Henning Ritter, der Atomausstieg und die wohltuende Wirkung der Bescheidenheit

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Der Publizist Henning Ritter “ist vor allem Leser. Ein generöser Leser, der gern seine Funde vorzeigt und mit anderen Lesern teilt. Er sitzt eigentümlich entspannt auf den Schultern von Riesen und überblickt sein großes Reich: die Philosophie der Moderne, die Ideengeschichte; die Geschichte der Naturwissenschaft – und schließlich, immer gründlicher, die Kunstgeschichte”, so der Verleger Michael Krüger. Und die Rezeption erfolgt ganz ohne bildungsbürgerliche Attitüde.

Ritter schwingt keinen hausmeisterlichen Taktstock, sondern vernknüpft Wissensgebiete nach den eigenen Vorlieben. So war es auch bei der Ritter-Lesung in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger. Das neue Opus “Notizhefte” ist eine wahre Fundgrube für die vertiefende Lektüre. Seine Überlegungen zu den Segnungen der alten Bundesrepublik, die er in einer Zugabe rezitierte, animierten mich zu einem Beitrag für “The European”: ATOMAUSSTIEG OHNE BESSERWISSEREI.

Für den Atomausstieg sind Untergangspropheten und Dogmatiker schlechte Ratgeber. Auch sollten wir Menschen misstrauen, die uns definitive und universelle Lösungen vorgaukeln. „Jedes menschliche Problem hat viele Lösungen, und Humanität beweist sich in dem Mut, den eingeschlagenen Weg konsequent, aber in dem Bewusstsein zu gehen, dass es auch andere Wege gibt, die nicht weniger berechtigt sind“, so Ritter. Zurückhaltung, Bescheidenheit und weniger lärmende Besserwisserei führen zu Überlegenheit und Überzeugung. Das zeichnete die Bundesrepublik der Nachkriegszeit aus. Auf internationalem Parkett sollten wir wieder lernen, kleine Brötchen zu backen, das kann der Weg zu Einfluss sein, so der Ratschlag von Ritter. Auch in der Energiepolitik!

Ritter steht in der Denktradition eines David Hume oder Isiah Berlin. Die Notizhefte beinhalten so viele Querverweise zu interessanten Persönlichkeiten, dass man dort Lesestoff für mehrere Jahrzehnte ziehen kann.

Hier die komplette Audioaufzeichnung der Lesung:

Hier zwei Videos, der Ton ist etwas leise. Ich hatte das falsche Mikro eingepackt. Beim nächsten Mal wieder lauter :-)

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