Netzdiskurse: “Es muss anders werden, wenn es gut werden soll”

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Kunstobjekt

Byung-Chul Han provoziert in steter Reihenfolge mit kleinen aber feinen Streitschriften, die im Matthes & Seitz-Verlag erscheinen.

Häufig drehen sich seine Gedanken um die Untiefen des Netzes und die gesellschaftlichen Verwerfungen, die von der digitalen Sphäre ausgehen. Anregend zu lesen und einladend zum Widerspruch. So ergeht es mir auch mit der seiner Schrift „Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns“.

Seine Grundthese halte ich für falsch und auch seine folgenden Schlussfolgerungen auch: Angeblich manifestiert sich im Internet heute kein öffentlicher Raum mehr. Ein öffentlicher Raum des gemeinsamen, kommunikativen Handelns. „Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich“, schreibt Han am Anfang seines kleinen Büchleins.

Klingt ein wenig nach den Ansichten und Auslegungen des CDU-Politikers Stephan Eisel, der mich fast hausmeisterliche fragte, warum ich denn nicht auf seinem Blog eine Replik schreiben würde – was in Zeiten von Trackbacks und sonstigen Vernetzungsmöglichkeiten ein ziemlich idiotischer Spruch ist (im Eisel-Blog findet man übrigens folgenden Hinweis: Du kannst eine Antwort hinterlassen, oder Trackback von deiner eigenen Seite).

Han gesteht noch ein, dass die heutigen Netzteilnehmer vielleicht sogar mündiger als die Empfänger der konventionellen Massenmedien sind, in der jeder Einzelne seine individuelle Meinung haben könne und – so mein Einschub – nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sein kann.

„Aber aus diesen Egos bildet sich kein Wir zum kommunikativen Handeln. Zur Entpolitisierung der Gesellschaft führen also der Zerfall der kommunikativen Öffentlichkeit und die zunehmende Narzissifizierung des Selbst.”

Mit dem Zerfall des öffentlichen Raumes verschwinde das Fundament für jene Demokratie, die auf der Herausbildung eines gemeinsamen Willens im öffentlichen Raum beruht. In Anlehnung an Jürgen Habermas behauptet Han, dass auf Blogs und in sozialen Medien, die heute den öffentlichen Raum bilden oder ersetzen, kein Diskurs stattfindet. Digitale Medien behindern die Bildung einer Gemeinschaft im emphatischen Sinne.

„Es entstehen nur zufällige Ansammlungen oder Vielheiten von für sich isolierten Individuen, von Egos, und keine Versammlungen, die Orte des Diskurses wären. Sie sind kein politisches Subjekt mehr, das zu einem Wir fähig wäre.“

Diese Ausgangslage seiner weiteren Analysen und Vorschläge halte ich nicht für stichhaltig. Die krampfhafte Suche nach dem „Wir“, die Verortung eines imaginären öffentlichen Raumes, die Bildung einer Gemeinschaft, die angebliche Vereinzelung im Web oder die Unmöglichkeit des Diskurses im Internet – Widerspruch, Widerspruch, Widerspruch und nochmals Widerspruch.

Immerhin räumt Han die Möglichkeiten einer neuen und womöglich direkteren Demokratie ein, die man über die digitale Vernetzung erreichen könnte. Eine Art direkte Dorfdemokratie – permanente Abstimmungen über ein Qube-System. Question your tube war in den 1970er Jahren eine Fernsehanlage mit beschränkter interaktiver Funktion. Das Internet sei ein wesentlich verbessertes Qube-System. Das politische Engagement bedarf keiner mühsamen Kommunikation und keines anstrengenden mühsamen Diskurses zum Konsens. Ein Mausklick würde genügen. Der Privatraum sei selbst die Republik. Das ist etwas dünn.

Bislang waren und sind wir eher eine formierte Gesellschaft. Taktgeber der Massenmedien, Funktionäre des Parteienstaates, Hinterzimmer-Seilschaften, Cliquen, Klüngel und so genannte Experten (die fern ihres Fachgebietes auch nur Idioten und Laien sind) beherrschten und beherrschen immer noch die öffentlichen Meinung. Ich finde es viel sympathischer, den selbsternannten Dirigenten des Meinungsstroms permanent in die Suppe spucken zu können, sie in Frage zu stellen, sich selbst zu Wort zu melden und jeden Tag bei meinem eigenen Tun in Frage gestellt zu werden.

Deshalb formulierte ich mein Blog-Motto in Anlehnung an Fernando Savater: Das Leben ist zu kurz, um sich nicht zum Eklektizismus zu bekennen, zur Freiheit des Auswählens und Verwerfens. Deshalb mein Bekenntnis zu den Dadaisten vom Cabaret Voltaire in Zürich: Sie wendeten sich gegen allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und man könnte ergänzen „den öffentlichen Raum“ und irgendein künstliches „Wir“. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen.

Als Motto fürs Digitale eignet sich ein Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg, den Dirk von Gehlen in seinem lesenswerten über Startnext finanzierten Opus „Eine neue Version ist verfügbar“ zitiert:

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Im Netz etablieren sich virtuelle Zufallsgemeinschaften mit begrenzter Dauer als informeller Versammlungstyp ohne feste Strukturen. Von Gehlen bezieht sich dabei auf die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts, die auch Professor Peter Weibel vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) thematisiert: Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen.

“Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel.

Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Genügend Stoff für weitere Diskurse.

Auf das Zahlen-Interpretationswerk von Herrn Eisel werde ich noch gesondert eingehen.

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Social Web ohne öffentlichen Raum: Versinken wir in Egozentrik?

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Social Web als virtueller Salon

Social Web als virtueller Salon

Der Philosophie-Professor Byung-Chul Han provoziert in steter Reihenfolge mit kleinen aber feinen Streitschriften, die im Matthes & Seitz-Verlag in der Reihe “Fröhliche Wissenschaft” erscheinen.

Häufig drehen sich seine Gedanken über die Untiefen des Netzes und die gesellschaftlichen Verwerfungen, die von der digitalen Sphäre ausgehen. Anregend zu lesen und einladend zum Widerspruch. So ergeht es mir auch mit der seiner jüngsten Schrift mit dem Titel „Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns“.

Seine Grundthese halte ich für falsch und seine Schlussfolgerungen sind dürftig: Angeblich manifestiert sich im Internet heute kein öffentlicher Raum mehr. Ein öffentlicher Raum des gemeinsamen, kommunikativen Handelns.

„Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich“, schreibt Han am Anfang seines kleinen Büchleins.

Er räumt noch ein, dass die heutigen Netzteilnehmer vielleicht sogar mündiger als die Empfänger der konventionellen Massenmedien sind, in der jeder Einzelne seine individuelle Meinung haben könne und – so mein Einschub – nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sein kann.

„Aber aus diesen Egos bildet sich kein Wir zum kommunikativen Handeln. Zur Entpolitisierung der Gesellschaft führen also der Zerfall der kommunikativen Öffentlichkeit und die zunehmende Narzissifizierung des Selbst.”

Mit dem Zerfall des öffentlichen Raumes verschwinde das Fundament für jene Demokratie, die auf der Herausbildung eines gemeinsamen Willens im öffentlichen Raum beruht. In Anlehnung an Jürgen Habermas behauptet Han, dass auf Blogs und in sozialen Medien, die heute den öffentlichen Raum bilden oder ersetzen, kein Diskurs stattfindet. Digitale Medien behindern die Bildung einer Gemeinschaft im emphatischen Sinne.

„Es entstehen nur zufällige Ansammlungen oder Vielheiten von für sich isolierten Individuen, von Egos, und keine Versammlungen, die Orte des Diskurses wären. Sie sind kein politisches Subjekt mehr, das zu einem Wir fähig wäre.“

Diese Ausgangslage seiner weiteren Analysen und Vorschläge halte ich nicht für stichhaltig. Die krampfhafte Suche nach dem „Wir“, die Verortung eines imaginären öffentlichen Raumes, die Bildung einer Gemeinschaft, die angebliche Vereinzelung im Web oder die Unmöglichkeit des Diskurses im Internet – Widerspruch, Widerspruch, Widerspruch und nochmals Widerspruch.

Immerhin räumt Han die Möglichkeiten einer neuen und womöglich direkteren Demokratie ein, die man über die digitale Vernetzung erreichen könnte. Eine Art direkte Dorfdemokratie – permanente Abstimmungen über ein so genanntes Qube-System. “Question your tube” war in den 1970er Jahren eine Fernsehanlage mit beschränkter interaktiver Funktion. Das Internet sei ein wesentlich verbessertes Qube-System. Das politische Engagement bedarf keiner mühsamen Kommunikation und keines anstrengenden Diskurses zum Konsens. Ein Mausklick würde genügen. Der Privatraum sei selbst die Republik. Hm, liebwertester Gichtling Han, das ist doch etwas dünn.

Bislang waren und sind wir eher eine formierte Gesellschaft. Taktgeber der Massenmedien, Funktionäre des Parteienstaates, Hinterzimmer-Seilschaften, Cliquen, Klüngel und so genannte Experten (die fern ihres Fachgebietes auch nur Idioten und Laien sind) beherrschten die öffentlichen Meinung und den öffentlichen Raum. Ich finde es viel sympathischer, den selbsternannten Dirigenten des Meinungsstroms permanent in die Suppe spucken zu können, sie in Frage zu stellen, sich selbst zu Wort zu melden und jeden Tag bei meinem eigenen Tun in Frage gestellt zu werden.

Deshalb formulierte ich mein Blog-Motto in Anlehnung an Fernando Savater:

Das Leben ist zu kurz, um sich nicht zum Eklektizismus zu bekennen, zur Freiheit des Auswählens und Verwerfens.

Deshalb mein Bekenntnis zu den Dadaisten vom Cabaret Voltaire in Zürich: Sie wendeten sich gegen allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und man könnte ergäenzen „den öffentlichen Raum“ und irgendein künstliches „Wir“. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen.

Ob sich aus dem eigenen Tun im Netz bedeutungsschwere Diskurse, bahnbrechende Erkenntnisse, Zuspruch oder Ablehnung ergeben: Entscheidend ist die reine Möglichkeit der Teilnahme, die es früher nicht gab. Als Motto fürs Digitale eignet sich ein Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg, den Dirk von Gehlen in seinem lesenswerten und über Startnext finanzierten Opus „Eine neue Version ist verfügbar“ zitiert:

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Im Netz etablieren sich virtuelle Zufallsgemeinschaften mit begrenzter Dauer als informeller Versammlungstyp ohne feste Strukturen. Von Gehlen bezieht sich dabei auf die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts, die auch Professor Peter Weibel vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) betont: Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. “Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel. Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Genügend Stoff für weitere Diskurse.

Ich hätte großes Interesse, zumindest einmal im Monat einen virtuellen Salon zu veranstalten. Vielleicht in einer Buchhandlung, live gestreamt via Hangout on Air, in Co-Moderation mit meinem Kölner Freund Wolfgang Schiffer (den ich aber noch gar nicht gefragt habe). Jeden Monat mit interessanten Gästen, überraschenden Themen und stimulierenden Salonstücken – eine Diskursbühne und zugleich ein Dilettanten-Theater. Hätte noch jemand Interesse?

Vielleicht sollten man gegen die Sicherheits-NSA-Friedrich-BKA-BND-Gichlinge stärker mit dadaistischer Anarchie vorgehen – Netzbewegung hin, Netzbewegung her.

Siehe auch:

Salonkultur und herrschaftsfreier Diskurs im Netz: Über die Sümpfe der digitalen Kommunikation.

Salonkultur und herrschaftsfreier Diskurs im Netz: Über die Sümpfe der digitalen Kommunikation

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„Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut, die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt. Man lese nur jene höhnischen Nutzerbeiträge, die sich als Wurmfortsatz unter einem typischen Feuilletonartikel finden“, mit diesem Zitat aus dem Zeit-Artikel „Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird“ von Adam Soboczynski untersucht Kathrin Passig in einem Merkur-Essay die Diskursqualität im Netz und kommt zu einem wenig schmeichelhaften Urteil: „Mir ist kein Ort im deutschsprachigen Internet bekannt, an dem eine konstruktive Kommentarkultur herrscht, und auch befragte Freunde zuckten nur die Schultern. Am ‚Netz als Feind‘ liegt es nicht, denn im englischsprachigen Bereich gibt es Orte, an denen die Kommentare lesenswerter sind als der kommentierte Beitrag“, so Passig. „Sümpfe und Salons“ heißt das Stück.

Man könne den Betreibern von Kommentarforen, Communities und anderen Kommunikationsangeboten höchstens mittelgroße Vorwürfe machen. „Die technischen Voraussetzungen für den Meinungsaustausch mit Menschengruppen, die nicht mehr an einen Kneipentisch passen, gibt es noch nicht lange. Außerhalb spezialisierter Nerdkreise hatte niemand länger als zehn bis fünfzehn Jahre Zeit, um Erfahrungen mit der Förderung und Erhaltung konstruktiver Kommunikation in großen Gruppen zu sammeln. Es ist keine Überraschung, dass zentrale technische wie soziale Probleme ungelöst sind“, führt Passig weiter aus. Wie bei Beziehungen gebe es auch bei neuen sozialen Kreisen eine Phase der Frischverliebtheit, in der sich die Teilnehmer von ihrer besten Seite zeigen. „In den ersten Monaten oder Jahren einer Onlinegemeinschaft befinden sich alle Teilnehmer gleichzeitig in diesem Zustand. Später bildet sich eine phasenverschobene Mischung aus Neuzugängen und Alteingesessenen. Wenn Letztere zu stark überwiegen, legen alle die Füße auf den Tisch, der Diskussionsstandard verfällt, und der Mangel an Nachwuchs führt zu geistiger Stagnation. Eine solche Zombiecommunity kann noch lange weiterexistieren, aber sie ist nur noch eine leere Hülle“, erläutert die Merkur-Autorin. Auch Software, Moderatoren-Systeme, soziale Kontrolle, Rankingverfahren oder sonstige Eingriffe und technischen Tricks gegen Kommentarnichtigkeiten helfen wohl nicht weiter.

Dabei seien doch gerade soziale Netzwerke ideale Orte für herrschaftsfreie Diskurse im Sinne von Jürgen Habermas. So sieht es jedenfalls Stefan Münker in seinem Elaborat „Emgergenz digitaler Öffentlichkeiten“ (edition unseld). „Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung.“ Mit den neuen Medien ändere sich die Kommunikation. Das Publikum stehe nicht mehr unter dem Diktat „Don’t talk back“, wie es bei den klassischen Medien der Fall sei. Denn die seien per se nicht auf eine Interaktion zwischen Sender und Empfänger ausgerichtet. Es sind eben One-to-many-Medien. Das jeder in sozialen Netzwerken nicht nur Empfänger sondern auch Ich-Sender ist, garantiert allerdings noch keine Konversationskunst wie in den Salons der Renaissance oder des Rokoko. Die Qualität oder Quantität der Kommentare in Foren, Blogs oder Portalen ist allerdings auch noch kein Maßstab für die Gesprächskultur (wie sich Social Web und Salonkultur verbinden können, untersuchen die Künstler Antje Eske Kurd Alsleben). Der Salon galt früher als ein Ort, an dem man ungezwungen miteinander umgehen konnte. Er stellte eine zweckfreie und zwanglose Form dar. Als Vorbild für den Netz-Diskurs könnte das dadaistische Cabaret Voltaire in Zürich dienen. Hier ging es vor allen Dingen um den spielerischen Umgang mit den Fragen des Lebens. Ein Dadaist war zugleich Anti-Dadaist. „Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten in Verwirrung zu stürzen, indem er zwingende Gründe für unvernünftige Theorien erfindet und diese Theorien dann zum Triumph führt“, erläutert mein Lieblingsphilosoph Paul Feyerabend in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“.

Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen. Insofern sollte man sich über den allmählichen Verfall von Netz-Gemeinschaften, vom Aufblühen und Verwelken von sozialen Netzwerken überhaupt keine Gedanken machen. Ob Google Plus nun Twitter und/oder Facebook das Leben auspusten wird oder doch alles ganz anders kommt, ist doch völlig egal. Gleiches gilt für saft- und kraftlose Communities.

„Manchmal lassen sich verkrustete Probleme nur durch Neugründung einer Alternative lösen, und nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet, wo die unbesiedelten Kontinente nie zu Ende gehen. Die Konvektionsbewegung zwischen agilen Neugründungen, erstarrten Imperien, Zerfall und Erneuerung gibt es online wie offline, im Internet sind ihre Zyklen nur kürzer als draußen“, stellt Passig fest.

Vielleicht stamme die Frage, wie sich konkret definierte Gemeinschaften dauerhaft erhalten lassen, noch aus Prä-Internetzeiten, und die von Alvin Toffler 1970 angekündigte Adhokratie hält nicht nur im Beruf, sondern auch in unserem Sozialleben Einzug. Es ginge dann nicht darum, herauszufinden, wie sich das Flüchtige besser zementieren lässt. „Wir müssten kompetenter im Umgang mit veränderlichen sozialen Konstellationen werden, anstatt napfschneckengleich an immer denselben Stellen im Netz klebenzubleiben. Der eingangs erwähnte Intellektuelle ist selbst dafür verantwortlich, nicht dort herumzulungern, wo ihm das Niveau der Auseinandersetzung missfällt“, rät Passig. Das „Wenn’s dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben“, das im staatsbürgerschaftlichen und geopolitischen Raum nur sehr begrenzt funktioniert, sei im Netz ein praktikabler Vorschlag. „Und wenn es das gesuchte Drüben nicht gibt, kann man es immer noch gründen“, resümiert Passig.

Welche Diskurskultur wäre nun anzustreben für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft (auch beim Dialog zwischen Kunden und Unternehmen)? Werde ich für meine Service Insiders-Kolumne am Freitag verwerten. Kommentare bitte bis Donnerstag so gegen 22 Uhr schicken.