Facebook dominiert Social Media Marketing: Da könnten die Sterbeglöcklein von Weichert und Co. zu früh läuten

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Beim Social Media Marketing dominiert nach einem Bericht von t3n (E-Commerce-Studie 2012: Wie deutsche Onlineshops SEO, SEA und Social Media einsetzen) wenig überraschend weiterhin Facebook. “Mit großem Abstand folgen dann Twitter und Google+. Hier sind die Unterschiede in der Herangehensweise der einzelnen Shops aber auch noch sehr deutlich. Während beispielsweise Elektronikshops wie Apple oder TomTom sehr stark im Social Web präsent sind, ist die Sichtbarkeit in anderen Branchen wie Kosmetik, Arzneimittel oder Heimwerker noch sehr gering.”

t3n beruft sich auf die E-Commerce-Studie mit dem Titel „SEO, SEA und Social Media bei deutschen Online-Shops 2012“.

Warum kurz nach dem Börsenstart von Facebook schon die Sterbeglöcklein für den Zuckerberg-Konzern ertönen, ist nicht nachvollziehbar. Selbst die Kursrückgänge in den vergangenen Tagen sind kein Grund, in den Jammer-Chor von Bild und Co. einzustimmen. Mit was hat man denn gerechnet? Kurzfristige Rendite einheimsen in Daytrading-Zocker-Manier? Das ist doch in den vergangenen drei Jahren immer kritisiert worden.

Der Börsengang wird von Kritikern mit Spott und Häme bedacht, die schon vorher mit dem weltweit größten Social Network auf Kriegsfuß standen, wie der Datenschützer Thilo Weichert (Weichert, nicht Facebook hat ein Problem).

Kurz vor dem Niedergang der New Economy vor 12 Jahren schrieb übrigens die Bild-Zeitung noch, dass man Aktien kaufen solle.

„Wenn die eine ‚Kaufempfehlung‘ abgeben, sollte man das Gegenteil tun. Jetzt publiziert das Boulevardblatt das Gegenteil und wertet den Börsengang bereits als Flop. Das ist natürlich Unsinn. Genau das Gegenteil ist der Fall. Facebook konnte die Kassen füllen, was auch für die Aktionäre gut ist. Jetzt kann der Konzern nachhaltig seine Geschäftsstrategie entwickeln. Mark Zuckerberg hat von Anfang an gesagt, dass er den Börsengang umsetzen wolle, um die Weiterentwicklung seines Unternehmens als soziales Netzwerk sicherzustellen. Deshalb sind auch die eingereichten Aktionärsklagen wegen des Kursrückganges in den vergangenen Tagen nicht sachgemäß. Zuckerberg hat selbst vor dem Hype gewarnt und noch Tage vor dem Börsenstart klar auf die langfristige Ausrichtung seines Konzerns hingewiesen. Die Kurzfrist-Spekulanten fallen jetzt auf die Nase. Wer für die Aktie für 40 Dollar gekauft hat, erlebt ein böses Erwachen. Facebook ist kein Zockerpapier für schnelle Gewinne. Der Kursverlust ist eine gute Option, um Aktien zu kaufen für eine langfristige Perspektive“, sagt Karl-Heinz Land von Microstrategy.

Ähnliches konnte man auch beim Börsenstart von Google beobachten. Auch da hätten die Analysten von einem Kauf abgeraten und vor dem Google-Gaga-Effekt gewarnt. Mittlerweile habe sich der Wert der Google-Aktie verfünffacht. Das sei auch nicht über Nacht entstanden und brauchte seine Zeit. Im Konzert des Wehklagens habe ich die Gegenmeinung von Land etwas ausführlicher eingefangen.

Zu lesen unter: Facebook-Aktie nichts für Kurzfrist-Spekulanten: Aktionäre sollten auf die langfristigen Strategien des kalifornischen Konzerns setzen.

Weitsicht für Technikrevolutionen im Land der Korinthenzähler: Auf den Spuren von Heinrich von Stephan

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Es fehlt den liebwertesten Gichtlingen in der Politik für wirklich wegweisende Zukunftsprojekte die geistig-kulturelle Beweglichkeit und schöpferische Arbeit des von mir mehrfach hoch gelobten Generalpostmeisters Heinrich von Stephan, der im Berlin des 19. Jahrhundert eine Flut von Technikrevolutionen auslöste. In meiner heutigen Kolumne für das Debattenmagazin “The European” habe ich das noch einmal aufgegriffen.

Er erkannte sofort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension der elektrischen Nachrichtenübertragung. Mitte Oktober 1877 wurde Stephan ein Bericht der Zeitschrift „Scientific American“ vom 6. Oktober 1877 über Bells Telefon vorgelegt. Schon am 24. Oktober hat er zwei Telefone in Händen. Es waren die ersten Apparate, die überhaupt nach Europa kamen. Schon am gleichen Tage beginnt der Generalpostmeister mit den ersten Versuchen in seinem Amtsgebäude. „Dann werden das Generalpostamt Berlin, Leipziger Straße und das Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbunden“, schreibt Hermann Heiden in seinem Buch „Rund um den Fernsprecher“, erschienen 1963 im Georg Westermann Verlag.

Am 26. Oktober erklärt Stephan: „Meine Herren! Diesen Tag müssen wir uns merken“. Es war die Geburtsstunde des Fernsprechers in Deutschland.

„Ende 1877 sind es 19 Orte, Ende 1880 bereits 1000 geworden, die über den Fernsprecher Anschluss an das Telegrafennetz erhielten. In Amerika war der Fernsprecher zur Errichtung von Fernsprechnetzen in Städten und zur Herstellung von Privattelegrafenlinien benutzt worden. Dass man ihn zur Erweiterung des staatlichen Telegrafennetzes benutzte, war etwas ganz Neues“, erläutert Heiden.

Die Widerstände in Deutschland gegen die Einführung des Telefons waren so groß, dass Stephan sich mit der Bitte an die Ältesten der Kaufmannschaft wendet, ihm geeignete Persönlichkeiten zu nennen, die bereit wären, gegen Vergütung die Werbung für den Fernsprecher in die Hand zu nehmen. Die Wahl fällt auf Emil Rathenau, den späteren Gründer der AEG. 1897, im letzten Lebensjahr des Generalpostmeisters, werden in Berlin von neuen Fernsprechämtern 170 Millionen Gespräche vermittelt. Davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden Orten mit Fernsprechanschlüssen.

Drei Jahre später schreibt die „Berliner Illustrirte“ stolz, dass Berlin mehr Fernsprechanschlüsse habe als ganz Frankreich mit Paris und dass es sogar London und New York übertreffe. In den Haushaltsberatungen 1889/90 schildert Stephan seine Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der Telefone. Seine Worte kommen mir irgendwie bekannt vor:

„Es ist kaum glaublich, wie ich über die Achsel angesehen wurde, wenn ich mit Begeisterung von dem Instrumente sprach, wie man hier in Berlin in den ersten Häusern und in den intelligentesten Kreisen vielfach meinte: ach das ist wohl amerikanischer Schwindel, ein neuer Humbug, das waren die Reden, die ich täglich zu hören bekam. Ich habe erst einige Agenten herumschicken müssen, um die ersten 100 Firmen, ich möchte sagen, zu überreden, dass die Einrichtung nur überhaupt ins Leben gesetzt wurde. Es war das ein neuer Beweis dafür, wie zurückhaltend, um nicht zu sagen misstrauisch, der Deutsche häufig neuen Unternehmungen, Gestaltungen und Entwicklungen gegenüber ist und wie schwerfällig er mitunter daran geht.“

„Die Beharrlichkeit, Weitsicht und Intuition des Generalpostmeisters könnten wir heute sehr gut gebrauchen, um für die vernetzte Ökonomie die modernste Infrastruktur zu schaffen. Nur so ist wirtschaftliche Prosperität möglich – von der Logistik bis zur Energiewende“, schlussfolgert der Technologieexperte Bernd Stahl von Nash Technologies.

Ich schließe mich dieser Einschätzung an und fordere auf dem nächsten IT-Gipfel in Essen wenigstens den Hauch eines Heinrich-von-Stephan-Geistes.

Es fehlt bislang eine wirklich wissenschaftliche Biografie über Leben und Werk des Generalpostmeisters. Eigentlich peinlich. Es gab mal vor Ewigkeiten eine interessante Ausstellung inklusive Katalog und einige kurze Abhandlungen in Fachbüchern. Das war es denn auch. Einiges habe ich in den vergangenen Wochen in Antiquariaten über zvab.com zusammengetragen. Vielleicht erbarmt sich mal ein Jungwissenschaftler, eine Doktorarbeit über Heinrich von Stephan zu schreiben. Da könnten die politischen Entscheider in Berlin noch einiges über zukunftsfähige Regierungskunst lernen. Übrigens auch der Datenschützer Thilo Weichert, der in einem Interview mit der FAZ in einem anmaßenden Analysten-Gequatsche den Börsengang von Facebook schlechtredet, weil dieser Laden wohl nicht in sein Weltbild passt:

“Wer als Aktionär spekuliert, muss damit rechnen, dass, wenn sich der Datenschutz in Deutschland und Europa mit seinen Belangen durchsetzt, das Geschäftsmodell von Facebook in sich zusammenbricht. Es ist zwar möglich, dass Facebook unseren Forderungen nachkommt, aber das ist vollkommen offen”, so die Einschätzung des Beamten Thilo Weichert.

Börsen-Guru Weichert gibt auch eine Kursprognose ab:

“Ich denke, Facebook wird an der Börse überbewertet. Aber das wird erst die Geschichte zeigen.”

Woher weiß er das? Ich bin ja nun alles andere als unkritisch zu Facebook. Aber was sich hier eine Amtsperson kurz vor dem Börsengang des Zuckerberg-Konzerns herausgenommen hat, überschreitet die Kompetenzen eines staatlichen Datenschützer.

Die Rundumschläge von Weichert möchte ich im Laufe dieser Woche noch einmal aufgreifen. Wer dazu etwas sagen möchte, sollte mich kontaktieren. Entweder Handy: 0177 620 44 74 oder E-Mail: gunnareriksohn@googlemail.com

In den Nachmittagsstunden so gegen 15 Uhr bringe ich übrigens noch eine schöne Replik auf den FAZ-Gastbeitrag “Roboter müssen unsere Rente sichern” von Chaos Computer Club-Sprecher Frank Rieger.

Update: Mit der Replik auf Frank Rieger werde ich erst im Laufe des Abends fertig – muss noch ein längeres Interview mit Christoph Kappes abhören und in den Beitrag einbauen. Morgen erscheint der Beitrag dann im Fachdienst Service Insiders.

Dumme Facebook-Nutzer und die Heuchelei der Staatsfürsorge: Das Schlusswort hat Red Robo

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Nun ist es also soweit. Die Schlacht kann beginnen. So schreibt das tn3-Magazin: Like-Button-Streit eskaliert: Datenschützer mahnt ab.

“Im Streit um die Verwendung des Facebook Like-Buttons wird es ernst in Schleswig-Holstein. Der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD), Thilo Weichert, mahnt Staatskanzlei, Wirtschaftsministerium und Privatwirtschaft deshalb ab. Aufgrund der „unsicheren Rechtslage“ werde die IHK Schleswig-Holstein einen Musterprozess anstrengen, schreiben die Lübecker Nachrichten. Auch die Behörden zeigen kein Einverständnis.”

Mit Einsicht der Betroffenen könne der Datenschutz-Deichgraf nicht rechnen. Warum auch:

“Die Staatskanzlei erklärt in Person von Regierungssprecher Knut Peters, das soziale Netzwerk habe sich besonders in Krisenzeiten bewährt. Als Beispiele nennt er die Bekanntmachung von winterbedingten Schulausfällen und die Verbreitung von Informationen über das EHEC-Virus. Auch Ministerpräsident Peter Harry Carstensen macht seinen Standpunkt im Bezug auf das Gebaren des ULD gegenüber dem Schleswig-Holsteiner Zeitungsverlag unmissverständlich deutlich: ‘Drohgebärden sind nicht nur kontraproduktiv, sie sind auch rechtlich fragwürdig.’ Die IHK Schleswig-Holstein signalisiert, sie werde im Disput um die Verwendung des Like-Buttons nicht nachgeben und auch ein Verfahren nicht scheuen”, bericht tn3.

Ich hoffe, dass es zu diesem Musterprozess kommen wird, um endlich Rechtsklarheit zu schaffen und der antizipierten Verwaltungspraxis von Weichert die Grundlage zu entziehen. Mit den Gesetzen steht das nach meiner Auffassung nicht im Einklang. Der ganze Streit wird dominiert von Internet-Blindfischen, die über einen Sachverhalt urteilen, den sie aus eigener Erfahrung wenig oder gar nicht kennen. Zudem sind den Facebook-Kritikern die Interessen der Nutzer anscheinend wurscht. Ähnlich sieht das der Zeit-Redakteur Ijoma Mangold: “Die Sorge um Seelenheil ist bei denen am größten, die noch nie einen Schritt in Richtung Facebook getan haben. Das Bild, das sie dabei von den Usern entwerfen, ist von verächtlicher Abwehr gezeichnet: digitaler Plebs, der die bürgerliche Unterscheidung zwischen privat und öffentlich verlernt habe.” Oder eben in den Worten von staatlichen Datenschützern, dumme Menschen, die es nicht besser verdient haben und nun von ihnen in Schutzhaft genommen werden. Das ist auch das Thema meiner heutigen Freitagskolumne für Service Insiders: Zufall nach Plan? Facebook und der Laplacesche Geist omnipotenter Berechenbarkeit. Hier ein Auszug:

Auffällig an dem gesamten Diskurs über den Niedergang der Selbstbestimmtheit im Netz ist das Menschenbild der Internet-Kritiker. Wie weit können Algorithmen wirklich das Leben bestimmen und voraussagen? „Die Kulturkritiker fallen ein wenig ins 18. und 19. Jahrhundert auf das Niveau des Mathematikers und Philosophen Pierre-Simon Laplace zurück. Seine Sichtweise war sehr eng und deterministisch. Er predigte die Fiktion, dass die Natur vollständig berechenbar sei. Wir sehen ja an den Formelkönigen der Börsen und Wirtschaftsforschungsinstitute, wo das hinführt. Was dort in die mathematischen Berechnungen einfließt hat sehr viel mit der Vergangenheit und nur wenig mit der Zukunft zu tun. Es sind Ex-post-Prognostiker, die sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben und mit ihren Vorhersagen eine Treffsicherheit wie beim Lotto erzielen“, kritisiert der IT-Experte Udo Nadolski, Geschäftsführer des Beratungshauses Harvey Nash.

Um die Natur zu berechnen, wie es Laplace vorschwebte, benötige man Hardware, die umfangreicher als unser Weltall sein müsste, erklärt Georg Brunold in seinem Buch „Fortuna auf Triumphzug“ (Verlag Galiani Berlin). Die erforderliche Informationsmenge sei so groß, dass sie durch die Wirklichkeit prinzipiell gar nicht dargestellt werden könnte.

Merkwürdig an der Algorithmen-Furcht ist die ambivalente Haltung der Bedenkenträger. Sie klagen über Datenfluten, Kontrollverlust, Burnout und mentaler Überforderung. Gleichzeitig betrachten sie das Internet wie eine Maschine, die nach einem Plan zusammen gesetzt sei und fordern die Rückkehr des Zufalls. Der Kern des Sozialen bestehe gerade nicht im totalen Erfasssenkönnen, meint Nina Pauer in ihrer Facebook-Abhandlung. „Also in dem, was jede Situation an Überraschendem, Unplanbarem, Ungesagtem, Angedeutetem birgt.“

Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel fordert sogar einen planerischen Eingriff ins Internet, um wieder mehr Zufallselemente in die Algorithmen einzubauen. Zufall nach Plan? Algorithmen können doch nur Verhaltenswahrscheinlichkeiten ausrechnen und sind nie in der Lage, die Komplexität des Lebens und der Natur vollständig zu erfassen. Das wird auch Mark Zuckerberg nicht ändern. Sollte er anders denken, wird er von der Realität zu einer Ethik der Bescheidenheit gebracht. „Es gibt keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit“, sagt der Wissenschaftstheoretiker Professor Klaus Mainzer. Auch unsere Einfälle, unser Denken, menschliche Kreativität und Innovationen seien zufällig, spontan und unberechenbar. „Ohne Zufall entsteht nichts Neues“, betont Mainzer. Der unerschütterliche Glaube an Kausalzusammenhänge ist wohl der Knackpunkt im Netzdiskurs über die Frage der virtuellen Berechenbarkeit des Internet-Nutzers.

Und was sagt mein Algorithmus-Freund Red Robo zu dem ganzen Theater?

Folgt nach dem Facebook-Bashing der Exodus?

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Scheinbar wirkte die Entwicklerkonferenz von Facebook auf ein paar Exponenten des Netzdiskurses wie ein Kulturschock (etwa der off-the-record-Blogger Olaf Kolbrück: Goodbye Facebook). Jedenfalls verkündeten einige, ihre Präsenz zu löschen oder ihre Aktivitäten auf null zu fahren. Nun, ich bin gespannt, wie sich der Erregungszyklus auf die Nutzerzahlen auswirken wird. Jedenfalls habe ich die Ereignisse der vergangenen Wochen gerade in einem Interview mit Felix Holzapfel diskutiert. Er hat zusammen mit seinem Bruder das Buch “Facebook – Marketing unter Freunden: Dialog statt plumpe Werbung herausgegeben”. Das Ergebnis werde ich in der nächsten Woche bringen. Artikel und natürlich die komplette Audioaufzeichnung. Ein eifriger Kämpfer spielte in dem Gespräch natürlich auch eine kleine Nebenrolle. Der Datenschutz-Deichgraf Thilo Weichert, der nach einer Meldung von heise heute noch einmal bekundete, gegen ausgewählte öffentliche und private Website-Betreiber in Schleswig-Holstein vorgehen zu wollen. Die Überschrift der Meldung gibt den Sachverhalt allerdings falsch wieder: “Schleswig-Holsteins Datenschützer kämpft weiter gegen Facebook”. Eben nicht. Dazu ist Weichert wohl nicht willens und in der Lage.

Positiv ist die Nachricht, dass die Industrie- und Handelskammer (IHK) Schleswig-Holstein verkündete, Facebook weiter nutzen zu wollen und notfalls einen Musterprozess zu führen (so etwas hätte auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft tun können!). Na dann, Herr Weichert. Hier haben Sie dann doch die erste Institution für ein Verwaltungsverfahren. Er betonte übrigens noch, man ja nur das Ziel der Verwirklichung des Datenschutzes verfolge. “Uns geht es nicht um Wettbewerbsverzerrungen oder das Drangsalieren kleiner Betreiber”. Aber große Betreiber wollen Sie drangsalieren? Wo liegt denn bei Ihnen die Grenze zwischen klein und groß? Herr Weichert, Sie sollten nicht nur den Roman 1984 von George Orwell studieren, sondern auch sein Opus “Farm der Tiere”: „Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher.“ Mit der Gleichheit vor dem Gesetz hat das nichts mehr zu tun.

Der Datenschutz-Deichgraf und die Vielleicht-Unterstellungen

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Schleswig-Holstein zur facebook-freien Zone zu degradieren, wie es sich unser Datenschutz-Deichgraf Thilo Weichert ausgemalt hat, stößt im Kieler Landtag auf Unbehagen. Wurde auch Zeit. So berichtet heise.de:

Aus dem Kieler Landtag wehte dem schleswig-holsteinischen Landesdatenschützer Thilo Weichert am Donnerstag heftiger Wind entgegen. “Drohgebärden sind nicht nur kontraproduktiv, sie sind auch rechtlich fragwürdig”, sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen laut einem Bericht des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags. Weichert hatte Mitte August angekündigt, gegen Firmen und Behörden in Schleswig-Holstein vorzugehen, die Facebook-Dienste auf ihren Webseiten nutzen. Erste Behörden hatten bereits reagiert. Carstensen meinte, Weicherts Aufgabe sei es nicht, Drohungen auszusprechen, sondern zu beraten und zu empfehlen. So habe Weichert Verunsicherung ausgelöst.

Weichert hegt und pflegt ein bestimmtes Weltbild über die amerikanischen Internet-Giganten mit einer Gewürzmischung aus Panikmache, Behauptungen, Unterstellungen und Verdächtigungen. Das habe ich ja bereits mehrfach thematisiert und auch dokumentiert. Kostproben in Audio und Video:

Auffällig sind ja die Weichert-Wortschleifen, die mit “vielleicht” beginnen. Vielleicht machen Google und Facebook dies und das. Vielleicht missbrauchen sie die Daten. Vielleicht haben sie etwas ganz anderes vor. Und ganz schlimm. Die Bösewichte haben kommerzielle Interessen. Und noch schlimmer: Über intelligente Analyseverfahren wird den Internetnutzern personalisierte Werbung eingeblendet. Folgt man der Chaos Computer Club-Sprecherin Constanze Kurz, werden wir durch diese perfide Art der Reklame zu willenlosen Konsumopfern – eine Warnung, die so alt ist wie die Werbung. So pöbelten Kulturkritiker in den 60er Jahren gegen den Neckermann-Katalog und sahen dessen Beliebtheit als Beleg für Trostlosigkeit der bundesdeutschen Geschmacks-Demokratie. Kleines Beispiel:

Werbefachleute arbeiten Schlachtpläne aus: „Sie bedienten sich dabei vielfältiger neuer psychologischer Kampfmethoden…Die Maßstäbe für das menschliche Verhalten, von vielen Pädagogen und Geistesschaffenden jahrzehntelang mühsam aufgebaut, werden durch die bedenkliche Werbung ….unterhöhlt. So bringt man die gute Eigenschaft der Bescheidenheit durch die Appellation an Renommiersucht systematisch zu Fall. Der noch verbliebene natürliche Gemeinschaftsgeist wird durch eine Individualismus-Welle der Werbung aufgelöst“. Das klingt nach einer Abrechnung mit den geheimen Verschwörungsplänen von amerikanischen Dunkelmänner-Konzernen wie Google oder Facebook, die mit unseren Daten, die wir im Internet preisgeben, unlautere Absichten verfolgen. Aber nein. Die Kritik am schnöden Mammon stammt von einem Redakteur des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ vom 25. Dezember 1964.

Das schöne Prosawerk reibt sich an dem vorweihnachtlichen Treiben der Bundesrepublik. Weihnachtsmänner, die selbstmassierende Unterhosen anbieten, puppenschöne Gabrielengel, die schwedisches Büchsenfleisch zart und fein wie aus dem Himmel reichen, oder Hirten, die für Kukident- Gebißhaftpulver Reklame machen. „Hinter der glänzenden Fassade grinst allzu offen das Gesicht des neuen deutschen Business, die Gier der großen und kleinen Geschäftsleute nach Profit. Um in den Besitz des Geldes der alten und der jungen Käufer zu kommen, erzählen sie Weihnachtsgeschichten und legen in die Krippe, in der das Christkind arm und nackend zur Welt kam, das Echt-Kölnisch-Wasser aus der Glockengasse 4711 oder sie bestäuben die Weihnachtskrone mit Ajax, weißer Wirbelwind, dem Waschpulver mit Format.“

Wie ähnlich klingen die Sirenengesänge unserer Tage, die vor den hemmungslosen Datenfressern jenseits des Atlantiks warnen. Die Agitation gegen Facebook, Google und Apple bekommt zunehmend einen provinziellen Anstrich. Aber das passt zur geschichtlichen Tradition des Paternalismus in Deutschland. Die Volkserzieher verbreiten den Irrglauben, dass wir nicht dazu in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln: „Der Staat als Hüter der Sittlichkeit – das ist ein Vollbeschäftigungsprogramm für Heerscharen von Alarmrufern, Denunzianten und Anklägern“, so der Soziologie-Professor Wolfgang Sofsky. Privatheit, die den Namen verdient, umfasst auch die Freiheit vor unerbetener Belästigung, vor den Zwängen der Gemeinschaft, der Gesellschaft und des Staates. Die staatlichen Datenschützer mutieren immer mehr zu nervigen Wachposten der Fürsorge. Mir geht dieses Super-Nanny-Zeigefinger-Gehabe der staatlichen Datenschützer und Untergangspropheten extrem auf den Keks. Die Vielleicht-Apokalyptiker sollten Beweise für ihre Anklagen vorlegen oder einfach mal die Klappe halten. Das gilt übrigens auch für die “Zeitbombe-Internet – Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird”-Fraktion.

Siehe auch:
Landtag rechnet nicht mit Klagen von Datenschützern.

Volkserzieher unterschätzen die Kompetenz der vernetzten Verbraucher.