Das fragmentarische Leben des Roland Barthes

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Ich liebe Fragmente. Sie sind unfertig, verzichten auf Geschlossenheit, stehen nicht unter dem Verdacht der Anmaßung, lassen Raum für Spekulationen, eröffnen neue Gedanken und spielen mit der Kombinatorik von Dingen, die man beim ersten Hinsehen nicht für möglich gehalten hat. Ein Meister der fragmentarischen Gedanken war Roland Barthes – der Denker, Dilettant und Dandy der Literaturwissenschaft, so eine Formulierung des Publizisten Matthias P. Lubinsky.

Tatsächlich liege der Reiz von Barthes‘ Denken und Vorgehensweise darin, sich an keinerlei wissenschaftliche Gepflogenheiten zu halten. Sie dienten in der Regel sowieso nur zur Abgrenzung des Wissenschaftsturms und zur Pflege des eigenen Standesdünkels, schreibt Lubinsky.

Eine vorzügliche Spurensuche im Werk und im Leben von Roland Barthes hat der Literaturwissenschaftler Christian Linder (also nicht verwechseln mit FDP-Lindner!) vorgelegt in dem Sammelband “Noten an den Rand des Lebens – Portraits und Perspektiven”, erschienen – wie kann es anders sein – im ambitionierten Matthes & Seitz-Verlag. Barthes war nicht nur Wissenschaftler, Linguist, Strukturalist, Semiologe, Autor von intellektuellen Spiel- und Kultbüchern wie “Am Nullpunkt der Literatur”, “Mythen des Alltags”, “Die Lust am Text”, “Sade Fourier Loyola” oder “Fragmente einer Sprache der Liebe”. Er hat auch eine besondere Form der Lektüre und des Schreibens praktiziert. Sein publizistisches Schaffen war nicht darauf aus, ein komplexes und unumstößliches Gedankengebäude zu erreichen – im Gegensatz zu Jean-Paul Sartre.

Höchst sympathisch ist das Leitmotto von Barhes:

“Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität. Lieber das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur.”

Nachdem Barthes die großen schützenden und bequemen Denksysteme hinter sich gelassen hatte und in die offene Weite einer ungeschützten Subjektivität aufgebrochen war,

“musste er es geradezu darauf anlegen, in seinem Schreiben den äußeren Inhalt eines Buches völlig außer Acht zu lassen, so dass er die Bücher der anderen, über die er schrieb, auch gar nicht mehr von Anfang bis Ende las. Ein Buch sei nicht dazu da, um ganz gelesen zu werden, verkündet er, man müsse Passagen überspringen und nur ‘Teile daraus entnehmen, Schriftproben ziehen’, er selbst, gestand er, könne mit Ausnahme von Michelets nur ‘von wenigen Autoren behaupten, sie ganz gelesen zu haben”, erläutert Linder.

Das klingt nach dem “Netznavigator” Herder, der in seinem Reisejournal die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre entwickelte. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus.

Ähnlich lesen sich die Arbeiten von Barthes. Es sind Notizbücher, “offen für alles, für Theorien und Phantasmen und Erzählungen und Materialien und Abschweifungen”, so Linder. Die Zusammenhanglosigkeit zog Barthes der Ordnung vor und konzentrierte sich auf das “Rauschen der Sprache”. Bücher zusammengesetzt aus kurzen, eruptiven Zwischen-Texten, Apercus. Es zeigt sein eigenes Leben als Stückwerk, als Sammelsurium von einigem Notwendigen und viel Zufälligem.

Wer also den BKA-JU-Super-Nanny-Staat ablehnt, sollte nicht nur Max Stirner und Paul Feyerabend lesen, sondern auch Roland Barthes. Und vielleicht meine heutige The European-Kolumne: Porno-Gesellschaft und die Illusion der Transparenz: Das Internet wird, anders als von manchen Zeitgenossen befürchtet, nicht den vollständig transparenten Bürger erschaffen. Denn auch wenn moderne Postkarten, also E-Mails, gelesen werden können: Was außerhalb der Schrift ist, bleibt ein Geheimnis.

Barthes-Bücher sind zudem unterhaltsamer als Bild oder Koran. Siehe auch: Hurra, wir werden missioniert!

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Juventas und das Ende der abendländischen Philosophie: Premiere einer Zeitschrift in der Buchhandlung Böttger

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Zur Premiere der studentischen Philosophie-Zeitschrift Juventas, die halbjährlich im Bernstein-Verlag erscheint, gab es in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger einen Festvortrag von Professor Markus Gabriel. Mit 31 Jahren ist er der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands. Gabriel lehrt Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn. Seine Dissertation behandelte die Spätphilosophie Schellings und seine Habilitationsschrift verfasste Gabriel über den “Skeptizismus und Idealismus in der Antike”. In seinem Vortrag ging es “Grenzen der Erkenntnis und Erkenntnis der Grenzen”. Im Zentrum seiner Gedanken steht Kant. Nicht nur bei seinem gestrigen Auftritt. Gabriel schaut mit der Geistesgröße aus Königsberg auch aufs Netz:

“Was man bei Google macht, lässt sich mit Kant sehr gut begreifen. Hier werden nämlich Informationen gefiltert. Ganz wie unter Kantischen Bedingungen hat man einen unendlich großen Pool an Informationen, nennen wir den mal mit Kant das ‘Ding an sich’. Dieser Informationspool ist aber nicht direkt zugänglich, es gibt eine logische Form dazwischen, das wäre in diesem Fall die Google-Suche. Anders als in Kants Erkenntnistheorie vorgesehen, fassen wir allerdings bei Google das, was unabhängig von diesen Filtern besteht, als eine ideologieanfällige Häufung zufälliger Entscheidungen auf. Zwar weist das Internet durchaus Ding-an-sich-Qualitäten auf – es ist anonym, unerkennbar, unüberschaubar -, aber wir wissen, dass im Hintergrund ideologische Kräfte walten. Das sieht man, wenn man sich Google in unterschiedlichen Ländern ansieht. In China und Iran sind die Filter anders und daher auch die verfügbare Menge an Informationen und deren Anordnung”, bemerkte Gabriel im Interview mit der FAZ.

Das Kriterium für Aufklärung sei bei Kant die gelingende Selbsttransparenz. Wer als Urteilender beim Urteilen als Begründung eine andere Instanz als sich selbst einsetzt, der sei unkritisch.

“Die Gründe seines Urteilens muss jeder auf kritische Nachfrage hin verteidigen können. Wer das nicht kann oder will, ist nicht aufgeklärt. Die Kantische Aufforderung richtet sich immer auf Autonomie und Autonomie heißt: Sich selber die Gesetze zu geben. Autonomie ist schwierig geworden, denn die Geschwindigkeit unserer Lebensformen ist uns so sehr über den Kopf gewachsen, dass wir oft nicht mehr imstande sind, selbst zu urteilen, weil das nämlich Zeit braucht. Man könnte sagen, dass die Geschwindigkeit in der Welt, in der wir leben und die wir akzeptieren, nicht aufklärungsförderlich ist, sondern im Gegenteil, die für Aufklärung nötige Zeit destruiert. Denn Aufklärung braucht Zeit.”

Unsere Autonomie werde durch unseren bisherigen Umgang mit dem Internet bedroht, ich glaube nicht, dass man sagen kann, das Internet sei von Beginn an verseucht. “Das Medium hat uns aber in eine Überforderungssituation gebracht, die ideologisch ausgebeutet wird. Diese Überforderungssituation ist selbstverschuldet, denn sie ist nicht notwendig. Schließlich war die Welt immer schon unübersichtlich”, erklärt der Philosophie-Professor.

Den Festvortrag von Gabriel zur Vorstellung der Zeitschrift Juventas gebe ich mal in eigenen Worten wieder. Wenn ich etwas falsch verstanden habe, bitte die Kritik nur bei mir abladen:

Kant stellt erkenntnistheoretisch eine wichtige Frage und das ist das eigentlich Revolutionäre seines Projekt, nicht die kopernikanische Wende,die Gabriel für einen großen Irrtum hält. Interessanter sei seine Überlegung zur Irrtumsanfälligkeit des Menschen. So liegt der Grund für das Begehen von Fehlern weder in den Gegenständen, noch in unserer Anstrengung, uns auf diese Gegenstände zu beziehen, sondern in einem merkwürdigen Zwischenbereich. Wir stehen alle auf einem Teppich der Tatsachen. Selbst wenn wir uns täuschen, ist es eine Tatsache, dass wir uns getäuscht haben. Den Tatsachen kann man nicht entrinnen. Nun könnte man wie Descartes glauben, dass es auf der einen Seite den Teppich der Tatsachen gibt und auf der anderen Seite die Anstrengungen der Menschen, die Tatsachen zu konstatieren.

Man hat Tatsachen und Aussagesätze. Wenn man so denkt, dann ist es nicht mehr weit bis zur Auffassung, dass der einzelne Mensch irgendwie nicht zur Welt gehört – ein sehr philosophisches Gefühl. Auch Solipsismus genannt. Der Mensch sei nur Zuschauer oder Beobachter, der die Welt wie in einem Kino betrachtet. Das ist ein Standardbild, mit dem die Philosophie schon lange operiert. Nun hat Kant gesagt, dieses theoretische Konstrukt sei Humbug. Das kann gar nicht so funktionieren. Warum? Nehmen wir einmal an, ich vertrete die Überzeugung, dass es in London gerade regnet. Wenn es in London gerade regnet, ist es eine Tatsache. Meine Überzeugung kann wahr oder falsch sein. Dass es in London regnet kann aber nicht wahr oder falsch sein. Es ist entweder der Fall oder eben nicht. Meine Überzeugung hingegen kann wahr oder falsch sein.

Wenn man dieses Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen von der Seite betrachtet, stellt sich die Frage, ob eine Überzeugung über das Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen wahr oder falsch sein kann. Wenn eine Überzeugung über das Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen wahr sein kann, dann kann sie auch falsch sein. Man merkt sehr schnell, dass die Theorie über die Trennung von Tatsachen und Überzeugungen selber gar keine Überzeugung ist.

Das ist gar keine Theorie, sondern nur ein leerer Satz. Das Überraschende dabei ist, dass die Philosophie seit ihren Anfängen diesem Fehler aufgesessen ist. Das führt bis in unsere heutige Neuro-Bio-Politik. Angeblich stecken wir fest in unserem eigenen Gehirn, die Welt ist nur eine Konstruktion oder Illusion unserer Gedanken, alles könnte auch ganz anders eins. Auf der einen Seite gibt es den Tatsachenteppich. Das ist eine Sache der Naturwissenschaft. Da können sie rechnen. Da sind die richtigen Tatsachen. Und auf der anderen Seite sind die komischen Überzeugungen und vielleicht auch die Geisteswissenschaften und die ganze bunte Malerei dort.

Eine Überzeugung, die weder wahr noch falsch sein kann, ist sinnlos. Diese Aussage über Wahrheit ist aber die am meisten verbreitete Theorie des Abendlandes. Die müssen wir aufgeben. Diese erkenntnistheoretische Verschwörung ist keine Theorie, sondern nur Lufthauch, ein Stimmhauch. Welche Theorie der Grenzen der Erkenntnis brauchen wir dann? Hier kommen wir nun in das Gewässer von Kant. Wenn wir eine Überzeugung haben, die wahr oder falsch sein kann, generieren wir mit dieser Überzeugung einen Gegenstandsbereich, in dem wir unterscheiden zwischen Tatsachen, die unsere Überzeugung wahrmachen können und Tatsachen, für die das nicht gilt. Wenn man sich fragt, wo es in Bonn die beste Pizza gibt, generieren wir damit den Gegenstandsbereich der Restaurants. Und zwar derjenigen, bei denen Pizza in Frage kommt.

Alles andere wäre sinnlos. In dieser Liste kommt dann beispielsweise McDonalds gar nicht vor. Wenn wir so vorgehen, dann sehen wir, dass die Wahrmacher und Falschmacher unserer Überzeugungen von uns selbst ausgelöst werden. Das diametrale Gegenteil des Solipsismus. Die Anerkennung des Teppichs der Tatsachen ist immer eine Gemeinschaftsarbeit. Menschliche Erkenntnis ist immer in einer Gemeinschaft, in einer Welt. Es kann gar nicht sein, dass der Mensch in einem Gedankenkäfig eingeschlossen ist und es außerhalb dieses Gedankenkäfigs etwas gibt. Es gehört zu den Betriebsbedingungen der Erkenntnis, dass wir Gegenstandsbereiche abgrenzen und außerhalb dieser Gegenstandsbereiche nur sehr wenig mit in Betracht ziehen. Menschliche Erkenntnis ist eine Tatsache.

Die gierige Tatsachentheorie schließt aus der Struktur der Begierde auf die Struktur der Gegenstände der Begierde. Es sei ein typischer anthropozentrischer Fehler. Streichen wir das alles raus. Zum Teppich der Tatsachen gehört auch die Erkenntnis über den Teppich der Tatsachen. Beispiel: Das Universum ist sinnvoller Weise ein Gegenstandsbereich der Physik. Es wäre sinnlos zu sagen, wir sitzen im Universum statt der Ortsangabe Buchhandlung Böttger. Wir sitzen in der Buchhandlung Böttger und nicht im Universum. Die Lokalisierung im Universum trifft nur den Gegenstandsbereich Physik. Man sollte sich also von der Tendenz verabschieden, das gesamte Weltgeschehen auf eine Ausgangsbasis zurückzuführen. Eine Tendenz, die man in der Naturwissenschaft antrifft, früher auch in der Soziologie, im Marxismus oder in der Psychoanalyse. Wir müssen die Grundtheorie aufgeben, die alles erklären kann. Dann gewinnen wir alle Gegenstände und alle Erscheinungen als Gegenstände unserer Erkenntnis und die Welt wird so bunt, wie sie ist.

Soweit der Versuch einer Zusammenfassung. Eine kleine Anregung, sich den knapp halbstündigen Vortrag selbst anzuschauen:

Hier noch die Präsentation der Zeitschrift Juventas durch die Herausgeber Anna-Christina Boell (Göttingen) und Bastian Reichardt (Bonn):

Und hier noch ein Gruppenfoto der Projektbeteiligten:

Max Bense und die Weltprogrammierung

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Zum 100. Geburtstag des Philosophen Max Bense zeigt das ZKM eine Ausstellung zu dessen internationaler Wirkung auf bildende Kunst und Literatur, die von Brasilien über Osteuropa bis Japan reichte. Die Schau, mit der die ZKM-Reihe „Philosophie und Kunst” fortgeführt wird, stellt Bense als Dichter und Schriftsteller vor, als Kunst- und Literaturtheoretiker sowie als Ausstellungskurator und Publizist. Sie zeigt einen Künstler und Theoretiker, der eng mit der Konkreten Poesie und der Konkreten Kunst sowie der Computerkunst verbunden war, sich jedoch auch anderen Kunsttendenzen mit Leidenschaft zuwandte. Die Ausstellung mit Publikationen Max Benses sowie Grafiken, Gemälden und Skulpturen der Künstler, die Bense ausstellte oder über die er schrieb, wird ergänzt durch Manuskripte und Fotografien sowie Aufzeichnungen seiner Hörfunkbeiträge und Fernsehauftritte. Sie zeigen den Philosophen und seinen Blick auf die „Kunst in künstlicher Welt” (1956).

Hier geht es zur kompletten Meldung auf NeueNachricht.

Der Angstdialektiker aus Plettenberg

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Carl SchmittAngstdialektikern fehlt ein gesundes Maß an Lebensenergie und Optimismus. Sie suchen krankhaft nach Belegen für die Verkommenheit der Welt und für die Bedrohung ihrer Existenz. Ihr geistiger Ahnherr ist Carl Schmitt. Die Bücher des zu kurz gekommenen und kleinwüchsigen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz politische Sandkastenspieler. Seine jungen Jahre sah Schmitt als eine Kette von Demütigungen. „O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.“ Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweifelung, kleinmütig.“ In den Monaten vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges gehen ihm Selbstmordgedanken durch den Kopf. Schmitt will in den „Mutterschoß zurück“ und seinen „Eintritt ins Leben rückgängig machen“, winselt er.

Der spätere Dezisionismus-Plauderer drückt sich allerdings vor der endgültigen Entscheidung. Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein „großes Machtbedürfnis“. „Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier“, sinniert der spätere Staatsrat, der sich den Nazis andiente, von einer dicken Beamtenpension träumte und nach 1945 in permanente Weinkrämpfe ob seiner verpfuschten staatlichen Laufbahn verfiel. Vor dem Beginn seiner staatlich alimentierten Juristenkarriere fühlt er sich „müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam“. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind „wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze“.

Klein Schmitti macht seine ersten Gehversuche fern von Muttis Rockzipfel und sieht nur noch Schwarze Männchen. Wie viel „Neid, Wut, Hass und Eifersucht, ja Ekel die Leute voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.“ Und wenn Mutti und Vati den lieben Kleinen nicht mit den materiellen Mitteln ausstatten, die einem zartbesaiteten Streber und Einser-Juristen gebühren und das kleine Dickerchen mit eigenen Händen nichts aufbauen kann, geißelt man am besten die böse Ellbogengesellschaft. Schuld sind immer die anderen: „Der Kapitalismus als die Herrschaft des Mittels geht hilflos an sich selbst zugrunde, weil uns alle Zwecke fehlen“ und niemand die richtigen Warum-Fragen stellt. Im sündigen Kapitalismus vertauschen die Menschen die Vorzeichen des Lebens. Sie „beten die Mittel an“ und haben die „letzten Zwecke vergessen“, faselt unser Marx für Arme. Die „tiefere Wahrheit“ umschreibt Schmittchen wie folgt: Menschliches Leben besteht nur in „Kampf und Niederlage, in Schmach und Demütigung“. „Heftig geweint über die Sorgen und den Kampf des Erdendaseins“. Alles „ist ein Kämpfen“, und zwar mehr, als die Menschen „glauben“. Es wimmelt in Schmitts Albträumen von Feinden, und das Leben „ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen“. Das Leben, „die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit sind wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt“.

Seine spätere antikapitalistische Etatismus-Suada findet hier wohl ihren Ursprung. Die gnostischen Autoren haben es Carl Schmitt angetan. Ihre Rede von der heillosen Zeit und dem Fluch des Daseins. Wenn sich im täglichen Überlebenskampf die „Wahrheit“ des Daseins entbirgt, dann ist Gottes Schöpfung vom Teufel verhext. Genau diese „tiefere Wahrheit“ werde vom Kapitalismus verdrängt. Das Zeitalter der Reklame entlässt einen dämonischen Schein, der die Menschen vom tödlichen Ernst ihrer Existenz ablenkt. Daraus bestimmt sich für den Ernstfalltheoretiker auch das „Böse“. Der Metaphysiker des Armageddon erlernt hier das Handwerk für seine staatsautoritären Dogmen. In seinen politischen Schriften geißelt er nach seinen Tagebuchheulereien die fortschreitende Säkularisierung und die zunehmende Gottlosigkeit. Den Begriff des Politischen definiert er als Erkenntnis, Freund und Feind richtig zu unterscheiden. Souverän ist Schmitt nur, wenn er über den Ausnahmezustand entscheiden kann. Je größer er sein Gedankengebäude zur Politischen Theologie und Philosophie aufbläst, desto heißer die Luft. Hätte man dem Gehirnstoffwechsel des ängstlichen Hosenscheißers frühzeitig Antidepressiva hinzugefügt, wäre aus dem Plettenberger Klein-Machiavelli vielleicht noch ein guter Werbetexter geworden: Statt apokalyptische Visionen, geistvolle Sprüche über Goldbärchen, Brandt-Zwieback oder Pamperswindeln.