb ja auch ausdrücklich darauf hin, Wikipedia nicht als Quelle für wissenschaftliche Aufsätze zu verwenden“, so Wales in einem Interview mit Spiegel-Online http://www.spiegel-online.de.

Doch bei Online-Recherchen geht mittlerweile kaum noch ein Weg an Wikipedia vorbei. So rangierte der Begriff unter der Domain google.com über das gesamte Jahr hinweg auf Platz sechs der Suchwörter. Die Idee der totalen Wissensproduktion von anonymen Hobbyautoren führt dabei zu einem gigantischen Haufen an Informationsmüll. Das Verhältnis zwischen Suchbegriffen und Ursprung der Information scheint dabei immer mehr aus dem Ruder zu laufen. Die Seite „Ufo“ etwa ist über drei Doppelklicks mit der offiziellen Website der Scientology-Sekte verbunden. Durch solche Verlinkungen entstehen Endlosschleifen, welche die ursprüngliche Idee der Enzyklopädie außer Kraft setzen: „Wikipedia ist somit ein okkultistisches Medium. Es ist gespickt mit Propaganda, Fehlinformationen und Verlinkungen zu fragwürdigen Anbietern“, so Sabine Doering-Manteuffel, Professorin für Europäische Ethnologie an der Universität Augsburg http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/volkskunde/ und Autorin des Buches „Das Okkulte“. 

Anstatt nützliches Wissen zu erzeugen, bliebe die Herkunft der Information im Dunkeln, eben im Wortsinn okkult. „Die legendäre Encyclopédie von Denis Diderot hingegen war ein Projekt der Aufklärung. Sapere aude, so der Leitspruch, habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Und der Verstand legt es doch nahe, dass ein Medium wie Wikipedia nicht im Mittelpunkt von Informationsrecherchen stehen sollte. Eine öffentliche Disputation wie mit den Encyclopédie-Autoren des 18. Jahrhunderts ist mit der anonymen Wikipedia-Gemeinde überhaupt nicht möglich“, kritisiert Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer IT-Beratungsunternehmens Harvey Nash http://www.harveynash.de

Das Regelwerk von Wikipedia sei bislang löchrig wie ein Schweizer Käse. Zum Regelverstoß habe der Gründer sogar nachdrücklich ermuntert: „Wenn eine Regel dich so nervös macht und so deprimiert, dass du nicht mehr bei Wikipedia mitarbeiten möchtest, dann ignoriere sie“. Für die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts sei das nach Auffassung von Doering-Manteuffel sehr gefährlich. Wenn man die Urheberschaft von Informationen, die im Netz kursieren, relativ einfach verschleiern könne, bekämen Quellen wie Wikipedia einen prinzipiell okkultistischen Charakter. Da könne es nicht verwundern, wenn obskure Meldungen über Kühe auflaufen, die angeblich in unterschiedlichen Dialekten muhen. Den Witz des Daily Mail-Redakteurs hätten die Wiki-Autoren wohl nicht verstanden: „Cows with regional accents? Pull the udder one.”