Alte Machtelite verweigert die digitale Transformation: Wir schön war die Zeit ohne “Faxgeräte”

Sehnsucht nach der analogen Gemütlichkeit

Ich sehe den Erfolg der Gestern-Medien bei der Durchsetzung des Leistungsschutzrechtes (LSR) nicht als Niederlage der “Netzgemeinde”, wenn es diesen Einheitsbegriff überhaupt gibt.

Das “Ja” der Hinterzimmer-Politfunktionäre zu einem Regelwerk, das die Alt-Verleger mit lebenserhaltendem Viagra versorgt, ist die Fortsetzung des Lamento über massive Veränderungen, die mit der Vernetzung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zusammenhängen.

Es befördert noch einige Jahre die Selbstzerfleischungs-Rituale, Abmahnorgien und Konservierung von überkommenen Geschäftsmodellen. Im digitalen Wettbewerb verlieren wir international immer mehr den Anschluss. Was soll man denn mit Spitzenpolitikern wie Plaudertasche Peer Steinbrück anfangen, denen man die Informatik-Aversionen in jeder Sekunde anmerkt, auch wenn sie rhetorische Attacken gegen die Netzwelt nach einer halben Minute wieder löschen?

Oder mit jovialen Altherren-Weisheiten des Ministerpräsidenten von BaWü, der sich einfach nicht vorstellen kann, über Twitter mit Menschen zu kommunizieren. Winfried Kretschmann sträuben sich die Haare bei dem Gedanken, seine Politik in 140 Zeichen erklären zu müssen. Eher sinniert er über die Epoche, als es noch keine Faxgeräte gab. Das war eine phantastische Zeit.

“Es dauerte, bevor ein Schriftsatz zurückkam. Ein herrlicher Zeitpuffer, um nachzudenken, sich zu besprechen”, so der schwäbische Federkiel-Denker im Interview mit der taz.

Von asynchroner Netzkommunikation, die man nach seinen Interessen auswählen und gestalten kann, hat der Mann noch nichts gehört. Die neuen Medien promovieren ja nur das allgemeine Geschwätz. O-Ton eines grünen Politikers, der Partizipation und Basisdemokratie scheinbar aus seinem Vokabular gestrichen hat.

Gleiches gilt für den parlamentarischen Staatssekretär von Wirtschaftsminister Rösler, der im Bloggercamp-Gespräch noch den großen Otto spielt und vor den negativen Folgen des Leistungsschutzrechts für die digitale Wirtschaft in Deutschland warnt und dann bei der Abstimmung im Bundestag brav sein Händchen zur Zustimmung des Springer-Burda-Lobbyisten-Gesetzes hebt.

Die Rechtfertigungssuada von Steinbrück zum Abstimmungsverhalten der SPD im Bundesrat, die er gegenüber der Zeit losgelassen hat, sollte man übrigens in Stein meißeln für künftige Gesetzesberatungen in der Länderkammer:

“Es wäre sinnlos, im Vermittlungsverfahren auf der Grundlage dieses schlechten Gesetzes deutlich zu machen, was wir alles ändern wollen, wenn wir ein vollständig neues Gesetz fordern.” Es sei zwar möglicherweise nicht leicht zu vermitteln, aber wenn man im Ausschuss nur verzögern, nicht aber aufhalten könne, “dann ist es doch vernünftig, nicht weiter auf der Grundlage eines Gesetzentwurfes zu debattieren, den man ablehnt”.

Das eröffnet der Regierungskoalition in Berlin ganz neue Perspektiven. Die Gesetze müssen richtig scheiße sein, dann passieren sie auch den Bundesrat.

Die Piraten sollten für diese neo-dadaistischen Kapriolen der Alt-Politiker nicht in Sippenhaft genommen werden. Ihr selbstverschuldeter Niedergang durch die Lust an der personellen Selbstzerfleischung ist nicht verantwortlich für das Abstimmungsverhalten der Altparteien. Es war schlichtweg Blödheit, nicht zu 100 Prozent auf Netzthemen zu setzen, die von den Etablierten nicht verstanden oder nur unzureichend thematisiert werden. Siehe auch: Plädoyer für Laienhaftigkeit.

Es gab bei der Zustimmung zum Leistungsschutzgesetz schlichtweg eine machtpolitische Abwägung: Der Mehrheit der Bevölkerung geht diese Netzdebatte am Arsch vorbei. Und den Verlegern gibt man ein kleines Zuckerle, um im Jahr der Bundestagswahl von den Hütern der Massenmedien nicht abgestraft zu werden.

So bleibt die alte Machtelite noch ein Weilchen unter sich. Man kann Wunden lecken, über alte Zeiten reden und sich gegenseitig auf die Schenkel klopfen, weil die fetten Pensionsansprüche ein Leben ohne digitale Technik möglich machen. Warum sollte man sich da noch mit den Zumutungen der Netzgesellschaft herumschlagen.

Aber wir wollen ja konstruktiv bleiben. Deshalb möchte ich in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin The European darüber schreiben, was denn nun auf die Tagesordnung der Netzpolitik gehört? Im Bloggercamp-Gespräch mit Matthias Schwenk haben wir dazu ja ein paar Takte gesagt. Die netzpolitische Agenda sollte erweitert werden und sich nicht nur auf Datenschutz, Staatstrojaner, Netzneutralität oder Urheberrecht kaprizieren.

Netzpolitik werde noch sehr medienlastig gesehen, so Schwenk. Es gehe aber auch um vernetzte Ökonomie, neue Arbeitsformen, schnelles Internet, Digitalisierung von Unternehmen, personalisierter Service, digitale Geschäftsmodelle und, und, und. Es geht also um einen Internet-Masterplan. Da möchte ich am Mittwoch ein paar Denkanstöße geben.

Ein erster Vorschlag von mir. Wir brauchen einen Bundes-CIO mit Ministerrang. Dem Innenministerium sollte die Zuständigkeit für den Bundes-CIO entzogen werden.

Vorschläge erwünscht. Auch Interviews, die ich ganz gerne am Montag führen möchte. Am Dienstag, um 18 Uhr muss das Opus fertig sein.

Siehe auch:

#LSR: Mutlosigkeit.

I accidentally the Peer Steinbrück – Twitter-Account.

Das Leistungsschutzrecht ist kein Sieg, sondern Dokumentation einer Niederlage seiner Befürworter.

Deutschland – Abschied vom Technologiestandort.

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Tipping Points der Partizipation

Zuerst war es nach Ansicht der Piratin Marina Weisband sehr schwer, das Thema der digitalen Demokratie überhaupt zu vermitteln: ”Das Konzept war neuartig und diejenigen, die sich damit beschäftigten, relativ allein. Dann gab es reges Interesse an dieser neuen Form der Beteiligung, die niedrigschwellige Mitbestimmung verspricht. Jetzt, nachdem die ersten Systeme und Versuche gerade zum Laufen gebracht worden sind, werden die geringen Teilnehmerzahlen kritisiert. Ob Liquid Feedback, Bürgerhaushalte oder andere Werkzeuge – der Prozentsatz der Teilnehmer ist im Vergleich zur Population gering. Die Süddeutsche Zeitung titelt sogar: ‘Wirkungslose Wunderwaffe’”, so Weisband in einem Beitrag für das Debattenmagazin “The European”. Aber jeder Mensch, der sich bislang herausgehalten hatte und der sich nun plötzlich für die Gesellschaft einsetzt, sei ein Gewinn. “Darum ist es nicht sinnvoll, die Anzahl der Teilnehmer nur in ihrem Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zu sehen”, so Weisband und es ist auch wenig sinnvoll, so pessimistisch im Grundton über die Möglichkeiten der Partizipation zu schreiben.
Man sollte das auch nicht nur auf den Nutzungsgrad von Werkzeugen der Liquid Democracy reduzieren. Jede Form der Willensbekundung im Netz ist ein Schritt zu mehr Bürgerbeteiligung – als Wähler, Konsument und bald auch immer stärker als Arbeitnehmer! Das ist auch noch einmal Thema meiner heutigen Kolumne für den Fachdienst Service Insiders: Verdünnte Repression und Liquid Democracy im Arbeitsalltag: Wie Social Media die Unternehmensorganisation auf den Kopf stellt.

Auch für die Wirtschaftswelt sollte man die Wirkung von sozialen Netzwerken und unterschiedlichen Formen der Partizipation nicht unterschätzen und nur eingeschränkt betrachten unter dem Aspekt „Bring Your Own Device“ oder nur auf die Frage reduzieren, ob den Mitarbeitern im betrieblichen Alltag der Zugang auf Facebook, Twitter oder Google+ gewährt wird? Das greift ebenfalls zu kurz.

Es entstehe mittlerweile ein großer Zwang, das private Nutzungsverhalten im Social Web in die berufliche Welt zu transferieren, bestätigt IT-Personalexperte Udo Nadolski von Harvey Nash in Düsseldorf.

„Und das hört am Arbeitsplatz nicht auf. Wir erleben eine soziale Orientierung fast aller Geschäftsmodelle“, meint Nadolski.

Was man als Wähler und Konsument im Internet praktiziert, wird sich auf den Arbeitsplatz ausweiten.

„Die Menschen erleben im Privaten immer mehr die Möglichkeiten des Netzes, Anteil zu nehmen und sich zu äußern. Dann suchen sie die passenden Instrumente auch auf der betrieblichen Ebene. In manchen Unternehmen ist es ein harter Brocken der geschluckt werden muss, wenn sich die Mitarbeiter offener äußern wollen. Es ist aber ein allgemeiner Kulturtrend, der mit der Digitalisierung einher geht und dem sich die Unternehmen nicht verschließen können. Diese partizipativen Softwareelemente werden kommen und die Mitarbeiter werden sie auch entsprechend nutzen. In den Unternehmen kommt es darauf an, dass es im Sinne eines konstruktiven Dialoges genutzt wird“, sagt Unternehmensberater und bwl zwei null-Blogger Matthias Schwenk im Interview mit Service Insiders.

Ein offenes Feedback müsste eigentlich in jedem Unternehmen gefragt sein. Dabei gehe es nicht um eine immerwährende Vollversammlung, die zu einer Lähmung von Entscheidungsprozessen. Es gehe eher darum, Themen schneller aufkommen zu lassen, Inhalte schneller zu finden und Daten leichter aktuell zu halten.

“Deswegen brauche ich nicht gleich die Entscheidungsstrukturen völlig durcheinander zu bringen. Das Management kann schon sehen, in welche Richtung die Mitarbeiter bei bestimmten Fragen tendieren. Es ist heute nicht mehr so, dass die Führungskräfte alleine wissen müssen oder wissen können, wie die bestmögliche Entscheidung aussieht“, erläutert Schwenk.

Liquid Democracy könnte auch in Unternehmen vieles beschleunigen. Der Druck komme vom Markt und der Öffentlichkeit in die Unternehmen rein, einfach schneller eine Aussage zu treffen oder zu entscheiden.

“Dafür benötige ich intern solche Tools, die mir ein Gefühl vermitteln, in welche Richtung es gehen könnte. Sie signalisieren, dass ein Problem vorliegt und etwas ansteht, was noch entschieden werden müsste. Im Moment erlebe ich es an einem Beispiel in der Automobilbranche, die sich den Auto-Bloggern in Deutschland öffnet. Es gibt mittlerweile einige Auto-Blogs in Deutschland, obwohl es noch ein relativ neues Phänomen ist. Die meisten deutschen Automobilhersteller versuchen mit diesen Blogs zu kommunizieren. Es hakt aber meistens an der einen oder anderen Stelle. Manche bekommen es gut hin, einige Unternehmen haben noch ihre Probleme, weil die internen Strukturen gar nicht darauf ausgelegt sind, relativ schnell eine Zusage zu geben oder etwas zu entscheiden. Oft kommunizieren die Unternehmen über zwei bis drei Stufen nach oben und wieder zurück“, resümiert Schwenk.

In der Blogger-Welt habe man für diese hierarchischen Abläufe wenig Verständnis. Zu Recht! Und wenn sich nun auch schon Unternehmen mit dem Einsatz von Werkzeugen zur Partizipation beschäftigen, sollte Marina Weisband etwas optimistischer in die Zukunft schauen.

Im Moment tummelten sich überwiegend Kommunikationsprofis, Werbetreibende und sonstige Berater in sozialen Netzwerken, wie Christoph Kappes zutreffend bemerkt:

„Wir haben noch keine Millionen Twitter-Nutzer, die wirklich aktiv mitmischen. Aber wir werden eine Situation erreichen, dass auch breite Bevölkerungsgruppen diese Medientypen nutzen.”

Aber wann kommt der Tipping Point zumindest in der Arbeitswelt? Das fragte ich Matthias Schwenk:

“Unterschiedliche Branchen gehen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in den digitalen Wandel. Der Maschinenbau beispielsweise hat keinen großen Druck. Irgendwann kommt sicherlich der Druck vom Markt, aber die Branche ist homogen und es passiert nicht viel. Ich wäre vorsichtig mit Prognosen, wann in welchen Branchen so etwas eingeführt werden muss. Es kann durchaus noch fünf bis sechs Jahre dauern. Bei anderen Branchen ist es schon viel zu spät. Wenn wir uns den Versandhandel anschauen. Quelle und Neckermann sind schon lange weg, insolvent und abgewickelt, da gibt es nichts mehr. Diese Unternehmen haben den digitalen Wandel verschlafen und man braucht auch jetzt nicht mit den Enterprise 2.0-Strukturen zu kommen. Für die einen ist es schon gelaufen, die anderen haben noch relativ lange Zeit. In zwei bis drei Jahren wird der Druck vielleicht spürbar sichtbar und größer. Ich kann mir vorstellen, dass über die Verbreitung von Tablets mehr Potentiale der Partizipation geboten werden und  der Druck dadurch richtig groß wird. Die Geräte sind gerade relativ billig und es kommen immer mehr Tablets auf den Markt. Das wird Auswirkungen haben, vor allem auf den konsumnahen Bereich. Bei Investitionsgütern kann es sein, dass es noch etwas länger dauert.”

Dicke Bretter bohren gehört zum Geschäft der Demokratie. Auch wenn das in Anlehnung von Max Weber schon millionenfach zitiert wurde, es stimmt. Man darf nicht ungeduldig sein.

Freibeuter-Wutrede des Geo-Chefs: Wer gegen Piraten schießt, sollte von verärgerten Autoren nicht schweigen

Vielfach wird ja eine Versachlichung der Urheberrechts-Debatte verlangt, um konstruktiv nach Lösungen zu suchen. In den Thesenpapieren von SPD und Piraten gibt es da ja schon ein paar Anknüpfungspunkte – man wird ja bescheiden. Trotzdem leiden immer noch einige Adepten der Printindustrie unter unerklärlichen Sprech-Durchfällen. Einen aktuellen Fall greift der Dienst Meedia unter der Überschrift “Gaedes Wutrede gegen das Freibeutertum”:

Peter-Matthias Gaede zieht gegen die Gegner des Urheberrechts ins Feld: Der Geo-Chef hat eine Erklärung verfasst, in dem er die Chefredakteure in Deutschland dazu aufruft, den Wert des geistigen Eigentums offensiv zu verteidigen. Immer mehr Musiker, Autoren und Künstler bezögen Position “gegen das Freibeutertum”, nur die Chefredakteure schwiegen bislang. Gaede schweigt nicht – und trommelt nicht nur für das Urheberrecht, sondern auch und vor allem gegen dessen Verächter.”

In dem Pamphlet von Gaede geht es dann richtig zur Sache:

“Vielleicht sind Sie, wie ich, der Meinung, dass es Zeit ist, eine vernehmbare Stimme in dieser Diskussion zu werden.” Es sei an der Zeit, jenen entgegenzutreten, die, wie die Piratin Julia Schramm, den Begriff des geistigen Eigentums als ‘ekelhaft’ bezeichnen. “Dass es Zeit ist, jenen zur Seite zu stehen, die, wie die Unterzeichner des Aufrufs ‘Wir sind die Urheber’, einer denunziatorischen Reaktion ausgesetzt sind.”

Hm, G wie Geo, G wie Gaede. Da sage ich nur, G wie Google und mal nachgeschaut, was noch in meinem Langzeitgedächtnis verankert ist. Richtig: Freier Autor klagt gegen Geo und gewinnt. Nachzulesen bei Niggermeier in seinem Blogpost “Gericht erklärt Geo: Autoren haben Rechte”.

“Christian Jungblut hätte dankbar sein sollen, dass sein Text von der Geo-Redaktion überarbeitet und in so vielen Details geändert wurde, dass von seinem Schreibstil nichts übrig geblieben war. Der Anwalt von Gruner + Jahr teilte dem freien Journalisten mit, dass sein Manuskript von niemand geringerem als ‘einer Preisträgerin des 1. Preises beim Henri-Nannen-Preis 2008 — bekanntlich dem Nachfolger des Kisch-Preises — redigiert wurde’. Auch Peter-Matthias Gaede, der Chefredakteur von ‘Geo’, sei ‘als ein Preisträger des 1. Preises beim Kisch-Preis 1984 (…) sicherlich über jeden Zweifel erhaben’. Jungblut selbst hingegen hat nur einen 3. Platz beim Kisch-Preis 1986 vorzuweisen. Es geht aber gar nicht um die Frage, ob die Reportage, die Jungblut für Geo über den Deichbau in den Niederlanden geschrieben hat, nach der gründlichen Änderung durch die Redaktion besser war als vorher. (Seine blasse Erzählweise sei durch einen lebendigen und plastischeren Stil ersetzt worden, argumentierte der Verlag vor Gericht.) Es geht um die Frage, ob Jungblut als Urheber ein Recht darauf hat, dass sein Werk nicht gegen seinen Willen in einer massiv veränderten Form veröffentlicht wird”, schreibt Stefan Niggemeier.

Das Landgericht Hamburg entschied gegen Gruner + Jahr (308 O 78/10): Es untersagte dem Verlag, den entsprechenden Artikel aus Heft 12/2009 weiter zu verbreiten. Entscheidend für das Urteil war dabei nicht die Zahl der Preise, sondern das Urheberpersönlichkeitsrecht, das dem Urheber das Recht gibt, “eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, die geeignet ist, seine berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu gefährden”.

Wie Gaede mit freien Autoren umgeht, kann man in der Niggemeier-Story sehr schön nachlesen. Da steigt bei mir der Wutpegel. Heuchelei hoch drei, Meister Gaede.

Digitales Entwicklungsland: Warum der IT-Gipfel einen Heinrich von Stephan-Preis vergeben sollte #informare12

Heinrich Rudolf Bruns (@hrbruns), mit dem ich zusammen die Obi Wan Kenobi-Runde auf der Informare in Berlin moderierte, war so freundlich, eine Audioaufzeichnung anzufertigen. Wer also den Livestream gestern nicht gesehen hat, kann sich das Spektakel zumindest anhören:

Mit dabei waren Arnoud de Kemp (informare), Hannes Schleeh, (Coach, @7xy) und Bernd Stahl von Nash Technologies (@NashTecGermany).

“In lockerer Runde disktutierten wir, wie sehr neue Technologien und Ansätze das Internet verändern werden. Aber auch, wie verhalten manche Unternehmer und Besitzstandswahrer sind, wenn es um Innovation geht”, so das Fazit von Heini.

Danach saßen wir noch gemütlich in der Ständigen Vertretung, genehmigten uns einige Bierchen und schmiedeten neue Vernetzungspläne. Wir vier werden wohl Ende August oder Anfang September ein Blogger-Camp in Nürnberg aufziehen.

Über die Themen müssen wir uns noch austauschen. Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen. Wir sammeln noch Ideen.

Ich hatte ja versprochen, die Playmobil-Piraten zu politisieren. Hier das Beweisfoto:

Für meine morgige Service Insiders-Kolumne werde ich wohl den Vortrag von Professor Hans Uszkoreit vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) als Basis nehmen. Thema: Turings Traum weiter träumen. Mit Sprachtechnologie und KI auf dem Weg zur Social Intelligence.

Vielen Dank an die sehr fleißige Vera Münch (@observaitress), die die Fotos der Obi Wan Kenobi-Runde geschossen hat. Weitere Fotos der Informare habe ich auf FB hochgeladen.

Leistungsschutz für die Verschlafenen, Geprügelten und Gequälten der digitalen Zeit

Bei der ganzen Debatte um die Verschärfung des Urheberrechts als Kampfinstrument gegen Umsonstkultur, Netzparasiten, Adepten des Archaischen, Piraten oder schnorrende Endverbraucher fällt auf, dass die Verteidiger des Status quo sehr häufig aus Verlierer-Branchen kommen: Printmedien, Musikindustrie und Verlage. Nun versuchen Rainer Hank und Georg Meck den Piraten zu erklären, warum es falsch ist, den Verwertern aufs Dach zu steigen und warum es gut ist, geistiges Eigentum über Urheberrecht zu verteidigen.

Um es mal simpel zusammenzufassen, die Autoren bringen den Begriff der Arbeitsteilung mit ins Spiel – angeblich erträumen “die” Piraten und “ihre Sympathisanten” (klingt ein wenig nach RAF-Sympathisanten, uhhh, da macht man sich direkt verdächtig) eine Welt ohne Arbeitsteilung, wo der Kreative direkt den Konsumenten küsst. Das sei der Ausdruck einer archaischen Sehnsucht, die zielstrebig in den Dilettantismus führt.

“Dass Arbeitsteilung Entfremdung ist, behaupten nach Karl Marx heute nur noch 60jährige Sozialkundelehrer”, schreiben Hank und Meck.

Die Argumente der Printjournalisten bewegen sich auf VWL-Erstsemester-Niveau. Es ist doch auffällig, wie viele altbackene Verwerter, Produzenten, oder prominente Künstler auf den Piraten-Bashing-Zug aufspringen, um von den eigentlichen Lobbyinteressen abzulenken: Über Gesetzeskeulen via Leistungsschutz will man an die Werbeumsätze von Google herankommen. Nur darum geht es doch.

Verschwiegen wird die Tatsache, dass die Manager der Gestern-Branchen bis heute kein Rezept präsentieren können, um erfolgreiche Geschäftsmodelle für die vernetzte Ökonomie auf den Weg zu bringen.

Und das in einem Stadium, wo sich die digitale Technik noch im Embryonenzustand befindet, wie es Christoph Kappes ausdrückt. Aber schon jetzt verspüren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft die Eruptionen der neuen Netzwirklichkeit. In der Musikindustrie bleibt kein Stein auf dem anderen. Politische Machtkünstler ergeben sich den Shitstorms im Internet, Informationstechnologie wandert in die Computerwolke, Hardware-Produzenten erleben die Pulverisierung ihrer Geschäftsgrundlage und die klassische Telefonie verliert den Boden unter den Füssen, weil Skype und die verschriftete Kommunikation in sozialen Netzwerken die Oberhand gewinnen.

Geht es beim Streit um „geistiges Eigentum“ wirklich um die Interessen der Urheber oder um die Konservierung von Konzernstrukturen aus dem Zeitalter des Fordismus? Mit den klassischen Instrumentarien aus der Zeit der industriellen Massenproduktion und des Massenkonsums kommt man aber nicht mehr weiter. In der Webwelt des Long Tail gelten andere Regeln. Mit reinen Skaleneffekten ist die Gewinnmaschine der Konzerne nicht mehr am Leben zu erhalten. Der Leitspruch „one size fits all“ gehört in die Mottenkiste und kann auch nicht mehr mit Abmahnorgien verteidigt werden – auch wenn das die liebwertesten Abmahn-Gichtlinge in der Musikindustrie oder in Printmedien nicht wahrhaben wollen.

Klassische Manager reiten die alten Konzepte bis zum Zusammenbruch und versuchen jetzt auch noch den Gesetzgeber mit ins Boot zu holen, um den Exitus etwas nach hinten zu verschieben. Ein Fehler, dem Steve Jobs nie anheimfallen wollte. Walter Isaacson zitiert den Apple-Gründer in der von Jobs autorisierten Biografie mit folgenden Worten:

„In den meisten Fällen bleiben die Leute in diesen Mustern hängen, wie die Nadel in einer Schallplattenrille, und kommen nie wieder raus. Natürlich gibt es Leute, die von Natur aus neugierig sind, sie bleiben ihr Leben lang ehrfürchtig staunende Kinder, aber die sind selten.“

Jobs erkannte frühzeitig im Gegensatz zu den Leistungsschutz-Sängern der Musikindustrie, wie wichtig digitale Knotenpunkte für Produkte und Dienste sind. iTunes und iPod sind dafür gute Beispiele:

„Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie wichtig Motivation ist. Der Zune war beschissen, weil die Leute bei Microsoft nicht besonders viel für Musik oder Kunst übrig haben, anders als wir. Wir haben uns durchgesetzt, weil wir Musik lieben. Wir haben den iPod für uns gemacht, und wenn man etwas für sich macht oder für den besten Freund oder die Familie, dann produziert man keinen Schrott“, so Jobs.

Zu dieser Einsicht sind die Manager der großen Musik-Labels nicht in der Lage. Da sind noch zu viele Maschinisten unterwegs:

„Unternehmen, die sich nur über ihre herstellende Rolle definieren, haben ein Problem. Das Endgerät ist häufig nur noch das Tor zur Nutzung eines Dienstes. Es kann der Antrieb sein für neue Dienste, wie man das beim iPad derzeit erlebt. Ohne iTunes und die App-Economy wäre Apple niemals erfolgreich. Produkte und Anwendungen des Steve Jobs-Konzerns üben so viele Reize aus, dass im Moment pro Quartal 150 Millionen iOS-fähige Endgeräte verkauft werden. Das haut einen um. Apple pulverisiert gerade mit dem iPad den PC-Markt. Was wird denn passieren, wenn auch Fernseher mit dem Apfel-Symbol ins Portfolio aufgenommen und nahtlos in die Anwendungsmöglichkeiten von Apple integriert werden? Das dürfte den etablierten Herstellern einige Kopfschmerzen bereiten. Es geht am Ende des Tages natürlich um Produkte. Doch der Mächtige ist derjenige, der die bessere Software hat“, so die Überzeugung von Bernhard Steimel, Berater der Future Management Group.

Die Wertschöpfung von Apple liege klar bei den Applikationen. Analysten hätten berechnet, dass die angekoppelten Verkäufe nach dem Erwerb eine iPhones das Achtfache ausmachen. Das sei ein eindeutiger Befund für die Kraft von Software.

Wer zu den Verschlafenen, Geprügelten und Gequälten der digitalen Zeit zählt, sollte das offen bekennen und sich nicht bei der Justizministerin ausheulen. Oder brauchen wir jetzt auch Leistungsschutz für Versandhauskataloge, weil Unternehmen wie Neckermann überraschend erkennen, wie der E-Commerce das alte Geschäft aus den Wirtschaftswundertagen gerade vernichtet? Siehe auch: “Online-Boom: Hört nur, wie sie zetern und jammern!”

“Schon bitter, wie sich der deutsche Einzelhandel gerade der Öffentlichkeit präsentiert! Hier nur ein paar Aussagen und Zitate der letzten vier Wochen”, schreibt Jochen Krisch und präsentiert eine Gala der Heulsusen:

“Vor uns liegt ein nicht minder schweres Geschäftsjahr” (Hans-Otto Schrader, Vorstandsvorsitzender der Otto Group, bei der Vorstellung der Geschäftszahlen am 3.4.2012)

Die Geschwindigkeit der Veränderungen sei im Elektronikbereich dramatischer ausgefallen als erwartet. (Olaf Koch, Vorstandsvorsitzender der Metro Group, bei der Vorstellung der Geschäftszahlen am 20.3.2012)

“Wir konkurrieren heute mit Händlern, die kein Geld verdienen müssen” (Andreas Bartmann, Geschäftsführer bei Globetrotter in der FTD am 10.4.2012) – was sagt Ihr dazu, werte Hank und Meck????,gs

“Unterschätzt hat die gesamte Buchbranche allerdings das Tempo des Veränderungsdrucks” (Jürgen Könnecke, scheidender Thalia-Eigner in seinem Ausstiegsinterview am 27.3.2012) – und der E-Book-Boom beginnt erst jetzt so richtig, gs.

Und wer sich nicht bei seinen Supermarkt-Einkäufen filmen lassen will, kauft sowieso nur noch online ein.

Wir sollten in der Urheberrechtsdebatte also wieder mehr über das von den Lobbyisten der Gestern-Branchen “vorgeschlagene” Leistungsschutzrecht reden. Komprimiert zusammengefasst unter: Leistungsschutzrecht-Verlogenheit.

Umweltsauereien in Nigeria und sonstige Shitstorm-Themen: Ganz ohne Anonymität

Sie sind der David im Kampf gegen den Konzern-Goliath: „Bürgerinitiativen und ihr berechtigter Zorn – Sind Pressesprecher die Verlierer der Öffentlichkeitsarbeit in der Partizipationsgesellschaft“, so die Frage der Deutschen Presseakademie in einer Werbe-Mail.

Einer der krisenerfahrenen Referenten für die beworbene Tagung kommt vom Shell-Konzern, der eine Pipeline im südlichen Stadtteil von Köln „nur“ durch die Einbindung der Bürger meistern konnte. Ob der Öl-Manager auf dem Kongress der Deutschen Presseakademie auch etwas zu den Umweltsauereien in Nigeria sagt?

„Zwar bohrt der Ölkonzern Shell seit 1993 nicht mehr im Nigerdelta nach Öl, doch zurückgelassene Bohrköpfe und verrottende Pipelines verschmutzen das Flussdelta weiter“, berichtet etwa die Zeit.

Die Bevölkerung in Nigeria ist im Gegensatz zur Kölner Bürgerschaft wahrscheinlich nicht gefragt worden, wie sie die Lecks in den Öl-Pipelines beurteilt, die zur Vernichtung der Fischergründe und landwirtschaftlichen Flächen führte und die Lebensgrundlage der Menschen zerstörte.

„In den Niederlanden – dem Hauptsitz von Shell – steht der Ölkonzern vor Gericht. Friends of the Earth Niederlande klagt die Firma wegen fahrlässiger Gefährdung der Bevölkerung und unterlassener Sorgfaltspflicht an. Doch die Gerichtsmühlen mahlen langsam und das Urteil ist erst 2015 zu erwarten. Daher fordern wir Shell schon heute auf, die zerstörte Natur in Nigeria wiederherzustellen“, so der BUND.

Bin ich jetzt ein Shitstorm-Agitator, der die „Anonymität“ des Netzes ausnutzt, um auf das offensichtliche Auseinanderklaffen von Schein und Sein eines Öl-Konzern aufmerksam zu machen? Die Wortkombination „Shitstorm“ und „Anonymität“ mausert sich zur beliebtesten Kampfformel von Repräsentanten des Establishments gegen unliebsame Meinungsäußerungen, die sich im Internet exponentiell und unkontrolliert ausbreiten wie das Universum. Soweit ein Auszug meiner heutigen Kolumne für Service Insiders. Hier kann man das nicht anonyme Opus weiterlesen.

Übrigens ist es doch eine nette Geste der Piratenpartei, Journalisten darauf hinzuweisen, wo es Schwachstellen in ihrer digitalen Kommunikation geben könnte: “Bitte beachten Sie, dass Sie es bei Teilnehmern am Bundesparteitag zum Teil mit erfahrenen ‘Hackern’ zu tun haben. Versuche, über die (Funk-)Netzwerkverbindungen in andere Rechner einzudringen, sind möglich.” Da sollte sich kein neuer Shitstorm entfalten.

Playmobil will sich nicht entern lassen: Werden die Piraten jetzt aus dem Sortiment geschmissen?

“Das ist kein Spiel mehr: Ein Unternehmen hadert mit der Piratenpartei. Deren Aufstieg wird immer öfter mit Plastik-Seeräubern von Playmobil illustriert. Dabei handele es sich doch um ‘politisch neutrales Spielzeug’, klagt eine Firmensprecherin”, nach einem Bericht von Spiegel Online.

Kinder sollten nicht beeinflusst werden, indem sie die Figuren in einem politischen Zusammenhang sähen.

“Wir möchten deshalb nicht, dass die Piraten die Figuren bewusst für ihre Werbung einsetzen.”

Äh ja. Aus Kindern könnten ja auch Piraten-Wähler werden. Was wird oder wurde nur aus den Kindern, die sich die Playmobil-Geschichten von Harald Schmidt angeschaut haben?

Sind sie in der Unterwelt gelandet?

Wurden sie zu Anhängern der Monarchie?

Oder kriegslüstern?

Oder noch schlimmer, lesesüchtig?

Eines beruhigt mich jetzt aber: Das hausmeisterliche Schreiben an die Piraten habe nichts mit politischer Gesinnung zu tun. Man wolle das Spielzeug grundsätzlich von der Politik fernhalten. Weitergehende Schritte schloss Playmobil allerdings aus.

Alt-Verleger im Rückzugsgefecht #100Eierköpfe

Zur vorausdenkenden Avantgarde können die 100 kreativen „Beton“-Köpfe, die im Handelsblatt gegen die Umsonstkultur im Allgemeinen und die Piratenpartei im Besonderen lamentieren, nicht gezählt werden. Freie Geister würden sich nicht in dieses Kampagnen-Korsett der Verwertungsindustrie packen lassen. Bruno Kramm hat die Hintergründe der inszenierten Empörung in seinem Blog sehr gut recherchiert:

„Das Verlagshaus Gruner + Jahr hat bereits in der brancheninternen Publikation Musikwoche und dem angeschlossenen Mediabiz Portal in der Ausgabe Woche 12 die interne Kampagne ‚Kreativität schützen, Vielfalt bewahren‘ vorgestellt. Man will mit dieser Kampagne die eigene Medienmacht in den 500 angeschlossenen Publikationen nutzen und ‚ratlose und inaktive Politiker ..,ihr kritikloses Eintreten für Providerinteressen, … die Meinungshoheit weniger Blogger …‘ mit dem ‚O-Ton der Wut von Urhebern‘ auf Kurs der … ‚Kreativindustrie in ihrem Kampf um das Überleben und gegen politische Ignoranz bringen. Gruner und Jahr beweist gerade mit dieser Kampfansage die Nichterfüllung einer grundlegenden journalistischen Neutralität. Mit dem Begriff des ‚Qualitätsjournalismus‘ begründete man in der Vergangenheit die Kampfansage gegen Blogs und Internetjournalismus. Die inhaltlich deckungsgleichen Kommentare von Sven Regener oder den 51 Tatort Drehbuchautoren weisen in die gleiche Richtung einer falschinformierenden Kampagne gegen die Piratenpartei.“

Der staatstrojanische Minister in Bayern würdigt die Piraten gar als „weitgehend ahnungslose Illusionisten, die die demokratischen Spielregeln aushöhlen wollen“, so der CSU-Politiker Joachim Herrmann nach einem Bericht des Tagesspiegels.

Nur wer kultiviert hier wirklich Illusionen und betrachtet die Welt durch den Rückspiegel? Was den Piraten so alles angedichtet wird, ist wohl eher Ausfluss von digitaler Inkompetenz gepaart mit existentiellen Ängsten. So ist schon der Kampfbegriff „Umsonstkultur“ irreführend. Zielführend wäre eher ein Nachdenken über die undendlichen Möglichkeiten der technischen Reproduzierbarkeit und der Entmaterialisierung von Produkten im Netz. Der Journalist Dirk von Gehlen nennt das „digitale Kopien“:

„Es wird heute genauso geklaut aufgenommen wie zu Zeiten der Kassettenkopie. Die Menschen, die heute digital kopieren, sind genauso verkommen wie die Kassettenjungs und Kassettenmädchen aus Nick Hornbys ‚High Fidelity‘. Neu sind die technischen Bedingungen unter denen dies heute geschieht. Die digitale Kopie ist eine historische Ungeheuerlichkeit. Sie ermöglicht erstmals in der Geschichte der Menschheit das identische Duplikat eines Inhalts. Diese technische Möglichkeit ist in der Welt. Sie versetzt die Menschen in die Lage, ohne Bezahlung einen Inhalt zu verdoppeln. Das ist Fluch und Segen zugleich – und die Gesellschaft muss dringend eine Lösung für das Dilemma schaffen, in das die digitale Kopie sie gestürzt hat. Diese Lösung kann aber nur auf Basis von Einsicht in die technische Neuerung gefunden werden. Zu suggerieren, für eine Lösung des Dilemmas genüge lediglich eine andere Kultur oder ein moralischer Appell, ist unredlich.“

Das krisenhafte Ende einer Ära

Schutzwälle für Verwertungsmonopole und gesetzlich initiierte Konjunkturprogramme für Abmahnanwälte zählen sicherlich nicht zu den innovativen Antworten auf die vernetzte Ökonomie. Die Altverleger-Weisheiten, die in der Mein-Kopf-gehört-mir-Aktion zum Ausdruck kommen, sind eher Rückzugsgefechte, so der Unternehmensberater Bernhard Steimel von Future Management Group im Ich sag mal-Bibliotheksgespräch:

Mehr zu diesem Thema in meiner morgigen The European-Kolumne.

Update: Hier nun die Montagskolumne.

Mein Betonkopf gehört mir #Umsonstkultur #Piraten #Verlegerinteressen #Lobby

Da haben sich die Verleger aber eine hübsche Kampagne ausgedacht, die jetzt in Etappen über die klassischen Massenmedien ausgegossen wird. Nach der Wutrede von Sveni Regner und dem offenen Brief der GEZ-beseelten Tatort-Autoren werden nun im Handelsblatt 100 “kreative” Schriftsteller, Sänger, Künstler, Werber, Softwareentwickler und Unternehmer in Szene gesetzt, um gegen die “Umsonstkultur” im Internet und deren politischen Protagonisten, die Piraten, protestieren. Das ist wohl ein bislang einmaliger Vorgang in der Untergangsgeschichte des medialen Establishments, dass sich Meinungsbildner nicht nur vor den Karren von Lobbyinteressen spannen lassen, sondern expliziert gegen eine politische Partei lamentieren, die in Deutschland noch nirgendwo in der politischen Verantwortung steht. Peinlich auch der verkrampfte 68er-Habitus der Handelsblatt-Titelseite: “Mein Kopf gehört mir!”

Der Aufmacher auf der Innenseite wird dann noch mit der Überschrift “Kreative, hört die Signale” versehen. Fehlt eigentlich nur noch ein Gruppenfoto der 100 Kreativköpfe mit Che Guevara-T-Shirts. Da gibt es ja schon legendäre Vorbilder wie den automobilen Top-Manager mitbekommen, der vor einem Plakat des Revolutionskämpfer in Las Vegas hintergründige Analysen über den Kommunismus vorgetragen hat. Ein wahrer Car Sharing-Revolutionär, der sich als „Chief Guerilla Officer“ profilierte. Ähnlich subtil ist die Analogie zum Bekenntnis von Frauen vor gut 40 Jahren: „Mein Bauch gehört mir… “. Nur damals gehörte Mut dazu, sich in der Abtreibungsdebatte zum Selbstbestimmungsrecht der Frauen zu bekennen.

“Wir haben abgetrieben!”, titelt der stern am 6. Juni 1971. Und schreibt unter das Selbstbekenntnis von 374 Frauen: “Dies ist kein Aufstand gegen das Recht, sondern ein Protest gegen die Verlogenheit eines Paragrafen, an den selbst Richter nicht mehr glauben. Klagt uns an, sperrt uns ein, wenn ihr den Mut dazu habt.”

Im Unterschied dazu sind die Kalendersprüche der 100 Betonköpfe, die substanzlose Sätzchen zum Schutz des geistigen Eigentums loslassen, eine lauwarme Brühe. Selbst Google-Justiziar von Google-Nordeuropa hat sich in die Ahnengalerie aufnehmen lassen. Er hätte vielleicht vorher mal recherchieren sollen, um was es bei dieser Kampagne geht und in welcher Gesellschaft er sich befindet. Etwa mit so fortschrittlichen Geistern wie Thomas Middelhoff, der ja bei der Sanierung von Karstadt unglaublich erfolgreich bewährt hat.

Oder der Einschaltquoten-Erfinder Helmut Thoma. Oder der honorige Bert Rürup, Vorstand der MaschmeyerRürup AG. Oder Utz Claassen, Ex-Chef von EnBW, der sich mit Sicherheit Sorgen um Verwertungsrechte machen muss bei den spärlichen Abfindungen, die er kassiert hat. Maria Furtwängler darf nicht fehlen – Stichwort Burda. Bernd Buchholz, Vorstandschef von Gruner + Jahr. Jette Joop, die wahrscheinlich kein Oktoberfest mehr auslassen wird, um ihren Unwillen gegen Netzanarchie zu proklamieren.

Springer-Mann Christoph Keese, der sicher mit stolz geschwellter Brust die Kampagne begleitet. Pater Anselm Grün als digitale Avantgarde. SAP-Chefe Jim Hagemann-Snabe, der Erfahrung mitbringt bei der Vergabe von Lizenzen – da können einige Mittelständler ein kostspieliges Lied singen. Froschkönig Philipp Rösler, der noch als Vizekanzler unterzeichnet. CSU-Starker-Staat-Staastrojaner-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich – warum ist der eigentlich ein Kreativkopf?

In den 100 Sinnsprüchen findet man kaum eine Silbe über das Leistungsschutzrecht und die Interessen der Verleger. Das ist billige Propaganda: Umsonstkultur = Piraten. Auf diese Formel scheinen sich die Lobbyisten eingependelt zu haben. Hier wird in den Rückzugsgefechten der Gestern-Manager eine Leimspur gelegt. Niemand macht sich die Mühe, über die überkommenen Geschäftsmodelle des analogen Industriekapitalismus nachzudenken.

Setzt Euch mit wirklich kreativen Köpfen wie Chris Anderson zusammen und lasst die fordistischen Gerontologen links liegen. Mit den 100 Betonköpfen ist kein Staat mehr zu machen.

Meine Debattenbeiträge habe ich kompakt zusammengefasst unter: Leistungsschutzrecht-Verlogenheit: Die Frankenstein-Falle.

Siehe auch:

Das Handelsblatt schwurbelt durch die unreale Welt.

Die komplette Selbstdemontage des Handelsblatt.

„Mein Kopf gehört mir!“: Kampagnen„journalismus“ vom Feinsten.

Urheberrecht: Handelsblatt im Schützengraben.

Loslabern und Wortmeldungen aus den Randgebieten der Fünfprozent-Hürde

Viel mehr haben die Politprofis doch auch nicht zu bieten. Daher mein heutiges Plädoyer für Laienhaftigkeit im Debattenmagazin “The European”.

Siehe auch:

Schlecker und Illner: Meine Tage im Fernsehen.

Neues vom FDP-MärchenonkelRetter Christian Lindner: “Ich nehme die Piraten nicht sehr ernst” – Wortmeldungen aus den Randgebieten der Fünfprozent-Hürde.

Das Imperium schlägt zurück: Wie die FAS die Piraten versenken will.