Meine Wachstumsprognose für 2012: 2,5 Prozent! Und ein kleiner Exkurs über VWL-Wetterfrösche

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Im vergangenen Jahr lag bekanntlich das Wachstum in Deutschland bei rund 3 Prozent (die endgültigen Zahlen werden vom Statistischen Bundesamt am 11. Januar vorgelegt- trotz der dauerhaften Negativmeldungen über die Eurokrise. Die professionellen und steuerlich üppig finanzierten Konjunkturforscher rechneten nur mit 2,2 Prozent. Ich selbst ging von einem ähnlich starken Wachstum wie 2010 aus und tippte auf 3,7 Prozent. Da lag ich also in der Abweichung diesmal nicht sehr viel besser – aber auch nicht schlechter.

Wie wird es dieses Jahr. Ich selbst habe ja in den vergangenen Jahren ein sehr komplexes ökonometrisches Modell entwickelt, um die Konjunktur vorherzusagen. Das Rechensystem beruht auf einer Neujahrskarte, die ich jedes Jahr von meinem alten Arbeitgeber erhalte: Das Institut für Demoskopie Allensbach. Die von dem Informatiker und Statistiker Professor Steinbuch entdeckte Korrelation zwischen dem Wirtschaftsverlauf und dem Allensbacher Stimmungsbarometer habe ich ja hier schon mehrfach hinlänglich erläutert. Die Antworten auf die Jahresfrage, ob man dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen schaut, hat eine Menge mit Wirtschaftspsychologie zu tun, die von den Zahlendrehern in den Wirtschaftsinstituten sträflich vernachlässigt wird. Der Optimismus ist in der Bevölkerung etwas zurückgegangen, aber nicht so dramatisch, wie es die Medienberichte suggerieren. Da vergeht ja keine Woche ohne eine Krisen-Schlagzeile. Mit Hoffnungen blicken immer noch 49 Prozent dem Jahr 2012 entgegen – vor einem Jahr lag dieser Wert sieben Prozentpunkte höher. Befürchtungen geben 17 Prozent zu Protokoll – ein Anstieg von vier Prozentpunkten. Skepsis äußeren dann noch 26 Prozent – ein Plus von fünf Prozentpunkten. Unentschieden sind 8 Prozent. Das ist ungefähr das Meinungsbild des Jahres 2006 – also die Einschätzung für 2007.

Demnach kommt jetzt meine kompliziert berechnete Prognose für 2012. Das Wachstumstempo wird sich nur leicht abschwächen und erreicht 2,5 Prozent.

Damit liege ich deutlich über den Werten der meisten Konjunkturforscher – mit Ausnahme des Aufsichtsratschefs von Roland Berger (aber der ist ja auch nur Unternehmensberater….).

Das Handelsblatt hat dankenswerter Weise mal die wichtigsten Prognosen der Glaskugel-Ökonomen zusammen gefasst:

DIW: 0,6 Prozent

Burkhard Schwenker von Roland Berger: 3 Prozent

Ifo-Institut: 0,4 Prozent

Bundesregierung: 1 Prozent

Sachverständigenrat: 0,5 Prozent

Internationale Währungsfonds: 1,3 Prozent

Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung: – 0,1 Prozent (das gewerkschaftsnahe Haus rechnet also mit einer Rezession)

Bundesbank: 0,6 Prozent

Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut: 0,5 Prozent

Wolfgang Streeck setzt sich übrigens in einem lesenswerten Beitrag für den Sammelband “Wissenschaftliche Politikberatung” mit den Glaskugel-Ökonomen auseinander. Ihre politische Vitalität beruhe auf empirischer Untauglichkeit. Es seien nur wirtschaftswissenschaftliche Wetterfrösche. Die Konjunkturforschung, die uns pro Jahr zweistellige Millionen-Beträge kostet, bezeichnet Streeck als falschen, aber wirkmächtigen Zauber. Konjunkturforscher erscheinen als Hightech-Kaffeesatzleser, die Politiker und Wirtschaftskapitäne in die Zukunft träumen lassen und für ihre Fehlprognosen so viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, dass sie den ökonomischen Gang der Dinge tatsächlich beeinflussen. Ein Hintergrundverständnis der Gesellschaft geht den Ökonomen ab. Die setzen sich in ihren theoretischen Modellen zu wenig mit der Lebenswirklichkeit der Menschen auseinander. Das gilt übrigens für alle Denkrichtungen der VWL – von Hayek bis Keynes.

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Lieber Finanzminister, streichen Sie doch endlich den Wirtschaftsforschern die Staatsknete

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Das Versagen der VWL-Modellschreiner bei den Vorhersagen des Konjunkturverlaufs ist doch mehr als peinlich. Nach den amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes verzeichnen wir in Deutschland im ersten Quartal mit 1,5 Prozent das stärkste Wachstum seit der Wiedervereinigung. Vor allem der Inlandskonsum erweist sich dabei als die stärkste Antriebskraft der Volkswirtschaft. Das war Ende des vergangenen Jahres in der traditionellen Allensbach-Umfrage zur Stimmungslage der Bevölkerung absehbar, wie ich das hier ja schon x-mal angemerkt habe.

56 Prozent der Menschen in Deutschland sehen dem neuen Jahr (also 2011) mit Hoffnungen entgegen. Eine Steigerung von 11 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Nur noch 13 Prozent votieren für Befürchtungen (Vorjahr: 19 Prozent) und 21 Prozent entscheiden sich für Skepsis (Vorjahr 26 Prozent). Demnach müsste das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr mindestens genauso hoch ausfallen wie 2010 – also mindestens 3,7 Prozent. Das war meine Prognose, die ich im Januar abgegeben habe. Auch nach den Daten des Statistischen Bundesamtes geht man nun von Wachstum von über drei Prozent aus. Die vom Staat mit jährlich weit über 40 Millionen Euro alimentierten Wirtschaftsforschungsinstitute gingen selbst in ihrem Frühjahrsgutachten davon aus, dass wir in diesem Jahr deutlich schlechter abschneiden als 2010.

Warum ist der Allensbach-Stimmungsindikator für die Konjunkturentwicklung besser als die komplexen Rechenmodelle der Glaskugel-VWLer?
Weil es in der Wirtschaft eben nicht um Rationalität, sondern eher um die Befindlichkeit der Menschen geht. “Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik”, so Klaus Mainzer, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie in seinem Buch “Der kreative Zufall”. Die Konjunkturforscher können also ihre Ökonometrie auf den Müll schmeißen. Die sollten sich lieber mit Wirtschaftspsychologie beschäftigen.

Menschen handeln spontan und sind unberechenbar. Gute oder schlechte Stimmung in der Bevölkerung wirkt dabei wie ein Grippe-Virus, der sich ausbreitet und andere Menschen ansteckt. Die Ansteckung wird ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung und die Übertragung von Gefühlen. Wie will man das über Simulationen errechnen? Der Zufall sollte daher bei den Konjunkturforschern zu einer Ethik der Bescheidenheit führen. “Es gibt keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit”, erklärt Mainzer. Warum treten die Präsidenten der Wirtschaftsforschungsinstitute in ihren grauen Anzügen dann noch im Frühjahr und Herbst so bedeutungsschwer vor die Bundespressekonferenz, um mit großem Getöse ihre Gutachten dem Wirtschaftsminister in die Hand zu drücken? Reißt doch einfach Eure Klappe nicht so weit auf! Die Berechnungen des tatsächlichen Konjunkturverlaufs sollte man einzig und allein dem Statistischen Bundesamt überlassen. Dort arbeiten doch schließlich 2.800 Mitarbeiter. Da kann man getrost auf die Institute der so genannten Blauen Liste verzichten.

Siehe auch:
Glaskugel statt Ökonometrie: Warum die Prognosen der Wirtschaftsforscher nichts taugen.

VWL-Mechaniker im Machbarkeitswahn.

Verhaltensökonomik statt Modell-Schreinerei – Warum sich die Wirtschaftstheorie vom Leitbild des „Homo oeconomicus” verabschieden sollte.

Die absurden Annahmen und Tricks der Neoklassik: Warum man den VWL-Modellschreinern misstrauen sollte.

Meine Konjunkturprognose für 2011 – Wirtschaft wird stärker wachsen als vergangenes Jahr

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Für 2010 sagten die Konjunkturforscher ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent voraus. Das war viel zu pessimistisch, wie wir mittlerweile wissen. Im vergangenen Jahr legte die Wirtschaft um 3,7 Prozent zu. Dieser Trend soll sich allerdings in diesem Jahr abschwächen. Nach Berechnungen des DIW wird das Bruttoinlandsprodukt 2011 um 2,2 Prozent zulegen, 2012 um 1,3 Prozent. Beim Wachstum 2010 spielten Aufholeffekte eine große Rolle, so das DIW. Die werde es in den nächsten Jahren so nicht mehr geben. Da liegen die VWLer wohl wieder falsch. Was die Glaskugel-Ökonometriker unterschätzen, ist der Faktor Mensch. Darauf hat der Informatik-Professor Karl Steinbuch 1979 hingewiesen. Ich habe das hier schon mehrfach aufgegriffen. Steinbuch berechnete, dass eine seit 1949 jeweils zum Jahresende vom Institut für Demoskopie Allensbach gestellte Frage „Sehen Sie dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen“ in dem Prozentsatz der Antworten „mit Hoffnungen“ der Entwicklung des realen Bruttosozialprodukts vorauseilt. Der Verlauf des Optimismus folge nach Erkenntnissen von Steinbuch wie das Wachstum des Bruttosozialprodukts Zyklen mit einer Dauer von etwa vier bis fünf Jahren und der Optimismus in der Bevölkerung hinke nicht hinter der Konjunktur her, sondern gehe ihr voraus: Zuerst Optimismus, dann Wachstum.

Die persönliche Einschätzung der Zukunft sei ein besserer Indikator für die Entwicklung der Konjunktur, als die mit großem wissenschaftlichen Aufwand betriebenen Vorhersagen der Wirtschaftsforschungsinstitute – für die der Staat kräftig Steuergelder verprasst. Hier versagen die Modelle der makroökonomischen Erbsenzähler. Denn die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Deswegen war meine Konjunkturprognose für 2010 eben sehr viel besser. Selbst inmitten der Finanzkrise blieb die berühmt-berüchtigte German Angst aus. Die Untergangsszenarien spielten sich fast ausschließlich in den Massenmedien ab und war wohl eher ein Indikator für die Stimmung in den Redaktionen.

„Die Gelassenheit der großen Mehrheit geht auf die Kluft zwischen der Nachrichtenlage über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und den eigenen Erfahrungen zurück. Nach wie vor können die meisten Erwerbstätigen in ihrem Unternehmen keine Anzeichen der Krise erkennen. 31 Prozent sehen in ihrem Unternehmen Auswirkungen; dieser Anteil hat sich in den letzten zwei Monaten nicht verändert. Eine Analyse nach Branchen zeigt, wie unterschiedlich einzelne Wirtschaftszweige betroffen sind. Während sich die Automobilindustrie und ihre Zulieferer im Auge des Taifuns befinden und auch der Maschinenbau mittlerweile stark betroffen ist, erleben die Beschäftigten der Bauwirtschaft, im Handel oder des Gesundheitswesens die Krise überwiegend über die Medien”, schrieb die Allensbach-Chefin Renate Köcher Anfang 2009.

Und wie sieht es in diesem Jahr aus? Nach der neuen Allensbach-Jahresumfrage sehen 56 Prozent dem neuen Jahr mit Hoffnungen entgegen. Eine Steigerung von 11 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Nur noch 13 Prozent votieren für Befürchtungen (Vorjahr: 19 Prozent) und 21 Prozent entscheiden sich für Skepsis (Vorjahr 26 Prozent). Demnach müsste das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr mindestens genauso hoch ausfallen wie 2010. Ende des Jahres sind wir schlauer. Sollte ich richtig liegen, wäre es ein Akt der Höflichkeit, mich endlich in die Liste der besten Konjunkturprognostiker aufzunehmen ;-)

Die besten Konjunkturprognostiker: Brüderle-Ministerium schneidet miserabel ab – Meine Vorhersage wurde nicht gewertet ;-)

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“Oft erinnern sie an Kaffeesatzleserei, aber Konjunkturumfragen sind durchaus ein hartes Geschäft. Wer bei den Prognosen, wie sich die deutsche Wirtschaft entwickelt, zu oft daneben liegt, wird von der Konkurrenz schnell abgehängt”, schreibt Spiegel Online und bezieht sich auf einen Bericht der “Financial Times Deutschland”, die verglichen hat, wie treffsicher die Ökonomen und Institute in diesem Jahr waren – und ein aufschlussreiches Ranking erstellt. Die FTD formuliert nun das genaue Gegenteil: “Konjunkturprognosen zu erstellen ist nicht wie Kaffeesatzlesen. Die Auswertung der FTD über neun Jahre zeigt, dass regelmäßig dieselben Ökonomen gut abschneiden – so wie Karsten Klude von M.M. Warburg.” Ich bin neige da eher zur ersten Position. Vor allen Dingen die Wirtschaftsforschungsinstitute, die kräftig mit Steuergeldern vollgepumpt werden, versagen mit ihren ökonometrischen Modellen. Entsprechend schlecht schneidet das Bundeswirtschaftsministerium unter Leitung von Rainer Brüderle im FTD-Ranking ab: Die Experten der Bundesregierung unterschätzten, wie schnell sich das Land von der Krise erholen würde. “Anfang des Jahres sagten sie für 2010 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent voraus. Mittlerweile sind sich die meisten Experten jedoch einig, dass am Ende des Jahres ein Plus von 3,7 Prozent stehen wird – auch wenn dieser Wert naturgemäß noch nicht feststeht. Für Brüderle heißt dies, dass er mit seiner defensiven Prognose in diesem Jahr nur auf Platz 39 kommt”, so Spiegel Online.

Warum tauche ich eigentlich nicht in dem Ranking auf? Vor knapp 12 Monaten habe ich wieder einmal die Steinbuch-Methode für meine Konjunkturprognose eingesetzt. Siehe auch: Die Allensbach-Jahresumfrage und das Versagen der Konjunkturforscher: Wirtschaftsaufschwung stärker als es die Prognoseprofis vorhersagen!

Der Informatik-Professor Karl Steinbuch hat 1979 eine interessante Korrelation entdeckt. Er berechnete, dass eine seit 1949 jeweils zum Jahresende vom Institut für Demoskopie Allensbach gestellte Frage „Sehen Sie dem Neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen“ in dem Prozentsatz der Antworten „mit Hoffnungen“ der Entwicklung des realen Bruttosozialprodukts vorauseilt. Der Verlauf des Optimismus folge nach Erkenntnissen von Steinbuch wie das Wachstum des Bruttosozialprodukts Zyklen mit einer Dauer von etwa vier bis fünf Jahren und der Optimismus in der Bevölkerung hinke nicht hinter der Konjunktur her, sondern gehe ihr voraus: Zuerst Optimismus, dann Wachstum.

Die persönliche Einschätzung der Zukunft sei ein besserer Indikator für die Entwicklung der Konjunktur, als die mit großem wissenschaftlichen Aufwand betriebenen Vorhersagen der Wirtschaftsforschungsinstitute – für die der Staat kräftig Steuergelder verprasst. Hier versagen die Modelle der makroökonomischen Erbsenzähler. Denn die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Für die Konjunkturentwicklung ist es relevant, wie es zu gleichgerichteten Verhaltensweisen der Bevölkerung bei jenen Faktoren kommt, die Expansion und Rezession beeinflussen; denn erst der Gleichschritt erzeugt die Durchschlagskraft, verstärkt die Wirkung so sehr, dass der Konjunkturverlauf einen schicksalhaften Rang erhält.

Ende 2009 Schauen fiel die Allensbach-Jahresumfrage schon recht optimistisch aus, so dass ich für 2010 ein kräftiges Wachstum vorhersagte. Vor einem Jahr gaben 45 Prozent der Umfrageteilnehmer zu Protokoll, den kommenden 12 Monaten mit Hoffnungen entgegen zu sehen. 11 Prozentpunkte mehr im Vergleich zum Wert vor einem Jahr. Aber selbst die Umfragedaten zum Beginn des „Krisenjahres“ deuteten darauf hin, dass wir eben nicht die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten. Denn 34 Prozent votierten damals für Hoffnungen. Ein Wert, der Anfang der 80er Jahre erreicht wurde. 1973, im Jahr der Ölkrise, kam man auf 30 Prozent. 1950, lag der Umfragewert bei 27 Prozent, stieg in den Folgejahren durch die Erfolge der Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards sehr schnell und steil an.

Auf Platz eins der treffsichersten Konjunktur-Prognostiker steht zwar der Ökonom Carsten Klude von der Privatbank M.M. Warburg. Er hat diesen Platz aber nicht verdient ;-)

Anfang Januar 2011 werde ich wieder eine Vorhersage wagen. Wenn ich richtig liege, verlange ich ein Honorar aus dem Bundeshaushalt. Immerhin kassieren die Wirtschaftsforschungsinstitute pro Jahr über 40 Millionen Euro vom Staat.

Glaskugel-Wirtschaftsforscher warnen vor zu viel Optimismus

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Morgen ist wieder der Tag der Glaskugel-Wirtschaftsforscher. Die VWL-Alchimisten stellen ihre “Prognosen” zum Konjunkturverlauf in diesem und im kommenden Jahr vor – doch die Indikatoren sind nach einem Bericht von Spiegel Online so widersprüchlich wie selten zuvor.

“Einerseits sind die Auftragsbücher der exportorientierten deutschen Industrie wieder gut gefüllt. Die Frachtflugzeuge der Lufthansa sind wieder so gut ausgelastet wie vor dem massiven Einbruch im März 2008 – auf manchen Strecken liegen die Werte sogar auf dem Vor-Krisenniveau. Andererseits zeigen sich Finanzexperten in den monatlichen Umfragen des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) seit längerem skeptisch – und warnen entsprechend vor zu viel Optimismus”, schreibt Spiegel Online. Ob die staatlich alimentierten Fliegenbein-Zähler wieder daneben liegen, werden am Ende des Jahres wissen. Warum der Staat immer noch Millionen Euro für diese Makroklempner verschwendet, ist mir allerdings schleierhaft. Vielleicht sollte sich die Bundesregierung doch eher an der Allensbach-Jahresumfrage halten. Das kostet den Finanzminister nicht einen einzigen Cent. Siehe auch: Die Allensbach-Jahresumfrage und das Versagen der Konjunkturforscher: Wirtschaftsaufschwung stärker als es die Prognoseprofis vorhersagen!

Zu einem ähnlich positiven Befund kommen auch die Zeitredakteure Götz Hamann und Kolja Rudzio in ihrem Artikel “Es geht bergauf”. Die deutsche Wirtschaft klettere langsam aus der Krise. Und ein kleines Wunder zeichnet sich ab: Der erwartete Erdrutsch am Arbeitsmarkt bleibt aus.

Der Aufschwung sei da. “Ob er wirklich anhält und ob daraus eine lange neue Wachstumsphase wird, ‘das werden wir erst in der zweiten Hälfte dieses Jahres erkennen’, sagt Gustav Horn. ‘Wenn wir dann tatsächlich auf einem klaren Wachstumskurs sind, dann wäre uns allerdings etwas Unglaubliches gelungen. Geradezu ein Kunststück, ein Geniestreich.’ Horn ist Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf. Wenn der Ökonom von einem Kunststück spricht, meint er zum einen das Tempo, in dem sich viele Unternehmen von der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg erholen. Zum anderen blickt er auf den Arbeitsmarkt. Viel mehr Stellen hätten verloren gehen müssen. Viel härter hätte die Krise jeden Einzelnen treffen müssen. Dass es nicht geschah, kann man ein Kunststück nennen. Oder ein Jobwunder. Der Versuch jedenfalls, es zu erklären, führt zu neuen Einsichten darüber, wie die deutsche Wirtschaft heute funktioniert. Einsichten, die das Land über diesen Aufschwung hinaus prägen werden”, so die Zeit.

Die Wirtschaftsleistung ging im Krisenjahr zwar um fünf Prozent zurück – die Zahl der Erwerbstätigen dagegen um nicht mal 0,4 Prozent. Das entspricht 148.000 Beschäftigten. Rund zwei Millionen hätten es nach gängigen Modellen sein müssen, trotz Kurzarbeit.

Vieles deutet sogar auf eine positive Trendwende am Arbeitsmarkt hin: “Seit Juli 2009 werden Monat für Monat mehr offene Stellen gezählt, seit November wächst auch die Zahl der Erwerbstätigen, und spiegelbildlich schrumpft die Arbeitslosigkeit. Selbst wenn man alle Statistikänderungen berücksichtigt, Arbeitsuchende in Ein-Euro-Jobs und Kurzarbeiter hinzuzählt, ändert das nichts – seit einem knappen halben Jahr wird der Beschäftigungsmangel kleiner. Bald dürfte er wieder unter dem Niveau des Vorjahres liegen. Falls sich diese Entwicklung verstetigte, käme die Bundesrepublik überraschend glimpflich davon. Das Jobwunder wäre perfekt”, schreiben die Zeit-Redakteure.

Kein Experte habe so etwas kommen sehen. Nun würden sich die Fachleute bemühen, das Mirakel zu erklären.

Eine wichtige Erklärung, die Ökonomen für das deutsche Jobwunder heranziehen, betrifft den Strukturwandel. “Seit Jahrzehnten verlieren die Arbeitsplätze in der Industrie an Bedeutung. Auch in Deutschland. Der vergangene Boom der Exportindustrie hat diesen Trend nicht gebrochen. Zwischen 1991 und 2008 ist der Anteil der Jobs im produzierenden Gewerbe gefallen – von fast 30 auf 20 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Und während die Industrie 2009 rund 340.000 Arbeitsplätze abbaute, stellten die Unternehmen in vielen Dienstleistungsbranchen selbst in den finstersten Abschwungmonaten noch munter ein. Öffentliche und private Dienstleister schufen 259.000 Jobs. So wurde ein Teil des Stellenabbaus kompensiert. Allerdings sind viele der neuen Arbeitsplätze Teilzeitstellen, keine Vollzeitjobs. Vielfach sind sie schlechter bezahlt – auch weil sie nicht so hochproduktiv sind. Bei BMW oder Daimler schafft ein Beschäftigter mithilfe eines teuren Maschinenparks enorme Werte pro Stunde. Dagegen sind die Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung im Kindergarten oder im Altenheim beschränkt”, führen Hamann und Rudzio aus.

Die niedrigere Produktivität wiederum bedeute: Es sei weniger Wachstum nötig, um Jobs zu schaffen. In den sechziger und siebziger Jahren entstanden erst ab drei, vier Prozent Wirtschaftswachstum neue Stellen. Heute steige die Erwerbstätigkeit schon bei 1,2 Prozent.

Das habe ich ja schon vor einigen Tagen hier gepostet: Service-Ökonomie ist krisenresistent – Warum wir uns von der Industrie-Nostalgie verabschieden sollten.

Die VWL-Propheten der Wirtschaftsforschungsinstitute orientieren sich wohl zu sehr an den alten Mechanismen des Industriekapitalismus. Umdenken, liebe VWLer, und die Steuergelder zurückgeben für die Fehlprognosen!